* V- ^-^^ A i3^ fjf ^ V^> J , ^>- if^\_ - v-IW^ ^^^. ^- -A- KV^^lv'^ * ^V 1 x^.-' i, xs\ iV^ .-v^ ^*>^^r ^ij . \ ^tif^t^ DIE ZELLE UND DIE GEWEBE. GRUNDZGE DER ALLCIEMEINEN ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE. ZWEITES BUCH. ALLGEMEINE ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER GEWEBE. VON PROFESSOR DR. OSCAR HERTWIG, DIREKTOR DES ANATOMISCH-BIOLOGISCHEN INSTITUTS DER UNIVEllSITT BERLIN. MIT 89 ABBILDUNGEN IM TEXT. JENA, VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1898. Verlag^ von GUSTAV FISCHER in JENA. H^ V '*tWlff !*' Oscar, o. . Professor dir Anatomie und Direktor des II. Anatomischen In- stituts an der Universitt Berlin, Die Zelle und die Gewebe. Grundzge der allgemeinen Anatomie und Physiologie. Mit 1(J8 Abbildungen im Texte. Ib9:i, Preis!-. 8 Mark. Inhalt: Erstos Capitel. Die Geschichte der Zellentlieorie. Die Geschichte der Proto- plasmatlieorie. Zweites Capitel. Die chemisch-physikalischen und morphologiechen Eigen- schaften der Zelle. Drittes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. I. Die Bewegungs- erschoinungen. Viertes Capitel. Die Lebenseigenschaften der Zelle. II. Die Reiz- orscheinungen. Fnftos Capitel. Die Lebonseigenschaften der Zelle. 111. Stoffwechsel und formative Thfttigkeit. Sechstes Capitel. Die Lebensoigenschaften der Zelle. IV. Die Fort- pllanzung der Zelle auf dem \Vege der Theilung. Siebentes Capitel. Die Lebenseigensohaften der Zelle. V. Die Erscheinungen und das Wesen der Befruchtung. Achtes Capitel. Wechsel- wirkungen zwischen Protoplasma, Kern und Zellprodukt. Neuntes Capitel. Die Zelle als Anlage eines Organismus (Vererbungstheorieen). Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte der Menschen und derWirbeltiere. Fnfte teilweise umgearbeitete Auflage. Mit 384 Abbildungen im Text und 2 lithogr. Tafeln. 1896. Preis: brosch. 11 Mark 50 Pf., geb. 13 Mark. lieber die physiologische Grundlage der Tuberkulinwirkung. Eine Theorie der "Wirkungsweise bacillrer StofFweehselprodukte. 1891. Preis: 80 Pf. Die Symbiose oder das Genossenschaftsleben im Tierreich. Vortrag in der ersten ffentlichen Sitzung der 5. Versammlung deutsctier Naturforscher und Aerzte zu'Freiburg i. B. am 18. September 1893 gehalten. Mit 1 Tafel in Farbendruck. 1893. Preis: 1 M. 80 Pf. Der anatomische Unterricht. Vortrag beim Antritt der anatomischen Professur an der Universitlit Jena am 26. Mai 1881. 1881. Preis]: 60 Pf. Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft i: Piformnuon oder Epigenesej omnd- zOtre einer Ent>Tlrkluni;Htlioorie der Orcfnuisiiien. Mit 5 Textabbilduagen. 1894. Preis: 3 Mark. Heft 11: Mcrhiiiiik und ItiolOL'ie. Mit einem Anhang: Kritische Itenierkungen zn den entTricklangs- inechanitchen Naturgesetzen von Rons. 1897. Preis: 4 Mark. JjOVGrij D-- Theodor, Privatdocent an der Universitt Mnchen,| ZelleU-Studien. Heft I. Die Bildung der Richtungskrper bei Ascaris megaloccphala xind Ascaris lumbri- coides. (Aus dem ZooTopischcn Institut zu Mnchen.) Mit 4 lithographischen Tafeln. 1887. Preis: 4 Mark 50 Pf. Heft 11. Die Befruchtung \ind Theilung des Eies von Ascaris megalo- cephala. fAus dem Zoologischen Institut zu Mnchen.) Mit 5 lithographischen Tafeln, 1888. Preis: 7 M. 50 Pf. Heft III. Uebor das Verhalten der chromatischen Kernsubstanz bei der Bildung der Richtungskrper und bei der Befruchtung. Mit 3 lithographischen Talein. 1890. Preis: 4 Mark. UaDGrlaildt, "> G., Professor der Botanik in Graz, Ucber dlC BezichUngen zwischen Funktion und Lage des Zellkernes bei den Pflanzen , m 2 lithographischen Tafeln. 1887. Preis: 3 Mark t;n Pf. Jahresberichte ber die Fortschritte der Anatomie und EntwicklUnffSffeSCllichte. Herausgegeben von Dr. G. Schwalbe o- J^of der <-5 O Anatomie und Direktor des auat. Instituts der Univ. Strassburg i. E. Neue Folge. II. Band. Z wei Abthoilungen. Literatur 1896. Preis: 30 M. IVOrSChelt, E., Pror. in Marburg, und Helcler, K., Prof. in Innsbruck. Lohr- buch der vergleichenden Entwickelungsgeschichte der wirbellosen Tiere. Specieller T- il. .Mit yi;i Textabbildungen. :> Uelto. 18901893. Preis: 34 .Mark. JVieiinert, Dr. Emst, Prlvatdocont an der Universitt Strassburg i. E., BiOmeChanlk, erschlossen aus dem Principe der Organogenese. Mit 21 Textabbildungen. 1898. Preis: 5 Mark. '^ DIE *5^^ ZELLE UND DIE GEWEBE. aRUNDZGE DER ALLGEMEINEN ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE. ZWEITES BUCH. ALLGEMEINE ANATOMIE UNI) PHYSIOLOGIE DER GEWEBE. VON PROFESSOR DR. OSCAR HERTWIG, DIREKTOR DES ANATOMISCH-BIOLOGISCHEN INSTITUTS DER UNIVEISSITT BERLIN. MIT 89 ABBILDUNGEN IM TEXT. JENA. VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1898. '^. e C ( Vorwort. La science ne consiste pas eu faits, niais dans les consecxuences, q\ie l'on en tire. Claude Bernard. [fem im Jahre 1893 erschienenen ersten Theil meiner allgemeinen Anatomie und Physiologie habe ich den zweiten Theil nicht so bald, als ursprnglich beabsichtigt war, folgen lassen knnen, wie ich hoffe, nicht zum Schaden des vorliegenden Buches. Denn die fnf Jahre, die seitdem verflossen sind, zeichnen sich gerade durcli fruchtbringende Forschungen und Discussionen ber Grundfragen der allgemeinen Anatomie und Physiologie und namentlich ber solche aus, welche einen wesentlichen Inhalt dieses Buches ausmachen. Der Umstand, dass ich selbst in die Discussionen mit verwickelt Avurde , ist die eigentliche Ursache der eingetretenen Pause gewesen. Ich habe sie benutzen mssen, um mich in meinen Zeit- und Streit- fragen der Biologie" mit weit verbreiteten Ansichten auseinander zu setzen , mit welchen nach meiner Auffassung viele fundamentale Fragen der allgemeinen Anatomie und Physiologie nicht in Einklang zu bringen sind. In der Schrift: Prformation oder EpigeneseV Grundzge einer Entwicklungstheorie der Organismen" nahm ich Stellung zum Neu- Darwinismus, wie man hutig die Richtung bezeichnet, welche Weismnn in zahlreichen Schriften: Ueber Vererbung, ber Keimplasma, ber Allmacht der Naturzchtuug, ber Germinalselection etc.. vertritt. In der zweiten Streitschrift: Mechanik und Biologie" ging ich auf die Entwicklungsmechanik von Roux ein , welche die Mosaiktheorie der Entwicklung" als Frucht hervorgebracht hat. So gehren jene beiden Schriften mit zu den Vorarbeiten fr den zweiten Theil des Lehrbuchs. j\Iit seiner Verffentlichung glaube ich das Programm erfllt zu haben, welches ich 1893 im Vorwort zur Zelle" aufstellte. Ich habe als Ei'gnzung zu meinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte jetzt auch die physiologische Seite des Entwicklungsprocesses, die Entstellung der Gewebe, berhaupt die physiologischen Ursachen der Gewebe- und Organ- bildung nach den verschiedensten Richtungen errtert. Wer den Inhalt der einundzwanzig Capitel bersieht, wird finden, dass das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus, die Gesetze der Arbeitstheilung und der physiologischen Integration, JY Vorwort. ferner die usseren und die inneren Factoreu der organischen Ent- wicklung, die Frage endlich nach der Vererhuug neu erworhener Eigenschaften und das biogenetische Grundgesetz eingehend besprochen werden. Hierbei war es berall mein Bestreben, den Organismus der Zelle mit seinen anatomischen und physiologischen Eigenschaften zum Mitteli)unkt der Darstellung zu machen und in ihm die Grundlage zum wissenschaftlichen Ausliau einer Entwicklungstheorie zu finden. Daher habe ich auch im Unterschied zur Theorie der Epigenesis. der Pangenesis, der Keimplasma- und Mosaik-, sowie der Idioplasmatheorie meine Anschauungen, welche sich in manchen Zgen von denen anderer Forscher unterscheiden . als die Theorie der Biogenesis bezeichnet, um gleich mit dem Namen die centrale Stellung hervorzuheben, welche in ihr der Organismus der Zelle als die elementare Lebenseinheit der organischen Schpfung einnimmt. Eine grosse Flle von Thatsachen . welche in den Zeitschriften der biologischen und niedicinischen Literatur zerstreut sind, habe ich hier zum ersten Male in einer lehrbuchmssigen Darstellung zusammeu- gefasst. Daneben ziehen sich mannigfache theoretische Errterungen als leitende!' Faden durch alle Capitel hindurch. In Bezug auf letztere wird vielleicht von manchen Seiten der Vorwurf erhoben werden knnen, dass sie fr ein Lehrbuch eine zu stark ausgeprgte subjective Frbung erhalten haben, und dass in ihnen noch ein Hauch aus den verschiedenen polemischen Errterungen des letzten Jahrzehnts hin- durchzieht. Auch ich fhle dies, wenn ich als mglichst objectiver Kritiker mich meiner Arbeit gegenber stelle; tinde es aber entschuldbar angesichts der zur Zeit herrschenden Gegenstze, welche ihrer Natur nach nicht zu l)erbrcken sind . und in Anbetracht des Umstandes. dass es sich um Fragen von allgemeiner und grosser Tragweite hand(^lt. ber welche eine bestimmte Meinung sich zu bilden fr den biologischen Forscher wichtig ist . welche aber zur Zeit nicht einer Beweisfhrung, wie viele grundlegende Lehrstze der Physik und Chemie, zugnglich sind. Auch glaube ich, dass den Vorwurf, den vielleicht Manche erheben. Andere wieder als Vorzug empfinden werden, besonders die grssere Anregung, die eine lel)hafter gefrbte Darstellung zur Beschftigung mit den vorliegenden Prol)lenien gibt. Jedenfalls aber wird, wie ich lioff'e. auch der Leser, welcher den oben l)esproclienen Tadel erhoben hat. auf der andern Seite anerkennen, dass ich bei allen theoretischen Errterungen das durch Beobachtung und Experiment gelieferte Thafsachenmaterial als Ausgang und Grund- lage benutzt lial)e . dass ich auf Grund (lessell)eu mir in allen Fragen einen eigenen Standjjunkt zu bilden bemht war, und dass ich zum ersten ^Iale Grundfragen der allgemeinen Anatomie und Physiologie, wichtige Benl>;iclitung(Mi untl Kxperimente . welche in andein Lehr- bchern gt'\v()luilich keinen Platz finden, zum Gegenstand einer zu- sammenhngenden, in sich geschlossenen, lehrbuchmssigen Dar- sfelluiiu gemacht habe. Mgen hierdurch dem Studium der allgemeinen Anatomie und Physiologie, welche viele zu krftigci- Fntf'altung bereite Keime in sich trgt. Freunde und erfolgreiche Mitarlieitei' gewonnen werden. Berlin, im Mrz 1898. Oscar Hertwig-. Inhalt. ZWEITES BUCH. Allgemeine Anatomie und Physiologie der Gewebe. Seite Erstes Capitel. Uebersiclit ber die zu lsenden Aufgaben 3 Zweites Capitel. Die Individualittsstufen im Organismenreich .5 I. Die organischen Individuen erster Ordnung S IL Die organischen Individuen zweiter Ordnung 9 1. Zellcolonieen 10 2. Durch innigen Zellverband entstandene mehrzellige Organismen (Personen) 12 a. Syncj'tien oder Zellfusionen 18 b. Der zellige Verband 16 III. Die organischen Individuen dritter Ordnung 17 1. Stcke von mehr locker verbundenen Personen 18 2. Stcke von fester verbundenen und zugleich verschieden differen- zirten Personen 19 Literatur zu Capitel II 19 Drittes Capitel. Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung . . 20 I. Artgleiche Vereinigung. Die Lehre von der vegetativen Aftinitt 20 IL Die symbiontische Vereinigung (Sjmbiose) 20 III. Die parasitische Vereinigung 30 Literatur zu Capitel III 31 Viertes Capitel. Mittel und Wege des Verkehrs der Zellen im Organismus 33 I. Gegenseitige Beeinflussung der Zellen durch unmittelbaren Contact ihrer Oberflchen 33 IL Verbindungen der einzelnen Zellen durch Protoplasmafden (Inter- cellularbriicken). 1. Histologische Befunde 34 2. Die physiologische Bedeutung 40 a. Die Reizleitung durch Protoplasmaverbindungen 40 b. Der Stofftransport durch Protoplasmaverbindungen 41 III. Verbindungen der Zellen durch Nerventibrillen 41 IV. Verkehr der Zellen durch die im Organisnuxs circulirenden Sfte . . 41 Literatur zu Capitel IV 43 Fnftes Capitel. Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus. Reiz und Reizwirkung. Maschinenwesen und Organismus . 45 I. Verschiedene Formen der Causalitt 47 IL Erklrung der Disijrojiortionalitat zwischen Reizursadie und Reiz- wirkung und verschiedene Arten derselben 4?^ III. Die Bedeutung der vielen Ursachen 52 IV. Unterschiede zwischen Maschinenwesen uiul Organismus, zwischen Mechanischem und Organischem 55 Literatur zu ('apitel V 57 I L YJ Inhalt. Seite Sechstes Capitel. Uebor die Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewehe und Organe gesondert werden 58 I. Die Keimplasmatheorie von Weismann 59 1. Einwnde gegen die Interscheidnng erbgleicher und erbungleicher Thcilung 61 2. Bemerkungen zum histologischen System. Unterscheidung unter- geordneter und wesentlicher Merkmale 62 3. Das Idioplasma erfhrt keine Zerlegung, sondern tritt nur in ver- schiedene Zustnde ein 65 4. Weitere Beweise fr die Ansicht, dass alle Zellen im Organismus Trger der Arteigenschaften sind 68 5. Knstliche Hilfshypothesen von Wkismann und Koux 71 6. Endergebniss 73 Literatur zu Capitel VI 74 Siebentes Capitel. (Fortsetzung.) II. Die Theorie der Biogenesis 75 1. Erstes Gesetz. Die Wichtigkeit constanter Verhltnisse fr die Ausbildung besonderer Functionen und Structuren an den Zellen. (Specifische Energie) 76 2. Zweites Gesetz. Die Wichtigkeit der AVechsehvirkung mit anderen Zellen fr die Ausbildung besonderer Function und Structur in einer Zelle. (Gesetz der i)hysiologischen Arbeitstheilungl .... 79 a. Die Arbeitstheilung in der menschlichen (iesellschaft als Ver- gleichsobject 80 b. l3ie Arbeitstheilung im Zellenaggregat 82 3. Drittes Gesetz. P^ntsprechend dem Grad ihrer Dift'erenzirung wird die einzelne Zelle zu einem unselbstndigen und abhngigen Theil einer bergeordneten Lebenseinheit. (Gesetz der physiologischen Integration) 85 Ueber die dop])elte Stellung der Zelle als Elementarorganismus und als determinirter und integrirter Theil eines bergeordneten, hheren Organismus 87 Literatur zu Capitel VII 90 Achtes Capitel. Die Theorie der Biogenesis. I. Die usseren Factnren der organischen Entwicklung 91 1. Die Schwerkraft 92 2. Die Centrifugalkraft 97 3. Mechanische Einwirkungen von Zug, Druck und Spannung ... 98 a. f^inwirkung auf sich theilende Zellen 98 b. Die Bedeutung von Druck und Zug fr die Entstehung mecha- nischer Gewebe 100 ) Die mechanischen Einrichtungen bei l'Hanzen 104 ] Die mechanischen Einrichtunuen bei Thieren 106 Literatur zu Capitel VIII 110 Neuntes Capitel. Die usseren p-actoren der organischen Plntwickhing. (Fortsetzung). 112 4. Das Licht 112 .'). Die Tem])eratur 119 6. Chemische Keize 122 a. Beeinflussung bei l'tianzen 123 b. Hccinflussuntr bei Thieren 124 7. Keize zusammengesetzter Art 128 8. Organische Heize, die in p]inwirkungen zweier Organismen auf einander bestehen 132 a. I'fropfunir und Transi)lantation 133 b. I'fn.iifhyluide 134 c. We( liselwirkuiiifen zwischen p]mbryo und Mutterorganismus. Telegonie 136 Telegonie 1.38 d. (Organismen als Irsachen von (iailen und krankhaften Ge- schwlsten I 139 Literatur zu Ciipitri IX 140 Inhalt. VII Seite Zehntes Capitel. Die Theorie der Biogeiiesis. IL Die inneren P'actoren der organischen Pintwickliing 143 A. Die Correlationen der Zellen whrend der Anfangsstadien des Entwickiungsprocesses 144 Literatur zu Capitel X 156 Elftes Capitel. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. (Fortsetzung.) B. Die Correlationen der Organe und Gewebe auf spteren Stadien der p]ntwicklung und im ausgebildeten Organismus 1-58 Beispiele leicht wahrnehmbarer ausgebreiteter Correlationen bei Pflanzen und bei Thieren l Eintheilung der Correlationen in einzelne Gruppen 162 1. Chemische Correlationen. a. Chemisch-physikalischer l'rocess der Sauerstoffaufnahme und Kohlensureabgabe 163 b. Harnbildung. Niere 164 c. Die Leber 165 d. Die Schilddrse 166 e. Blutbildung 170 2. Mechanische Correlationen (Mechanomorphoseuj 171 a. Mechanomorphosen activ beweglicher Organe und Gewebe . . 172 b. Mechanomorphosen passiv bewegter Organe und Gewebe . . . 173 Literatur zu Capitel XI 176 Zwlftes Ca])itel. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. (Fortsetzung.) 3. Die Erscheinungen der Regeneration 179 4. Die Erscheinungen der Heteromorphose 182 Literatur zu Capitel XII 187 Dreizehntes Capitel. Verschiedene Zustnde und Modificationen der Zellen im vielzelligen Organismus (Hypertrophie, Atrophie, Metaplasie, Hyperplasie, Xecrose) 189 A. Erste (iruppe. Der viernderte Zustand der Gewebe ussert sich nur in der Beschaffenheit der Protoplasmaproducte. 1. Die Hypertrophie der Gewebe 195 2. Die Atrophie der Gewebe 197 3. Functionswechsel. Metamorphose und Metaplasie der Gewebe . . 199 a. Die physiologische Gewebsmetamorphose 200 b. Die pathologische Gewebsmetamorphose 203 . Zweite Gruppe. Der vernderte Zustand der Gewebe ussert sich ausser in der Beschaffenheit der Protoplasmaproducte auch in der Beschaffenheit von Protoplasma und Kern 204 4. Wucheratrophie 205 5. Hyperplasie 206 6. Degeneration und Tod der Zelle (Necrose) 206 Literatur zu Capitel XIII 208 Vierzehntes Capitel. Die Speciticitt der Zellen 209 Literatur zu Capitel XIV 216 Fnfzehntes Capitel. Erklrung der Unterschiede pflanzlicher und thierischer Form durch die Theorie der Biogenesis 217 I. Die Formbildung bei den Pflanzen . 217 II. Die P'ormbildung bei den Thieren 220 Die Gesetze der thierischen Formbildung 222 1. Ungleiches AVachsthum einer Epithelmembran 223 2. Ausscheiden von Zellen und Zellaggregaten aus dem epithelialen Verband 228 3. Verschiedenartige Differenzirung der Zellen in Folge von Arbeits- theilung 229 Literatur zu. Capitel XV 230 Sechszehntes Capitel. Die Theorie der Biogenesis und das Vererbungs- problem 232 I. Vererbung ererbter Eigenschaften. Die Continuitt der Generationen 233 Siebzehntes Capitel. (Fortsetzung.^ II. Vererbung neu erworbener Eigenschaften 237 IIL Rckschlsse " 2-50 Literatur zu Capitel X\'I und XVII 255 Vin Inhalt. Seite Achtzehntes Capitel. Die im ( )rjranisnius der Zelle entlialteneu Factoren des Entwicklungsprocesses 257 I. Die in den Siiecialeigenscliafteu von Ei- und JSamenzi'lle gegel)enen besonderen und mehr untergiH)rdneten Factoren des Entwicklungs- l)rocesses 259 II. Ei und Samenfaden als gleichwerthige Trger der Arteigenschaften. Das Idioplasma als innerer Factor des Entwicklungsprocesses . . . 266 a. Fa-ste Periode in der Eientwicklung 267 lt. Zweite I'eriode in der Eientwicklung 267 c. Die dritte I'eriode in der Eientwicklung 269 Literatur zu Capitel XVIII 270 Neunzehntes Capitel. Ergnzende Betrachtungen. I. Das hiogenetische Grundgesetz 271 II. Das Princij) der Progression in der Entwicklung 277 Literatur zu Capitel XIX 279 Zwanzigstes Capitel. Historische Bemerkungen l>er die Stellung der Biogenesistheorie zu anderen Entwicklungstheorieen 280 I. Die Theorie der directen Bewirkung. Der Lamarekismus 281 II. Die Lehre von der Uebertragung erworbener Eigenschaften auf den Keim. (Die Vererbungstheorie) 285 Einundzwanzigstes Capitel. (F'ortsetzung.) III. Die Continuitt im Entwicklungsprocess 289 A. Die durch Beobachtung festgestellten Thatsachen 289 B. Hyi)othesen ber die Continuitt im Entwicklungsprocess .... 291 Erste Gruppe. 1. Die provisorische Hypothese der Pangenesis von Darwin . . . 291 2. Galton"s Theorie vom Stirp 292 '6. Herbkrt Spencer's Hypothese von den physiologischen Flinheiten 293 4. Die Idioplasmatheorie von Xgeli 294 Zweite Gruppe 297 Zusammenfassung der Hau)itgesichtsi)unkte der Theorie der Biogenesis 303 Literatur zu Cajtitel XX und XXI 305 Register 308 ZWEITES BUCH. ALLGEMEINE ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE DER GEWEBE. Hertwig, Allgem. Anatomie u. Physiologie der Gewebe. ERSTES CAPITEL. Uebersicht ber die zu lsenden Aufgaben. Das erste Buch handelte von den allgemeinen fundamentalen Lebenseigenschaften der Zelle in anatomischer und in physiologischer Beziehung, Die Zelle wurde als ein in sich abgeschlossener Elementar- organismus betrachtet. Von diesem Gesichtspunkte aus wurden ihre chemisch -physikalischen und morphologischen Eigenschaften studirt; die Bewegungserscheinungen und die Reizbarkeit des Protoplasmas, sein Stoifwechsel und seine formative Thtigkeit, endlich die Fort- pflanzung der Zelle auf dem Wege der Theilung und ihre sexuelle Affinitt, die zur Besprechung der Morphologie und Physiologie des Befruchtungsprocesses Veranlassung gab. Nun fhrt aber die Zelle in der Natur nur in den wenigsten Fllen ein Leben als Organismus fr sich, nmlich nur in den Fllen , wo es sich um die niedrigsten , einzelligen Lebewesen , oder in den Fllen , wo es sich um die allerersten Entwicklungsstufen der vielzelligen Organismen, um Eier und um Samenfden, handelt. In allen anderen Fllen tritt uns die Zelle nur als ein untergeordneter und daher unselbstndiger Theil einer hheren, zusammengesetzteren Organisation entgegen. Die Zelle hat ihre Selbstndigkeit als elemen- tares Lebewesen verloren; sie wird, je hher Thier und Pflanze organisirt sind, in ihren Lebensusserungen auch noch durch ihre vielerlei Beziehungen im vielzelligen Organismus, von welchem sie ein Theil geworden ist, l)estimmt oder determinirt. In diesem Process offenbart sich uns erst das organische Leben in seinem ganzen Reich- thum und fhrt zu Leistungen, die uns in ihrer hchsten Vollendung schliesslich im menschlichen Organismus entgegentreten , in dessen complicirten Lebensusserungen materieller und geistiger Natur die Physiologie nur die combiuirte Wirkung zahlloser kleiner, einander neben- und untergeordneter, zu einer hhereu Lebenseinheit ver- bundener Elementarzellen erblickt. Die Zelle selbst aber erscheint uns bei diesem Process in zalillosen neuen, unendlich verwickelten Beziehungen, welche bisher unbercksichtigt gelassen wurden. Indem unsere Untersuchung somit von der Zelle, die im ersten Buch als Elementarorganismus betrachtet wurde, zu den in bestinnnte Verbnde eingetretenen Elementartheilen fortschreitet, erweitert sich 1* 4 Erstes Capitel. Uebersicht ber die zu lsenden Aufgaben. die Zelleulelire zur Gewehelehre, welche den Gegenstand dieses zweiten Buches hildet. Denn unter einem Gewehe verstehen wir eine Vielheit zu gemeinsamer Function zusamniengeordneter Zellen. Die hier zu lsende Aufgahe sondert sich ganz naturgeniss in zwei Ha uptah schnitte. Der erste Hau p t a h s c h n i 1 1 hat sich mit den allgemeinen Beziehungen zu heschftigen, welche durch die Zusammenordnung der Zellen zu Theilen eines hheren Ganzen geschaften werden : mit der Lehre von den verschiedenen organischen Individualittsstufen, mit den Mitteln, durch welche die Zellen in den hheren Einheiten zu- sammengehalten und in Abhngigkeit von einander gebracht werden, mit den usseren und inneren Factoren der organischen Entwicklung, mit dem Gesetz der Arheitstheilung und Dififerenzirung , mit den Ge- setzen und Erscheinungen des Wachsthums und der Formbildung, mit dem Problem der Vererbbarkeit erworbener Charaktere; schliesslich mit d6r Definition der Begriffe Gewebe und Orgaue. Es werden bei diesen Errterungen die schwierigsten Fragen der organischen Entwicklung berhrt werden, welche in den letzten Jahren von mehreren Forschern auf das Lebhafteste discutirt , aber in sehr entgegengesetztem Sinne beantwortet worden sind. Ich selbst habe an den wissenschaftlichen Debatten regen Antheil genommen und in den meisten Fragen meinen Staudpunkt schon scharf prcisirt. In Fragen, ber welche ich mich bisher nicht geussert hal)e, wird dies jetzt geschehen. So wird der zweite Theil meiner allgemeinen Anatomie und Physiologie eine Theorie der organischen Entwicklung enthalten. Ich nenne sie die Theorie der Biogenesis, da sie sich in vielen Punkten, besonders aber in der Art der Beweisfhrung und Darstellung, von hnlichen Theorieen meiner Vorgnger, von der Theorie der Epigenesis, der Pangenesis, der Keimplasmatheorie etc. bald mehr, bald minder wesentlich unterscheidet. Wie ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten bemerkt habe, hngt mit der weiteren wissenschaftlichen Ausbildung der allgemeinen Anatomie und Physio- logie der Zelle auch die weitere Ausbildung der allgemeinen Ent- wicklungstheorie auf das engste zusammen. Der zweite Hauptabschnitt endlich hat die specielle Gewebelehre oder das System der Gewebe zu seinem Gegen- stand. Er hat von den zahlreichen Kategorieen von Geweben zu handeln, die sich nach dem Gesetz der Arheitstheilung und Differenzirung im Krper der vielzelligen Organismen in Anpassung an die verschieden- sten Lebenszwecke gel)ildet haben. Jedes Gewebe wird hierbei von drei Gesichtsjjunkten aus besprochen werden, nmlich im Hinblick auf seine ])eson(lere Structur. auf seine Entstehung aus der indifferenten Zelle und auf seine Function. Bei jedem Gewebe ist somit auf seine Anatomie, auf seine Entwicklungsgeschichte und auf seine Physiologie einzugehen. ZWEITES CA PITEL. Die Individualittsstufen im Organismenreich. Unter ptiauzlichem und tliierischem Individuum versteht man in physiologischer Hinsicht eine Lebenseinheit, die, nach aussen ab- gegrenzt, sich selbst zu erhalten im Stande ist, weil sie mit den Grundfunctioneu des Lebens, die im ersten Buch besprochen wurden, ausgerstet ist, mit der Function, sich zu ernhren und zu wachsen, sich fortzupflanzen, gegen Reize der Aussenwelt irritabel zu sein und auf sie in verschiedener Art zu reagiren. So unendlich verschieden auch sonst die organischen Individuen von einander sein mgen, hierin stimmen sie alle berein, von der einfachsten Ambe bis zum hchsten Wirbelthiere. , In morphologischer Hinsicht dagegen bieten uns die organischen Individuen die allergrssten Verschiedenheiten dar. Hier sehen wir einfache Zellen als selbstndige Organismen leben, dort sind viele unter einander zu einem zusammengesetzten Lebewesen, zu vielzelligen Ptianzeu und Thieren verbunden, und wieder in anderen Fllen sehen wir Thiere, die uns in vielen Arten im System als selbstndige Lebenseinheiten begegnen, in einigen Fllen abermals zu hheren Lebenseinheiten, zu Thierstcken, in mannigfacher Weise vereint. So bietet uns das Organismenreich gewissermaassen eine Stufenfolge niederer und hherer organischer Individualitten dar, oder in anderen Worten: die zahllosen organischen Individuen lassen sich wieder in Individuen niederer und hherer Ordnung eintheilen. Die einzelnen Individualittsstufen stehen in einer ganz bestimmten gesetzmssigen Beziehung zu einander. Organische Formen, welche uns auf der niedersten Individualittsstufe als selbstndige Lebeus- einheiten, als einzellige Mauzen und Thiere, bekannt geworden sind, ausgerstet mit allen Eigenschaften zum Leben, begegnen uns auf der nchsthheren Stufe wieder, alier jetzt nur als untergeordnete und daher unselbstndig gewordene Theile einer hheren und zu- sammengesetzteren Lebenseinheit ; diese besitzt zwar alle Bedingungen zum Leben, ihre Theile aber sind, losgetrennt vom Ganzen, sehr hufig nicht mehr fr sich lebensfhig. Es sind Forineiuheiten , die anato- misch selbstndig existirenden Lebewesen , einzeln lebenden Zellen, sehr hnlich sein knnen , trotzdem aber , da sie sich nicht mehr als Q Zweites Capitel. selbstndig uiul existenzfhig erweisen, nicht mehr dem Begriff ent- sprechen, welchen wir oben mit dem Wort Individuum" verbunden haben. Aus diesem Grunde sind mehrere Forscher veranlasst worden, zwei verschiedene Arten des Individualittsbegriffes aufzustellen: das physiologische und das morphologische Individuum. Erste res ist ein selbstndiges Lebewesen nach der oben gegebenen Definition; letzteres dagegen ist eine Formeinheit, welche zwar morphologisch, das h e i s s t nach Aussehen, S t r u c t u r und Zusammensetzung, einem physiologischen Individuum gleicht, aber nicht in physiologischer Beziehung; denn es stellt keine selb- stndige Lel)enseinheit mehr dar; es ist als ein ab- hng i g e r T h e i 1 in eine hhere p h y s i o 1 o g i s c h e I n d i v i d u a - litt eingegangen oder mit anderen Worten zu einem anatomischen Element derselben geworden. An der hier gegebenen schrferen Fassung des Individualitts- begriff'es, ber welchen sich in der Literatur so viele abweichende Darstellungen vertreten finden, soll im Folgenden festgehalten werden. Wir werden dann den Individualittsbegriff auf manche Theile nicht anwenden drfen , fr welche er in anderen Lehrbchern gebraucht worden ist. So fhrt zum Beispiel Haeckel in seiner generellen ^lorphologie als morphologische Individuen zweiter Ordnung die Or- gane auf, die Zellfusionen, Gewebe, Organsysteme und Apparate, als Individuen dritter Ordnung die Antimeren oder Gegenstcke eines Krpers, als Individuen vierter Ordnung die Metameren oder Folge- stcke. Kach unserer Definition knnen derartige Theile nicht mehr unter den Individualittshegriff' fallen. Denn w^as man fr gewhnlich ein Organ, ein Antimer, ein Metamer nennt, ist in keiner Weise irgend einer Art der im System vorkommenden physiologischen In- dividuen vergleichbar. Es sind Bildungen sui generis. Organische Individuen, seien es physiologische oder anatomische, knnen nur auf dem Wege der Zeugung entweder durch Theilung oder Knospung ihren Ursprung nehmen. Organe, Metameren und Antimeren aber entstehen durch einen Sonderungs- oder Ditt'ereuzirungsprocess inner- halb einer individualisirten Zellenmasse. Die gegliederten Wrmer, die Arthropoden . und Wirl)elthiere stehen daher auf keiner hheren Individualittsstufe als die sogenannten einmetamerigen Thierformen (Wrmer. Mollusken etc.). denn sie sind keine Aggregate von solchen. Was sie l)er jene erhebt, ist nur durch eine grssere Differenzirung ihrer verschiedenen Organsysteme hervorgerufen. Allerdings kann es vorkommen, dass sich ein Organ von einem Or- ganismus abtrennen und ihn lngere Zeit berleben kann. Als Beisjjiel hierfr wird so hutig der liekannte Ilectocotylus aufgefhrt, welcher in frherer Zeit fr das rudimentre Mnnchen eines Tiuteutisches gehalten wurde, aber nichts Anderes ist als der abgelste und kriechend sich fortbewegende Arm eines solchen. Nach unserer De- finition ist der Ilectocotylus nur ein whlend krzerer Zeit lier- lebeiider Theil eines Organismus; er ist kein eigenes physiologisches Individuum, da ihm die wichtigste Eigenschaft eines solchen, sich dauernd sell)st zu erhalten, fehlt: denn er kann weder sich durch Nahrungsaufnahme ernhren, noch sich durch Fortpflanzung vermehren. Die Individualittsstufen im Organismenreich. 7 Desgleichen kuneu wir nicht der eigeuartigen Fassung, welche HuxLEY dem Individualittsbegriff zu geben versucht hat, das Wort reden. Um Schwierigkeiten, die bei der Bestimmung der Individualitt in manchen Fllen entstehen, zu vermeiden, hat Huxley vorgeschlagen, als das organische Individuum schlechtweg die Summe aller Formen zu bezeichnen, welche aus einem be- fruchteten Ei hervorgehen knnen. Nach Huxley's Definition kann das Individuum zwar in vielen Fllen ein concretes Einzelw^esen sein und so dem entsprechen , was man fr gewhnlich darunter versteht, wie bei den Wirbelthieren, bei welchen aus dem Ei ein einziger Organismus entsteht, der wieder Zeugungsproducte hervorbringt. In anderen Fllen aber setzt sich das Huxley 'sc he Individuum aus vielen Einzelgrssen zusammen, die theils neben, theils nach einander existiren; es ist also gar kein einheitlicher Krper, sondern eine Summe unter den gemein- samen Begriff der Abstammung gebrachter Einzel- wesen. Das ist zum Beispiel stets der Fall, wenn aus dem befruchteten Keim, wie so hufig, ein Organismus entsteht, der sich auf ungeschlecht- lichem Wege vermehrt. Dann findet das HuxLEY'sche Individuum seine Vollendung und seinen Abschluss erst von dem Moment, wo im Leben der Art wieder Geschlechtsproducte von dem Organismus ge- bildet werden. So bezeichnet, um ein Beispiel zu geben, Huxley 1) die aus einem befruchteten Medusenei hervorgehende Polypenform, 2) die von ihr auf ungeschlechtlichem Wege abstammenden, mehr oder minder zahlreichen Polypen- und 3) die zum Schluss auftretende Medusen- form, die endlich wieder Eier und Samen producirt, als das organische Individuum katexochen. Man hat es auch, weil es, wie in obigem Beispiel, aus einer Folge durch Zeugung aus einander hervorgehender Formen zusammengesetzt ist. als d a s g e n e a 1 o g i s c h e I n d i v i d u u m , und die Fassung, welche Huxley dem Individualittsl)egriff gegeben hat, als die genealogische bezeichnet. Wir halten es nicht fr wnschenswerth , den Begriff des Indivi- duums in dem HuxLEY'schen Sinne zu fassen , was so vollstndig der gewhnlichen Sprech- und Denkweise widerspricht. Uns scheint es viel empfehlenswerther, zur Bezeichnung der genealogischen Verhlt- nisse, deren begriffliche Zusammenfassung wir mit Huxley allerdings fr nothwendig halten, das Wort Zeugungskreis zu gebrauchen, wie es bereits von vielen Forschern und so auch schon im ersten Theil dieses Werkes (S. 202, 238) geschehen ist. Wir sind mit Spencer der Ansicht , dass es unstatthaft ist, das Wort In- dividuum" auf eine Anzahl gesondert lebender Krper anzuwenden. Es steht, wie Spencer bemerkt, ein solcher Sprach- gebrauch vollstndig im Widerspruch mit der Vorstellung, weUiie dieses Wort gewhnlich in uns hervorruft. Es wrde Jedem zum Mindesten sonderbar erscheinen . wenn man die zahllosen Massen von Anacharis Aisinastrum , die innerhalb weniger Jahre in unseren Flssen , Canlen und Smpfen gewachsen sind . alle als Theile eines einzelnen Individuums bezeichnen wollte; und trotzdem mssten sie so bezeichnet werden, wenn wir die HuxLEY'sche Definition annehmen wollten, da die Pflanze in England keinen Samen erzeugt und die zahllosen Massen derselben einfach durch discontinuirliche Ausbildung entstanden sind." 3 Zweites Capitel. Nach (lieser allgeuieiDen Auseiuaudersetzuug ber die Fassung des Individualittsbegriftes soll auf die einzelnen drei Stufen, zu denen sich im Organisnienreich die Individualitt entwickelt hat. noch etwas genauer eingegangen werden. I. Die or;2;ani8chen Individueu erster Ordnung;. Die Z e 1 1 e n sind die elementaren Einheiten des ganzen Organismen- reichs. Die unzhligen Arten von Pflanzen und Thieren. die uns bekannt sind , verharren entweder dauernd auf der Stufe einzelner Zellen, oder sie treten uns wenigstens stets am Anfang ihrer Ent- wicklung in der Form einer Zelle entgegen. So viele Species die Systematik in der Organismenwelt unterscheiden mag, so viele specifisch unterschiedene Zellen oder so viele Species von Zellen, so viele Artzelleii muss es geben, verschieden von einander in ihrem stofflichen Aufbau, in ihrer micellaren Structur. Wie schon in dem Abschnitt: Die Zelle als Anlage eines Orga- nisnuis (Buch I S. 267) angedeutet wurde , mssen die specihschen Charaktere, duich welche sich zwei Sugethiere oder zwei Vgel von einander unterscheiden . in der Eizelle bereits der Anlage nach vor- handen sein. Wird ein Hhner- und ein Entenei in derselben Brut- mascliine gleichzeitig bebrtet, so entsteht unfehlliar nach bestimmter Zeit aus jenem ein Hhner- und aus diesem ein Entenkchlein. Da beide Eier sich gleichzeitig unter genau den gleichen Bedingungen entwickeln , so muss der zureichende Gnind fr die zu Tage treten- den Speciesunterschiede schon in der unbebrteten Eizelle nothwen- diger Weise gegeben sein. Doch drfen wir bei unserem logischen Schluss nicht in den oft gemachten Fehler verfallen, dass wir alle in der ausgebildeten Huhn- und Entenspecies wahrnehmbaren unzhligen Unterschiede einfach in die Eizellen zurckverlegen und zu einem kleinen Miniaturbild zusammenschachteln. Vielmehr ist hierbei nicht zu nliersehen, dass die ganze Entwicklung eines Vogels sich in eine unendliche Stufenfolge aus einander hervorgehender und sich Schritt fr Schritt comi)licirender Processe zerlegen lsst, und dass schon wenige und kleine Unterschiede zweier Anlagen am Anfang des Processes dadurcii, dass sie sich millionen- und milliardenfach in nothwendig gesetzmssiger Weise lawinenartig anwachsend sunnniren, zum (irund fr zahlreiciie und grosse Unterschiede in den Endresul- taten werden knnen. Ngku, Hkking und Wigani haben sich eines Gleichnisses bedient, um den Unteischied zwischen den Verschiedenheiten der Eizellen und den Verschiedenheiten der aus ihnen entstehenden Species zu ver- sinnbildlichen ; sie haben dazu die Natur der krummen Linien gewhlt. Ihre anal\ tischen Formeln enthalten die nmlichen Bestandtheile; geringe Vernderungen in der J'ormel bringen bald eine andere Linie der nndichen Art. l)al(l eine specitisch verschiedene Linie hervor. Hire Anfnge, d. li. kurze Abschnitte der ganzen Bewegung, sind einandei- usserst linlicli und dem Auge kaum unterscheidbar; aber sie sind verschiech-n im Princip. und wenn sie verlngert werden, so treten ihre Verschiedenheiten immer deutlicher hervor, und die Linien geben sich als Kreis. Klli])se, lly])er])e]. Parabel u. s. w. zu erkennen. Die Individualittsstufen im Organismenreich. 9 Auch (lariu stimmeu diese geometrischen Figuren mit den Pflanzen- arten herein , dass. wenn wir in einer complicirten Formel gewisse Grssen verschwinden lassen, daraus eine einfachere Linie entsteht; auf hnliche Weise unterscheidet sich die Pflanzenart einer hheren Stufe von derjenigen einer tieferen Stufe dadurch , dass bei jener ein Element vorhanden ist, welches bei dieser maugelt, dass im einzelligen Zustande bei jener gewisse Differenzen wirksam werden, welche bei dieser Null sind." (Ngelf, 1. c. S. 67.) In der Form des Elementarorganismus oder der Art- zelle" sehen wir daher die speci fischen Eigenschaften der organischen Species in ihre einfachste Formel gebracht, freilich in eine Formel, welche fr den Forscher zur Zeit noch nicht zu entziflern ist. Doch drfte wohl der Schluss nahe liegen, dass die feinere , in ihrem micellaren Aufbau begrndete Organisation der Zelle bald einfacher, l)ald mehr oder minder zusammengesetzt, eventuell sogar ausserordentlich zusammengesetzt sein wird, je nach- dem die Orgauismenspecies, die durch sie reprsentirt wird, einen einfacheren oder hhereu Entwicklungsgang einschlgt. Eine Algen- oder Pilzzelle . die nur wieder isolirt lebende oder zu Fden oder anderen einfachen Gestalten verbundene Algen- und Pilzzellen in ihrem Entwicklungscyclus hervorbringt, wird in ihrer Organisation tief unter Zellen stehen, die zum Ausgangspunkt fr den Entwicklungs- cyclus eint r hheren Pflanze, geschweige eines hheren Thieres dienen. Indem im r g a n i s m e u r e i c h alles Leben von der A r t z e 1 1 e " ausgeht, ein jeder E u t w i c k 1 u n g s p r o c e s s mit ihr beginnt und wieder zu ihr zurckfhrt, bildet sie die allgemeinste und wichtigste Form, in der sich das organische Leben ussert, das organische Individuum einfachster Art. Durch den Zusatz einfachster Art soll natrlich nicht ausgeschlossen sein, dass nicht die Zelle selbst noch in einfachere Lebenseinheiten zerlegbar sei; haben wir doch selbst schon im ersten Buch (S. 272, 28(5) die Perspective angedeutet, dass solches in Zukunft wahrscheinlich noch gelingen wird, und dass jetzt schon in dem Zellen- inhalt sich kleinere , durch , Theilung sich vermehrende Stoffeinheiten nachweisen lassen. Doch knnen wir solche so lange nicht als selb- b'- stndige Elementarorganismen bezeichnen, als nicht der Nachweis gefhrt ist , dass sie auch ausserhalb der Zelle lebensfhig sind oder wenigstens sich selbstndig lebenden Organismen ver- gleichen lassen , die einfacher als Zellen sind und im organischen Entwicklungsprocess als die Vorstufen von ihnen betrachtet werden mssen. Da es aber auf diesem Gebiete zur Zeit an jedem auf Er- fahrung beruhenden Anhalt fehlt , so muss die empirische Forschung die Zelle als die einfachste elementare Form des Lebens hinnehmen. II. Die organischen Individuen zweiter Ordnung. Das System des Orgauismenreichs lehrt uns Vereinigungen von Zellen in der mannigfachsten Art kennen. Die sich hier darbietenden zahllosen Formen kann man in zwei Grujjpen eintheilen : in lose Verbnde oder Zellcolonieen und in feste, innige Ver- einigungen mit m e h r d e r m i n d e r weit d u r c h gefhrte r 10 Zweites Capitel. Aibeitstlieiluu ji zwiselieu den einzelnen Elementaiiudividueu erster Ordnung. Beide Gruppen sind durch Uebergaugsformen unter einander verknpft, so dass es zuweilen im einzelnen Fall schwer ist zu entscheiden, zu welcher der beiden Gruppen man eine Form hinzu- rechnen soll. 1. Zellcolonieen. Zellcolouieen finden sich innerhalb der Ordnungen der niederen Algen, der Flagellaten, der Infusorien etc. Bei den Algen liegen die einzelnen Zellen in einem Mantel von Gallerte eingehllt bald weiter aus einander, bald sind sie dichter zusammengerckt; je nach der Art sind sie in Reihen hinter einander angeordnet (Nostochinae) oder in der Flche zu einem Netz (Hydro- dictyon , Pediastrum) oder zu mehr oder minder kugeligen Massen (Volvocineen) vereinigt (Fig. 1), In manchen Fllen sind die einzelnen Zellkrper ganz von einander gesondert, von der verbindenden Gallerte Fig. 1. Volvox globator, geschlechtliche hermaphroditische Colonie. Nach CiENKOVsKY und Btschli combinirt und etwas schematisirt. Nach Lang. 6' Mnnliche Gameten (Spennatozoen). Weibliche Gameten (Eier). abgesehen, in anderen Fllen wieder hngen sie durch einzelne feine Protoplasmafden unter einander zusammen oder berhren sich mit iliren Oberchen unmittell)ar. Zu gewissen Perioden tiennen sich bei vielen Species die einzelnen Elementartheile als FortpHanzungskrper vollstndig von einander, indem die Colonie aufgelst wird. Bei Vergleichung verwandter Arten kann man den Uebergang von loseren zu festeren Vereinigungen auf das Deutlicliste beol)achten. Als ein derartiges Beis])iel gi])t Keli, welcher sich mit dem Studium der niederen Algen so eingehend beschftigt hat, die in Figur 2 wieder- gegebene bildliche Darstellung a einer Chroococcacee , h einer Nosto- chacoe und c einer Oscillariacee je in 4 auf einander folgenden Gene- rationen /, //, ///, IV. ' Bei den Chroococcaceen () knnen die Zellen, nachdini sie sich von einander losgelst haben , sich im Wasser zerstreuen oder durch Gallerte in goringei- P'iitfernuiig von einander festgehalten wer- den. Bei den Nostocliaceeii (/>) sind die mehr oder weniger kugeligen Zellen nur mit einer kleineren Stelle der Oberflche, l)ei den Oscilla- riaceen (c) sind die cylindrischen Zellen mit den ganzen Endflchen verbunden." Zu diesem l}eisi)iel bemerkt Muklf. dass man liei den Die Individualittsstufen im Organismenreich. 11 niederen Algen oft in Zweifel gert, ob man ein mehr- zellig esGebil de als eineColouie einzelliger Individuen oder als ein mehrzelliges Individuum ansprechen soll". lim w ao OO OOOO OOOOOOOO bO CO oxo caxxnD CO CD c D c J Fig. 2. Schematische Darstellung a einer Chroococcacee (Gloeothecee oder Synecho- coecus), b einer Nostochacee und c einer Oscillariacee, je in vier auf einander folgenden Generationen I, II, III, IV. Nach Ngeli Fig. 14. Losen Vereinigungen begegnet man zuweilen auch bei den Rhizo- poden , bei Flagellaten und bei Infusorien. Ich erinnere an die von Richard Hertwig beschriebene Mikrogromia social is (Fig. 3), eine kleine, in eine Schale eingeschlossene Monothalamie, die mit an- deren Individuen gleicher Art durch ihre sich verzweigenden Pseudo- Fig. 3. Eine Colonie von Mikrogromia socialis in ausgebreitetem Zustand. Nach Kichard Hektwig. Ein Theil der Individuen [aa] ist durch Quer- theilung in zwei Theilstcke zerfallen; b und b zwei mit ihren Pseudopodienstielen zusammenhngende Individuen. podien bald zu kugeligen Haufen, l)ald mehr zu Netzen verbunden ist. Ich erinnere an manche Infusorienarteu , welche eine weiche reichliche Gallerte abscheiden, in welcher die durch Tlieilung ent- stehenden Generationen zu grsseren, meist kugeligen Golonieen ver- bunden bleiben. 12 Zweites Capitel. Eine andere Art colouialer Vereinigung kommt wieder dadurch zu Staude, dass manche FLigeHaten und Infusorien mit einem Krper- ende in eineu hingen contractilen Stiel bergehen, durch welchen sie an eine Unterlage befestigt sind. Wenn sie sich durch Theilung vermehren, bleiben bei vielen Arten die Tochter- und Enkelzellen an Fig. 4. Codonocladium umbellatum. Eine colo- niale Plagellate nach Stein aus K. HEinwici. Fig. 5. Epistylis umbellaria. Nach Graeff aus R. Hertwig. Theil einer in knospenfrmio^er Conjugation" be- griffenen Colonie. r Die durch Theilung entstandenen Mikrosporen. k Mikrogameten in Conjugation mit den Makrogameten. dem Stielende verbunden (Fig. 4). Oder es entstehen baumfrmig ver- zweigte Colonieen (Fig. 5), zusammengesetzt aus einem contractilen Hauptstamm, von welchem dichotom sich theilende Nebenste ausgehen, an deren Enden die einzelnen Individuen wie Beeren an den Stielen einer Traube ansitzen. Solche Colonieen sehen usserlich manchen Hydroidpolypenstckchen ausserordentlich hnlich. 2. Durch innigen Zellverband entstandene mehrzellige Organismen (Personen). "Wie schon oben bei den Algen bemerkt wurde, fhren von den losen Zi'llaggregaten alle mglichen Ueberguge zu festeren Ver- bnden, die einen mehr einheitlichen Charakter tragen. Whrend wir in den oben beschriebenen Fllen (Fig. 1 5) mehr geneigt sind, den V(Mltand als Cohmio vieler einzelliger Individuen zu bezeichnen, sind wir l)ei den jetzt zu betracliteudiMi Formen nicht im Zweifel, den Verband als ein einziges mehrzelliges Individuum aufzufassen. Bei jenen sehen wir in physiologischer Hinsicht mehr die Vielheit, bei diesen mehr die Einheit der zusammengeschaarten Zellenmassen in den Vordergrund treten, wodurch unser rtheil ber die Individualitt des Aggregats bestimmt wird. Auch hier konnnen indessen wieder zwei Verschiedenheiten zum VorsclKMu ; auf der einen Seite finden wir vollstndige Verschmelzung der Zellen , so dass jede Al)grenzung zwischen ihnen verloren ge- gangen ist . auf der andei-eu Seite bleiben die Zellen von einander durch deutliche (irenzen gesondert und sind nur meist bis zu unmittel- barer Berhrung dicht aneinander gelagert. Im ersten Fall bestehen Die Individualittsstufen im Organismenreich. 13 die Orgauismen aus einer bald kleineren, bald grsseren Protoplasma- masse , in welcher zahlreiche Kerne, zuweilen viele hunderte und tausende, in regelmssigen Abstnden vertheilt sind. Man hat ein solches Gebilde ein Syncytium oder eine Zellenfusion genannt. Sporen derselben (a hervor und wandeln Zellen (d) um, die Geissein im Wasser fortbewegen. a) Syncytien oder Zellenfusionen. Syncytien knnen in zweierlei Weise entstehen. In selteneren Fllen sind es kleine, einkernige, am])oide Zellen, welche in grsserer Anzahl zusammentreten und mit ihren Protoplasmaleibern ver- schmelzen, whrend sich die Kerne getrennt erhalten. Als Beispiel sei die Entwicklung der Myxomyceten angefhrt (Fig. 6). Aus den und h) kriechen kleinste, einkernige Amben (c) sich bald in Schwrm- sich eine Zeit lang mit Die Schwr- merzelleu gehen darauf wieder, indem sie die Geissein einziehen , in einen amboiden Zustand ber und beginnen hierbei bald in grsserer Anzahl unter einander zu kleinen vielkernigen Plasmodien (e) zu verschmelzen. Diese nehmen auf dem Wege der Ernhrung an Grsse allmhlich zu und knnen ansehn- liche Dimensionen (f) erreichen. Dabei findet unausgesetzt eine Vermehrung der Kerne durch Theiluug statt. Am hufigsten indessen entstehen viel- kernige Protoplasmakrper nicht durch Ver- schmelzung zahlreicher, von Haus aus ge- trennter Einzelindividuen, sondern leiten sich von einem einzigen einkernigen Keim einfach in der Weise her, dass sich sein Kern durch hufig wiederholte Zweitheilung in 2, 4, 8, 16 Kerne und so weiter vermelirt. Hierbei erfhrt das Protoplasma keine Zerlegung in eine entsprechende Anzahl von Stclven; es nimmt nur mit der Vermehrung der Kerne an Masse allmhlich zu. Es lsst sich darber streiten , ob man eine vielkernige Protoplasmamasse als eine einzige Zelle mit vielen Kernen oder als zelligen Organismus beurtheilen soll. Bei unserer Auffassung der Kern im Zellenleben spielt, ist wohl die zweite Auffassung die richtigere. Wenn in einer Zelle die Kern- substanz durch den complicirten Process der Kernsegmentirung in zwei gleiche Hlften zerlegt worden und wieder in den Ruhezustand zweier Blschen bergegangen ist, dann ist die Zelltheilung der Hauptsache nach beendet, und es ist von einer mehr nebenschlichen Bedeutung, ob au die Kerntheiluug sich noch die Zerlegung des Protoplasmakrpers sofort oder einige Zeit spter oder gar nicht an- schliesst. Lehrreich in dieser Beziehung ist die erste Entwicklung des Insecteneies. Whrend sich die thierischen Eier gewhnlich durch den Furchungsprocess in 2, 4, 8 u. s. w. Zellen sondern, bleibt das Fig. 6. Chondrioderma difforme. Nach Stkas- BUKGER. / Theil eines lteren Plas- modiums, a Trockene Spore. b Dieselbe im Wasser quellend. c Spore mit austretendem In- halt, d Zoospore, e Aus Um- wandlung- der Zoospore her- vorgegangene Amben , die sich zum Plasmodium zu ver- einen anfangen. (Bei d und e Kern und contractile Vacuolen zu sehen.) Aequivalent eines viel- der Rolle, welche nach 14 Zweites Capitel. Insectenei eine zusammenhngende einzige Dottermasse, in welcher sicii nur ihr Kern in 2. 4. 8 und schliesslich in Hunderte von Kernen vermehrt. Erst nach einiger Zeit zerfllt dann pltzlich die viel- kernige Dottermasse in so viel Stcke, als vorher Kerne in ihr ge- bildet worden waren. Es liegt hier auf der Hand, dass das anscheinend einfache Ei nicht mit einem Schlage in eine vielzellige Bildung um- gewandelt worden ist. Vielmehr war es schon vorher potentia vielzellig und hat mit Ausnahme der Protoplasmazerklftung genau alle die einzelnen Schritte zurcklegen mssen wie ein Ei, bei dem Kerntheilung und Zelltheilung sich zusammen gleichzeitig vollziehen. Genauinde r sei l)en Weise wie das vielkernigelnsectenei Na cv *'! ^-r\ '.-^-^L^x VvX^ n M n Fig. 7. Actinosphaerium Eichhornii. Nach R. Hektwig, Zoologie. M Marksubstanz mit Kernen (m). R Kindensubstanz mit contractilen Vacuolen {ev). Na Nalirungskrper. ist ein vielkerniges Plasmodium einer Myxomycete po- tentia vielzellig. Denn wenn es in einen Fruchtkrper sich um- wandelt, zerfllt es in so viele einzelne Sporen oder Keime fr neue Organismen, als vorher Kerne in der gemeinsamen Protoplasmamasse vorhanden waren. Organismen vom Formwerth eines Syncytiums gibt es an der Wurzel des Tiiier- und Pflanzenreichs. Sehr zahlreiche Arten der Protozoen sind Syncytien : das vielkernige Actinosphaerium Eichhornii (Fig. 7), zahlreiche Radiolarien, die meisten Thalamophoren (Fig. 8) uncl die Mycetozoen. Von Seiten des PHanzenreichs sind zu nennen die interessanten Coelobl asten. Ein Coeloblast ist mehr oder minder ein vielfach verzweigter Schhiuch, oft von recht ansehnliclier Grsse. Nach aussen Die ludividualittsstufen im Oro^anismenreich. 15 ist der Schlauch abgegrenzt von einer dicken Cellulosenienibran, welcher nach innen eine bald dnnere, l)ald dickere Protoplasniaschicht anliegt. Sonst ist das Innere des Schlauches von Zellsaft ausgefllt, durch welchen sich zuweilen auch einzelne Protoplasmafden von einer zur anderen Wandt! che hindurchziehen. Nach dieser Beschreiliung knnte man den ganzen Schlauch als eine einzige riesige Zelle auffassen und demnach einen Coeloblasteu zu den einzelligen Pflanzen hinzurechnen, wie es von manchen Forschern auch geschieht. Unser Urtheil wird indessen anders ausfallen, wenn wir noch folgende Momente in Rechnung ziehen. Erstens lassen sich im Protoplasma zahlreiche kleine Kerne oft sind es viele hunderte, ja tausende nachweisen; zweitens nimmt der Schlauch bei manchen Arten, zum Beispiel bei Gaule rpa crassifolia (Fig. 9) eine com- Fig. 8. Fig. 9. Fig. 8. Junge Miliola mit vielen Kernen. Aus Lang. Fig. 9. Caulerpa crassifolia. Die ganze Pflanze besteht aus einem nicht cellulr gekammerten Schlauch. V Der Vegetationspunkt der kriechenden, dorsiventralen Sprossachse s. 6b Die Bltter, w Die W^urzeln. (Etwas verkleinert.) Nach Sachs Fig. 262. plicirte Gliederung an, welche ihn einer hher differenzirten , viel- zelligen, kriechenden Pflanze sehr hnlich aussehen lsst. Denn der Schlauch hat sich gesondert in einen auf dem Boden hinkriechenden Stamm (s) , in Wurzeln {iv) , welche sich vielfach verzweigt in die Erde einsenken, und in viele nach oben gerichtete, blattartige Aus- stlpungen (bb), welche Fiederblttchen nicht unhnlich aussehen. Drittens endlich wchst der hochgegliederte Schlauch von einzelneu bestimmten Vegetationspunkten (v) aus in ganz gesetzmssiger Weise gleich einer hheren, vielzelligen Pflanze. Die Ueberein- stimmung wird noch dadurch weiter erhht, dass an den Vegetations- punkten sich immer in grsserer Masse Protoplasma angehuft findet, welches besonders zahlreiche Kerne enthlt, wie auch bei den viel- zelligen Pflanzen an den Vegetationskegeln in dem kleinzelligen Gewebe viel Protoplasma und viel Kernsubstanz auf engem Raum zusammengedrngt ist. Jg Zweites Capitel. Bei Eiwguiig aller \'erliltiiisse weiden wir daher den Coelo- blasten als einen potentia vielzelligen Organismns, als ein Syncytiuni, bezeichnen mssen; auch wird es uns bei solcher Sachlage jetzt we- niger merkwrdig erscheinen, dass der nur scheinitar einzellige, aber potentia vielzellige Schlauch sich in der Entwicklung von Sprossen, Wurzeln und Blttern ahnlich wie eine ausgeprgt vielzellige PHanze verhlt. Mit Recht hat Sachs, der dieses Verhltniss schon treffend errtert hat, in seinem Lehrlmch der Physiologie bemerkt: \Vir l)rauchen uns nur bei einer nicht allzu coniplicirt organi- sirten cellulren PHanze, einer hheren Alge, einem Moos, selbst einer Gefsspanze zu denken , dass innerhalb der von der usseren Zell- wand der Epidermis umgebeneu Ptlanzensubstanz die Zellwnde ein- fach fehlen, wogegen das Protoplasma mit den in ihm vertheilten Zell- kernen sich im Wesentlichen geradeso verhlt, als ob jene Zellwnde vorhanden wren, so haben wir im Grossen und Ganzen die Structur eines Coeloblasten ; und umgekehrt brauchen wir uns nur zu denken, dass der innere Paum eines solchen durch zahlreiche Quer- und Lngsscheidewnde in sehr zahlreiche kleine Kanmiern eingetheilt sei, deren jede einen oder einige der vorhandenen Zellkerne umschliesst, so htten wir eine gewhnliche cellulre Pflanze." b) Der z eil ige Verband. Die letzte und hchste Form des Verbandes zeigt uns die einzelnen Zellen deutlich abgegrenzt von einander, aber sonst dicht zusammen- gelagert, so dass sie sich unmittelbar berhren und dadurch gewisser- maassen in enger und bestndiger Fhlung zu einander stehen. Das Resultat ist ein einheitlicher Organismus mit einer relativen und theilweisen Selbstndigkeit seiner ihn aufbauenden Elementartheile. Als hchste habe ich diese Art des Verbandes bezeichnet . indem ich mich von der einfachen Thatsache leiten liess, dass alle hher organisirten Pflanzen und Thiere ihm zuzurechnen sind. Erst inner- halb solcher Zellverbnde kommt es zur Entstehung der mannig- faltigsten Structuren, zur Sonderung zahlreicher und verschieden- artiger Organe, zu einer Flle ungleicher Dift'ereuziruugen von einzelnen Zellen und Zellengruppen. So entsteht jene wunderbare reiche Stufen- folge organischer Formen im Pflanzen- wie im Thierreich . vom ein- fachsten Moospflnzcheu bis zur hchstentwickelten Blthenpflanze, vom relativ einfach organisirten Hydrapolypen bis zum Wirbelthiere mit seinen fr die verschiedenartigsten Detailfuuctionen eingerichteten Organen und Geweben. Im Vergleich zu solcher Mannigfaltigkeit erscheint die F()rnil)il(lung und Difl'erenzirung von Organismen, welche als Syncytien entwickelt sind, als eine ausserordentlich viel einfachere und niedere. Denn wenn auch die hchst organisirten Coeloblasten, wie Caulerpa, kleinen vielzrlligen Pflnzchen usserlich gleichen, so stehen sie doch auch wieder tief unter ihnen durch den Mangel jeder gewcblichen Differenzirung. durch den Mangel der zur Stoflleitung dienenden Gefsse, der mechanischen und der Oberhautgewebe etc. Radiolarien knnen hchst zierliche und zusammengesetzte Skelette bilden, ja sie knnen sogar Muskeltibrillen. wt^iche sich an die Kiesel- stbe ansetzen, erzeugen. Myxomyceten wandeln sich in sehr complicirte Fortpflanzungskrper um. Gleichwohl treten alle Syncytien ber ein sehr geringes Maass der Differenzirung nicht hinaus. Schon ihre Grsse Die Individualittsstufen im Organismenreic.h. 1 7 ist eine beschrnkte. Denn auch die grssten Arten sind klein im Veigleicli zu den Thieien und Ptianzen, die aus Verbnden gesondert bleibender Zellen hervorgegangen sind. Der so greifbare Unterschied nmss im eigensten Wesen der zwei Verbinduugsarten begrndet sein. Durch die Sonderung des Proto- plasmas in kleine Klnipchen um je einen Kern wird eine grssere Obertichenentwicklung herbeigefhrt, was fr die StoftVechselprocesse, fr die Aufnahme und Abgabe von Stoffen , von Vortheil ist. Die kleinen Bausteine knnen sich ferner zu regelmssigen und verschieden- artigen Verbnden aneinander legen, sie knnen sich nach aussen durch jMembranen al)grenzen und sich in dieser oder jeuer Weise ver- schieden differenziren. Kerne in einer zusammenhngenden , gemein- samen Protoplasmamasse dagegen knnen nicht einen festen Ort ein- nehmen, sie ndern schon in Folge der Protoplasmastrmung fort- whrend ihre Stellungen zu einander, so dass alle eben hervorgehobenen, eine hhere Entwicklung herbeifhrenden Momente in Wegfall kommen. Auch fr die Grsse der aus Zellen aufgebauten Organismen besteht ein viel weiterer Spielraum, da die Zellen durch ihre mannigfache Verbindungsweise innere Hohlrume erzeugen und auch die zur Sttze einer grsseren Masse weicher, organischer Substanz erforderlichen mechanischen Einrichtungen liefern knnen. Dagegen ist wieder eine vielkernige , einheitliche Protoplasmamasse bald an dem Punkt an- gelangt, wo nach dem Gesetz von Leuckart die Oberflche nicht mehr in einem entsprechenden Verhltniss zu der nach innen von ihr ge- legenen Protoplasmamasse steht, und wo die zur Erhaltung des Lebens erforderliche Wechselbeziehung zur Aussenwelt, Stoft'aufnahme und -Abgabe, nicht mehr ungestrt vor sich gehen kann. Es Hesse sich noch Vieles der Art anfhren, wodurch der Verband von mehr selbstndig gebliebenen Zellen sich ber das Syncytiura als eine hhere Entwicklungsform der organischen Substanz erheltt. Doch kann ein weiteres Eingehen hierauf jetzt unterbleiben, da die in den spteren Capiteln dargestellten Verhltnisse zur weiteren Erluterung und Besttigung der kurz angedeuteten Gesichtspunkte dienen werden. Ich schliesse daher diese Betrachtung mit einem Ausspruch, zu wel- chem Sachs durch die Vergleichung der Coeloblasten mit gewhn- lichen cellulren Ptianzen veranlasst worden ist. Es ist sehr leicht begreiflich, dass nicht nur die Festigkeit, sondern auch die gegen- seitige Abschliessung verschiedener Stoffwechselproducte, die Leitung der Sfte von Ort zu Ort etc. eine grssere Vollkommenheit erreichen muss, wenn die gesammte Substanz der Pflanze durch zahlreiche Quer- und Lngswnde in scharf von einander abgegrenzte Zellkammern ein- getheilt ist." III. Die organischen Individuen dritter Ordnung. Derselbe Process, den wir im vorausgegangenen Al)schuitt kennen gelernt haben , wiederholt sich noch einmal. Individuen zweiter Ord- nung, welchen Haeckel den Namen Personen" gegeben hat, treten abermals zusammen und rufen durch ihre Vereinigung eine neue, zu- sammengesetztere Form organischer Individualitt, ein Individuum dritter Ordnung oder einen Thierstock hervor. Auch hier Hertwig, Allgem. Anatomie b. Physiologie der Gewebe. 2 18 Zweites Capitel. lassen sich wieder zwei Gegenstze unterscheiden innige und zweitens festere Verbnde von Personen, verknpft durch eine Reihe von Uebergangsfornien. erstens und zwar weniger beide 1. Stcke von mehr locker verbundenen Personen. In dem Stock, dem organischen Individuum dritter ( rdnung. sind die einzehien Tlieilindividucu sofort als solche zu erkennen und zeigen in ihren Lebensusserungeu einen hohen Grad von Selbstndigkeit und Unabhngigkeit vom Ganzen. Das Theilindividuum lsst sich al)trennen, Fig. 10. Campanularia Johnstoni. a Hydranthen mit 1 1 ydrotheka, b im zurck- gezogenen Zustande, d Hydrocaulus. / Gonotlieca mit Blastostyl und Mediisenknospen. g Abgelste Meduse (nach Allman). Aus Richard Hektwig's Zoologie. Fig. 11. Schema einer Siphonophore. Aus Lang. Luftkammer, s^ Schwimmglocken. jo>? animal individuality. Proceed. of the royal institution. N. ser. Vol. L p. 184. 1855. 7) Leuckart. Ueber den Polymorphismus der Individuen oder die Erscheinung der Arbeits- theilung in der Natur. 8) Ngeli. Die Individualitt in der Natur. Monatsschrift des wissenschaftl. Vereins itt Zrich. 1856. 9) Derselbe. Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre. 1884. 10) Herbert Spencer. Principien der Biologie. Bd. I. p. 219. VI. Cap. Lndividualitt. 1876. DRITTES CAPITEL. Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung. I. Artgleiche V ereinigung. Die Lehre von der vegetativen Affinitt. Eine der wesentlichsten Grundbedingungen dafr, dass einzelne Zellen sieh zu Aggregaten zusammenfgen, ist ihre Artgleichheit, ihre Verwandtschaft (siehe S. 8). Diese ist das Band, welches die Einzelindividuen zusammenhlt und sie zu Bausteinen eines hheren Organismus umwandelt. Artgleiche Zellen ziehen sich an, artuugleiche stossen sich al). Da nun artgleich am meisten die Zellen sind, welche von einer gemeinsamen Mutterzelle abstammen, so sehen wir, dass die Eigenschaft der Zelle, sich auf dem Wege der Fortpflanzung zu vermehren, nicht nur die Grundlage und den Ausgangspunkt fr die Erhaltung der Art. sondern auch fr die Erschaffung hherer Orga- nisnienformen abgiebt. Theilstcke einer Mutterzelle , anstatt wieder zu selbstndigen Individuen wie die erzeugende Mutterzelle zu werden, bleiben verlnmden und stellen nun bloss Theile einer hhei-en Indivi- dualitt dar. Aus selbstndigen Artzellen sind sie zu Gewebszellen geworden. So wird das Fortpflanzungs- vermgen der organischen Substanz auf der einen Seite Mittel zur Erhaltung der Art, auf der andern Seite Mittel zu hherer Formbildung. Die Verwandtschaft der Gewebszellen zu einander bezeichnet man als vegetative Affinitt. Sie bildet ein Gegenstck zur sexuellen Affinitt, worunter man die VerAvandtschaft der Fort- lianzungszellen zu einander versteht (I. Buch S. 240). Wie man sich in das Wesen der letzteren durch Kreuzung der Geschlechtsproducte verschiedener Arten auf experimentellem Wege einen Einblick ver- schaffen kann, so kann man auch in das Wesen der vegeta- tiven Affinitt tiefer eindringen durch das Experiment des Pfropfens oder der Ver])indung zweier vegetativer Kr]) er derselben oder verschiedener Art. Am leichtesten lassen sich derartige Experimente bei den PHanzen anstellen, so dass die meisten Kifahrungen in der vorliegenden Frage von Seiten der Botaniker gewonnen worden sind. Bei den PHanzen Drittes Capitel. Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigiing. 21 kann mau leicht einen abgetrennten Theil , das Reis, von einem Individuum auf ein anderes derselben Art, auf den Grundstock oder die Unterlage, transplantiren und mit ihm zu einer festen, dauerhaften Vereinigung bringen. Es verwachsen nach kurzer Zeit die entsprechenden Gewebe von Reis und Unterlage miteinander ohne jede Strung. Aus zwei verschiedenen Individuen ist so ein einheit- lich functionirender Organismus auf knstlichem Wege hervorgerufen worden. Bei Individuen derselben Art gelingt die Ver- einigung zweier Stcke sogar, wenn sie in abnorme Stellungen zu einander gebracht werden, oder wenn sie nicht d i r e c t zusammengehren, wie Wurzel und Blatt. Der Erfolg des Pfropfens wird dagegen ein unsicherer oder ein von vornherein aussichtsloser, sowie es sich darum handelt, Stcke zweier verschiedener Arten miteinander zu verbinden. Im Allgemeinen ist auf ein Gelingen der Verbindung um so eher zu rechnen , je nher sich die zu verl)iudenden Arten im natrlichen System stehen, oder in anderen W^orten: die vegetative Affini- tt wird in hnlicher Weise wie die sexuelle Affinitt durch den Grad der systematischen Verwandtschaft bestimmt. Doch giebt es von dieser Regel sowohl bei der Pfropfung wie bei der Bastardbefruchtung unerwartete Ausnahmen, aus welchen Ngeli schliesst, dass die usseren Merkmale kein vollkommen zu- verlssiger Maassstab fr den Grad der inneren, coustitutionellen Ver- wandtschaft , sowohl der vegetativen, als auch der sexuellen Affinitt zwischen zwei verschiedenen Arten sind. Als Beispiel hierfr fhrt Vchting in seinem Werk ber Trans- plantation am Ptlanzenkrper" die Rassen des Birnbaums an, die sich mit dem derselben Gattung angehrenden und nahe verwandten Apfelbaum nur schwer durch Pfropfung vereinigen lassen, whrend die meisten auf der Quitte vortrefflich gedeihen, obschon diese zu einer verschiedenen Gattung gehrt. In diesem Fall wird brigens auch zwischen ihren Geschleclitsproducten die sexuelle Affinitt ver- misst. Denn Apfel- und Birnbaum lassen sich gleichfalls nicht mit einander bastardiren. Je nachdem es nun zur Entstehung einer einheitlich functio- nirendeu Individualitt kommt oder nicht, unterscheidet Vchting die Verbindungen von Reis und Grundstock als harmonische und als disharmonische. Die letzteren lassen verschiedene Abstufungen erkennen, die fr uns e])enfalls von Interesse sind. Whrend gewhn- lich die nicht zu einander passenden Pfianzentlieile sich von vorn- herein gegenseitig abstossen, so dass es zu keiner Verwachsung kommt und das Reis rasch zu Grunde geht, gelegentlich auch ein Stck des Grundstocks, gleichsam vom Reis vergiftet, abstirbt, tritt in andern Fllen die Disharmonie in weniger schroffer W^eise auf. Reis und Grundstock beginnen unter einander zu verwachsen , nach krzerer oder lngerer Zeit aber treten Strungen ein , die allmhlich zum Zerfall fhren. Die Strungen bestehen gewhnlich bei krautigen Pfianzen darin, dass das Reis an seiner Basis Wurzeln zu bilden beginnt, die gelegentlich auch in die Unterlage selbst hineinwachsen. Ein lehrreiches Beispiel liefert die von Vchting versuchte Pfropfung zwischen zwei Cactusarten, Rhipsalis paradoxa und Opuntia 22 Drittes Capitel. Labouietiami (Fig. 12). Zwisclieu Reis und Grundstock ist zwar usserlich eine Vereinigung eingetreten, die schon etwa 20 Monate bestellt; al)er sie ist keine physiologiscli normale wie bei gelungener Pfropfung. Denn der Grundstock ist durclizogen von den Wurzeln des Reises, deren lngste in etwa HO nini Entfernung von der Ein- fgungsstelle die Epidermis durchbrochen hat. Andere sind unter der Oberhaut hin gewachsen, ohne sie aber durch- bohrt zu haben. An diesen Orten ist die Haut selbst abgehoben und zu Grunde gegangen. In Folge der Wurzelbildung des Reises sind die Gewebe des Grundstockes , der missfailiig und etwas durchsichtig aussieht, selbst verndert und theilweise in eine Gallerte vertissigt worden, welche an einer Stelle (g) als Tropfen an die Oberflche getreten ist. In solchen und anderen Fllen benutzt das Reis die durch die Unterlage herbei- geschafften Sfte und Salze zu seiner Er= nhruug, will sich aber selbst mit ihr nicht zu einer geschlossenen Lebeuseinheit ver- binden ; denn wie Ychting mit Recht l)emerkt, bedeutet die W^urzelbildung nichts Anderes als das Streben, sich zu einem selbstndigen In- dividuum abzurunden. Anstatt zu einem dem Grundstock eingeordneten Theil zu werden, macht das Reis den Versuch , sich zu einem Parasiten dessell)en umzugestalten. Die weitere Folge ist, dass auch der Grundstock fters auf den sich ihm nicht anpassenden Fremdling zu reagiren beginnt. So sah Vchting, als er Rhipsalis paradoxa auf Opuutia Labouretiana aufpfropfte, dass um die Wurzeln der ersteren das Gewebe des Grundstocks theilsKorkscheiden lierumgebildet und theils sich zu einer galler- tigen Masse umgewandelt hatte. In manchen Fllen hat der Ex])erimen- tator die Disharmonie zweier Arten A und B in der Weise berwinden knnen, dass er sich einer dritten Art C bediente, welche zu den unter einander disharmonischen Formen eine vegetative Affinitt l)esass. Er schob dieselbe als Mittelglied zwischen die beiden disharmo- ^ - Fig. 12. OpuntiaLa- bour. mit Rhipsalis pa- radoxa als Reis. Bei wto sii-htmandie vom Heis in die L'nterJJige hinahgesandteu Wurzeln, welche iiie und da die ( )beriiaut dureliljrochen haben. ^ Die aus dem Sprosse derOpuntia hervorgetretene und erlirtete (ialkrtmasse. I nischen Formen ein und stellte so einen aus Stcken dreier verschiedener Arten zusammen- gesetzten , einheitliciien Organismus dar, in welchem auf yl als Grundstock ein Ueis von G und auf dieses wiedei- ein Reis von JB aufgepfropft war. Schwieriger und daher auch seltener ausgefhrt sind Pfr(>i)fungen und Tra n spl a n t ationen l)ei Thieren. Doch scheinen bei ihnen nach dem Wenigen , was sich bereits hat feststellen lassen , hnliche (iesetze wie bei den Pflanzen zu gelten. Tkkmhlky hat zwei Individuen von Hydra fusca der Quere nach in zwei Stcke zerschnitten und ihre vorderen und ihre hinteren Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung. 23 Hlften vertauscht und dann zusammengeheilt. Whrend es ihm so leicht glckte, Theile zweier Individuen zu einer neuen Individualitt zu vereinigen, haben weder er noch neuerdings Wetzel, welcher zahl- reiche Experimente ausgefhrt hat, es fertig gebracht, Polypenstcke von verschiedener Art, von Hydra viridis und von Hydra fusca, nach demselben Verfahren fr die Dauer zusammen zu pfiopfen. Born hat ohne grosse Schwierigkeiten geeignete Theilstcke von zwei Embryoneu von Rana esculenta, wenn sie gengend jung waren, zu einer lebensfhigen Einheit zusammenpfropfen knnen. Auch auf Vereinigung artungleicher Embryonen hat er seine Untersuchungen ausgedehnt und dabei das folgende Resultat erhalten. Die vegetative Affinitt zwischen embryonalen Theilstcken, die Angehrigen zweier verschiedener, aber nahe verwandter Arten entstammen (R. fusca, arvalis und esculenta), erwies sich als ziemlich ebenso gross wie die zwischen den Theilstcken artgleicher Com- ponenten. Bei Gattungsverschiedenheit (R. esculenta und Bombinator igneus) erschien die vegetative Affinitt primr" kaum geringer; die Verwachsung der Gewebe trat in den meisten Fllen leicht, sicher und vollkommen ein. Ob das Ausbleiben der Ver- wachsung der Darmrohre und der Vereinigung der Bauchhhlen in dem einen untersuchten Falle von Bauchvereinigung zwischen R. es- culenta und B. igneus auf mangelnder vegetativer Affinitt der Zellen beruht, muss so lange unentschieden bleiben, als nicht weiteres, ein- wandfreies Material vorliegt. In spterer Zeit sind mir bis- her alle Zusammensetzungen zwischen R, esculenta und B. igneus, nachdem sie gefressen hatten und sich sicher schon ein Blutaustausch etablirt hatte, zu Grunde gegangen." Born selbst lsst es vorlufig noch dahingestellt, ol) hier ein Zufall vorliegt, oder ob das bei solchen Versuchen immer der Fall sein wird," ob die Todesursache bei diesen Formen in der mangeln- den ,vegetativeu Affinitt" der Zellen oder mehr in unvereinbaren Unterschieden der Gesammtorgauisation zu suchen ist." Neuerdings hat Joest auf Korschelt's Anregung Transplan- tationen zwischen verschiedenen Arten von Regenwrmern (hetero- plastische Vereinigungen , wie er sie nennt) ausgefhrt. Whrend an dem Versuchsmaterial artgleiche (homoplastischej Vereinigungen leicht gelangen und auch von Dauer waren, blieben bei 59 Versuchen mit artungleicher Verbindung vielfach die Stcke eine ganz kurze Zeit vereinigt, um sich dann einfach zu trennen oder zu Grunde zu gehen. Am besten hielten sich in erster Linie die Verbindungen von Allolobophora terrestris und Lumbricus rubellus, Avie auch die von Allolobophora caliginosa und Allolobophora cyanea einerseits und Lumbricus rubellus und Allolobophora terrestris andererseits, wohingegen solche von Lumbricus rubellus m i t A 1 1 1 b p h r a f o e t i d a u n d A 1 1 o 1 o b o p h o r a c h 1 o r o t i c a b e r h a u p t unmglich erschienen. Letztgena nute Vereini- gungen kuute man in analoger Weise wie bei den Tfianzeu als disharmonische bezeichnen". Seine Ergebnisse fasst Joest in den Satz zusammen : Dauernde Vereinigungen von Theilstcken verschiedener Art sind zwar nicht so leicht zu erreichen wie homoplastische Verbindungen , gelingen aber doch in vielen Fllen, und zwar verschmelzen die Theilstcke 24 Drittes Capitel. ZU einem neuen Individuum, dessen Organisation, abgesehen von dem Speciescharakter der vereinigten Theilstcke, eine einheitliche ist.'" Anstatt ganzer Krpertheile hat man bei Thieren hutiger ein- zelne kleinere G e w e b s s t c, k e von einem I n d i v i d u u m auf ein anderes zu bertragen gesucht. Denn solche Ex- perimente sind auch fr den Chirurgen von besonderem Interesse. Olliek und A. Schmitt haben mit lebender Knochenhaut und Knochen- stckchen experimentirt und Einheilungeu und AVeiterwachsthum derselben erreicht, wenn es sich um Uebertragungen zwischen Indivi- duen derselben Art oder von einer zu einer anderen Krperstelle desselben Individuums handelte. Dagegen blieb der Erfolg aus z. B. bei Uel)ertragung eines Perioststckes von Hund auf Katze . Kanin- chen, Ziege, Kameel etc. oder umgekehrt; entweder wurde das trans- plantirte Stck ganz resorbirt, oder es bildete sich um dasselbe ein Eiterherd aus. oder es wurde in eine Cyste eingeschlossen. Eigenartige Experimente hat P. Bert angestellt: er trennte von weissen, einige Tage alten Patten ein 2 3 cm langes Stck vom Schwanz al) und brachte es nach Abtrennung der Haut dem operirten Thiere an einer anderen Stelle in's Unterhautbindegewebe. Schon nach wenigen Tagen war die Circulatiou in der Schwauzspitze durch Ver- bindung mit den Gefssen der Umgebung wieder hergestellt. ]\Iuskeln und Nerven vertielen einer regressiven Metamorphose, aber die andern Gewebe. Knochen, Knorpel. Bindegewebe etc., fuhren leibhaft zu wachsen fort, so dass die Schwanzspitze, die bei der Transplantation 2 3 cm gross war. bei einigen Thieren, wTlche einen, zwei oder drei Monate nach der Operation getdtet wurden, zu einer Lnge von 5 9 cm ausgewachsen w-ar. Dagegen fiel das Resultat bei ^^ e r p f 1 a n z u u g von einer auf die andere Art abweichend aus. Bei Ueber- tragungen der Schwauzspitze von Mus decumanus oder Mus rattus auf Eichhrnchen, Meerschweinchen, Kaninchen, Katze. Hund oder umgekehrt traten entweder heftige Eiterungen ein, welche die Al)- stossung des verpflanzten Stckes und hutig auch den Tod des Versuchsthieres zur Folge hatten, oder es erfolgte bei weniger str- mischem Verlauf allmhliche Resorption. Ein U eher leben und We it er wachsen der Seh wanzspitze Avurde nur bei sehr u a h er syst e m a t i s c h e r \e r w a n d t s c h a f t d e r z u m ^' e r - suche benutzten zwei Thi er arten erzielt. So gelangen Transilantationen von Mus rattus auf Mus decumanus und umgekehrt, dagegen nicht von Mus sylvnticus auf j\Ius rattus. Zu demseli)en Ergebuiss fhrt die Vermischung der Blut- arten von zwei verschiedenen Thieren, wie alle Experimen- tatoren, die sich eingehender mit der Lehre von der Transfusion beschftigt haben, in bereinstimmender Weise berichten. Auch hier kann man harmonische und disharmonische Verbin- dungen unterscheiden, die wieder vom Grade der systematischen Verwandtschaft der Thierarten be- st i m m t werd e ii. Bei Venniscliuiig disharmonischer Blutarteu treten sofort schwere Strungen im Organisnuis auf. Schon nach wenigen Minuten beginnt ein Zerfall rother Blutkr])erchen , eine Auflsung des Hmoglobins im Plasma (Lackfarbi^werib'n des Blutes) (Mnzutreten. was in kurzer Zeit Blutharn zur Folge hat. Schon in schwachen Dosen wirkt un- Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung. 25 gleichartiges Blut schdlich, iu starken Dosen oft sogar tcltlich. Der Erfolg ist ein ziemlicli hnlicher, mag man das Blut unmittelbar von Gefss zu Gefss zwischen zwei Thierarten, zwischen Hund und Kaninchen oder Hund und Hammel oder umgekehrt ljerleiteu , oder mag man es iu detilirinirtem Zustand einspritzen. Dagegen ist Trans- fusion von Blut zwischen Individuen derselben oder sehr nahe stehen- der Arten ohne Schaden ausfhrbar. Die Hmoglobinurie bleibt selbst bei sehr grossen Gaben aus. Hieraus zieht Ponfick den Schluss. dass die Blutkrperchen in ihrer weitaus berwiegenden Mehrzahl in dem fremden Organismus unverndert bestehen bleiben. Die mitgetheilten Ergel)nisse der Pfropfung, Transplantation und Transfusion berechtigen uns jetzt zur Aufstellung der folgenden These: an den Geweben von Pflanzen und Thieren sind zwei verschiedene Arten von Eigenschaften zu unter- scheiden, erstens die Eigenschaften, welche mit der besonderen Leistung des Gewebes zusammenhngen, und zweitens die Eigenschaften, die ihnen als Th eilen einer besonderen rga uismenart zukommen. Die fuuction eilen Eigenschaften prgen sieh meist in einer besonderen S t r u c t u r der Gewebe aus, sie sind daher fr unser Auge hufig leicht erkennbar und der m i k r s k p i s c h e n U n t e r s u c h u n g zugnglich. Ferner be- dingt gleiche Function der Zellen auch eine gleiche Structur. Daher sehen wir, dass gleich fuuctionirende Gewebe bei den verschiedensten Organismen sich ausserordentlich hnlich sind. Eine Sehne, ein Nerv, ein Knochen- und Knorpelstck oder Blut eines Hundes und eines Pferdes sind mglicher Weise bei histologischer Untersuchung nicht zu unter- scheiden; auch nach ihren specilischen Leistungen fr den Organis- mus wrden sich die entsprechenden Theile der beiden Sugethier- arten gegeneinander austauschen und wechselseitig ersetzen lassen mssen. Eine entsprechend grosse Sehne des Hundes, mit einem Muskel des Pferdes vereinigt, wrde den Zug vom Muskel auf den Knochen ebenso gut bertragen und somit einen Ersatz fr die mechanische Leistung der Pferdesehne l)ilden knnen und ebenso ein Knochen-, ein Knorpel- und ein Nerveustck. Durch die usserlichen Aehnlichkeiten in der Structur darf man sich indessen nicht verleiten lassen, auch eine innere Aehnlichkeit zwischen gleich aussehenden Zellen und Geweben anzunehmen. In dieser Annahme liegt ein grosser Irrthum vor, in den schon manche Forscher verfallen sind. Denn es werden hierbei die an zweiter Stelle oben hervorgehobenen Eigenschaften, welche einem Gewebe als T h e i 1 einer li e s o n d e r e n Organismen- a r t anhaften, die c o n s t i t u t i o n e 1 1 e n oder Arteigen- schafteu, ganz bersehen; sie werden so leicht bersehen." weil sie sich unserer Wahrnehmung nicht aufdrngen, da sie auf einem fr unsere Erkenntnissmittel noch unzugnglichen Gel)iete liegen und nur auf Grund der oben erwhnten Experimente und allgemeinen Erwgungen erschlossen werden knnen. Der Sachverhalt ist bei den Gewebszellen ein hnlicher wie bei den Geschlechtsproducten. Nach ihren histologischen Eigenschaften sind einerseits (He Eier, andererseits die Samenfden der verschie- denen Sugethiere einander ausserordentlich hnlich und iu vielen 26 Drittes Capitel. Fllen fr ims gar nicht imterscheidbar ; als Trger der Artcliaraktere aber, die in diesem Zustand fr uns nicht wahrnehmbar sind, mssen sie . worber ein Zweifel nicht bestehen wird . so weit voneinander verschieden sein wie Art von Art. Worauf beruht nun die ^'erwandtschaft der Zellen, ihre sexuelle und ihre vegetative Affinitt? Auf der Gleichheit ihrer unseren Untersuchungsmittehi unzugnglichen, feineren Organisation, auf dem micellaren Aufbau derjenigen Zellbestandtheile, welche wir in dem ersten Buch als die P'.igenschaftstrger des Organismus oder als seine Erbmasse nachzuweisen versucht haben. Dementsprechend werden artungleiche Zellen sich auch in ihren chemisch-physikalischen Eigen- schaften von einander unterscheiden; der ganze cellulre Stoifwechsel wird einen fr die Art specitischen Charakter haben und bewirken, dass nur Zellen mit gleichartigem Stoffwechsel und mit gleichen chemisch-physikalischen Eigenschaften zu einander passen. II. Die symbiontische Vereinigung (Symlbiose). So richtig im Allgemeinen auch der Satz ist, dass nur Zellen gleicher Abstammung sich zu hheren Stufen der organischen Indivi- dualitt zusammenfgen, so bietet die Katur mit ihrem unerschpflichen Reichthum an Mitteln doch auch manche Ausnahmen von der Regel dar, nmlich Verl)induugen von Zellen, die nicht auf innerer Verwandt- schaft beruhen, und die wir daher den artgleichen als artungleiche gegenber stellen knnen. Diese selbst aber lassen sich wieder in zwei Gruppen sondern. In der einen Gruppe, mit welcher wir uns zunchst in diesem Abschnitt beschftigen wollen , lernen wir Verbindungen kennen . in denen zwei artungleiche Zellen sich zwar in ihrer Micellarstructur und ihrem Stoffwechsel wesentlich unterscheiden, aber dabei doch auch wieder so beschaffen sind, dass die eine Art neben der anderen ohne gegenseitige Beeintrchtigung bestehen kann. Ja es kann sogar der Fall eintreten, dass beide Arten von Zellen aus ihrem Zusammensein in mancher Hinsicht einen wechselseitigen Nutzen erfahren. Ein solches Verhltniss hat der Botaniker de Bary eine Symbiose genannt. Das lehrreichste und interessanteste Beispiel einer Symbiose bieten uns die Flechten ; sie wurden noch vor wenigen Jahrzehnten wegen ihres charakteristischen Aussehens fr eine ganz eigenartige Classe von niederen PHanzen gehalten, bis durch die morphologischen Unter- suchungen von dp: Baky und Schwkndenek. denen sich die experinientell- entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten von Bakanetzkv. Rees und Stahl ansciilossen, der Nachweis gefhrt wurde, dass sie keinen einheitlichen Organismus, sondern ein Aggregat zweier innig zusammenlebender, im System weit auseinander stehender Organismenarten, eine Symbiose einer Pilz- und einer Algenart, darstellen. rilzfden aus der Abtheilung der Ascomyceten bilden ein Getiecht (Fig. 13 P) und liefern so die gewebliche Grundlage, in deren Maschen zahllose kleine Algenzellen {A), die bald grnen, rotlien oder gelben Farbstoff fhren . eingesclilossen sind. Die zahlreichen verschiedenen Arten von Fk'chteii al)er. die einen so ausgeprgten Speciescharakter zur Schau tragen, kommen dadurch zu Stande, dass immer eine bestimmte IM 1 zart sich nur mit einei- bestimmten A 1 g e n a r t vergesellschaftet. Artgleiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung. 27 In solcher Genosseiiscluift leben zwei Zellarten mit ganz entgegen- gesetzten Eigenschaften , mit einem grnudverschiedenen Stoffwechsel zusammen, Zellen, die wie die grnen Panzenzellen Kohlensure zersetzen und Kohlenhydrate etc. bilden knnen, und Zellen, welchen gerade dieses Vermgen fehlt, und die nur von schon gebildeter orga- nischer Substanz leben knnen. Aber gerade aus diesem Gegensatz ziehen die beiden Organismenarten in dem merkwrdigen Doppel- wesen, das wir Flechte nennen, besondere Vortheile , durch welche sie sich in ihrem Gedeihen gegenseitig frdern. In Folge des hohen Anpassungsgrades der Pilz- und Algenzellen an einander und der damit Hand in Hand gehenden specitischen Formbildung des durch sie gemeinsam erzeugten Aggregates erscheint jede Flechte in hohem Maasse als ein einheitlicher Organismus, der Fig. 13. stark vergrsserter Durchschnitt durch ein Stck Flechte. Nach Stahl. Die Flechte setzt sich zusammen 1) aus den Pilzfden (P), die, sich in allen Richtungen durchkreuzend, ein dichtes Geflecht bilden, und 2) aus den Algen- zellen (^J), die, grn gefrbt und wie Stcke einer Perlschnur aneinander gereiht, im Pilzgeflecht liegen. sich von einem artgleichen Aggregat kaum unterscheiden lsst. In einem Punkt aber tritt in vller Klarheit die Natur des Doppelwesens zu Tage, nmlich in der Art ihrer Fortpflanzung. Eine Pilzzelle besitzt niemals die Fhigkeit, eine Algenzelle, und diese ebenso wenig die Fhigkeit, eine Pilzzelle hervorzubringen. Die eine Zellenart kann auf die andere ihre Eigenschaften nicht bertragen. Soll ein neuer Flechtenorganismus daher gebildet werden, so ist dies nur in der Weise mglich, dass der Pilzkrper (P) und der Algenkrper () ihre eigenen Fortpflanzungszellen liefern, und dass beide dann bei ihrer Keimung wieder durch Zufall zusammen gefhrt werden und sich zu einem Aggregat von neuem vereinigen. Aus der Pilzspore wchst ein Keimfaden hervor, der sich zwar eine Zeit lang durch Sprossung weiter vermehren kann, aber schliesslich zu Grunde geht, wenn er nicht mit der zugehrigen Algenart zusammen trifft. Ist dies aber geschehen, 28 Drittes Capitel. SO legt er sich derselben iuuig an und umspinnt sie mit Seitensten, die er treibt. Beide beeinflussen sich dann in der Art ihres Wachs- thums so sehr . dass sie zusammen Formen l)ilden , welche weder mit Pilzen noch mit Algen eine entfernte Aehnlichkeit liaben. Es leuchtet ein," bemerkt Sachs, dass die chlorophyllhaltigen Algen im Flechtenkrper geradeso als Assimilationsorgane wirksam sind wie die chlorophyllhaltigen Zellen etwa in der Rinde eines grnen Stengels oder in einem Blatt. Ihre Assimilationsproducte kommen dem Flechtenpilz als Nahrungsmaterial zu Gute, whrend umgekehrt die zur Assimilation nthigen Aschenbestandtheile den Algenzellen durch den Pilz zugefhrt werden. Durch dieses Convivium aber werden die Flechten nunmehr unaldingig von einem organischen Substrat. Whrend alle brigen Pilze Parasiten oder Humusl)ewolmer sind, knnen sich die Flechten auf rein mineralischem Boden, selbst auf der Obertlche krystallinischen Gesteins ansiedeln . da ja die in ihnen enthaltene Alge sie unabhngig macht." Wir finden sie befhigt, die unorganische Substanz von Gesteinen, z. B. des Granites, zu zersetzen, um, hnlich wie die Wurzeln der hheren Ptiauzen, diejenigen Mineral- stoffe zu gewinnen, welche ihre chlorophyllhaltigen Zellen, die Algen in ihrem Gewebe, zur Assimilation bedrfen. Indem also diese Pilze mit bestimmten Algen sich vereinigen , um sich von ihnen ernhren zu lassen, gewinnen sie eine Freiheit in der Wahl ihrer Wohnorte, die keinem anderen Pilz zu Gebote steht." Entweder bilden sie, wie die Laubflechten, tlchenartig ausgebreitete Bltter und Krusten, oder sie stellen, wie die Bartflechten, vielfach verzweigte Strucher dar; mit einem Wort, sie erzeugen Gestalten, wie sie sonst nur den typisch chlorophyllhaltigen Pflanzen eigen sind." Es handelt sich, wie bei diesen, so auch hier darum, die grnen Zellen in geeigneter Weise i mit dem Licht und der Luft in Beziehung zu setzen . was entweder durch blattartige Ausbreitung oder durch vielfache Verzweigung des Gewebes zu erreichen ist (J. Sachs.) Der Symbiose der Flechten lassen sich ebenso im Thierreich Er- k scheinungen zur Seite stellen, welche ein inniges Zusammenleben zweier artverschiedener Zellen lehren, allerdings ohne ein so interessantes Gesannntl)ild darzubieten, wie es fr die Flechten einzig in seiner Art ist. Es handelt sich auch hier um ein constantes Zusammen- leben thierischer Zellen mit niedersten, einzelligen AI gen arten. Wie 1871 durch den russischen Botaniker Cienkowsky auf Grund entwicklungsgeschichtlicher Studien nachgewiesen wurde, kommen mit Consfanz im Protoplasmakiper gewisser Radiol a ri enarten niederste, einzellige Algen vor. die sich in ihm durch Theilung vermehren und von anderen Forschern schon als gelbe Zellen beschrieben, aber fr Bildungsi)r()ducte des Kadiolarienkrpers selbst gehalten worden waren. Einige Jahre sjjter machten mein Bruder und ich die Entdeckung, dass bei zahlreichen Actinienaiten in der den Urdarm auskleidenden Zellenschicht zahlreiche kleine, gelbe Zellen (Fig. IAA) eingebettet sind, die wir auf (Mund ihres ganzen Verhaltens (Cellulosemembran, Strke- krnchen, selltstiidige Veiniehrunu durch Theilung (Fig. 15 ^ u. B), L'eberleben beim Tode ihres Wirtlies) fr niederste, einzellige Algen erklrten. Sie haben sich direct in die geisseltragenden Cyliuder- zellen des Darmdrsenblattes (Fig. 14) eingenistet, so dass fast jede einzelne von ilmeii 2 bis 5 einschliesst. Sie gehren so sehr zum Artf^leiche, symbiontische, parasitre Zellvereinigung. 29 charakteristischen Bestandtheil gewisser Actiuienarteu, dass sie in keinem Individuum vermisst werden, dass sie bei ihrem massenhaften Vorkommen der l)etretitenden Art ihre specilische grnliche, gelbliche oder ])runliche Frbung verleihen. Aehnliche Genossenschaftsver- hltnisse wie bei den Actinien wurden unmittelbar darauf noch in vielen anderen Fllen durch Brandt, Ged- DES, Graff. Geza Entz etc. nach- gewiesen, nmlich bei mehreren In- fusorien, bei Hydra viridis, bei Spougilla viridis, bei Medusen und Velellen, bei Stachelhutern, Wr- mern und Schnecken. Meist sind hier die eingenisteten Algenzellen intensiv chlorophyllgru gefrbt und gelben viel geringeren Algeuzellen Ficr. 14. Fig. 14. ZweiisolirteEntoderm- zellen einer Seerose (Anthea' c-ereus). Stark vergrssert. Man sieht in der links stehenden Darmzelle drei gelbe Algenzellen (A), in der anderen zwei gelbe Algenzellen (A) eingebettet. In der linken Darmzelle gewahrt man noch drei Hohlrume, in welchen ursprnglich auch Algen gelegen haben, die aber bei der Prparation herausgefallen sind. Fig. 15. Gelbe Algenzellen, aus der Darmwand einer Seerose her- ausgedrckt. A Uugetheilt. B In Zweitheilung. h Cellulosehiille. k Kern, a Strke- krnchen. dabei noch von einer Grsse als die der Radiolarien und Actinien. Auch tragen sie, wie bei Hydra viridis, zum charakteristischen Habitus der betreffenden Art so wesentlich bei, dass sie geradezu ein wichtiges Art- merkmal abgeben. Wie bei den Flechten scheint aus der Symbiose von Thier- und Algenzellen ebenfalls ein gegen- seitiger Nutzen zu erwachsen, so dass man von einem parasitischen Verhltniss nicht gut reden kann. Wahrscheinlich kommt die Kohlen- sure, welche in dem thierischeu Gewebe als Abfallsproduct bereitet wird, den Algen zu Gute, whrend der Sauerstoff, welcher im Stoffwechsel der Algen entsteht, von den Thierzelleu wieder aufgenommen und zur Oxydation der als Nahrung dienenden organischen Substanzen verwendet wird. Dazu gesellen sich vielleicht noch andere Vortheile auf beiden Seiten. Eingenistet in den Geweben der Thiere, sind die Algen den Nachstellungen anderer Geschpfe entzogen; sie knnen daher unter diesen in jeder Beziehung gnstigen Bedingungen rascher wachsen und sich durch Theilung fortplianzen, als es ohnedem mglich wre, wofr die Massenhaftigkeit ihres Auftretens in klarer Weise spricht. Die Thiere dagegen be- herbergen in den Algenzellen ein sehr ntzliches Nhrmaterial , das sich durch Fortpflanzung selbst erhlt, indem sie ihnen wahrscheinlich berschssige Producte ihrer Assimilation, wie Strke und Zucker, theil weise entziehen. Von solchen Gesichtspunkten aus betrachtet, bietet uns der Haus- halt eines mit Algen zusammenlebenden Thieres ein interessantes Schauspiel dar. In ihrer Symbiose vollzieht sich gewissermaassen der- selbe Kreislauf der Stoffe, der in der gesammten Natur zwischen Thier- und Pflanzenreich statttindet, pflanzlichen und thierischeu Zellen, einer Individualitt vereinigt sind. auf alleren gstem Rume zwischen die durch Symbiose scheinbar zu 30 Drittes Capitel. III. Die parasitische Vereinigung. Von der S>iiil)ioso sind als eine zweite Gruppe solche Yerliiiidungeu zweier artungleicher Zellen zu unterscheiden, innerhalb welcher die eine durch die andere Art in ihren Lebensprocesseu wesentlich ge- schdigt wird. Beide Zellenarten l)etinden sich gewisserniaassen in einem Kampf nnt (nnandei'. Im Gegensatz zur Symbiose bezeichnen wir die Verbindung daher als eine parasitre, und wir bege1)en uns bei ihrer Betrachtung vom normalen auf das pathologische Gebiet. In die Gewebe hherer Organismen knnen fremdartige Zellen, durch besondere Verhltnisse begnstigt, eindringen, in ihnen einen geeigneten Boden fr ihre Vei-niehrung finden und durch ihren Einfluss auf die Wirthsgewel^e charakteristische Gewebsformen hervorrufen, die man in der pathologischen Anatomie Infectionsgesch Wlste nennt. Diese zeigen je nach der Localitt, in der sie entstanden sind, und je nach der fremdartigen Organismenart, welche sie veranlasst hat. ein durchaus eigenartiges Geprge, aus welchem man sofort einen Sehluss auf den specitischen Krankheitserreger machen kann. Auf die Anwesenheit von Tuberkelbacillen sind die eigenthm- lichen Miliartuberkeln und die kntchenfrmigen Geschwlste in der Haut l)ei Lupus zurckzufhren. Das syphilitische Contagium bedingt je nach den (jrganen. in denen es zur Entwicklung gekommen ist, eine ganze Reihe typischer Geschwulstformen, Condylome, Gummata etc. Die verschiedenen Arten der Carcinome und Sarcome endlich sind nach den vergleichend pathologischen Untersuchungen von PFf:iFFKK hchst wahrscheinlich auch parasitren Ursprungs, w^enn es auch noch nicht geglckt ist, den Mikroorganismus, der in die Gruppe der Plasmodien und Sarcosporidien zu gehren scheint, isolirt darzustellen, in Rein- cultur zu zchten und zu berimpfen. Durch das Zusammenleb(>n zweier artverschiedener Zelhn wird in den pathologischen Geschwlsten die gegentheilige Erscheinung wie bei der Synd)iose hervorgerufen. Whrend hier die Stotfwechselprocesse der beiden verimndenen Organismen trotz ihrer Verschiedenartigkeit doch zu einander passen, so dass der eine den andern nicht schdigt, im Gegentheil ihm in vielen Fllen sogar ganz otfenbaren Kutzen bringt, l)t dort der Eindringling oder Parasit durch seinen Stoff- wechsel eine liald mehr, bald weniger intensive Schdigung auf die umgebenden Gewel)e des Wirthes, ja schliesslich auf seinen ganzen Organismus aus. Er wird fr ihn zu einem Verderben bringenden, unter Umstnden tdtlichen Gift. Die Schdigung beruht weniger darauf, dass der Parasit dem Wirthsgewebe Nahrung entzieht, sondern ist in dem Umstand be- grndet , dass er bei seinem Stoffwechsel organische Verl)indungen erzeugt, die schon in geringsten Dosen eine ganz erstaunliche Gift- wirkung auf die Zellen des Wirthsorganismus ausben. Von manchen Mikroorganismen ist es gelungen, die giftigen Stoffe oder Toxine zu isoliren und in concentriitem Zustande darzustellen, das Tul)erkulin, das Gift des Staphylococcus, des Diphtheriebacillus etc. Es ist ber- raschend, in welchen geringen Dosen die Toxine, welche in die Reihe der Proteinverbindungen gehren, wenn sie in den Kreislauf eines Thieres gebracht werden, die gefhrlichsten Vei-giftungssymptome bewirken, hohes Fieber, Lhnumgen im Bereiche des Nervensystems, Artgleicho, symbioiitische, parasitre Zellvereiuigung. 31 fettige Eutartungeu der Zelleu, namentlich der Nierenepitlielien, durch welche die Ausscheidung und Entfernung der Toxine aus dem Blute besorgt wird. Im Gegensatz zur Syud)iose , bei welcher man z. B. die ein- gedrungenen Algenzellen als integrirende Bestandtheile der Gewebs- zellen selbst gehalten hat, erscheinen die pathologischen Geschwlste als etwas dem Organismus Fremdartiges, als Strungen seines Normal- zustandes. Auch zeigen sie uns theils eine directe Schdigung der Wirthszellen, theils reactive Erscheinungen vom Wirthsorganismus zur Abwehr der ihm fremdartigen Mikroben. Um ein Beispiel anzufhren, so hat die Ansiedelung von Tuberkel- bacilleu zur Folge, dass durch den von ihnen ausgebten lieiz die umgebenden fixen Gewebszellen in Wucherung gerathen und ein hirsekorngrosses Kntchen bilden, das aus protoplasmatischen, epithe- loiden Zellen zusammengesetzt ist. Unter diesen entwickeln sich auch einzelne besonders protoplasmareiche und von vielen Kernen erfllte Riesenzellen. Theils in den Zellen, theils zwischen ihnen finden sich die Bakteriencolonieen. Nach einiger Zeit lassen die von den Tuberkel- bacilleu befallenen Zellen Vernderungen des Kerns und Protoplasmas, Schrumpfung und Zerfall des erstereu , hyaline Degeneration des letzteren erkennen, Erscheinungen, die man als Coagulations?nekrose bezeichnet hat. Auf den fremdartigen Reiz reagirt dann auch die weitere Umgebung der vom Parasiten befallenen und vernderten Gewebspartie ; es bilden sich entzndliche Erscheinungen aus unter Betheiliguug des angrenzenden Gefsssystems ; weisse Blutkrperchen wandern nach dem Ort der Schdigung hin, dringen theilweise zwischen die epitheloiden Zellen selbst hinein und infiltriren die nchste Umgebung des Tuberkels. Indem beim weiteren Fortschreiten der Coagulatiousuekrose die centralen Partieen absterben, kommt es schliesslich zur sogenannten Verksung des Tuberkels. Literatur zu Capitel III. 1) Beresowsky. Ueber die histologischen Vorgnge bei der Transi)lantation von Haut- stcken auf Thiere einer anderen Spccies. Ziegler's Beitrge zur patholog. Anat. und zur allgemeinen Pathologie. Jena 1893. 2) P. Bert. Reciterches experimentales pour servir a Vhistoire de la vitalite propre des tissus animaux. Annales des seiences naturelles, ser. V. Zoologie t. /'. 1886. 3) G. Born. Ueber Ergebnisse der mit Amphibienlarven angestellten Verwachsungs- versuche. Verhandl. d. anatomischen Gesellsch. in Basel 1895. 4) Der selbe. Die knstliche Vereinigung lebender 2'heilstiicke von Amphibienlarven. Jahresber. d. Schles. Gesellsch. f. vaterl. Cultur. Medic. ection. 1894. 5) Derselbe. Ueber Verwachsungsversuche mit Amphibienlarven. Archiv fr Entwicklungs- mechanik Bd. IV. 1897. 6) Brandt. Ueber das Zusammenleben von Thieren und Algen. Verhandl. der phyaiol. Gesellsch. zu Berlin 1881. 7) Derselbe. Uebei die morphologische und physiologische Bedeutung des Chlorophylls bei den Thieren. Mittheil, aus der zoolog. Station zu Neapel Bd. IJ'. 1883. {Daselbst auch ausfhrlicher Literaturbericht.) 8) de Bary. Ueber die Erscheinung der Symbiose. Strassburg 1879. 9) V. Grtner. Versuche und Beobachtungen ber die Bastarderzeugung im Pflanzen- reich. 1849. 10) P. Geddes. On the nature and funetioiis of the yellow eells of the Radiolarians and Coelenterates. Proeeedings of Royal Society of Edinburgh 1882. 11) Geza Entz. Ueber die Natur der ,,ChlorophyUkrperchen''^ niederer Thicre. Biolog. Centralbl. Bd. I u. II. 1882. 1883. 32 Drittes Capitel. Arttrennt und dabei durch dnne Fden und Lamellen wie durch Drcken untereinander verbunden. Mittel und Wege des Verkehrs der Zellen im Organismus. 39 In imserer Aufzhlimg sind viertens auch die Eizellen nicht zu vergessen (Fig. 26). Nach den Untersuchungen von Paladino und Retzius lingen sie whrend ihrer Entwicklung im Eierstock, hnlich wie die Sporen in einer Volvoxkugel mit den benachbarten Zellen, so J^ iA^U4;_^, Fig. 25. Fig. 24. Querschnitt der Museularis des Darms der Katze. Sublimat Rubin. Nach Bohemann. Fig. 25. Lngsschnitt der Museularis des Darms der Katze. Nach Bohemann. den des hier mit den Follikelzellen zusammen. Letztere verlngern sich in zarte Protoplasmafortstze, welche in die Porenkanlchen der Zona pellucida eindringen und in den Dotter des Eies iibergehen. Die bisher beschriebenen Zusammenhnge finden zwischen zusammengehrigen Elementen einer Gewebsgruppe entweder Bindegewelies oder des Epithels oder des Muskelgewebes statt. In- dessen werden von einigen For- schern, wie von Lkydig und nament- lich in jlingster Zeit von Schuberg, Befunde mitgetheilt, nach welchen an diesen und jenen Krperstellen verschiedener Thiere auch directe protoplasmatische Verbindungen zwischen Zellen verschiedener Ge- websformen, zwisclien Epithel- und Bindegewebszellen , zwischen En- dothel- und glatten Muskelfasern oder diesen und Bindegewebszellen vorkommen sollen. Zum Schluss der Zusammen- noch erwhnt . dass - gO". Stellung sei Fig. 26. Stck eines Durch- schnitts durch einen Eifollikel vom Kaninehen eierstock. Nach Retzius. ei Stck der Eirinde mit Protoplasnia- taden (pf), welche, die Zona pellucida (s) durchsetzend, sich mit den Follikelzellen (/) verbinden, t/i Theca folliculi. neuerdings Hammar auch den Nachweis zu fhren sucht, dass zwischen den Furchungszellen der Eier von Echinus miliaris an den nach aussen gerichteten Flchen primre Zusammenhnge bestehen. In wie weit in einem Theil der hier referirten Angaben der Sachverhalt richtig dargestellt ist, lsst sich zur Zeit noch nicht 40 Viertes Capitel. bersehen. Jedenfalls sind fr manche Verhltnisse noch genauere Darstellungen und Besttigungen von anderer Seite abzuwarten. Denn die Frage des Zusammenhanges der Zellen im thierischen Krper ist vielfach sehr schwierig zu entscheiden; sie ist indessen eine so wichtige, dass nur gewnscht werden kann, es mchten sich die besonders auf sie gerichteten Detailuntersuchungen vermehren und die zum Ziele fhrenden Methoden noch vervollkommnet werden. 2. Die physiologische Bedeutung. Die p h y s i 1 g i s c li e Bedeutung d e r P 1 a s m a v e r bind u n - gen zwischen den Zellen kann eine doppelte sein. Einmal haben wir in ihnen Bahnen zu erblicken, auf denen Reize von einer Zelle auf die andere bertragen werden. Zweitens knnen sie auch zum Transport von Stoffen dienen. a. Die Reizleitung durch Protoplasmaverbindungen. Im Vergleich zur Nervenleitung wird wahrscheinlich die Ueber- tragung durch Protoplasmafden eine viel weniger rasche und inten- sive , aber dafr vielleicht eine mehr contiuuirliche und dui'ch ihre Dauer eine wirksamere sein. Wenn man die Leistungen eines Tele- phons bercksichtigt, und berlegt, wie durch einen einfachen ]Metall- draht auf grosse Entfernungen hin Stze und complicirte Melodieen mitgetheilt werden knnen, dann wird man auch die Mglichkeit nicht in Al)rede stellen knnen, dass durch einen feinen Faden des viel hher organisirten Protoplasmas complicirte Zustnde eines Plasma- krpers sich anderen mittheilen knnen. Mit Hlfe des Versuchs wird es mglich sein, liier und da in das Wesen der Reizbertragung durch Protoplasmabrckeu tiefere Einldicke zu gewinnen , wie durch das folgende von Pfeffei; aus- gefhrte Experiment. Schon im ersten Buch (Seite 264) wurde mitgetheilt , dass das Protoplasma einer Pauzenzelle nur unter dem Einuss des Kerns befhigt ist, eine Cellulosemembran auszuscheiden. Wird ein durch Plasmolyse von der Zellhaut abgelster Plasniakrper durch ussere Eingriffe in einen kernhaltigen und einen kernfreien Tlieil zerlegt, so umgibt sich nur der erstere bei vollstndiger Trennung mit einer neuen M(>ml)ran . Dagegen scheidet auch d e r k e r n f r e i e T h e i 1 C e 1 1 u 1 s e ab, wenn er auch nur durch einen aller- feinsten Protoplasmafaden mit dem kernhaltigen Stck noch zusammenhngt. ji> lsst sicli dei- Versuch noch in anderer Weise moditiciren. Pfeffer iiat Zellen eines Moosprotonenia etc. derart prparirt, dass eine vllig isolirte kernfreie Protoplasniamasse der einen Zelle durch feine, die Zelhvand duichsetzende Fden mit dem kernfhrenden Inhalt der Nachbarzclle in Verliindung b]iel>. In diesem Falle l)ildete sich um das keinfreie Stck eine Memliran aus. Sie trat aber nicht auf. wenn in der Nachbarzelle die trennende Querwand el)enfalls nur mit iso- lirtem, kernfreiem Protojdasnia in Verbindung stand. Damit ist erwiesen, dass der zur H a u t b i 1 d u n g e r f o r d e r 1 i c he Reiz auch durch die feinen, die Scheidewand zweier Zellen durchdringenden Verbindungsfden bermittelt werden kann. Mittel und Wege des Verkehrs der Zellen im Organismus. 41 Es steht nichts im Wege, Aehnliches auch fr die U eber- mitte lung anderer f unctioneller Zustnde anzunehmen. Aufgabe hierauf gerichteter Beobachtungen und Experimente wird es sein , das zur Zeit noch sehr sprliche Thatsachenmaterial zu ver- vollstndigen, b. Der S tofftransport durch Protoplasmaverbindungen. Ausser der Heizleitung haben die Protoplasmaverbindungen zwi- schen benachbarten Zellen in vielen Fllen der Stoffwanderung zu dienen. Bei den Pffanzen knnen wahrscheinlich durch sie kleinste Strkekrnchen und Fetttrpfchen etc. direct von Zelle zu Zelle transportirt werden, wie Klebs, Russow, Pfurtscheller und andere Botaniker annehmen. Auch das Protoplasma selbst knnte auf diesem Wege von einer in die andere Zelle berwandern. Hieraus wrde sich erklren, dass im Herbst beim Absterben der Bltter die Zellen mit Ausnahme der Schliesszellen ihren Inhalt verlieren (Kienitz, Meyer). Barfurth gibt an, den Transport feiner Krnchen aus einer Zelle in die andere auf der Bahn protoplasmatischer Verbindungsfden direct an den lebenden Zellen des Zwiebelhutchens beobachtet zu haben. In der thierischen Literatur finden sich nur einzelne zerstreute Bemerkungen ber das vorliegende Thema. Plato hat den Nachw^eis zu fhren gesucht, dass die interstitiellen Zellen des Hodens vom Kater und anderen Sugethieren Fett in sich aufspeichern und es zu gewisser Zeit durch Rhrchen in der Tunica propria der Samen- kanlchen an die Fussplatten der Sertoli'schen Zellen abgeben, von welchen es dann weiter als Nhrmaterial den Samenzellen bermittelt wird. Die Zelll)rckeu, welche zwischen Ei und Follikelepithel nach- gewiesen worden sind , werden ebenfalls von vielen Forschern fr Ernhrungswege gehalten. III. Verbindungen der Zellen durch NerYenfibrillen, Bei den Thieren ist ausser der Protoplasmaverbinduug und wahr- scheinlich auf Grundlage derselben noch eine zweite hhere Form des Zusammenhangs zwischen den Elementartheilen in der Nerven- verbindung entstanden. Durch sie wird eine directe, unmittelbare Beziehung zwischen rumlich weit getrennten Theilen mit Ueber- springung aller zwischengelegenen Gewebe hergestellt. Erregungs- zustnde eines Krpertheils knnen so auf grosse Distancen in krzester Zeit auf einen anderen weit entfernten Theil bertragen werden. Das functionelle Abhngigkeitsverhltniss der Elementartheile im Gesammtorganismus hat dadurch eine specifisch hhere Ausbildungs- form angenommen. Wie gross dasselbe ist, lsst sich schon daraus ersehen, dass Durchschneiduug der Nervenfasern in sehr vielen Fllen Degeneration der aus dem fuuctionellen Zusammenhang gebrachten Zellelemente zur Folge hat. IV. Verkehr der Zellen durch die im Organismus circulirenden Sfte. Ein stoff"licher Verkehr und eine dadurch bedingte wechselseitige Abhngigkeit der Elementartheile von einander wird durch die Saft- 42 Viertes Capitel. strme herbeigefhi-t , die im vielzelligen Oigauismus ciiculiien. Es gilt dies sowohl fr die Pflanzen, wie fr die Thiere. Bei den Pflanzen bewegen sich in Wasser gelste Stoft'e , die von den Wnrzeln aus dem Boden aufgesaugt werden , nach den olier- irdischen Theilen, um dort bei der Blatt- und Bltlunbildung verbraucht zu werden. Und umgekehrt werden von den oberirdischen Theilen durch den Assiniilatiousprocess wieder Stoft'e erzeugt, die auch zum Wachsthum der AVurzeln dienen , welche ja selbst nicht im Stande sind , aus den dem Boden entzogenen Stoft'en organische Substanz zu erzeugen. So muss im Pflanzenkrper bestndig eine Stoft'wanderung in entgegengesetzter Richtung vor sich gehen. In Folge dessen mssen oberirdische und unttnirdische Theile sich in ihrem Wachsthum in gegenseitiger Abh.ugigkeit von einander beflnden. Bltter und Blthen knnen nur in dem Maasse erzeugt werden, als das Wurzel- werk im Stande ist, die dazu nthigen Stofte, Wasser und Salze, zu liefern, und umgekehrt. Viel complicirter liegen die Beziehungen im thierischen Organis- nuis. Verdauungssfte werden in den Darmkanal ergossen, wo sie die aufgenonmienen Speisen chemisch verndern und resorbirbar machen; die so entstandenen Nahrungssfte werden von den Darmwandungen resorbirt und in den Lymph- und Blutstrom bergefhrt. Lymphe und Blut circuliren in allen Theilen des Krpers, Stofte aus den Geweben aufnehmend und wieder an sie abgebend. Ihre Zusammen- setzung muss sich daher bestndig ndern, da die einzelnen Organe: Speicheldrsen, Leber, Kiere, Geschlechtsdrsen, Muskeln, Gehirn, Knochen, einen sehr verschiedenartigen Stoffwechsel gemss ihrer ver- schiedenen Natur haben und hier diese . dort jene Stoft'e aufnehmen und abgeben. Die normale Blutbescliaftenheit hngt daher von sehr zahlreichen Organen ab. Strung eines Theiles, wie zum Beispiel der Leber , des Pancreas , der Niere etc. , ruft eine andere Blutmischung hervor und beeinflusst dadurch wieder den Stoffwechsel in den ver- schiedensten anderen Organen. Durch Einbringung von Arzneimitteln in den Krper, entweder in den Darmkanal oder direct in das Blut oder in den Lymphstrom, kann man auf dieses oder jenes Organ, auf dieses oder jenes Gewebe, je nachdem es besondere ftinitten zu den eingefhrten chemischen Stoff'en besitzt, unmittelbar eine Wirkung ausben. Narcotica rufen Erscheinungen am Nervensystem hervor, Pilocarpin an den verschieden- sten Drsen. Eisen- und Manganverbindungen in den rotlien Blut- krperchen , Tuberculin in den Geweben , vfo sich Tuberkelbacillen augesiedelt haben. Eine noch ungleich grssere Bedeutung fr die Wechselbeziehungen der Elenientartheile zu einander lsst Darwin die Sfte in seiner Theorie der Pangenesis spielen. Um die Erscheinungen der Ver- erbung zu erklien, lsst er von den Zellen sich kleinste organisirte Theilchen (die Keimchen oder Pangene) ablsen und durch die Sfte zu den Gescblecbtsdrsen geflirt und in ihnen aufgespeichert werden. Der Keimclieiitrausi)()rt ist indessen eine hchst unwahrscheinliche Hypothese, zu deren Gunsten sich nichts Thatschliches vorbringen lsst. Eine allgemeine Physiologie hat daher mit ihr nicht zu rechnen. Nheres darl)er flndet sich in dem letzten Capitel. welches ber die Geschichte einzehier Vererl)ungstheoiieen handelt. Mittel und Wege des Verkehrs der Zellen im Organismus. 43 Literatur zu Capitel IV. Pflanze u. 1) Coulter. Continuity of protoplasm. Bot. Gaz. XIV. 1889. 2) Gardiner. On the contimiity of the protoplasm through (he walls of vegetable cells. Arbeiten des botan. Instit. in Wiirzburg Bd. HI. 1884. 8) Derselbe. The covtinvity of the protoplasm in plant tissue. Kature. Bd. Ptl. 1885. 4) Hick. Protoplasmic continuity in the fucaceen. Journ. of Bot. Bd. ^3. 6) Hilhouse. FAnige Beobachtungen ber den intercellularen Zusammenhang von Proto- plasten. Bot. Centralblatt Bd. 1883 pag. 89. 6) Kienitz GerlofiF. Die Protoplasmaverbinduvgen zwischen benachbarten Gewebselementen in der Panze. Bot. Zeitung 1891. 1) Klebs. Ueber die neuen Forschungen betreffs der Protoplasmaverbindungen benachbarter Zellen. Bot. Zeitung 1884 Hr. 29 Seite 443. 8) Klein. Morphologische und biologische Studien ber die Gattung Volvox. Jahrb. fr wixs. Botanik Bd. XX. 1889. 9) Arthur Meyer. Die Plasmaverbindungen und die Membranen von Volvox globator aureus und tertius mit Rcksicht auf die thierischen Zellen. Bot. Zeitung Heft 11 u. 12. 1896. 10) Moore. Studies in vegetable biology. Observations on the continuity of protoplasm. Journ. of the Linnean Soc. XXI pag. 505621. 1885. 11) Overton. Beitrag zur Kenntniss der Gattung Volvox. Bot. Centralbl. 1889. 12) W. Pfeffer Ueber den Einiiss des Zellkerns auf die Bildung der Zellhaut. Berichte der mathem.-physiol. Classe der K'nigl. Sachs. Gesellsch. der Wissensch. zu Leipzig. 1896. 13) Tangl. Zur Lehre von der Continuitt des Protoplasmas im Pflanzenreich. Sitz.-Ber. d. math.-phys. Classe d. Wiener ^ikad. Bd. 90 ^-ibth. I. 14) Wortmann. Ueber die Beziehungen der Reizbewegungen wachsender Organe zu den normalen Wachsfhumserscheinungen. Bot. Zeitung 1889. T h i e r e. 1) Barfurth. Ueber Zellbrcken glatter Muskelfasern. Archiv fr tnikroskop. Anatomie Bd. XXXV in. 1891. 2) Derselbe. Zelllcken und Zellbrcken im Uterusepithel nach der Geburt. Verhandl. d. anat. Gesellsch. Berlin 1896 pag. 23. 3) Bizzozero. lieber den Bau geschichteter Pasterepithelien. Moleschott's Untersuchungen Bd. XL 1872. 4) Bohemann. Intercellularbrcken und Saftrnume der glatten Muskulatur. Anatom. Anzeiger Bd. X. 1894. 5) Bonnet. Schlussleisten von Epithelicn. Deutsche medic. Wochenschrift 1895. 6) Carlier. On intercellular bridges in columnar epithelitim. La cellule t. 11. Fase. 2. 1896. 7) Flemming. Zellsubstanz, Kern- und Zelltheilung. Leipzig 1882- 8) Derselbe. Ueber Intercellularlcken des Epithels und ihren Inhalt. Anatom. Hefte Bd. VI Heft 1. 1895. 9) S. Garten. Die Intercellularbrcken der Epithelicn und ihre Functioti. Archiv fr Anat. u. Physiol., physiol. Abth., Heft 5 u. 6 p. 401. 1895. 10) Hammar. Ueber einen primren Zusammenhang zwischen den Fiirchungszellen des Seeigeleies. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLVII. 1896. 11) Carl Klecki. Experimentelle Untersuchungen ber die Zellbr ticken in der Darm- muskulatur der Raubthiere. Dissert. Dorpnt 1891. {Aus/ iihrliche Literattirangaben.) 12) Kolossow. Ueber die Structur des Pleuroperitoneal- und Gefssepithels. Archiv fr mikrosk. Anat. Bd. XLIL 1893. 13) Kultschitzky. Ueber die Art der Verbindung der glatten Muskelfasern mit einander. Biolog. Centralbl. Bd. V II pag. 572. 1888. 14) Mitrophanow. Ueber Intercellularbrcken und Intercellularlcken im Epithel. Zeit- schrift f. wiss. Zool. Bd. XXXIX pag. 302. 15) A. Nicolas. Internat. Monatsschr. f. Anat. u. Physiol. Bd. VIII. 16) Nel et Cornil. Archives de biologie t. X. De l'endothelium de la chambre anterieure de l'eeil, particulierement de celui de la corne'e. 44 Viertes Capital. Mittel und Wege des Verkehrs der Zellen im Organismus. 17) Paladino. I ponti intercellulare tra V uovo ovarico e le cellule follicolari. Anatom. Anzeiger Bd. V pag. ^1)4 u. Afiafom. Anzeiger Bd. IL 18) Julius Plato. Die interstitiellen Zellen des Hodens und ihre physiologische Bedeutung. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLVIII. 1896. 19) Ranvier. De l'endofhclium du pvritoine et des modications qu'il subit dans Vin- ammation experimentale. Joum. de mikrographie AT ann. 1S91 pag. 171. 20) Hetzius. Die Int ercellular brcken des Eierstockeies und der Follikelzellen. Verhandl. der anatom. Gesellsch. 1889. 21) Sehuberg. Ueber Zusammenhang von Epithel- und Bindegewebszellen. Sitzungsber. d. Wrzburger physiol.-medic. Gesellsch. 1891. FNFTES CAPITEL. Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus. Reiz und Reizwiricung. Maschinenwesen und Organismus. Ihrem Ursprung nach sind Pflanzen und Thiere, wie es die ersten Stadien ihrer embryonalen Entwicklung lehren, Aggregate von Zellen, welche, durch Theilung von einer gemeinsamen Mutterzelle entstanden, in eine innige Gemeinschaft zusammengetreten sind. Das zuerst aus ganz gleichartigen Elementen aufgebaute organische System macht darauf eine lange Reihe von Vernderungen durch , welche wir als seinen Entwicklungsprocess zusammenfassen, und durch welche es sich in die verschiedenartigsten, harmonisch zusammenwirkenden Theile, in die Organe und die Gewebe des pflanzlichen und thierischen Krpers sondert. Dabei bieten Anfangs- und Endzustand des dem Entwick- lungsprocess unterworfenen organischen Systems die denkbar grssten Verschiedenheiten von einander dar; denn ein relativ Einfaches und Gleichartiges hat sich in ein ausserordentlich Zusammengesetztes und Verschiedenartiges allmhlich umgewandelt. Welches sind die Ursachen, die in dem sich entwickelnden orga- nischen System die sich stufenweise vollziehenden Vernderungen bewirkt haben? Die Untersuchung dieser Frage ist mit eine der wichtigsten Aufgaben einer allgemeinen Anatomie und Physiologie der Gewebe, wie sich im weiteren Verlauf unserer Darstellung klar herausstellen wird. Ihre Beantwortung kann bei der grossen Schwierig- keit des Gegenstandes allerdings nur eine sehr unvollkommene sein, zumal im Rahmen eines Lehrbuches; doch muss sie versucht werden, um einen allgemeineren wissenschaftlichen Standpunkt fr die Be- urtheilung der Gewebe- und Organbildung zu gewinnen. Als Gi'und- lage fr die weitere Verstndigung sollen zunchst einige philo- sophische Errterungen ber das Thema Ursachen und Wirkungen" vorausgeschickt werden. Fr den Naturforscher ist der wunderbare Process, durch welchen Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden, selbstver- stndlicher Weise unter dem Einfluss derselben Naturgesetze erfolgt, welchen alle Dinge unterworfen sind. Er vollzieht sich also nach dem allgemein gltigen Causalgesetz, nach welchem jede Vernde- rung eines Zustandes die Wirkung von vorausgegangenen Ursachen ist und selbst wieder die Ursache neuer Vernderungen wird. 46 Fnftes Capitel. Die Ursachen, welche an einem coniplicirter beschaffenen mecha- nischen System zusammengehriger Theile Vernderungen bewirken, lassen sich in zwei Gruppen eintheilen , in die causae externae und die causae internae. Zu den ersteren gehren alle Vernderungen der Ausseuwelt, welche das System treffen und es in seineu einzelnen Theilen beeinflussen , zur zweiten Gruppe rechnen wir die Vernde- rungen , die sich im System selbst vollziehen und dadurch Ursachen werden, indem sie weitere Folgen nach sich ziehen. Wenn im System ein Theil sich verndert, zum Beispiel in Folge eines usseren An- stosses, so wird er wieder die Ursache fr Vernderungen in allen brigen Theilen . welche mit ihm in Beziehung stehen , und diese werden nun ihrerseits wieder Ursachen fr neue Wirkungen, durch welche das System in eine fortlaufende Reihe von Bewegungen ver- setzt wird. Dieselbe Unterscheidung lsst sich auch an einem sich ent- wickelnden Zellenaggregat, welches ein organisches System zusammen- gehriger Theile darstellt , mit dem gleichen Rechte durchfhren. Auf dasselbe wirkt , wie auf jedes andere Naturobject , die gesammte Aussenwelt mit ihren verschiedenartigen Krften ein und liefert eine fortlaufende Reihe von Ursachen, welche in ihm Vernderungen hervorrufen, die usseren Ursachen (causae externae) oder die usseren Facto ren des organischen Entwickluugspro- cesses. Zwischen dem sich entwickelnden Zellenaggregat und seiner Umgebung findet ein bestndiger Stoff- und Kraftwechsel statt. Licht und Wrme, die verschiedenen mechanischen Krfte und zahlreiche chemische Affinitten , welche in den Stoffen der Luft , des Wassers und der Erde wirksam sind, treten hierbei in's Spiel und bilden eine unerschpfliche Quelle fr biologische Untersuchungen. Nel)en den usseren Ursachen unterscheiden wir dann, wie oben, die inneren Ursachen des organischen F. n t w i c k 1 u n g s - processes. Denn ebenso wie die Theile in einem mechanischen System stehen die Zellen, welche in ihrer Gemeinschaft das orga- nische Individuum hherer Ordnung ausmachen . in derartigen Be- ziehungen , dass Vernderungen , die in einem Theil des Aggregates eintreten, solche auch au anderen Theilen nach sich ziehen. Wechsel- bezielumgeu der Organe zu einander werden in der Biologie auch als Correlationen , ])esonders auf spteren Stadien des Entwickluugs- processes, bezeichnet. Wie sich aus unserer kuizen Betrachtung ergibt, ist jede Ver- nderung eines zusammengesetzten Systems das mehr oder minder complicirte Resultat sehr vieler Ursachen, die zum Theil von aussen einwiiken, zum Theil von innen heraus sich im System selber geltend machen; auch liegt es auf der Hand, dass, je grsser die Zahl aller in Betracht kommenden Factoren wird , um so mehr das Ineinandergreifen der zahlreichen Ursachen und Wirkungen, die sich neben- und nacheinander im Process abspielen . sich einer erschpfen- den Analyse und einer klaren Eikenntniss entziehen niuss. In hch- stem Maasse ist dies bei der Entwicklung pflanzlicher und thierischer Zellenaggregate, sowie berhaupt bei allen Lebensprocessen der Fall, so dass uns bei ihnen der causale Zusammenhang der vor sich gehen- den ^'ernderungen verschleiert wird. Daher hat Schopenhauer Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus etc. 47 mehrere Formen der Caiisalitt unterschiedeu, als Ur- sache in engstem Sinne, als Reiz und als Motiv. I. Verschiedene Formen der Causalitt. Die Ursache in engstem Sinne ist die, nach welcher aus- schliesslich die Vernderungen im unorganischen Reich erfolgen, also diejenigen Wirkungen, welche das Thema der Mechanik, der Physik und der Chemie sind. Von ihr allein gilt das dritte NEWTON'sche Grundgesetz: Wirkung und Gegenwirkung sind einander gleich"; es besagt, dass der vorhergehende Zustand (die Ursache) eine Vernde- rung erfhrt, die an Grsse der gleich kommt, die er hervorgerufen hat (die Wirkung). Ferner ist nur bei dieser Form der Causalitt der Grad der Wirkung dem Grade der Ursache stets genau au- gemessen, so dass aus dieser jene sich berechnen lsst und um- gekehrt." Daher erscheint uns die Causalitt am fasslichsten bei mechani- schen Wirkungen. Wenn eine ruhende Kugel durch den Stoss einer rollenden Kugel in Bewegung versetzt wird, so gewinnt die erstere so viel au Bew^egung, als die letztere verliert, Hier sehen wir gleichsam die Ursache in die Wirkung hinberwandern." Das dabei doch noch vorhandene Geheimnissvolle beschrnkt sich auf die Mg- lichkeit des Uebergangs der Bewegung eines Unkrperlichen aus einem Krper in den andern." Die zweite Form der Causalitt ist der Reiz, das heisst, diejenige Ursache, welche erstlich selbst keine mit ihrer Einwirkung im Verhltniss stehende Gegenwirkung erleidet, und zweitens zwischen deren Intensitt und der Intensitt der Wirkung durchaus keine Gleichmssigkeit stattfindet. Folglich kann hier nicht der Grad der Wirkung gemessen und vorher bestimmt werden nach dem Grad der Ursaclie: vielmehr kann eine kleine Vermehrung des Reizes eine sehr grosse der Wirkung verursachen , oder auch umgekehrt die vorige Wirkung ganz aufheben, ja, eine entgegengesetzte herbei- fhren." Reize beherrschen das organische Leben als solches, also das der Pflanzen, und den vegetativen, daher bewusstlosen Theil des thierischen Lebens." Als dritte Form der Causalitt nennt Schopenhauer das Motiv: sie leitet das eigentlich animalische Leben, also das Thun, d. h. die usseren, mit Bewusstsein geschehenden Actionen aller thierischen Wesen. Das Medium der Motive ist die Erkenntniss: die Empfnglichkeit fr sie erfordert folglich einen Intellect." Sie ist die durch das Erkennen hindurchgehende Causalitt." Whrend die mechanische Causalitt die am leichtesten fassliche ist, weil Ursache und Wirkung sich an einander messen lassen, verliert bei den hheren Formen der Causalitt, beim Reiz und beim Motiv, der causale Vorgang an un- mittelbarer Fasslichkeit und Verstndlichkeit; bei ihnen werden Ursache und Wirkung heterogener. Nur das Schema von Ursache und Wirkung ist uns ge blieben: wir erkennen dieses als Ursaclie, jenes als Wirkung, aber gar nichts von der Art und Weise der 48 Fnftes Capitel. Causalitt. Uud nicht nur findet keine qualitative Aehnlichkeit zwischen der Ursache und der \Yirkung statt . sondern auch kein quantitatives Verhltniss : mehr und mehr erscheint die Wirkung be- trchtlicher als die Ursache; auch wchst die ^Yirkung des Keizes nicht nach Maassgabe seiner Steigerung, sondern oft ist es um- gekehrt." Bei seinen Errterungen ber die verschiedenen Formen der Causalitt hat Schopenhauek . um nicht Missverstndnisse aufkommen zu lassen, die Frage aufgeworfen, ob bei der mehr uud mehr ein- tretenden Heterogenitt, Incommensurabilitt und Uuverstndlichkeit des Verhltnisses zwischen Ursache und Wirkung etwa auch die durch dasselbe gesetzte Nothwendigkeit abgenommen habe. Uud mit Recht antwortet er hierauf: Keineswegs, nicht im Mindesten. So nothweudig, wie die rollende Kugel die ruhende in Bewegung setzt, muss auch die Lei- dener Flasche, bei Berhrung mit der andern Hand, sich tntladen muss auch Arsenik jedes Lebende tdten muss auch das Samen- korn, welches, trocken aufbewahrt, Jahrtausende hindurch keine Ver- nderung zeigte, sobald es, in den gehrigen Boden gebracht, dem Eintluss der Luft, des Lichtes, der Wrme, der Feuchtigkeit aus- gesetzt ist, keimen, wachsen und sich zur Ptiauze entwickeln. Die Ursache ist complicirter, die Wirkung heterogener, aber die Nothwendigkeit, mit der sie eintritt, nicht um ein Haar breit geringer." Da die durch das Wort Reiz bezeichnete Form der Causalitt im Unterschied zur mechanischen Causalitt die Lebensprocesse im Organismenreich vorzugsweise beherrscht uud fr dasselbe charakte- ristisch ist, sei hier noch etwas nher auf sie eingegangen, indem wir die Frage aufwerfen und errtern, in welcher Weise sich die zwischen R e i z u r s a c h e uud R e i z w i r k u n g meist zu Tage tretende Disproportionalitt erklren lsst. II. Erkljiriiiig der DisproportioiiaHtt zwischen Reizursache uud Reizwirlfuiig und rerschiedene Arten derselben. Hier ist vor allen Dingen zu l)ercksichtigen, dass die Reiz- ursache auf ein sehr complicirtes System von Theilen, auf eine orga- nische und lebende Substanz einwirkt. In dieser ruft sie Reihen von Vernderungen hervoi-. die sich als innere Ursachen und Wirkungen im System in einer fr uns nicht unmittelbar wainnehnibaren und daher unverstndlichen Weise abspielen . um schliesslich in einer Er- scheinung, die wir als die Reizwirkung bezeichnen, fr uns erkennbar zu werden. Die Ursache geht also hier nicht unmittelbar, wie es bei den einfachsten und daher am leichtesten fasslichen ^'erhltnissen der mechanischen Causalitt , z. B. bei dem Aufeinanderstossen zweier Kugeln, der Fall ist, in das ber, was wir als Reiz- wirkung ])ezeiclinen . sondern erst durch Vermittlung einer mehr oder minder langen Kette von Ursachen und Wirkungen, die sich als Bindeglieder dazwischen schieben; sie sind es, welche der Reizwirkung ihren besonderen Charakter aufprgen. Denn die erste Ursache wird in der organischen Substanz, welcher man wegen ihres eigenthmlichen Verhaltens auch das Prdikat reizbar" beilegt. Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung aut' den Organismus. 49 gewisserniaasseu noch vielfach umgesetzt , ehe sie als Iieizwirkimg in irgend einer Form fr uns wieder zum Vorschein kommt. Den ganzen Vorgang knnen wir uns anschaulich machen, wenn wir die reizbare Substanz mit einem irgend wie zusammengesetzten Maschinen werk vergleichen. Ein Mhlrad wird durch das auf seine Schaufeln fallende Wasser bewegt, und aus dem Mahlgang einer Mhle fllt fein zerriebenes Mehl heraus. So oft das Wasser abgestellt wird , hrt das Mehl zu fliessen auf, kehrt al)er wieder, wenn das Wasser auf das Rad fllt. Wir haben hier also offenbar zwei Vernderungen , welche in einem causalen Zusammenhang mit einander stehen. Auch hier sind Ur- sache und Wirkung, das auf ein Mhlrad heraltfallende Wasser und das aus dem Mahlgang austretende, fein zerriebene Mehl, einander sehr heterogen, in hnlicher Weise wie Reiz und Reizeffect. Es schiebt sich eben auch hier eine ganze Kette von Ursachen und Wirkungen dazwischen, die sich fr den Aussenstehenden unverstnd- lich im Innern des ihm nicht zugnglichen ^lhlwerks vollziehen: die Uebertragung der Bewegung des Wasserrades vermittelst seiner Achse auf ein System anderer Rder, welche ihre Bewegung dann wieder in die Bewegung der Mahlsteine umsetzen, der Mllerbursche schliesslich, welcher immer neues Korn in den Mahlgang einschttet. Die zwischen Reizursache und Wirkung zu Tage tretende Disproportionalitt kann sich in der aller- verschied e n s t e n Weise ussern. So besteht eine sehr hufig wahrnehmbare Eigenthmlichkeit darin, dass sehr verschiedene Ursachen bei ihrer Einwirkung auf eine reizbare Substanz gleichwohl hufig nur immer die gleiche oder wenigstens eine hnliche Reizwirkung zur Folge haben. Ein Sehnerv antwortet stets mit einer Lichtempfindung, mag er von einem auf die Netzhaut einfallenden Lichtstrahl getroffen oder mechanisch durch Druck und Zerrung oder chemisch durch den elektrischen Strom gereizt werden. Ein Muskel reagirt auf verschiedene Reize durch Zusammenziehung. Auch hier wird ein Vergleich zur Aufklrung des Sachverhaltes noch weiter beitragen. Die reizbaren Substanzen befinden sich in diesem Falle usseren Eingriffen gegenber in einer hnlichen Lage wie complicirter gebaute mechanische Kunstwerke oder wie Maschinen. In einer Uhr kann eine Verlangsamuug, eine Beschleunigung oder ein Stillstand des Zeigers durch die verschiedenartigsten Umstnde veranlasst werden: dadurch, dass ich mit einer Nadel oder einem anderen passenden Instrument einen Druck gegen ein Rdchen ausbe, oder dadurch , dass ich an das Rdchen Sure bringe , wodurch sich Rost bildet, oder dadurch, dass ich durch locale, in geeigneter Weise hervorgerufene Erhitzung ein Zhuchen am Rade wegschmelze, oder dadurch, dass sich das Oel, welches die Reibung im Rderwerk ver- ringern soll, eingedickt oder ein festes Krnchen sich zwischen zwei Rdchen eingeklemmt hat etc. Auf mechanische, thermische, chemische Einfisse reagirt die Uhr in einer fr uns sichtbaren Weise unterschiedslos durch Verlangsamuug, Beschleunigung oder Stillstand des Zeigers. Es hngt dies eben mit der eigenthmlichen Construction der Uhr zusammen, vermge deren Hertwig, Allgem. Anatomie u. Physiologie der Gewebe. 4 50 Fnftes Capitel. die verschiedenartigsten Strungen ihres Mechanismus sich jedes Mal im Gang des Zeigers ussern; die Qualitt der die Strung bewirkenden Ursachen aber bleibt fr uns l)ei ausser! iclier Betrachtung ver))orgeu. Sie wird erst oft'enbar, wenn wir in das Innere des Uhrgetriebes hineinblicken und so gleichsam die inneren Ursachen der Strung zu ergrnden suchen. Aus der Endwirkung allein lsst sich nicht die Art der Ursache erschliessen. In einer anderen Form wieder ussert sich die Disproportionalitt zwischen Reizursache und Wirkung darin, dass dieselbe Ursache bei verschiedenen reizbaren Substanzen ganz entgegengesetzte Wirkungen hervorruft. So unterscheidet man in der Botanik einen positiven und einen negativen Heliotropisnius, eine positive und negative Phototaxis, Chemotaxis etc. Das Licht veranlasst manche Ptlanzenorgane , ihm entgegen, andere wieder, von ihm wegzuwachsen. Manche Arten von Algenschwrmeru bewegen sich nach der Lichtquelle zu, andere von ihr ab und so weiter. Auch hier gewinnen wir den Schlssel zur Erklrung, wenn wir sehen , wie gegen ein und dieselbe Ursache verschieden construirte Maschinen reagireu. Die fr die Uhr beschriebeneu Eingriffe au- gewandt auf ein Rdchen einer anderen Zwecken dienenden conipli- cirten Maschine knnen auch hier wieder eine Strung des Mechanis- mus bewirken, die sich aber von der Strung im Gange der Uhr ganz verschieden ussert, in einer Spieldose zum Beispiel durch das Aus- fallen einiger Tne. Jede Maschine reagirt also auf den gleichen Eingriff in ihrer besonderen Weise ; auch hier lsst sich aus der Endwirkung die Natur des angewandten Eingriffes, die Qualitt der Ursache, nicht erkennen. Entscheidend ist die der Maschine eigenthmliche Construction. In hnlicher Weise wie verschieden construirte Maschinen ver- halten sich demselben Reiz gegenber die verschiedeneu Orgaue von Piianzen und Thieren oder, allgemeiner ausgedrckt, reizbare Sub- stanzen von verschiedener Structur. Man bezeichnet in der Physio- logie die auf einer besonderen Structur begrndete eigeuthmiiche Wirkungsweise der Orgaue als ihre specifische Energie. Auf sie wird spter noch genauer eingegangen werden (Seite 78). Um unser wichtiges Thema von der Disproportionalitt zwischen Reizursache und Wirkung noch erschpfender zu behandeln, sei jetzt auch darauf hingewiesen, wie in Folge der Causalverkettung innerer Ursachen und Wirkungen in der reizbaren Sulistanz der Zusammenhang zwischen erster Reiz-Ursache und ihrer End-Wirkung nach Zeit und Raum in der verschiedensten Weise moditicirt werden kann. So ruft in manchen Fllen ein strkerer Reiz von krzerer Dauer au der reizbaren Substanz Vernderungen hervor, die sich ber einen lngeren Zeiti-aum erstrecken und in Wirkungen nach aussen hervor- treten. Durch die Structur der reizbaren Substanz ist hier ein Ver- hltniss geschaffen , welches uns auch wieder durch Vergleich mit mechanischen Constructionen, z. B. einer Uhr, verstndlich wird. Das in wenigen Secundcn beendete Aufzielien einer Uhr ist die ussere Ursache fr ihren Stunden, Tage oder selbst Wochen dauernden Gang; die nach aussen hervortretende Wirkung ist die gleichmssige Be- wegung des Zeigers. Mit der Construction der Uhr hngt es zu- sammen, dass die durch das Aufziehen der Uhr gegelieue Ursache sich erst in einem lngeren Zeitraum als Wirkung ganz freimachen Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung- auf den Organismus etc. 51 kann. Denn in Folge der Construction kann die der Feder ertlieilte Spannkraft sich erst dadurch, dass sie das den Zeiger treibende Rder- werk in Bewegung setzt, alhuhlich erschpfen. In der Sprache der Physik wrden wir sagen, die in der Ursache enthaltene lebendige Kraft ist in der Zeit von Secunden in Spannkraft umgewandelt worden, die genicss der Construction der Uhr erst in lngerer Zeit wieder in lebendige Kraft ltergehen kann. Bei den Reizerscheinungen lsst sich ferner nicht selten lieob- achten, dass zwischen dem einwirkenden Reiz und dem Auftreten der Wirkung eine lngere Pause liegt, die durch die inneren, der Wahrnehmung entzogenen Umsetzungen in Anspruch genommen wird. Hier spricht mau dann in der Physiologie von Reiznachwirkungen und bezeichnet damit ein Gebiet, auf welchem gewhnlich die Causalitt fr uns am meisten in ein geheinmissvolles Dunkel eingehllt ist. Wie zeitlich , so knnen auch r u m 1 i c h R e i z u r s a c li e und Wirkung weit auseinander fallen, das heisst, der Reiz trifft nur eine kleine Stelle der reizbaren Substanz, kommt aber an dieser sel])st nicht zur sichtbaren Wirkung, sondern an einem unter Umstnden weit abgelegenen Ort. So tritt z. B. der auf einen moto- rischen Nerven an seiner Austrittsstelle aus dem Rckenmark aus- gebte Reiz als Wirkung in der Contraction eines mehr oder minder weit abgelegenen Muskels in die Erscheinung. Hier findet also eine Reizfortpflanzung oder Reizleitung statt, es schiebt sich zwischen Eintrittsstelle des Reizes und den Ort der sichtbar werdenden Wirkung reizbare Substanz, in Avelcher durch eine Kette innerer Ur- sachen der Reiz umgesetzt und von dem Ort des Eintritts zum Ort der zu Tage tretenden Reizwirkung fortgepflanzt wird. Und jetzt noch eine letzte Form der Disproportionalitt, die zwischen Reizursache und Reizwirkung hufig stattfinden kann. Eine kleine Reizursache hat eine ihr gar nicht adquate, vielmals grssere Wirkung zur Folge, was bei fast allen Wir- kungen der Fall ist, die durch Reizung von Nerven hervorgerufen werden. Ein contrahirter Muskel, der ein schweres Gewicht hebt, fhrt eine Kraftleistung aus , welche unendlich die Kraft bertrifft , die bei der Reizung des Nerven wirkte, welche die Muskelcontraction hervorrief. Und dassellie ist der Fall, wenn sich pltzlich aus dem Ausfhrungs- gang einer Drse in Folge Reizung ihres Nerven ein reichlicher Strom von Secret mit seinen chemisch wirksamen Substanzen ergiesst. In beiden Fllen erklrt sicli die Disproportionalitt zwischen Reiz und Wirkung daraus, dass der erstere nur ein Glied in der Kette von vielen Ursachen ist, welche in der reizbaren Substanz das Zustandekommen des Reizeffectes bewirkt haben, und zwar ist es das letzte Glied in der Kette, das noch zum pltzlichen Ein- tritt der Wirkung erforderlich war. Wegen dieser besonderen Stellung in dem Ablauf der ganzen causalen Verkettung wird die letzte Ursache auch als die auslsende be- zeichnet, im Unterschied zu den brigen Ursachen, welche das Ereiguiss oft von langer Hand her vor- bereiten. Bei der Muskelfaser sind die vorliereitenden Ursachen die durch den Blutstrom unterhaltenen Ernhrungsprocesse, durch welche die bei vorausgegangenen Contractionen verbrauchten Stofftheile wieder 4* 52 Fnftes Capitel. ersetzt werden ; bei der Drse wird die Secretion vorbereitet durch Aufnahme von Stoen, welche in den Drsenzellen zu specitischem Secret verarlieitet und fr sptere Verwendung aufgespeichert werden. Fr den Muskel und fr die Drse spielt der dem Nerven mit- getheilte Reiz eine gleiche Rolle wie die Oelfnung des Ventils bei einer geheizten Locomotive. Ihre besondere Art zu wirken ist durch ihre Construction bestimmt; die zur Ausfhrung von Leistungen er- forderliche Kraft ist auch vorhanden . wenn durch Einfuhr und Ent- zndung von Heizmaterial das in den Kessel gefllte Wasser zum Kochen erhitzt und zum Theil in Dampf mit hoher Spannung ver- wandelt worden ist. Obwohl so Alles fr die Bewegung der Locomotive vorbereitet ist, tritt sie dennoch nicht ein. solange das Ventil, das den Dampf aus dem Kessel zu dem Rderwerk leitet, geschlossen bleibt. Ein schwacher Druck auf das Ventil wird erst die letzte oder die auslsende Ursache, um eine grosse, in der Einrichtung der Loco- motive schon vorbereitete Wirkung zu entfalten. III. I)ie Bedeutung der vielen Ursachen. vorausgegangenen Darstellung wurde gewhnlich von In der mehreren Ursachen gesprochen, die fr das Zustandekommen einer Vernderung nothwendig sind. Indem ich dies zum Schluss noch einmal besonders hervorhebe, will ich dadurch einer missbruch- lichen Auffassung entgegentreten, die man hutig mit dem Begriff der Ursache verbindet. So ist man hufig 1) e s t r e b t , eine Ver- nderung als nur lasst darzustellen. durch eine einzige Ursache veran- Besonders hutig wird dieser Irrthum in der Biologie und zumal in der Entwicklungslehre begangen. Weil die Organismen wegen ihres zusammengesetzten Baues die Hauptfactoren enthalten, von deren Aufeinanderwirken das Eigenthm- liche einer au ihnen eintretenden Vernderung al)hngt, ptiegt man gern zu bersehen, dass bei jeder Vernderung auch noch andere, von aussen kommende Ursachen mitwirken, oder man liel)t es, wenn man sie nicht bersieht, sie als etwas Nebenschliches hinzustellen. ]\Iau bezeichnet die inneren Factoren als die eigentlichen Ursachen", als ob es eine uneigentliche Ursache berhaupt geben knne, die usseren Ursachen dagegen als Bedingungen oder Reize und glaubt sich da- durch mit ihnen abgefunden zu haben. Man bersieht hierbei, dass doch die Bedingungen, sowie sie eintreten, somit auf den Organismus einwirken, sell)St urschlich werden, daher ussere Ursachen" sind, und dass der Begriff Reiz nur ein besonderer Name fr eine besondere Form der Causalitt ist. Von den eine Vernderung bewirkenden Ursachen sind im Grunde genommen alle gleich nothwendig; denn beim ^'ersagen einer Ursache kann entweder die Vernderung, auch wenn sonst Alles fr sie vorbereitet ist, nicht eintreten, wie die Explosion von Pulver, wenn der zndende Funken ausbleibt, oder sie erfolgt in anderer Weise, als es bei Mitwirkung der ausgebliebenen Ursache geschehen sein wrde. Damit eine Locomotive sich fortbewegt, ist el)enso nothwendig wie ihre zweckentsprechende Construction die Beschaffung und Verl)rennung von Heizmaterial, die Fllung des Kessels mit Wasser, die Oeffnung des Ventils zur Ueberleitung des Dampfes auf das Rderwerk etc. Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus etc. 53 Ebenso wahr wie treffend bemerkt Lotzp:: Zu jeder Wirkung ist eine Mehrheit von Ursachen nthig." Nach dem bestimmtesten Sprachgebrauch ist Ursache nie etwas Anderes als ein wirkliches Ding, dessen Eigenschaften, wenn sie mit den Eigenschaften eines anderen ebenso wirklich vorhandenen Dinges in eine bestimmte Be- ziehung treten , mit diesen zusammen genommen den vollstndigen Grund darstellen, aus dem eine Folge hervorgeht, die hier, wegen der Wirklichkeit der Prmissen, ebenfalls ein wirkliches Ereigniss, eine Ursache ist." Niemals kann es eine einzige Ursache einer Wirkung geben; denn wo beide Prmissen in einem Dinge vereinigt wren, knnte es kein Hinderniss mehr geben, um dessenwillen die Folge zu entstehen zgerte, und so wrde unverweilt Alles zu einer ruhenden Eigenschaft zusammensinken. ' Es ist daher ebenso irreleitend als falsch, wenn man von der Entwicklung des Eies als von einer Selbstdi ff e renzirung redet, wie es nicht selten geschieht, als ob das Ei alle Ursachen zu seiner Entwicklung in sich vereinigte. Ein Ei, welches Alles ent- hielte, was fr den ausgebildeten Organismus erforderlich ist, wre dieser Organismus schon selbst, wie es die alte Evolutionstheorie ja auch thatschlich lehrte. Allerdings ist nichts leichter, als durch dialektische Kunstgriffe, deren mau sich bei der Darstellung causaler Verhltnisse bedienen kann, Jemanden zu veranlassen , aus einem Ursach encomplex nur eine als Ursache fr eine eingetretene Vernderung anzugeben, wie es im gewhnlichen Leben so hutig geschieht. Ich habe dies Verhltniss schon einmal bei anderer Gelegenheit durch ein Beispiel anschaulich gemacht, dessen ich mich auch hier wieder bediene: Wir lassen 4 befruchtete Eier von Rana fusca sich gleichzeitig l)ei 4 verschiedenen Temperaturen entwickeln, das eine bei 1 Grad C, das zweite bei -h 5 Grad, das dritte bei -h 15 Grad und das vierte bei -h 25 Grad. Vergleichen wir am dritten Tage die vier Eier, so ist das erste noch ungetheilt, das zweite hat sich wahrscheinlich bis zur Keimblase entwickelt, das dritte zeigt schon die Medullarwlste deut- lich hervortretend, das vierte ist schon ein Embryo, an welchem die Axenorgane, Medullarrohr, Chorda, Ursegmente gebildet sind, und das Kopfende sich vom Rumpftheil absetzt. Somit sind aus den 4 be- fruchteten und gleichzeitig whrend dreier Tage in Entwicklung be- griffenen Eiern 4 ganz verschiedene Entwicklungsproducte hervor- gegangen, die allerdings fr den Kenner der Froschentwicklung zu einander in einem Abhngigkeitsverhltniss stehen als Stufen eines Entwicklungsprocesses, die der Reihe nach durchlaufen werden mssen und nur bei unserem Experiment in Folge der ungleichen Erwrmung mit ungleicher Geschwindigkeit von den einzelnen Eiern durchlaufen worden sind. Worin ist nun die eigentliche Ursache" (causa efficiens) dafr zu suchen, dass aus den vier Froscheiern in jedem einzelnen Fall etwas Anderes geworden istV Wie ich die Sache dargestellt habe, wird Niemand um die Antwort verlegen sein, und die Antwort wird ohne Zaudern lauten, dass die ungleiche Wrmezufuhr die causa efficiens ist, welche fr die ungleiche Entwicklung der vier Froscheier verantwortlich zu machen ist und sie erklrt. 54 Fnftes Capitel. Als zweites Beispiel nehmen wir 2 befruchtete Froseheier und 2 frisch abgelegte Hhnereier und setzen von jeder Art eines einer Temperatur von 15" C. und je eines einer Temperatur von 38** C. aus. AYeun wir jetzt nach 3 Tagen zusehen, so hat bei der ersten Versuchs- bedingung das Froschei sich bis zu dem Hervortreten der Medullar- wlste entwickelt, das Hhnerei ist unverndert geblieben, im zweiten Fall dagegen hat sich das Hhnerei schon zu einem kleinen Embryo mit pulsirendem Herz umgewandelt, whrend das Froschei zwar in Zellen zerlegt, aber abgestorben ist und Zerfallserscheinungen zeigt. Suchen wir auch bei diesem Experiment die Ursache dafr zu er- grnden, dass die unter denselben Bedingungen befindlichen Eier sich so ungleich entwickelt haben, dass das Froschei einen Embryo liefert, wo das Hhnerei unentwickelt bleibt und umgekehrt, so wird auch jetzt Niemand mit der Erklrung zaudern : die eigentliche Ursache" ist in der verschiedenen Organisation oder Anlage der beiden Eier zu suchen. Aus den fr die zwei Beispiele gegebenen verschiedenartigen Erklrungen lsst sich leicht ein Widerspruch, wenigstens dem An- schein nach . herausconstruiren. INIan knnte uns vorhalten , dass wir dafr, dass das befruchtete, in einer Temperatur von 15 C. befindliche Froschei sich in 3 Tagen zu einem Embryo mit Medullarwlsten ent- wickelt hat, einmal die Erwrnmng auf 15" C, das andere Mal da- gegen die Organisation der Eizelle als die causa efficiens" angegeben haben,, das eine Mal also einen usseren, das andere Mal einen Innern Grund ; man knnte uns weiterhin fragen , welche von den beiden Ursachen nun die wirkliche Ursache" sei. Auf diese Weise knnen sich zwei Disputanten, je nach der Art und Weise, wie sie den Vergleich einrichten und die Frage formuliren, bald den usseren, bald den innern Grund als den eigentlichen Grund des Geschehens entgegenhalten, hier die Wrme, dort die Organi- sation der Eizellen. Der hierin liegende Widerspruch ist eben nur ein scheinbarer und leicht zu lsender. Da jeder Entwicklungsprocess seinem Wesen nach, wie oben schon angefhrt wurde, auf inneren und ussei-en Ur- sachen beruht, so hat jede Vernderung, die an einer Anlage eintritt, stets in beiden ihren Grund und ist aus beiden zu erklren. Bei einer allgemeinen und erschpfenden Untersuchung eines Entwicklungsprocesses ist es daher ebenso falsch, wenn ich d i e U r s a c h e in d a s E i , als wenn ich sie ausser- halb desselben v e r 1 e g e n w o 1 1 1 e , da der ganze oder volle Grund stets in beiden ruht. Anders liegt die Sache, wenn ich im concreten, der Beurtheilung vorliegenden Fall den einen oder andern Grund als eine fr die Urtheilsbildung nicht erforderliche Grsse bei Seite setzen kann. Die inneren Ursaclien kommen nicht in Betracht . wenn ich den Grund fr die Verschiedenheiten der bei ungleichen Temperaturen ungleich entwickelten Froscheier wissen will ; denn ich mache hier mit Kecht die auf anderen Eifahrungen beruhende Voraussetzung, dass die zum Versuch benutzten Froscheier ein gleichartiges Material mit durchaus gleichen Anfangs-Eigenschaften ausmachen, und dass sie sich daher liei gleicher Temi)eratur auch gleich entwickelt haben wrden. Folg- lich knnen die spter zur Erscheinung kommenden Verschiedenheiten nur durch die ungleiche Erwrmung in die Eier hineingetragen sein. Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus etc. 55 Und umgekehrt kann ich in dem Experiment, in welchem Frosch- und Hhnereier bei gleicher Temperatur gezchtet wurden , bei den sich zeigenden Verschiedenheiten den usseren Grund unbercksichtigt lassen , weil die Versuchsljedingungen genau die gleichen sind : der Erklrungsgrund ist dann allein im Ei zu suchen. IV. Unterschiede zwischen Maschinenwesen und Organismus, zwischen Mechanischem und Organischem. Bei unserer Erklrung der Reizwirkungen haben wir zur Ver- anschaulichung hutig auf die Vorgnge verwiesen, wie sie in com- plicirter gebauten Maschinen und mechanischen Kunstwerken (in einer Dampfmaschine, einem Mhlwerk, einer Uhr oder Spieldose) ablaufen. Da liegt es ziemlich nahe, sich die Frage vorzulegen, aus welchem Grunde man nicht auch bei der Maschine von Reiz, Reizwirkung und Reizbarkeit spricht. In der That denkt man so wenig an eine derartige Gebrauchs- weise der genannten Worte , sowohl im gewhnlichen Lel)en , als in der Wissenschaft, dass man, w'o es geschhe, es sehr auffllig em- pfinden wrde. Schopenhauer nennt ja geradezu den Reiz als die das organische Leben beherrschende Form der Causalitt, und auch Sachs definirt in diesem Sinne ganz mit Recht das Wort Reizbarkeit als die nur den lebenden Organismen eigen thmliche Art, auf Einwirkungen, welche dieselben treffen, zu reagiren". Es muss dies doch wohl darin seinen Grund haben, dass zwischen der Construction einer Maschine und den durch sie ermglichten Wirkungsweisen einerseits und der Organisation der lebenden Substanz und den durch sie ermglichten Processen andererseits noch ein wesent- licher Unterschied besteht. Denselben hier in das rechte Licht zu setzen, scheint uns um so nothwendiger , als in unseren Tagen ja mehrfach das Bestreben zu Tage tritt, den Organismus ais ein Maschinen- wesen zu verstehen und das Organische als ein Mecha- nisches aus den einfachen Grundprincipien der Mechanik zu erklren. Es soll aber jeder Anschein vermieden werden, als ob durch unsere Vergleiche mit Maschinen einer derartigen Auffassung ge- huldigt wrde, und soll im Gegentheil, wenn auch nur kurz und im Allgemeinen, gezeigt werden, dass sehr wesentliche Unter- schiede zwischen einem Organismus und einem Ma- schinenwesen bestehen. Eine Maschine kann nur eine oder hchstens wenige bestimmte Verrichtungen in einer unabnderlich in ihrer bestimmten Construction festgelegten Weise ausfhren. Ihre einzelnen Constructionstheile knnen sich nicht selbstthtig auswechseln, neue Condjinationen eingehen und sich fr verschiedene Verrichtungen, wechselnden Verhltnissen ent- sprechend , einstellen. Die Maschine kann daher nicht auf beliebige ussere Eingriffe in einer zweckentsprechenden, vielseitigen Weise reagi- ren. Der Organismus dagegen ist Kraft seines Baues hierzu im Stande; wie denn schon die einfache Zelle als das Urbild eines Organismus gegen Wrme und Licht, sowie gegen alle Arten mechanischer und chemischer Einflsse irritabel ist und durch sie zu den mannigfachsten Lebensusserungen veranlasst wird. In d e r M a s c h i n e entwickelt 56 Fnftes Capitel. sich ein in ganz bestimmter Richtung gebundenes, im Organismus ein ausserordentlich freies, vielseitiges Spiel der Krfte. Der Unterschied lsst sich durch einen Vergleich anschaulicher machen. Maschinenwesen und Organismus verhalten sieh wie eine fr viele Melodieen eingerichtete Spieldose und der lebendige, menschliche K e h 1 k p f mit dem zugehrigen Lungengel)lse nebst Nerven- und Muskelapparat. Beide knnen viele Lieder hervorbringen . aber in wie grundverschiedener Weisel Bei der Spieldose ist je nach ihrer Construction fr jede Melodie entweder eine besondere . mit Stiften versehene Walze oder eine Scheibe mit Einschnitten erforderlich. Bei jeder IMelodie muss jedes Mal besonders eine Walze oder Scheibe ein- gestellt werden. In dem Kehlkopf dagegen ist fr keine Melodie eine feste Einrichtung vorgebildet, er erzeugt die Tne willkrlich durch verschiedenartige, unter der Herrschaft von Willensimpulsen erfolgende Erschlatt'ung und Anspannung der Stimndinder , wobei durch die Stimmritze in ebenfalls vielfach variirter Weise die Luft bald strker, bald schwcher hindurchgepresst wird. Beherrscht vom Nervena])parat, vermag er die Tne in jeder beliel)igen Coml)ination zu ]\Ielodieen zu verbinden, was die Spieldose nicht kann, da in ihr die den Ton er- zeugenden Stiftchen fr jedes Lied immer in einer festen Anordnung gegeben sind. Er kann den Ton ])a]d leise , bald stark singen . er kann Tempo und Khythmus ndern und berhaupt Effecte durch die verschiedenartigsten Kunstmittel erzielen, durch welche in eine Me- lodie, wie man sich ausdrckt, erst Seele hineingelegt wird. Die Spieldose verfgt nicht frei ber die Mittel zur Hervorbringung. Corabinirung, Modulirung der Tne, ber Rhythmus. Strke und Aus- druck der Melodie, wie es einzig und allein nur der Organismus vermag. Hierzu kommt ein zweiter Unterschied. Wenn durch einen Reiz der Organismns eine ^'ernderung erfahren, eine Drse zum Bei- spiel das in ihr zur Abscheidung vorbereitete Secret abgesondert hat, oder der Muskel durch lngere Thtigkeit in seiner Structur alterirt und ermdet ist, so trgt er in sich das Vermgen, nach einiger Zeit der Ruhe wieder in seinen ursprnglichen Zustand zurckzukehren, so dass nun dersell)e ussere Reiz wieder eine zu gleicher Vernderung fhige Substanz vorfindet. Die Drse speichert wieder Secret in sich auf. der vom Blut durchstrmte Muskel erholt sich wieder von seiner Ermdung und ist so im Stande, wieder genau dieselben Leistungen wie frher hervor- zubringen. Eine Maschine dagegen besitzt nicht in ilirer Construction die Mittel, schadhaft gewordene Coustructionstheile auszuschalten und gegen neue eiiizuwecliseln, sie, wenn es nthig ist, mit Oel zu schmieren. Staub und andere Schdlichkeiten zu entfernen, die als Betriebskraft verwendbaren chemischen Stoffe nach Erforderniss von aussen sel])st- thtig zu beziehen und an die geeigneten Verbrauchsstellen zu l)e- frdeni. Die Maschine l)raucht daher einen Menschen als Betriebs- leiter, der sie mit Allem, was sie sich nicht beschaffen kann, versorgt. Wenn schon in allen diesen Beziehungen ein ungeiieurer Gegen- satz im Wesen der Maschine und des Organisnms besteht, so wird er doch nocli erhelilich vergrssert durch einen d ritten Unterschied, Das Causalittsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus etc. 57 der im Vermgen des Zellenorganismiis gegel)en ist, sich in zwei oder mehr Tochterorganismen durch Fort- pflanzung z u V e r m ehren. Zunchst wenigstens ist es nach unseren gegenwrtigen Kenntnissen eine ungeheuerliche Vorstellung, sich eine Maschine vorzustellen, die durch Vervielfltigung ihrer Ma- schinentheile im Stande sein knnte, sich in zwei Maschinen zu tlieilen. Aus allen diesen Grnden l)ezeichnet man mit richtigem Tact auch die vollkommenste und in Thtigkeit gesetzte Maschine doch nie als ein lebendiges Wesen, sondern reservirt die Eigenschaft des Lebens nur dem Organismus; und deswegen spricht man auch nur beim Or- ganismus von Reizbarkeit , von Reizursachen und Reizwirkuugen. Deswegen ist es aber auch ein ganz verfehl tes Bestreben, sich einzubilden, nach den Principien der Mechanik einen Organismus begreifen zu knnen. In einer Maschine lassen sich in der That die auf ihrer Con- struction beruhenden Wirkungen aus den im Zusammenhang erfolgenden Bewegungen von Walzen, Rdern, Hebeln und anderen Constructions- theilen nach einfach mechanischen Principien erklren. Im Organis- mus dagegen I) e r u h e n seine W i r k u n g e n vorzugsweise auf den chemischen Processen seiner ausserordentlich zahlreichen und verschiedenartigen chemischen Be- standtheile, gehren also einem Gebiet an, das zur Zeit noch weit entfernt ist, einen Bestandtheil der Me- chanik auszumachen. Whrend in der Maschine die Wirkungen durch die Coustruction der fest verbundeneu Theile, die sich nicht gegen einander selbstndig auswechseln knnen, unabnderlich fest- gelegt sind , knnen in einem Organismus, weil in ihm chemische Krfte die Herrschaft fhren, die Structur- theile seines Baues sich verndern in mannigfacher Weise, es knnen sich unter den zahlreichen organischen Stoffen einzelne durch wechselnde Wahlverwandtschaften ohne Zerstrung des Organismus umsetzen. So kann sich auf der principiell verschiedenen Grundlage das freiere Spiel der Krfte entfalten, welches allem Maschinenwesen durchaus fremd ist. Nur das Leben besitzt eine s y s t e m a t i s i r t e Ver- wendung chemischer Processe und unterscheidet sich dadurch auch nach anderer Seite hin von allen bis- herigen Hervorbringungen unserer menschlichen Tech- nik." (LOTZE.) Literatur zu Capitel V. 1) H. Driesch. I)ie MascJnncntheorie des Lebens. Biol. Centralbl. Bd. XVI. 1896. 2) Curt Herbst, lieber die Bedeutung der Rcizphysiolvyic fr die causale Auffassung von Vorgngen in der thiet ischen Ontogenese. Biol. Centralbl. Bd. XIT' w. XV. 1894 95. 3) Oscar Hertwig. Mechanik ttnd Biologie. Zweites Heft der Zeit- und Streitfragen der Biologie. 1897. (Der Begriff der Causalitt pag. .'>9.J 4.) Hermann Lotze. Leben, Lebenskraft. Wagners Handwrterbuch d. Fhysiol. Bd. I. 1842. 5) Derselbe. Allgemeine Physiologie des krperlichen Lebens. Leipzig 1851. 6) Julius Sachs. Vorlesungen ber Fflanzenphysiologie. 34. Vorlesung. Leipzig 1882. 7) Schopenhauer. Die Welt als Wille und T'orstellung. Smmtliche Werke. Bd. I. II. III. Herausgeg. von Frauenstdt. Leipzig 1881. SECHSTES CAPITEL. Ueber die Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. Nach den im fimften Capitel augestellten Betrachtungen gehen wir auf die Frage, welche uns zu ihnen gefhrt hat, selbst nher ein : Welches sind die Ursachen, die in einem Aggregat gleichartiger, aus einem Ei entstandener Zellen ihre sieh stufenweise vollziehende Um- wandlung in Organe und Gewebe bewirken V Die Frage nach dem Wesen des Entwicklungsprocesses , welche schon vor Jahrhunderten die Naturforscher in zwei sich befehdende Lager, in die Anhnger der Prformatiou und der Epigeuese, gespalten hat. ist auch in unseren Tagen wieder Gegenstand vielfacher und leb- hafter Errterungen geworden und hat zu hnlichen, allerdings durch die Fortschritte der Wissenschaft moditicirten Gegenstzen gefhrt. Auch jetzt sind wieder gegenstzliche Theorieen aufgestellt worden, solche, die sich mehr in der Gedankenrichtung der lteren Evolutions- theorie bewegen und daher auch als Neoevolutionismus bezeichnet werden knnen, und solche, welche epigenetische Grundpriucipien enthalten und in einer der Neuzeit angepassten Form durchzufhren suchen. Als Vertreter der ersteren Richtung sind iusbesondeie Wkis- MANN und Roux zu nennen. Theorieen der letzteren Art dagegen sind von Spencer, von Ngeli. von mir. von Driesch u. A. entwickelt worden. Worin die Unterschiede zwischen beiden Richtungen bestehen, wird sich aus der folgenden Darstellung der Keimplasmatheorie von Weism.\nn einerseits, der Theorie der Biogenesis andererseits ergeben. I. Die Keimplasmatheorie von TTkisma. Am consequentesten und bis ins Detail ist der Neoevolutionismus in der Keimplasmatheorie von Weismann durchgearbeitet wordtMi. Mit mii-, Strasburgeh u. A. nimmt Weismann an. dass im Ei, und zwar in seinem Zellenkern . eine besondere Substanz unterschieden werden muss, welche der Trger der erblichen Eigenschaften jeder Organismenart ist und bald fh-bmasse. bald Idioplasma . bald Keim- plasma benannt wird. (Vergl. hierber: Die Zelle, pag. 267.) Sechstes Capitel. lieber die Ursachen, durch welche Zellenaggregate etc. 59 Nach Weismann ist das Keimplasma des Eies aus ausserordentlich vielen, verschiedenen Stofftheilchen zusammengesetzt, welche unter einander zu einer complicirten Architektur verhunden sind. Alle Zellen oder Zellengruppen , welche sellistndig vom Keim aus vernderlich sind, also alle einzelnen Gewebs- und Organzellen des ausgelldeten Organismus, sind im Keimplasma durch kleine, besondere Einheiten, die Determinanten, vertreten, deren Zahl sich auf viele Hundert- tausende belaufen kann. Sie sind die Trger der Zelleneigenschaften. Da diese in einer Zelle verschiedenartige sein knnen , so bauen sich die Determinanten jeder einzelnen Zelle selbst wieder aus noch klei- neren Einheiten, den Biophoren, auf, durch welche je eine einzelne Eigenschaft der Zelle reprsentirt wird. Aus der Annahme, dass durch je eine Determinante je eine im Krper rumlich genau bestimmte, selbstndig vom Keim aus vernderliche Zelle oder Z e 1 1 e n g r u p p e im Keimpia snia vertreten sein muss, zieht Weismann die weitere Folgerung, dass die Determinanten auch im Keim- plasma fest localisirt und in sehr complicirter Weise zu einem Verbnde vereint sein mssen. Er nennt die so entstehende, gewisser- maassen eine besondere Architektur aufweisende hhere Einheit ein Id. Es ist der Inbegriff aller zum Aufbau eines Individuums der Art nthigen Determinanten. Es wrde gengen, wenn die Erbmasse nur ein einziges enthielte; indessen nimmt Weismann aus verschiedenen Grnden , auf welche einzugehen uns hier zu weit fhren wrde , im Keimplasma eine Vielheit von Iden an, welche, von nheren oder ent- fernteren Vorfahren abstammend , als Erbstcke die Eigenthmlich- keiten des Baues derselben berliefern und eventuell bei einer Gelegen- heit zur Wirksamkeit kommen (Erklrung des Atavismus). Allen einzelnen, niederen und hheren Einheiten des Keiniplasmas der Eizelle kommt, wie diesem selbst, die Eigenschaft zu, durch Stoffaufnahme zu wachsen und sich durch Theilung zu vermehren. Biophoren, Determinanten, Iden, Architektur des Keiniplasmas sind Annahmen , gemacht zu dem Zwecke , um mit ihnen die Frage, welche das Thema unseres sechsten und der folgenden Capitel bildet, nmlich die Frage nach den Ursachen der verschiedenartigen Differen- ziruug der Zellen, zu beantworten. Hiermit kommen wir zu dem uns besonders interessirenden Cardinalp unkt der WEiSMANN'schen Hypothesen. Die Beantwortung gibt Weismann in der Weise , dass er die Determinanten, die er im Keimplasma des Eies zu einem kunst- vollen Werk durch seine Annahmen zusammengefgt hat, in Folge des Entwicklungsprocesses durch einen im Ei ebenfalls voraus- bestimmten und geregelten, aber seiner Natu r n a c li unbekannten und rthselh aften Mechanismus allmhlich wieder auseinander gelegt und auf die einzelnen Zellen, die durch sie in ihrem Charakter bestimmt werden sollen, auf die Deter- rainaten, vertheilt werden lsst. Die Entwicklung gestaltet sich auf diese Weise zu einem Process der Selbstdif feren- zirung des Eies, Das Keimplasma-Id spaltet sich , wenn der Entwicklungsprocess beginnt, bei jeder oder doch sehr vielen Zell- und Kerntheilungen in immer kleinere Gruppen von Determinanten , so dass an Stelle einer Million verschiedener Determinanten, die etwa das Keimplasma-Id 60 Sechstes Capitel. zusammensetzen mge, auf der folgenden ontogenetischen Stufe jede Tochterzelle deren nur noch eine halbe Million, jede der darauf folgenden Stufen nur eine viertel Million u. s. w. enthlt. Zuletzt bleibt in jeder Zelle nur noch eine Art von Determinanten brig, welche die betreffende Zelle oder Zellengruppe zu bestimmen hat". Auf jeder einzelnen Stufe der Entwicklung hat in jeder Zelle jedes UrxeUe Set. m^}h_>-35 p/taia Ph/iun Fig. 27. Schema der Zerlegung des Idioplasmas einer Urknoehenzelle der vorderen Extremitt. Nach Weismann. Die Kreise iii Fig. 27 bedeuten je eine Stammzelle des betreffenden Knochen- stckes, von denen jede der Einfachheit halber als durch eine Determinante bestimmt gedacht wird. Also die Urzelle der ganzen Knochenaclise wrde durch die Determi- nante 1 bestimmt, enthielte aber daneben noch in ihren Iden die Determinanten 2 Sb. Bei der ersten Zellthoilung trennen sich diese in die Stammzellen des Oberarms (Hu- merus) und des Vorderarms sammt Hand. Erstere enthlt die Determinanten 2, und von ihr ist hier die weitere Theilung in Zellen angedeutet mit den Determinanten 2a bis 2x. Letztere entliit die brigen Determinanten ,5 35, die sich nun bei jeder weiteren Zelltlieihmg in immer kleinere Gruppen spalten, bis zuletzt jede Zelle nur noch je eine Determinante entiilt. Das Schema gibt nur ungefhr die Knochenstcke der vorderen Extremitt wieder. Die einzelnen Handwurzelknochen sind weggelassen. Id seine fest ererbte Architektur, einen verwickelten, aber vllig fest bestimmten und gesetzmilssigen Bau. der, vom Id des Keimi)lasmas ausgeliend. sicli in gesetzmssigor Vernderung auf die folgenden Id- Stufen iil)ertigt. In der Architektur des Keimi)lasma-Ids sind alle Structuren der folgenden Idstufen potentia enthalten, in ihr liegt der Grund der regelrechten Vertlioilung der Determinanten, d. h. der Grund fr den gesammten Aufbau des Krpers von seiner Grundform an zu der Anlage und zu den Beziehungen der Theile; in ihr liegt Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. l der Grund, warum z. B. die Determiuaute fr einen kleinen Fleck auf dem Flgel eines Schmetterlings genau an die richtige Stelle ge- langt und an keine andere". Zur Veranschaulichung seines Gedankenganges hat Weismann das beifolgende Schema, Fig. 27, ber die Entwicklung des Skeletts der vorderen Extremitt entworfen. Zum Verstndniss desselben wird auf die beigefgte ausfhrliche Figurenerklrung verwiesen. Als das Mittel, dessen sich die Natur zu dem wunderbar ver- wickelten Zerlegungsprocess des Keimplasmas bedient, bezeichnet Weismanx die Zell- und Kern theilung. Er unterscheidet nmlich nach einer nicht nher begrndeten Annahme, welche aber doch schliesslich der wichtigste Grundstein seines Systems ist, 2 Arten von Kern theilung, die sich zwar nach ihrem usserlichen Ver- lauf durch Beobachtung nicht unterscheiden lassen, die aber nach ihrer AVirkung grundverschieden ausfallen. Die eine Art wird als erbgleiche oder integrelle Theilung, die andere als erb- ungleiche oder differentielle bezeichnet. Die e r b g 1 e i c h e T h e i 1 u n g beruht auf e i n e r V e r d o p p e - lung der Determiu anteu durch Wachsthum und auf ihrer ganz gl eich massigen Vertheiluug auf die Idhlften und weiterhin auf die Tochterchromosomen; sie tritt bei Embryonalzellen und spter bei Gewebezellen ein, welche Tochterzellen genau der gleichen Art hervorbringen. Die erbungieiche Theilung dagegen wird durch un- gleich e G r u p p i r u n g d e r D e t e r m i n a n t e n whrend ihres Wachs- thums eingeleitet; in Folge dessen spalten sich die Iden derartig, dass hierbei die in ihnen eingeschlossenen Determinanten in ganz verschiedenen Gombinationen auf die Tochter-Iden ber- tragen werden. Diese Art der Halbirung des Keimplasmas spielt bei der Umwandlung des Eies in den fertigen Organismus die Haupt- rolle. Nur durch ihre richtige Functionirung ist es mglich, dass die im Keimplasma eingeschlossenen zahllosen Determinanten oder Be- stimmungsstcke so entwickelt werden, dass sie, zur rechten Zeit an den richtigen Ort gebracht, in die Yererbungsstcke (Determinaten) des fertigen Krpers bergehen knnen. 1. Einwnde gegen die Unterscheidung erbgleioher und erbungleicher Theilung. Bei Beartheilung der nur kurz und der Hauptsache nach referirten Hypothesen von Weismann will ich auf die vielen Schwierigkeiten, die sich im Einzelnen darbieten, nicht nher eingehen, sondern mich nur auf einige Hauptpunkte beschrnken, von denen mir alles Uebrige abzuhngen scheint. Einen solchen betrifft die Frage, ob berhaupt nach unseren Kenntnissen vom Zellenleben der Process der Aus- einanderlegung des Keimplasmas", welchen Weismann selbst einen wunderbar verwickelten " nennt, vermittelstder Kern -und Zell theilung mglich ist. Ich glaube es in Abrede stellen zu mssen und die Unmglichkeit durch Argumente beweisen zu knnen, welche zugleich eine der hauptschlichsten Grundlagen meiner eigenen Theorie abgeben. Wozu dient berhaupt im Leben der Zelle ihre Theilung, bei welcher die Kernsegmeutirung die fhrende Rolle spielt? Doch zu 62 Sechstes Capitel. ihrer Vernieliruug , zu ihrer F o r t p f 1 a u z u u g , imd diese ist das Mittel, dessen sich die Natur zur Erhaltung eines Or- ganismus als Art 1) e d i e n t. Der als einzelnes Individuum ver- gngliche Organismus wird in seinen Eigenschaften auf dem Wege der Erzeugung vervielfltigt und als Art erhalten. Art oder S p e c i e s ist in der Biologie der Sammelbegriff fr die neben- und nacheinander bestehenden Individuen gleicher A b s t a m m u u g. Von Pflanzen und Thiereu wissen wir auf Grund unzhliger Er- fahrungen, dass jedes Individuum einer Art nur das Vermgen besitzt, wieder neue Individuen derselben Art hervorzuliringen. Die Theorie der heterogenen Zeugung, wo sie aufgestellt wurde, ist als ein grober Irrthum l)ald l)eseitigt worden. So gilt denn als ein allgemeiner Grundsatz in der Biologie der Ausspruch Gleiches erzeugt nur Gleiches" oder besser Art erzeugt stets seine Art". Bei allen einzelligen Lebewesen ist erbgleicheTheilung ihres Zellenorganismus die einzige, die vorkommt und vorkommen kann. Auf ihr beruht die Coustanz der Art. Wenn es mglich wre, dass bei irgend einem einzelligen Organismus die Erbmasse (Idioplasma) durch Theilung in zwei ungleiche Componenten zerlegt und auf die Tochterzellen ungleich bertragen werden knnte, dann htten wir den Fall einer heterogenen Zeugung, den Fall einer Entstehung zweier neuer Arten aus einer Art, Wie indessen alle Beobachtungen lehren, werden auch bei den Einzelligen durch die Theilung die Arteigenschafteu so streng und Ins ins Kleinste berliefert, dass einzellige Pilze, Algen, Infusorien auch noch im millionsten Glied ihren weitentfernten Vor- fahren genau gleichen. Der T h e i 1 u n g s p r o c e s s als solcher erscheint daher auch bei den einzelligen Organismen nie und nirgends als Mittel, um neue Arten in 's Leihen zu rufen. Aus den angefhrten Grnden scheint es mir nicht statthaft zu sein, dass die Zellentheilung bei der Entwicklung des Eies als Mittel fr ganz entgegengesetzte Zwecke, als ein ]\Iittel, durch welches ein- mal Gleichartiges, das andere Mal Ungleichartiges entstehen soll, gebraucht wird; auch hier kann jede Zelltheilung ihrer Katur nach einzig und allein eine e r b g 1 e i c h e " sein ; deshalb m s s e n a 1 1 e aus de m f] i durch Fortpflanzung entstehenden Zellen Trger der ^ o 1 1 e n Erbmasse und der Art nach gleich sein. Man wird mir hier einwerfen, dass doch der ausgebildete Organismus eine Vereinigung sehr verschiedenei' Arten v o n G e w e b e z e 1 1 e n sei, von Epithel-, Knochen-. Muskel-, Nervenzellen etc. Man muss hierbei. wenn eine Verstndigung mglich sein soll, sich klar werden, in welchem Sinne man in dem obigen Einwurf den Begriff Art oder Species" gebrauchen will, ob bloss in foimaler Hinsicht als Unterscheidungs- uud Eintheiluugsbegritf oder in der biologischen Bedeutung der organischen Species, 2. Bemerkungen zum histologischen System. Unterscheidung unter- geordneter und wesentlicher Merkmale. Man kann eine Summe von Dingen in sehr verschiedener Art" eiutheilen, entweder nach diesem oder jenem besonders in die Augen Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 63 springenden Merkmale in einer mehr usserlicheu Weise oder nach tieferen allgemeinen Gesichtspunkten, welche das ganze Wesen der einzelnen Gegenstnde zu erfassen suchen. So erhlt man Systeme mit ganz verschiedener Artgruppirung. Salze lassen sich nach ihrer Farbe in weisse, rothe, grne, blaue etc. oder nach ihrer Krystallform oder nach ihrer tiefer liegenden chemischen Constitution eintheilen. Ebenso kann man die Zellen in verschiedener Weise zu Systemen ver- einigen. Unser histologisch es System ist ein rein knstlich es, wenn auch ein wissenschaftlich durchaus berechtigtes und noth wendiges. Es ist ein knstliches, weil es ein einzelnes Merkmal als Criterium der Eintheilung verwendet. Nach dem usserlicheu Merkmal der Contractilitt werden die Muskelfasern eines Sugethieres , eines Mollusks, einer Meduse etc. unter der begrifflichen Einheit des Muskelgewebes zusammengefasst, und ebenso alle anderen Gewebeformen. Nun liegt aber doch wohl klar auf der Hand, dass durch das einzelne Merkmal der Contractilitt das Wesen der Muskelzelle nicht erschpft ist. Eine jede ist ja Theil eines Organismus und wird in dieser Hinsicht Eigenschaften besitzen, durch welche sie sich von der Muskelzelle eines anderen Organismus unterscheidet. Ich bezeichne sie ImGegensatz zu den histo- logischen Merkmalen der Gewebe als ihre Arteigen- schaften, weil sie das Wesen der Zellen einer Orga- nis m e n a r t ausmachen. Whrend die histologischen Merkmale uns in den Differen- ziruugsproducten der Gewebe etc. erkennbar zu Tage treten, entziehen sich die A r t e i g e n s c h a f t e n d e r Z e 1 1 e n unserer directen Beobach- tung, weil war zur Zeit in die feineren, auf dem micellaren Gebiet liegeuden Organisationsverhltnisse der Zellen mit unseren derzeitigen Hilfsmitteln der Forschung nicht einzudringen vermgen. Wissenschaft- liche Schlsse allgemeiner Natur sind es, die uns mit Nothwendigkeit zwingen, ausserhalb unseres Sinnesbereichs gelegene Organisationen anzunehmen. Am besten lsst sich wohl der Punkt, auf den es hier ankommt, an dem Beispiel der Geschlechtszellen klar machen. Wo eine Differeuzirung in zwei Geschlechter im Organismenreich eingetreten ist, treffen wir in der Regel zw^ei Arten von Zellen, die sich nach Grsse, Inhalt, Form in sehr aufflliger Weise von einander unterscheiden : die Eier und die Samenfden. Im histologischen Systeme stellen wir die Eier der verschiedenen Thier- und PHanzenarten in eine Gruppe und ebenso die Samenfden in einer anderen Gruppe zusammen ; wir erhalten durch diese Zusammenstellung das merkwrdige Schau- spiel, dass, whrend die mnnlichen und weiblichen Geschlechtszellen ein und derselben Organismenart in allen ihren usseren Merkmalen im hchsten Grade verschieden sind, die Eier von Organismen, die im System sehr entfernt von einander stehen, zum Beispiel von manchen Wirbelthieren und Wirbellosen, ja selbst von Pflanzen und Thieren, zum verwechseln hnlich sind, und ebenso ihre Samenfden. Die Eier kann man dann weiter nach der Beschaffenheit des Dotters in die bekannten Unterarten eintheilen, ebenso die Samenfden nach weiteren Structureigeuthmlichkeiten. Das so erhaltene System ist ein in mancher Hinsicht zweckmssiges, weil es einen raschen Ueberblick ber manche Verhltnisse gestattet, 64 Sechstes Capitel. aber ein durcliaus knstliches, wie das gauze liistologische System. Denn die Eintheilung beruht auf usserlichen und nebenschlichen Merkmalen, lsst dagegen die wesentlichen Eigenschaften der zusammen- geordneten Gebilde ganz unbercksichtigt. Was diese sind, ergibt sich aus der Erwgung, dass Ei und Samenfaden die Anlagen fr einen neuen Organismus bilden, dass sie daher die fr jede Organismenart charakteristischen Eigenschaften der Anlage nach enthalten mssen. Durch solche Erwgungen gewannen wir den Begrirt" des Idioplasmas (siehe erstes Buch . Seite 267) oder der Anlagesubstanz, welche das eigentliche Wesen der Geschlechtszelle ausmacht. In der Organisation ihres Idioplasmas mssen Eier und Samenfden ein und derselben Organismenart im Wesentlichen gleich sein, dagegen mssen sich die Geschlechtszellen verschiedener Thierarten, z. B. einer Sugethier- und einer Yogelart, in der Beschaffenheit ihrer Idioplasmen in dem- selben Grade unterscheiden, als die Eigenschaften eines Sugethieres von denen eines Vogels verschieden sind. Die so erschlossene Organisation des Idioplasmas ist mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar. AVren wir in der Lage, fr sie eine Formel , die wahrscheinlich eine hchst complicirte sein wrde , zu entwickeln . wie es die Chemiker fr ihre unendlich viel einfacher aufgebauten Stolfe vermgen, so wren wir in der Lage, auf Grund der Constitutionsformeln des Idioplasmas die Geschlechtszellen der Organismen in ein System zu bringen, welches nicht, wie das histologische, auf n e 1) e n s c h 1 i c h e , sondern auf die wesentlichen Eigenschaften gegrndet ist. In einem sol- chen System wrden mnnliche und weibliche Geschlechtszellen einer Organismenart w^ahrscheinlich nur unbedeutende Varianten derselben Constitutionsformel darbieten, whrend die Formeln fr die Geschlechts- zellen verschiedener Organismen eine Anordnung aufweisen wrden, die etwa der Gruppiruug der Thier- und Ptlanzenspecies im natrlichen System entsprche. Mit den verschiedenen Gewebs arten verhlt es sich genau ebenso wie mit den Ei- und Samenzellen. Die histologischen Unterschiede innerhalb der Zellen sind erst secundren Ursprungs, sie beruhen auf Verschieden- heiten der fr besondere Zwecke ausgeschiedenen Bildungsproducte des Protoplasmas, der formed matter von Beale; ihre Artgleichheit dagegen beruht was das viel Wichtigere ist auf der Organisation der die Plasmaproducte berhaupt erst bildenden Zelle, der f r m i n g matter, besonders aber auf der Constitution des von den Geschlechtszellen berkommenen Idioplasmas, welches fr jede r g a n i s m e n a r t ein besonderes ist. In den histologischen Unterschieden eines Organismus erl)lick e ich da he r nur verschiedene Zust nde von Zellen, die in der Constitution ihres Idioplasmas bereinstimmen und als Abkmmlinge einer gemeinsamen Mutterzelle der Art nach gleich sind. Hier hre ich allerdings von Weismann und Anderen den Ein- wurf erheben: Wenn das Idioplasma im Stande ist, der ihr zu- gehrigen Zelle einen specitischen Charakter aufzudrcken, so muss es in jeder Art von Zellen ein verschiedenes sein". Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 65 Bei einer Beantwortung dieses Einwurfes kommt es hauptschlich darauf an. sich zu verstndigen, was unter dem Wort verscliieden" gemeint ist. Denn verschieden" ist ein sehr dehnharer Begriff, und es wird sich zeigen, dass Weismann und ich gerade ber die Art der Verschiedenheit sehr abweichende Ansichten haben. 3. Das Idioplasma erfhrt keine Zerlegung, sondern tritt nur in verschiedene Zustnde ein. Zunchst wird weder von Ngeli noch von mir in Abrede gestellt, dass das Idioplasma in den Zellen eines Organismus an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten Verschiedenheiten zeigen kann. Denn lebende Wesen verndern sich, also auch das Idioplasma, so lange es lebt. Aus diesen Vernderungen aber ist Niemand den Schluss zu ziehen berechtigt, dass jetzt das Idioplasma auch in seinem Wesen als Trger der Arteigenschaften ein anderes geworden sei, ebenso wie Niemand von einem Organismus wegen der in der Zeit und an verschiedenen Orten seines Krpers eintretenden Vernderungen behaupten wird, dass er eine andere Art" von Organismus geworden sei. Weismann aber fasst in seiner Keimplasmatheorie die Verschieden- heit ohne Angabe besonderer Grnde gleich so , als ob sie, wie oben auseinandergesetzt wurde, in einer vollstndigen Zerl egung des Idioplasmas in ungleichwerthige Bestandtheile be- stehen msse. Die Annahme ist eine willkrliche, solange sie nicht aus biologischen Verhltnissen wahrscheinlich gemacht wrd. Diese aber scheinen uns zu ganz anderen Vorstellungen hinzufhren. Wenn das Idioplasma als eine sehr hoch organisirte Substanz und als Erbmasse mit sehr vielen Anlagen begabt ist, was sie ja nach unserer Annahme sein muss, so kann sie, wie wir glauben wahrschein- lich machen zu knnen, verschiedene Zustnde in der Weise darbieten, dass unter besonderen Bedingungen eine ihrer vielen Anlagen zur Entwicklung kommt, whrend andere latent bleiben. Aendern sich die Bedingungen, so kann die entwickelte Anlage sich wieder zurckbilden, wodurch der ursprngliche Zustand wieder hergestellt wird , oder es kann das Idioplasma durch Entwicklung anderer An- lagen, die den vernderten Bedingungen entsprechen, in neue Zustnde eintreten. In dieser Art etwa bewahrt das Idioplasma seinen Charakter als Trger der Arteigenschaften, trotz aller Vernderungen, die es unter dem Wechsel der Bedingungen erfhrt. In unsere Betrachtung haben wir hier gleich ein wichtiges Moment mit eingefhrt, welches Weismann berhaupt ganz ausser Acht gelassen hat, nmlich die Bedingungen. Nach Weismann verndert sich das Keimplasma aus sich selbst, durch innere Ursachen; nach unserer Auffassung dagegen spielen hierbei Bedingungen oder ussere Ursachen mit eine wesentliche Rolle. Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an das schon frher Gesagte (S. 46 u. 52) erinnert, dass jede Vernderung in einem complicirten organischen System stets auf viele Ursachen, die man als innere und ussere unterscheidet, zurckzufhren ist. So wirken bei Vernderung einer Zelle ausser den Eigenschaften ihres Idioplasmas (innere Ursachen) auch die Be- dingungen und Umstnde mit, unter denen sich die Zelle zur ganzen Hertwig, AUgem. Anatomie n. Physiologie der Gewebe. 5 66 Sechstes Capitel. usseren Natur und insbesondere auch zu anderen Zellen des Orgjanis- mus befindet, welchem sie inteurirt ist. &' Durch einen Vergleich mit den bekannteren Erscheinungen der Chemie lsst sich unsere Aultassung auch noch in anderer Weise er- lutei'u. Das Hiinioglobln mit seiner coniplicirten Constitution kann mehrere Moditicationen darbieten, indem es sich verschiedene Gase lockerer oder fester angliedern kann. Tritt in Folge des Athmuugs- processes in den Lungen Hauerstofi in das Blut, so bemchtigt sich das Hmoglobin desselben und erscheint jetzt als Oxyhnioglol)in, gertli es unter andere Bedingungen , wenn es sich in der Nhe von Geweben mit strkeren Affinitten zum Sauerstoii' befindet, so wird ihm der letztere wieder entrissen; es entsteht reducirtes Hmoglol)in. Wird darauf CO oder NO eiugeathmet, so erscheint uns das Haemo- globin al)ernials in etwas abgenderter Form als Kohleuoxyd- und Stickoxydhiimoglobin. Bei allen diesen Umwandlungen bewahrt das Hmoglol)in seine in der coniplicirten Constitution begrndeten wesentlichen Eigenschaften, so dass wir die an ihm eintretenden Vernderungen nur als seine Moditicationen bezeichnen. Auch kann es jeder Zeit in den ursprnglichen Zustand wieder zurckkehren, wenn die Bedingungen dazu vorhanden sind, wenn wir also geeignete chemisclie Krper mit strkeren Affinitten zum 0. CO oder NO etc. mit ihm in Beziehungen bringen. Dasselbe lehren uns alle hochmoleculren organischen Stoffe, bei denen sich ein einzelnes Atom durch Atome anderer Art oder durch kleinere Atomgruppen auf experimentellem Wege, das heisst , durch Herstellung der fr jede Vernderung erforderlichen Bedingungen ersetzen lsst. In analoger Weise so Hesse es sich vorstellen l)e wahrt das Idioplasma , im Vergleich zu dessen Organisation das complicirteste chemische Molecl wohl noch ein sehr einfaches Gebilde ist, seinen Grundcharakter, seine wesentlichen Eigenschaften, trotz der Ver- nderungen, die sich hier oder dort an einem einzelnen Theilchen abspielen, hnlich wie an einem einzelnen Glied complicirter Atom- verkettungen in dem oben angefhrten Beispiel. In diesem Sinne sind alle noch so verschiedenartig differenzirten Zellen eines Organismus untereinander artgleicli: alle sind Trger des fr die betreffende Species charakteristischen Idiojdasmas; ihre in den Protoplasmaproducten zu Tage tretenden Verschiedenheiten sind nur hervorgerufen daduich . dass einzelne Zellen von ihren vielen Anlagen bald diese, bald jene mehr ausgel)ildet haben, die Eigenschaft. MuskelfilirilJen oder Nervenhbrillen . Bindegewebe- oder elastische Fasern, Knorpel- oder Knochengrundsul)stanz zu differenziren. Gallen- farbstoff, rtyalin oder Pepsin, Glycogen oder Fett etc. etc. herzustellen, sowie die Bedingungen dazu gegeben sind. Gegen die Hypothese von Weismann, dass die verschiedene Differenzirung der Zellen auf eine stattgehal)te Auseimmderlegung ihres I(lio])lasmas in ungleichartige Theile hinweise, lassen sich manche Erscheinungen der Biologie als unvereiid)ar geltend machen. Auch hier sileude Resultate, dass aus der Hlfte, einem Viertel oder Achtel eines P>ies ein ganzer Embryo werden kann, bleibt fr die Weismann- Roux'sche Theorie eigentlich nichts Anderes brig, als jede Zelle mit >s('b(Mii(lioplasma fr unvorhergesehene Flle auszursten. Dann stehen wii- alx'r auf dem von mir vertretenen Staudpunkt . dass jede Zelle im Entwicklungs])rocess nnt dem vollen Keimi)lasma des Eies ausgerstet wird, mit dem T'nterschied allerdings, dass Weismann es in eine active und Reseivcarmee theilt , whrend mir diese Unter- scheidung berHssig zu sein scheint, weil sich damit doch nichts er- klren lsst. Denn bei jeder Strung des Entwicklungsi)rocesses muss ja der im voiaus bestininite Operationsplan der activen Armee nicht mehr verwert libar sein. Wie soll sich der comi)licirte. in der festen Architektui' des Keini])lasnnis begrndete Entwicklungsmechanismus den wechselnden Verhltnissen anpassen V Welche Verwirrung muss entstehen, wenn durch ussere Eingriffe bald in dies(>r. bald in jener Weise die Abtlieilungen der activen Armee in Unoi'dnung gebracht Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 73 werden . und weim dann den zerstreuten Trinmern dersell)en die Reservearmeen mit ihrem Vorratli latenter Anlagen zu Hilfe kommen sollen V Wer gebietet den durch den prstabilirteu Plan zur Activitt bestimmten Determinanten , jetzt nicht mehr zu determiniren an Stellen, wo es nicht mehr passt, und wer reactivirt die Anlagen der Reservearmee, die im Entwicklungsplan gebunden bleiben sollten, an Stellen, wo ihre Hilfe nothwendig geworden istV 6. Endergebniss. Mir scheint . dass die Determinantenlehre bei jeder Aenderuug der im Entwicklungsplan nicht vorgezeichneten Verhltnisse versagt, und dass hierdurch, wie durch die nachgewiesene Unmglichkeit einer erbuugleichen Theilung die Keimplasmatheorie das Wesen des organi- schen Entwicklungsprozesses nicht erklren kann. Schon in philo- sophischer Hinsicht l^eruht sie auf falschen Grundannahmen. Denn die Entwicklung des Eies ist weder eine Selbstditferenzirung , noch verluft sie auf Grund von Selbstdetermination der Zellen. Der E n t w i c k 1 u n g s p r c e s s , u m verstanden zu werden, m u s s vielmehr e r f a s s t werden als e i n k 1 e i u e s S t c k c h e n des Naturverlaufs, das will heissen: das Ei entwickelt sich in unmittelbarstem Zusammenhang, in steter Fhl u n g m i t de m N a t u r g a n z e n u u t e r Benutzung der es umgebenden Aussen weit. Stoff und Kraft treten bestndig in dasselbe ein und aus. Das Ei ist daher kein mechanisches Kunstwerk , dessen Mechanismus nur in Gang gesetzt zu werden braucht, um dann ruhig in der ihm vorgeschriebenen Weise a 1) z u 1 a u f e n , sondern ein Organismus, dessen Leben auf jeder Stufe der Ent- wicklung und zu jederzeit auf seinem bestndigen Ver- keil r mit der A u s s e n w e 1 1 li e r u h t. Von diesen Gesichtspunkten aus ist auf den folgenden Seiten der Versuch gemacht worden, die Grundzge fr eine Entwicklungstheorie zu entwerfen. Im Gegensatz zur Keimplasmatheorie, welche durch einen in das Ei hineinconstruirten, in der Architektur und der gesetz- mssigen Zerlegung des Keimplasmas gegebenen Mechanismus die Entwicklung mechanisch als Evolution und Prformation zu be- greifen sucht, bezeichne ich meine Theorie der Entwicklung als die Theorie der B i o g e n e s i s. Durch sie wird, wie schon im Namen ausgedrckt ist, das Ei als ein mit allen Eigenschaften des Lebens ausgersteter Organismus, als ein Lebewesen oder Bion, erfasst. Die Entwicklung ist ein Natur- process , der auf dem Zusammenwirken der durch Vermehrung der Eizelle entstehenden artgieichen Lebewesen beruht und sich unter dem bestndigen Eintiuss der Aussenwelt und in bestndiger Fhlung mit ihr vollzieht. Dieser Vorgang ist ein durchaus epigenetischer. Auf der anderen Seite berl)rckt indessen die Theorie der Biogenesis in gewisser Hinsicht die tiefe Kluft, welcher frher zwischen der alten Prformationstheorie und der Theorie der Epi- genese von Caspar Friedrich Wulff bestand, dadurch, dass sie zum Ausgangspunkt und zur Grundlage der Entwicklung ein kleines Lebe- wesen mit einer schon ausserordentlich complicirt beschaffenen Anlage- substauz annimmt. Denn der Organismus der Eizelle ver- 74 Sechstes Capitel. Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe etc. einigt auch in iiusern Augen in sich die Hauptbedin- gungen, durch welche der specifische oder artgemsse" Verlauf und das E n d e r g e b n i s s des P r o c e s s e s in erster Linie bestimmt ^Y i r d. Literatur zu Capitel VI. 1) H. Drieseh. Entwicklung smechanische Studien. 1 VI. Zeitichr. f. tvissenseh. Zool. Bd. LIII. LV. 2) Derselbe. Zur Theorie der thierischen Formhildung. Biol. Centralbl. Bd. XIII. J893. 3) Derselbe. Die Verlagerung der Blastomeren des Echinideneies. Anatom. Anzeiger Bd. MIL 189o. 4j Oscar Hertwig. Vergleich der Ei- und Samenbildwig bei Nematoden. Eine Grund- lage fr cellulare Streitfragen. Archiv fr mikrosk. Anat. Bd. XXXVI. 1800. Seife 86 100. 5) Derselbe. Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft 1. Trformation oder Epigenese? Grundzge einer Entwicklungstheorie der Organismen. Jena 1894. 6) Der selbe. Ueber den Werth der ersten Furchungszellen fr die Organbildung des Embryo. Experimentelle Studien am Frosch- und Tritonei. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII. 1893. 7) Derselbe, .teuere und neuere Entwicklungstheorieen. Ein Vortrag. Berlin, Mirsch- wald. 1892. 8) Ngeli. Mechanisch-physiologische Theorie der Abstainmungslehre. 1884. 9) Wilhelm Roux. Zur Orientirung ber einige Frobleme der embryonalen Entwicklung. Zeitschr. f. Biologie Bd. XXI. 1885. 10) Derselbe. Ueber die Bedeutung der Kerntheilungsguren. Leipzig 1883. 11) Derselbe. Ueber die knstliche Hervorbringung halber Embryonen durch Zerstrung einer der beiden ersten Fiirchungskugeln, sowie ber die Nachcntuncklung (Postgeneration) der fehlenden Krperhlfte. T'irchow's Archiv Bd. CXIV. 1888. 12) Derselbe. Ueber das entwicklungamechanische Vermgen Jeder der beiden ersten Furchungszellen des Eies. J'erhandl. d. anat. Gesellsch. d. (i. Vers, in Wien 1892. 13) Derselbe. Ueber Mosaikarbeit und neuere Entwieklungshypothesen. Anatom. Hefte von Merkel u. Bonnet 1893. 14) Derselbe. Gesammelte Abhandlungen ber die Entwicklungsmechanik der Organismen. Bd. IL 1895. 15) Weismann. Das Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung. Jena 1892. 16) Derselbe. Die Allmacht der Naturzchtung. Eine Erwiderung an Herbert Spencer. 1893. 17) Derselbe. Aeusscre Einsse als Entwicklungsreize. Jena 1894. 18) Derselbe. Neue Gedanken zur Vererbungsfrage. Jena 1895. 19) Derselbe. Ueber Germinalseleetion. Extrait du compte rendu des seances du troisieme congrcs international de Zoologie. Leiden 1890. SIEBENTES CAPITEL. Ueber die Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. II. Die Theorie der Biogenesis. Die durch ihre Abstammung artgleichen Zellen, welche sich zu einem organischen System hherer Ordnung verbinden , werden im Laufe des Entwickkmgsprocesses durch die Verhltnisse deter- niinirt, in welche sie eintreten. Bei Vernderungen der- selben ndert sich auch ihr Zustand. Denn wie im ersten Buch schon ausfhrlicher nachgewiesen wurde, und wie von einem anderen Stand- punkt aus noch im Capitel XIII u. XVII gezeigt werden wird, ist der Zelleuorganismus eine in allerhchstem Grade reizbare Substanz, so dass geringste Anstsse gengen, um Vernderungen in ihr hervor- zurufen. Die sich im Laufe der Entwicklung fortwhrend verndernden Verhltnisse , in welche die Zellen eintreten , lassen sich in zwei Gruppen sondern. Die eine Gruppe bilden die verschiedenerlei Beziehungen zur Aussenwelt mit ihren zahlreichen Krften. Wir wollen sie mit Her- bert Spencer kurz we g als die usseren F a c t o r e n des orga- nischen Entwickln ngsprocesses benennen. Die zweite nicht minder wichtige, ja fr den thierischen Orga- nismus noch viel bedeutsamere Gruppe liefern die Beziehungen, in welchen sich eine Zelle zu allen brigen Zellen des Aggregates be- ndet. Letztere sind fr die einzelne Zelle in gewissem Sinne ja auch ein Stck Aussenwelt, mit welchem sie auf den im vierten Capitel besprochenen vier verschiedeneu Wegen in ununterbrochenem Verkehr steht. Vom Staudpunkt der Zelle aus lsst sich die Aussenwelt ge- wissermaassen in zwei Kreise zerlegen, in einen inneren Kreis, welcher ihren Verkehr mit den brigen Zellen des bergeordneten Orgauisnuis oder ihre nhere und engere Aussenwelt umfasst, und einen usseren Kreis, ihre Beziehungen zur l)rigen Natur oder zu ihrer entferntem Aussenwelt. Wenn wir unseren Standpunkt dagegen wechseln und vom Or- ganismus hherer Ordnung selbst ausgehen, so fllt der innere Kreis, 76 Siebentes Capitel. den wir e])eu fr die Zelle als ihre nhere Aussenwelt unterschieden hahen, in den Organismus seihst, gewissermaassen mit in seine Innen- welt hinein. "Was fr die Zelle ussere Ursachen, sind fr den ber- geordneten Organismus innere Ursachen oder in der Terminologie von Herbekt Spencer : innere Factoren des organischen Eut- wicklungsprocesses. Es ist klar, dass bei den inneren Factoren dann wieder zwei wichtige Unterscheidungen zu machen sind. Denn ausser den Wechsel- wirkungen der Zellen auf einander sind als innere Factoren auch noch die Eigenschaften oder die Anlagen der Zellen selbst zu nennen, jene Eigenschaften, aus welchen Weismaxn den ganzen P^ntwicklungsprocess einzig und allein zu erklren versucht hat. Ich nenne sie die inneren Factoren im engereu Sinne; sie sind die einzigen sogar, wenn wir uns wieder auf den Staudpunkt der Zelle stellen, oder wenn wir unsere Untersuchung mit dem uugetheilten Ei oder dem Anfang der Entwicklung beginnen , wo die Beziehungen der Zellen zu einander, oder unsere zweite Kategorie innerer Ursachen im weiteren Sinne, ja von selbst noch wegfallen. Im Folgenden wollen wir an diesen drei Unterscheidungen fest- halten und zunchst von allgemeinen Gesichtspunkten aus, dann an speciellen Fllen, gesttzt auf Thatsachen und P^xperimente , unter- suchen, wie die Zellen durch die usseren und inneren Factoren des Entwickluugsprocesses (die letzteren in weiterem und engerem Sinne genommen) determinirt und in Gewelie und Organe eines ber- geordneten Organismus umgewandelt werden. 1. Erstes Gesetz. Die Wichtigkeit constanter Verhltnisse fr die Ausbildung besonderer Functionen und Structuren an den Zellen. (Specifische Energie.) Bei dem Verkehr der Zelle mit ihrer entfernteren und nheren Aussenwelt sind zwei Unterscheidungen zumachen; entweder befindet sie sich in bestndig wechselnden , verschiedenartigen oder in con- stanten . gleichbleibenden Beziehungen zu ihrer Umgebung. Das Er- gebniss muss in beiden Fllen ein verschiedenes sein. Im ersteren Falle erhlt die Zelle nach keiner Eichtung eine besonders differen- zirte Organisation, da sie. um unter den wechselnden Bedingungen zu bestehen, l)ald in dieser, l)al(l in jener Weise mit Gegenwirkungen antworten muss. Das Protoplasma ist der Urtypus einer derartig organisirten. in einem bestndigen labilen Gleichgewicht seiner Theile befindlichen, sich zersetzenden und wieder erzeugenden, im bestndigen Wechsel sich erhaltenden Sul)staiiz. Wenn sich dagegen die Zelle unter gleich bleibenden Bedingungen befindet und von einer das Leben selbst nicht vernichtenden . aber hufig und bestndig wiederkehrenden Beizursache getrofi'en wird, so ist damit die Mglichkeit zur Ausbildung einer bestimmter aus- geprgten, weil fr constant gewordene Verhltnisse einseitig ein- gerichteten Oiganisation gegeben. Auf den gleichen Beiz antwortet die Zelle durch g 1 e i c h m s s i g sich w i e d e r holende Beiz w i r k u n g e n. Sie ist daher immer in einer liestimmten Bichtung thtig oder in Function. Von den zahlreichen FunctioiuMi. in welche sich die Lebensthtigkeit einer Zelle zerlegen lsst. wiiil eine, welche die Beaction gegen die Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 77 bestndig wirkende ussere Ursache darstellt, vor/ugsweise gebt und ausgebildet. So hat jetzt die Zelle durch ihre besondere Art, sich mit der Aussenwelt in Verkehr zu setzen , eine H a u p t f u n c t i o n erhalten, welche fr sie ein Unterscheidungsmerkmal gegenlter den Zellen geworden ist, welche sich unter anderen Verhltnissen befinden und daher anders reagiren. Nun kann keine Zelle thtig oder in Function sein, ohne hierbei irgend w^elche Vernderungen in ihrer stott'lichen Zusammensetzung zu erfahren, die, wie wir frher gesehen haben, eine ausserordentlich complicirte ist, so dass zahlreiche chemische Processe gleichzeitig neben einander im Laboratorium der Zelle ablaufen knnen. Die Vernderungen in ihr mssen in einer bestimmten Richtung erfolgen, wenn die Function der Zelle eine bestimmte ist; und sie werden dem Beobachter sichtbar werden mssen , wenn die bei den chemischen Processen gebildeten specitischen Producte sich in dem Protoplasma- krper mit unseren mikroskopischen Hilfsmitteln ditferenziren lassen. In diesem Falle findet die in einseitiger und bestimmter Richtung vor sich gehende Function der Zelle einen fr uns sichtliaren Ausdruck auch in der besonderen Art ihrer Organisation oder, wie man ge- whnlich sagt, in einer Structur, welche fr die bestimmte Art ihrer Function charakteristisch ist. So hat die Ausbildung des Vermgens der Zelle, sich in einer stets gleichen Richtung energisch zusammen- zuziehen, ihren sichtbaren Ausdruck gefunden in der eigenthmlichen Structur der contra etilen Muskelsubstanz, ihr Vermgen, Reize fort- zuleiten, in der Differenziruug der Nerveutibrillen, ihre Reaction gegen schdigende Reize der Aussenw^elt in der Absonderung einer Hll- schicht, die aus einer chemisch weniger leicht vernderlichen Substanz besteht. Wenn zuweilen eine Zelle in ausgeprgter Weise fuuctionirt, ohne in ihrer Organisation besondere Eigenthmlichkeiten aufzuweisen, so ist hieraus weniger zu schliessen, dass solche fehlen, als dass sie ausserhalb" der Grenze unseres Wahrnehmungsvermgens liegen. Function und Structur sind ebenso wie Kraft und Stoff, Seele und Leib, zwei zusammengehrige und sich er- gnzende Begriffe. Der eine kann ohne den anderen nicht ge- dacht werden. Denn eine bestimmte Function setzt alle- mal auch eine bestimmte Structur oder eine entsprechend r g a n i s i r t e materielle Grundlage voraus, sowie eine bestimmte Structur auch nur in einer ihr gemssen Weise fungiren kann. Somit mssen sich zwischen ursprnglich gleichartigen Zellen eines Aggregates gleichzeitig mit den functionellen auch structurelle (resp. stoffliche) Verschiedenheiten ausbilden. Dieses Verhltniss verdient besonders betont zu werden, da viel- fach unklare und unrichtige Auffassungen hierber geussert werden. Denn es ist sowohl falsch zu sagen, wie man zuw^eileu liest, dass die Function eine bestimmte Structur erzeuge oder die Ursache einer solchen sei, wie es falsch ist, dass erst die Structur sich bilde und dann die Function nachfolge^). Daher ist wegen der ihm anhaftenden Unklarheit auch der Ausdruck Princip der functionellen Selbst gestaltung des Zweckmssigen" zu verwerfen. Denn da nichts aus sich selbst entstehen kann, so ist einerseits der Begriff ^) Zusatz Seite 89. 78 Siebentes Capitel. Selbstgestaltung ein irreleitender; andererseits aber ist es aus dem oben angegebenen Grunde ebensowenig mglieb , von einer Selbst- gestaltung durcli Function zu reden; vielmehr ist das Verhlt- nis s so, d a s s eine bestimmte S t r u c t u r mit einer ihr g e m s s e n Function an einer reizbaren Substanz ent- steht, wenn bestimmte, gleich bleibende Ursachen in h u f i g e r W i e d e r k e h r auf sie einwirken. Ue])ertlssig ist daher auch die jetzt so hufig beliebte Ver- koppehing der Worte Function und Structur" in den Ausdrcken fuuctio nelle Structur" und f unctiouelle Gestalt". Denn will man damit nur ausdrcken, dass die Besonderheit einer Structur oder Gestalt sich auch in ihrer Function und umgekehrt ausspricht, so sagt man, im Grunde genommen, etwas sehr Selbstverstndliches; einen Fehler aber wrde mau begehen, wenn etwa mit dem Aus- druck angedeutet werden sollte , dass es Structuren von zweifacher Art gebe, Structuren und Gestalten mit" und ohne Function", was nicht der Fall ist. Denn die Function jedes Dinges hngt mit seiner Structur und seiner Gestalt untrennbar zusanmien. Man kann in der Mechanik keinen Keil als eine Kugel und keine Kugel als einen Keil verwenden ; wenn daher ein Stck Holz als Keil oder als Kugel dienen soll , so niuss man ihm selbstverstndlicher Weise die der beabsichtigten Gelirauclisweise zweckentsprechende Form geben. In diesen Bemerkungen liegt kein Widerspruch zu der That- sache , dass eine Structur nicht zu functionin-n braucht oder ber- haupt der Mglichkeit zu fuuctiouireu vorbergehend oder dauernd beraubt sein kann, zum Beispiel wenn ein Muskel und Nerv ruht, oder wenn er durch Zerstrung seines Zusammenhangs mit den zu ihm gehrigen Theilen ausser Function gesetzt ist. Denn auch in diesem Falle behlt der Muskel oder Nerv, solange seine Structur noch bestehen Ideibt, eine fr Contractiou und fr Heizleitung ein- gerichtete und keine andere Structur. Erst in dem Maasse, als sie durch Inactivitts-Atrophie zu Grunde geht, hrt auch die Mglichkeit auf, als Muskel- und Nervenfaser zu functioniren. Bei der Errterung des Verhltnisses, in welchem Structur und Function zu einander stehen, ist wohl der geeignetste Ort, auch auf den in der Physiologie hutiger gelirauchten Ausdruck der speci- fi sehen P^nergie nher einzugehen. Bekanntlich hat ihn zuerst Johannes Mller fr das Verhalten der Sinnesnerven eingefhrt und damit die eigenthndiche Art ])ezeiehnet, wie ein Sinnesnerv reagirt, wenn er in verschiedener Weise gereizt wird. Ein Sehnerv antwortet immer nur mit Lichtrmi)findung. mag die Netzliaut in normaler Weise von Lichtstralilen getroffen werden, oder mag der Stumpf des Sehnerven nach Entfernung des Augapfels auf elektrischem . chemischem oder mechanischem Wege direct gereizt werden. Der Hrnerv vermittelt nur Gehrsemi)finduugen, aueli dann, wenn er durch entzndliche Processe im Labyrinth in ^litlcidenschaft gezogen wird. Es lsst sich dieses Verhalten der Sinnesuerven daraus erklren, dass sie zwischen eigenartig eonstruirte, periphere und centrale End- apparate, zwischen das Sinnesorgan und das im nervsen Central- organ gelegene Erfolgsorgan" eingeschaltet sind. Da das mit der Netzhaut verknpfte Ceiitralorgau immer nur Lichtreize zu- gefhrt erhlt und auf sie mit einer Gegenwirkung antwortet, die Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 79 von uns als Licht empfunden wird, hat es auch eine specitische Organisation in der oben ausgefhrten Weise gewonnen ; auf Grund derselben muss auch bei Erregung der Sehnervenfaser durch anders- geartete Reize wieder die p]nipfindung Licht wachgerufen werden, wie die Muskelfaser auf jeden Reiz vermge ihrer Structur nur mit einer Zusammeuziehung und nicht anders antworten kann. Speci- fische Energie ist daher ebenfalls ein Anzeichen fr speci fische Organisation auch von solchen T heilen, an denen wir sie zu erkennen nicht in der Lage sind. Einem gleichen Ideeugang folgend, hat Sachs dem Ausdruck specitische Energie" in der Plianzenphysiologie eine allgemeine Fassung gegeben, indem er reizbare PHanzenorgane wie die Sinnes- organe der Thiere mit specifischen Energieen ausgestattet sein lsst. Sachs versteht darunter im Grunde nichts Anderes als den durch die Structur der Organe vermittelten Verkehr derselben mit der Aussen weit". Der Ausdruck specifische Energie" besagt daher so viel als besondere Function auf Gi'und besonderer Structur. In diesem Sinne sind alle Organe und Ge- webe vermge der ihnen eigeuthmlicheu Organisation und Structur mit ihren besonderen, nur ihnen eigenen Energieen ausgestattet, mit w e 1 c h e n s i e i m r g a n i s m u s wirken, und durch welche sie mit der Aussenwelt in Ver- kehr treten. 2. Zweites Gesetz. Die Wichtigkeit der Wechselwirkung mit anderen Zellen fr die Ausbildung besonderer Function und Structur in einer Zelle. (Gesetz der physiologischen Arbeitstheilung.) Unser ol)en aufgestelltes erstes Gesetz, dass eine Zelle, um eine besondere Function (specitische Energie) und Structur zu erwerben, unter constante und gleichbleibende Beziehungen zu ihrer Umgebung gerathen und gleichfrmigen, sich hutig wiederholenden Einwirkungen ausgesetzt sein muss, bedarf noch eines wichtigen Zusatzes. Es lsst sich nmlich zeigen, dass ussere Einwirkungen in einem Aggregat von Zellen viel intensivere und verschiedenartigere Vernderungen hervorrufen, als wenn sie nur eine vereinzelte, fr sich lebende Zelle treifen. Die letztere kann sich nicht in dem Maasse, wie es in einem Zellenaggregat mglich ist, in einer Richtung ein- seitig entwickeln; denn sie muss gleichzeitig zahlreiche verschiedene Functionen, soweit sie fr die Entstehung ihres Lebens nothwendig sind, auszuben im Stande sein und muss sich demnach die hierfr eingerichtete, gewissermaassen labile Organisation bewahren. Die Be- ziehungen, in welche sie berhaupt zur Aussenwelt treten kann, sind hierdurch eingeschrnkt. Denn sie kann nur solche Vernderungen eingehen und nur solche Structureu ausbilden, welche mit dem Be- stand ihrer brigen Functionen und ihrer damit zusammenhngenden Organisation vertrglich sind. Um ein Beispiel anzufhren, so darf eine einzelne Pflanzenzelle ihren Chlorophyllapparat nicht verlieren, da ohne seinen Besitz pflanz- liches Protoplasma nicht die zum Leben, zum Wachsen und zui- Fort- pflanzung nthigen Stoffe bilden kann ; sie muss daher unter Ein- flssen der Aussenwelt, die zur Rckbildung des Clilorophyllapparates 80 Siebentes Capitel. fhren, zu Grunde gehen. In vielzelligen THanzen dagegen sehen wir die Zellen im Innern der Zweige und in den Wurzeln das Chlorophyll ohne Schaden verlieren. Oder nehmen wir Beispiele vom thierischen Gebiet. Eine einzel- lehende Zelle wird niemals wie die Olterhautzelle ihren ganzen Krper in Hornsubstanz oder wie eine Muskelfaser in contractile Substanz umwandeln knnen , weil solche einseitige Ausbildung ohne Ver- kmmerung ihrer brigen Functionen und ohne Schdigung ihrer zum Lel)en erforderlichen Gesammtorganisation nicht mglich ist. Sie muss sich daher bei allen Gegenwirkungen gegen die Einflsse der Aussenwelt und bei allen Vernderungen, die sie erfhrt, doch stets in einem Gleichgewicht aller dem Leben dienen- den Functionen erhalten. Hierin liegt der einfache Grund, warum sich bei einzeln lebenden Zellen niemals eine Function zur Haupt- function in der extremen Weise entwickeln kann, wie es bei Plianzen und Thieren in vielen Geweben (Muskel-, Nerven-, Drsenzellen etc.) geschieht. Daher sind im Reiche der Einzelligen auch specitischen Zwecken dienende, charakteristische Structuren, wie Muskelhbrillen. Nerventibrillen , Sttzsubstanzen, hchstens in schwachen Anfngen vorhanden. Wodurch gewinnt nun aber die einzelne Zelle durch den Ver- band mit anderen die Mglichkeit zu so weitgehenden ^Metamorphosen, die sonst berhaupt nicht eintreten knnen V Die Beantw^ortung dieser Frage fhrt uns auf das Gesetz der physiologischen Arbeitstheilung". Das zum Verstndniss der organischen Entwicklung ausser- ordentlich wichtige Gesetz ist von [NIilne Edwards aufgestellt, von Bronn und Ernst Haeckel weiter durchgefhrt, namentlich aber von Herbert Spencer in philosophisch-kritischer Weise am ausfhrlichsten bearbeitet worden. MiLNE Edwards hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass bei der Entwicklung der Organismen, bei der Sonderuug des Krpers in Organe und Gewebe sich analoge Processe vollziehen wie bei der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, in welcher mit zu- nehmender Cultur die sociale Arbeitsleistung eine immer grssere und vollkommenere, zugleich aber auch die mannigfaltige Arbeit in sehr verschiedener Weise auf die einzelnen Individuen vertheilt wird. Daher der Xame Arbeitstheilung". welcher von der mensch- lichen Gesellschaft auf die analogen Erscheinungen im Organismen- reich bertragen worden ist. a. Die Arbeitstheilung in der menschlichen Gesell- schaft als Vergleichsobject. Da die Arbeitstheilung in der menschlichen Gesellschaft zur Er- luterung des Processes. mit welchem wir es hier zu thuu haben, besonders geeignet ist, wollen wir zuerst ihr Wesen kurz aus einander setzen. Als isolirtes Wesen nach Art eines Robinson muss der Mensch in seinem Verkehr mit der Katur durch Ausbung der verschiedensten Thtigkeiten fr alle Bedrfnisse des Lebens sellist sorgen, muss sich aus eigener Kraft in dieser oder jener Weise Nahrung. Kleidung und Schutz verschafi'en. Er gleicht einer einzeln lebenden Zelle, die auch, Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 81 um erhaltinigsfhig zu bleiben, stets nach vielen Richtungen functio- nireu niuss. Aus diesem niederen, tliierlmliclien Zustand hat sich der Mensch zu hheren Stufen der Cultur erst als Glied einer menschlichen Geinein- schaft erheben knnen; durch den Verband mit Anderen wachsen ihm ge^Yissermaassen neue Fhigkeiten zu, werden seine Aulagen zu viel grsserer Vollkommenheit in iil)er- raschender Weise entwickelt. Denn l)esser als es der Einzelne ver- mag, kann eine sociale Gemeinschaft die Natur zu ihrem Vortheil ausnutzen. A u f G r u n d der in ihr sich a u s b i 1 d e n d e n G e g e n - seitigkeit wird jetzt der Einzelne in die Lage versetzt, seine Arbeits- kraft in einer bestimmten Richtung, wie es zuvor nicht mglich war, zu concentriren und durch die hufige Ausbung derselben Thtigkeit eine grssere Fertigkeit in ihr zu erlangen; er kann so ohne grssere Mlie in einer Richtung mehr und vollkommenere Arbeit leisten, von dem fr ihn daraus erwachsenden Ueberschuss an Andere abgeben und von ihnen dafr Gegenwerthe in anderer, von ihm selbst nicht verrichteter Arbeit entgegen nehmen. Je mehr die Arbeitstheilung in verschiedenen Richtungen Platz greift, und je mehr sich ein innigeres auf sie basirtes Gegenseitigkeits- verhltniss der Einzelnen unter einander entwickelt, um so mehr wird die Lebenshaltung innerhalb der ganzen Gemeinschaft auf eine hhere Stufe geholien; ein um so hherer Grad von Cultur wird erreicht. Zur Entwicklung einer grsseren Arbeitstheilung ist indessen noch erforderlich . dass die menschliche Gemeinschaft nach dem von uns oben aufgestellten ersten Gesetz (S. 76) zu der umgebenden Natur in festere und gleichbleibende Beziehungen tritt. Denn erst in dieser Weise kann die Aussenwelt auf die einzelnen Glieder der Gemein- schaft die verschiedenen differenziren den Wirkungen ausben, wie dies frher schon fr die Zelle nachgewiesen wurde. Bei einem Nomaden- und Jgervolk, welches seinen Wohnplatz hufig wechselt und sich dadurch in immer wechselnden Beziehungen zur umgebenden Natur befindet, ist keine Gelegenheit zu einer tiefer greifenden Arbeitstheilung gegeben. Eine solche bildet sich dagegen Schritt fr Schritt aus, sowie ein Volksstamm sesshaft geworden ist und anfngt, die verschiedenartigen Gelegenheiten zum Nahrungs- erwerb und zur Le1)enserlialtung auszunutzen, welche ihm die umgebende Natur mit ihren reichen Schtzen darbietet. Je nach dem Orte seiner Ansiedelung beginnt der eine den Boden zu cultiviren , um von ihm mehr Frchte zu beziehen, der Andere treibt Thierzucht, ein Dritter, am Fluss- oder Seeufer angesiedelt, bt Fischfang, ein Vierter die Jagd. Bald tritt der Stand der Hndler hinzu, um die Frchte der Culturarbeit zwischen den einzelnen , ber ein grsseres Landgebiet zerstreuten Genossen eines Stammes auszutauschen. Mit der Ent- wicklung des Handels bilden sich allmhlich auch Handelspltze und Mrkte, Handelswege und Mittel des Trausportes aus. Der Kahn des Fischers wird zum Schilf, das den Handel auch auf grssere Entfernungen vermittelt und fremdartige, durch Umtausch erworbene Producte von weither dem Markte zufhrt. Durch Anpassung an die verschiedenen Erwerbsgelegenheiten, die ein Land darlnetet, hat sich die menschliche Gesellschaft schon auf frhen Stufen der Cultur in Ackerbauer, Viehzchter, in Fischer, Hndler, Seefahrer etc., in Land- und Stadtbewohner gegliedert. Mit Hertwlg, Allgem. Anatomie u. Physiologie der Gewete. 6 82 Siebentes Capitel. der Tlieiluiig der Arbeit ist die grssere Ausuiitzung der Schtze der uingebeiiden Natur eringliclit . durch den Austauscli der Arbeits- producte ein Glied der Gesellschaft vom anderen abhngig, zugleich aber auch die Lebenshaltung, die Art, sich zu ernhren, zu kleiden und zu wohnen, auf euw hhere Stufe gehoben worden. Ferner hat sieh an Stelle der Gleichartigkeit einer Nomadeubevlkerung eine verschiedenartige Structur in der Gesellschaft ausgebildet, indem der Ackerbauer, der Viehzchter, Jger, Fischer, Hndler, Seefahrer etc. sich durch ihre besonderen Lebeusgewohnheiten . Fertigkeiten und Charaktereigenthndichkeiteu von einander unterscheiden. In manchen Fllen scheint der Process, der aus einem Aggregat gleichartiger Theile Ungleichartiges schafft, wenn er einmal ein- geleitet ist, unaufhaltsam fortzuschreiten und zu immer neuen Com- plicatiouen zu fhren. Wie jeder weiss, hat im Lauf der Cultur- entwicklung die Arbeitstheilung und die mit ihr verbundene Differen- zirung der menschlichen Gesellschaft in den Culturstaaten eine ganz wunderbare Ausdehnung und Hhe, wenn auch noch lange nicht ihren Al)schluss erreicht. Inmier neue Schtze lernt der Mensch der Katur abgewinnen, und jede derartige neue Beziehung, die zur Aussenwelt geknpft wird, ist ein Mittel zu neuer Arbeitstheilung und Differen- zirung und zu weiteren Culturfortschritteu. Wenn in einer Gegend ein ergiebiges Kohlenlager oder Eisen- erze oder Gnge von edlen Metallen entdeckt werden, so beginnen ausgedehnte Schichten der Bevlkerung, wie in Schlesien und AVest- plialen , sich dem Bergbau , der Eisengewinnung und Maschinen- fabrication zuzuwenden. Jhrlich rufen neue Entdeckungen auf dem Felde der Naturwissenschaften bald diese. l)ald jene Industrie mit neuen besonderen Arbeitsweisen, chemische, elektrotechnische Fabriken etc. ins Leben. b. Die A r ]) e i t s t h e i 1 u n g im Z e 1 1 e n a g g r e g a t. Wir sind jetzt in der Lage, die Frage, die wir am Eingang dieser Betrachtung aufwarfen, zu beantworten : Warum die einzelne Zelle erst durch den Vei-l)and mit anderen die Mglichkeit zu Metamor- phosen gewinnt, die an ihr nicht eintreten knnen, solange sie ein isolirtes Lebewesen bleibt. Die Erklrung bietet uns auch hier das Gesetz der Arlteitstheilung, welches in einer Gemeinschaft von Zellen sich in hnlicher Weise geltend macht wie in einer mensch- lichen Gemeinschaft und hnliche Erscheinungen wie in dieser hervorruft. Auch die Zellen treten gewissermaassen in einen Tauschverkehr mit einander; sie knnen in einseitiger Weise besondere Verrichtungen ausfhren, aus denen auch die anderen Theile der Gemeinschaft Nutzen ziehen, wofr sie wieder durch Leistungen der l)rigen Zellen in dieser und jener Weise gleichsam entsciidigt werden. Denn vermittelst der anatomisch-physiologischen Grundlagen, die im vierten Capitel errtert wurden, bt jede Zelle im Aggregat auf die anderen liald strker, bald schwcher, bald in dieser, l)ald in jener Weise je nach Lage und Entfernung Wirkungen aus. Als Theile einer hheren Lebenseinheit knnen sich die Zellen in ihren Functionen ergnzen, indem die eine Zelle eine Function mit Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 83 bei-Diiiinit , welche liei einer anderen verkmmert ist. In Folge dieser Weeliselbezieliimgen knnen sieh jetzt auch ditlerenzirende "Wirkungen der Umgebung an einzelnen Zellen und Zellengruppen geltend machen, die nicht mglich wren, wenn die Zelle zur Er- haltung ihres Lebens in der vielseitigen Weise wie ein isolirtes Lebe- wesen t'uuetioniren msste. Auch die Zelle wird erst als Glied einer Gemeinschaft in die Lage versetzt, unter den Einflssen der Aussen- welt sich in einer Hauptrichtung einseitig zu entwickeln, eine Haupt- function oft bis zum Extrem nebst einer ihr entsprechenden speci- fischen Structur auszubilden, unter theilweiser Verkmmerung anderer zum Leben erforderlicher Functionen, fr deren Ausfall dann Ersatz durch andere Zellen geschafien wird. Fr diese wichtige Wahrheit bietet uns die Pflanzenzelle mit ihrem Chlorophyllapparat ein sehr lehrreiches und leicht verstnd- liches Beispiel, das schon oben (S. 79) kurz erwhnt wurde und jetzt noch weiter ausgefhrt werden soll. Fr die Ernhrung einer Pflanze ist es unbedingt nothweudig, dass sie Chlorophyll besitzt, und zwar in einer Lage, in welcher es vom Licht getroffen werden kann. Denn nur unter diesen Bedingungen kann die Pflanzenzelle die Kohlensure der Luft zersetzen und zum Aufbau von Kohlenhydraten verwenden. Eine einzellige Pflanze darf daher, wenn wir von einigen Gruppen von Schmarotzern absehen, ihren Chlorophyllapparat nicht verlieren und kann nur unttr Bedingungen existiren, unter denen er functioniren kann, wozu der Einfluss des Lichtes gehrt. In einer Zelleugemein- schaft dagegen kann ein Theil der Zellen ohne Schaden das Chloro- phyll verlieren, wenn nur ein anderer Theil es behlt und fr die Ernhrung der erstereu durch fertiggebildete Kohlenhydrate sorgt. Die von Chlorophyll frei gewordenen Zellen knnen daher auch unter Bedingungen leben, wo das Licht fehlt, und wo die einzelne Pflanzen- zelle absterben muss. Bei den meisten hheren Pflanzen ist denn auch als Folge usserer Einwirkungen eine Sonderung in chlorophyllhaltige und chlorophyllfreie Zellen erfolgt, indem ein Theil von ihnen in Lagen gekommen ist, wo er nicht mehr vom Sonnenlicht getroften werden kann. Auf diese Weise lassen sich als das Resultat einer durch ussere Einwirkungen hervorgerufenen Arbeitstheilung zwei tief eingreifende und wiclitige Sonderungsprocesse verstehen, die bei den meisten Pflanzen whrend ihrer Entwicklung eintreten. Der eine Process ist die Sonderung in oberirdische, grne und unterirdische, chlorophyll- freie Organe. Wurzeln haben in den Erdboden eindringen und unter Verlust des Chlorophylls im Dunkeln existiren knnen, weil sie mit den Nahrungsstoft'en, die sie selbst zu bilden ausser Stande sind, von den oberirdischen, grnen Zellen versorgt werden. Aber auch diese sind wegen ihrer rumlichen Trennung vom Boden, um gedeihen zu knnen , wieder in anderer Beziehung auf die Wurzelzelleu an- gewiesen, von welchen sie Wasser und Salze zugefhrt erhalten. Der zweite Gegensatz hat sich an oberirdischen Pflanzenorganen, berall da, wo sie eine betrchtlichere Dicke erreichen, aus gleichen Ursachen wie oben ausgebildet. Nur an der Oberflche sind die Zellen, soweit als der Lichtstrahl mit einer gewissen Strke noch in die Tiefe wirken kann, grn geblieben, im Innern des Stannnes und dickerer Aeste dagegen haben sie wieder ihr Chlorophyll verloren und mssen daher von den ersteren mit ernhrt werden. Selbst an 6* 84 Siebentes Capitel. den Blttern, welche doch dem Assimilationsprocess in allererster Linie dienen, tritt der durch das Licht direct veraula.sste histologische Gegensatz zwischen Aeusserem und Innerem auf, wenn sie eine er- heblichere Dicke erreichen, wie bei den Sedumarten und den Cacteen. Nur bis zu einer gewissen Tiefe sind die Zellen des Blattes grn, werden dann immer chlorophyllrmer und schliesslich ganz farblos wie in den Wurzeln, da in das Innere des Blattes das Licht nur sehr stark abgeschwcht eindringt. Noch in vielen anderen Beziehungen gestattet der Process der Arbeitstheilung und der mit ihr zusammenhngenden DifFerenzirung Parallelen zwischen der Organisation der menschlichen Gesellschaft und der Zellengemeinschaften zu ziehen. Wie in den am meisten vorgeschrittenen Culturstaaten die Arbeitstheilung schliesslich eine unendlich mannichfaltige und kaum noch zu iibersehende geworden ist und noch weiterer Complicationen fhig ist, so hat sie auch im Krper der hheren Thiere eine ganz erstaunliche Verschiedenartigkeit von Functionen hervorgerufen. Manche Zellen sind besonders reizempfindlich geworden, entweder gegen Licht, oder gegen Schall, oder mechanische Berhrung, oder gegen Wrme, oder gegen chemische Stoffe in gasfrmigem oder in flssigem Zustand. Andere zeichnen sich durch das Vermgen aus, ihre Form durch Zusammenziehung zu verndern; wieder andere scheiden Verdauungssfte entweder dieser oder jener Art ab. Sfte zur Ver- dauung von Kohlenhydraten, von Eiweisskrpern oder von Fett, andere dienen zum Schutz, andere zur Sttze, wieder andere zum Transport der Nahrungssfte, andere zur Fortpflanzung etc. Ferner haben die einzelnen Zellen und Zellengrui)pen nach unserem oben (Seite 78) aufgestellten Princip, entsprechend der Son- derung ihrer Functionen , auch entsprechende Structuren erhalten, durch Avelche sie die besondere Arbeit verrichten, und welche wir daher als ihre besonderen Arbeitsmittel bezeichnen knnen. Die Arbeitstheilung hat somit zur Differenzirung in verschiedene Arten von Sinnes- und Nervenzellen, in Muskelzellen, in Drsenzellen, welche wieder Speichel-. Schleim-, Leber-, Pancreas-, Talg-, ^Milch-. Nieren- zellen etc. sein knnen, in Zellen der zahlreichen Sttzsubstanzen (Gallerte, Kuori)el, Knochen), in Gefsszellen, Fortpflanzungszellen etc. gefhrt. Meist liegen gleichfunctionirende Zellen im Kri)er in Grujjpen beisammen, wie Menschen gleicher Arbeitsrichtung zu Stnden und Berufsgenossenschaften verbunden sind. Wir bezeichnen dann solche als ein Gewebe (Partes similares). In diesem Sinne sprechen wir von einem Muskel-. Nerven-, Binde-, Epithel gewebe etc. Auch der Mensch bildet sich gleich der Zelle bei dem Process der Arbeitstheilung seine besonden^n Arbeitsmittel und W(>rkzeuge, freilich zum Tlieil in einer principiell anderen Weise. Whrend die Zelle in und aus ihrer eigenen Leibessubstanz sich fr besondere Arbeitszwecke geeignete Structuren schafft, Muskel- und Nerven- fibrillen, Bindegewebsfasern und die chemisch verschiedenen Arten der Sttzsubstanzen etc., erwirbt zwar auch der Mensch sich besondere, fr eine Arbeitsleistung erforderliche Fertigkeiten; die eigentlichen Arbeitsmaschinen und Werkzeuge aber lernt er der usseren Natur abgewinnen, indem er sie sich aus Eisen und Glas und anderen un- organischen Stofi'en oder aus Holz und anderen Mitteln, welche ihm auch die organische Natur liefert, knstlich herstellt. Telegra})lien- Ursachen, durch welche Zelleiiaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 85 und Telephoudrhte werden zu den Nerven des gesellschaftlichen Or- ganismus, welche alle Theile desselben auf weiteste Entfernungen hin in unmittell)arsteu und raschesten Zusammenhang bringen. Den Saft- bahnen der Ptianzen und den Blutgefssen der Thiere entsprechend bildet er sich seine liesonderen Transportwege fr den Nahrungs- und Gteraustausch aus. schiffbare Caucle, Fahrwege. Dampf- unr Entwicklung beruhe nicht in der Zellbildung, sondern in nocii elementareren Elementen der lel)end(Mi Sulistanz (Ididsomes). In ihnen ha])e jedes Wachstlium (Assimilation. Pe- production und Regeneration) seinen Sitz. Sie setzen jede lebende Sulistanz zusammen, seien die Trger der Erblichkeit uncl die wahren Bildner der Organismen. Ihre Action sei nicht durch Zellgrenzen beschrnkt." Was diese Elemente sind, und wie sie die Form der Organismen und ihre Diflerenzirung bestimmen, nennt Whitman das Problem der Probleme, welches uns allein mehr Licht bringen kann. ..Das Wesen der Organisation." hier stellt sich Whit.man ganz auf den Standjiniikt von Sachs, kann nicht mehr in der Zahl der Zellkerne, als in der Zahl der Zellen liegen. Die Structur, welche wir in der Zelleniiiosaik eiblicken . ist etwas zur Organisation noch Hinzugefgtes, nicht selbst der Grund der Organisation. A'ergleichende Entwicklungsgeschichte! belehit uns auf Schritt und Tritt, dass der Organismus die Zellenbildung beherrscht, indem er fr den gleichen Zweck eine, einige oder viele Z(d]eu geliraucht , das Zellcnmaterial zusammenhuft und seine Bewegungen leitet und seine Organe formt. Ursachen, durcli welche Zellenaggregate in Gewebe und Organe gesondert werden. 89 als ob die Zellen nicht existirteu, oder als ob sie nur so zu sagen in vlliger Sul)ordination unter seineu Willen existirten." Aehnliclie Anschauungen hat schon vor Whitman in etwas anderer Weise Raubek in seinen neuen Grundlegungen zur Kenntniss der Zelle" entwickelt. Den Zelltheoretikern, welche bei ihren Unter- suchungen die Zelle in den Vordergrund stellen und aus ihrer Ver- einigung den zusammengesetzten Organismus erklren wollen, hlt er die These entgegen: Das Ganze l)estimme die Theile, und nicht um- gekehrt. Denn der fertige Organismus sei nichts Anderes als das in gesetzmssiger Weise gewachsene und zerlegte Ei. Die Bestimmung der Art des Wachsthums sei im Ei enthalten, ebenso die Bestimmung seiner Zerlegung. Das Ei sei also das Ganze im jugendlichsten Zu- stand." Auch Rauber nennt, wie Sachs, den werdenden Organismus einen nach bestimmten Richtungen im Wachsthum sich ausdehnenden, nach verschiedenen Ausdehnungen des Raumes sich zerklfteuden, in gesetzmssiger Weise chemisch und histologisch sich gliedernden Protoplasmakrper". Einseitig erfasst. ist weder der extrem cellulare Standpunkt, noch die in den Aussprchen von Sachs, Whitman und Raubek vertretene Auffassung ganz zustretiend und das Verhltuiss erschpfend. Denn so verkehrt es ist, wenn man ber der Beschftigung mit den Zellen die Bedeutung des Ganzen . von welchem doch der Bestand und die Wirkungsweise der einzelnen Zelle abhngig ist, bersehen wollte, so wre es nicht minder verfehlt , wenn man die Wirkungsweise des Ganzen erklren wollte, ohne dabei auf die Zusammensetzung aus Theilen in gebhrender Weise Rcksicht zu nehmen. Das Ganze und die Theile gehren eben zusammen; sie sind," wie Kund Fischer vom allgemein philosophischen Staudpunkt bemerkt, ebenso wesentlich unterschieden als auf einander bezogen. Keiner der lieiden Begriffe kann ohne den andern gedacht werden. Das Ganze ist nur Ganzes in Rcksicht auf die Theile, in deren Ver- bindung es. besteht. Die Theile sind nur Theile in Rcksicht auf ein Ganzes, zu dem sie sich als Theile verhalten. So fordert jeder der beiden Begriffe den andern als nothwendige Bedingung." Nach meiner Meinung sind daher die Schlagworte: die Pflanze bildet Zellen" oder die Zelle bildet die PHauze" keine sich aus- schliessenden Antithesen. j\Ian kann beide Redewendungen gebrauchen, wenn man nur das Verhltuiss, in welchem die Zelle als der Theil und die Pflanze als das Ganze zu eiuandir stehen, in der richtigen Weise erfasst. Denn hierauf kommt es fr das Verstndniss der pflanzlichen und der thierischen Organisation allein an. Zusatz zu Seite 77. Das dritte Capitel seiner Principieu der Biologie beginnt Herbert Spencer mit der Aufwerfung der Frage : Ist die Structur die Ursache der Function, oder die Function die Ursache der Structur V Das ist eine Frage, ber welche viel hin und her gestritten worden ist." Spencer hlt es nicht fr leicht, die Frage zu beantworten, da wir gewhnlich beide (Structur und Function) so innig mit einander verbunden finden , dass Keines ohne das Andere mglich zu sein scheint ; und all- gemein scheinen sie auch gleichzeitig zuzunehmen und abzunehmen". 90 Siebentes Capitel. Ursachen, durch welche Zellenaggregate in Gewebe etc. Nach meiner Meinung ist die aufgeworfene Frage einfach dahin zu beantworten , dass weder die eine , noch die andere der beiden gestellten Alteniativon das Richtige trifft. Denn weder ist die Structur die Ursache der Function, noch die Function die Ursache der Structur. Yiehnehr sind Structur und Function zusammengehrige und sich ergnzende Begriffe, wie Stoff" und Kraft , von denen aucli der eine ohne den andern nicht gedacht und der eine nicht die Ursache des andern sein kann. Wie jeder Ver- nderung des Stoffes nothweudiger Weise stets auch eine Vernderung seiner Kraft entspricht, so muss jeder Vernderung in einer Structur auch eine Vernderung in der Function parallel gehen. Wie eine gegebene Stoffeinheit mit ihrer Kraft, so kann sich eine bestimmte Structur mit der ihr entsi)recheuden Function nur durch Einwirkungen von aussen, durch ussere Ursachen, verndern. Ganz richtig bemerkt auch H. Spencer an anderer Stelle (S. 182), es msse nothwendig ein vollstndiger Parallelis- mus zwischen der Entwicklung der Structur und der Entwicklung der Function bestehen. Wenn die Structur von dem Einfachen und Allgemeinen zum Complicirten und Besonderen fortschreitet, so msse fr die Function dasselbe gelten". Dieselben Einwrfe sind zu erheben, Avenn Jul, Wolff die Function als das einzig und allein formbildende Element" bezeichnet. Literatur zu Capitel VII. Erster Abschnitt. 1) Haacke. Lehrbucli der Entwicklungsmechanik. 1S97. 2) Curt Herbst. Ceber die Bedeutung der Reizphysiologie fr die causale Auffassung von Vorgngen in der thierischen Ontogenese. Tiiol. Centralbl. Bd. XIV u. XT\ 1894.- 1895. JL't einem aitsf/
e Gestaliungsgetetze der Xaturkrptr berhaupt und der organischen insbesondere. S. 161 409. 1858. 2) Haeckel. Generelle Morphologie Bd. II S. 249. 3) Milne Edwrards. Lcgons sur la physiologie et Vanatomie comparee etc. T. I. 1857. 4j L er selbe. Introduction a la Zoologie generale. Paris 1851. Dritter Abschnitt. 1) De Bary. Botanische Zeitung 1H79 S. 222. 2) Oscar Hertw^ig. Hie Tragweite der Zellentheorie. Hie Aula, tVochinbl. f. d. akad. Welt, I. Jahrg. 1895 Heft 2 u. 3. 3) Rauber. Xeue Grundlegungen zur Kenntniss der Zelle. Morphol. Jahrb. Bd. VIII. 1S83. 4) Whitman. The inadequacy of the cell theory of developpement. Wood's Holl. Biolog. Lectures 1893. ACHTES CAPITEL. Die Theorie der Biogenesis. I. Die usseren Factoren der orgaiiisclien Entwicklung. Im vorausgegangeueii Capitel wurden in mehr theoretischer Weise die allgemeinen Grundstze aufgestellt, von denen aus sich die Diiferenzirung gleichartiger Zellen in verschiedene Gewebe und Organe begreifen lsst. Ihre Tragweite im Einzelnen zu prfen und zu erlutern , sowie das empirische Beweismaterial fr ihre Gltig- keit herbeizuschaffen , wird die Aufgabe der folgenden Capitel sein. Sie handeln theils von den usseren , theils von den inneren Fac- toren. durch welche Zellenaggregate zu Sonderungs])rocessen veranlasst werden. Die Beispiele sind theils dem Pflanzen-, theils dem Thier- reich entnommen und aus der schon ziemlich umfangreichen, aber sehr zerstreuten Literatur so ausgew\hlt, dass sie uns ein ungefhres Bild geben von der ungeheuren Mannigfaltigkeit aller Factoren, welche fr die Umformung der Zellen und fr die Bildung von Ge- weben und Organen in Betracht kommen. In Folge seines bestndigen Vtrkehrs mit der Aussenwelt, auf ^velchem der Lebensprocess beruht, muss sich der Organismus un- zhligen Bedingungen anpassen. Schwerkraft und mechanische Krfte wie Zug und Druck, Licht und Wrme und alle die zahllosen chemi- schen Krfte, welche in den Stoffen der Luft, des Wassei-s und der Erde wirksam sind, ben ihren Einffuss auf ihn aus und beherrschen seine Gestaltbildung. Nur in seltenen Fllen lsst sich die Wirksamkeit eines einzelnen Factors rein fr sicherkennen. Meist handelt es sich um compli- eirte Factoren, unter deren Einfluss sich der Organis- mus befindet. Endlich sind neben den Einwirkungen der unbelebten Natur auch noch solche zu erwhnen, welche dadurch entstehen, dass zwei Organismen mit ihren etwas verschiedenen Lel)ensprocessen in Be- ziehung zu einander treten. Hierher gehren die Verbindungen zweier oder mehrerer Organismen durch Pfropfung, die Erscheinungen der Bastardbefruchtung, die Wechselwirkungen zwisclien Embryo und Mutterorganismus, die Telegonie und endlich das Zusammenleben 92 Achtes Capitel. artverscliiedeuer Zellen theils in normal physiologischen Symbiosen, theils in pathologischen Organisationen wie in den krankhaften Ge- schwlsten. "Wir werden die hier angefhrten verschiedenartigen Einwir- kungen der Aussenwelt im Einzelnen der Reihe besprechen und mit der Schwerkraft beginnen. nach genauer 1. Die Schwerkraft. Die Gravitation ist die allgemeinste Naturkraft, unter deren Ein- fluss sich jeder Krjjer fortwhrend l)efindet. und welcher sich keiner entziehen kann. Unorganische wie organische Krper sind jeder Zeit bestreikt, sich ihrer Schwere nach im Rume zu orientiren, und wo die Grientirung unterbleibt, hngt es jedesmal von besonderen Be- dingungen al). welche ihren Eintritt unmglich gemacht haben. So kann man durch Sttzen oder durch magnetische Kraft etc. oder durch Reilmng verhindern, dass ein Krper die seiner Schwere ent- sprechende Lage im Rume einnimmt. Aber aufheben" kann Niemand die Wirkung der Schwerkraft, welche, allgegenwrtig, nur in ihrer momentanen Aeusserung gehindert Nverdeu kann. Fig. 33. Fig. 32. Austreibender Blthenspross der Kaiserkrone (Fritillaria imperialis). Nach Sachs. Der obere Theil der Zwiebel Z ist ringsum weggeschnitten, um den unteren Theil des Schaftes d freizulegen. Dann wurde die Pflanze horizontal gelegt, und nach etwa 20 Stunden erhob sich der Anfangs gerade Spross a durch h in die Lage e. Fig. 33. Schema fr die geotropische Auf- und Abwrtskrmmung. Nach Sachs. s i' .Spross. w w' Wurzel. Im Bau der Ptlanzeu und Thiere lsst sich der Eintiuss der Gravitation daher auch in vielfacher Beziehung nachweisen, besonders deutlich bei den ersteren. Wie Sachs auf eirund ausgedehnter Untersuchungen bemerkt, besitzen die Pflanzen eine Emi)tin(llichkeit , man mchte fast sagen eine Wahrnehmung davon, unter welchem Winkel ihre Organe von der Verticalen ihres Standortes geschnitten werden. Sie sind empfind- lich fr die Richtung, unter welcher die Gravitation auf jedes ihrer Orgaue einwirkt, und zwar unabhngig von dem Gewicht und etwaigen Druck. Sie besitzen fr die Schwere eine Empfindung, wie wir fr das Licht und fr die Wrme, whrend uns eine unmittelbare AVahr- nehmung der Gravitation vllig abgeht, denn wir. sell)st nehmen diese nur durch die Wirkungen des Gewichtes und des Druckes wahr." Man kann sich von dieser P^igenschaft der Pflanzen durch ein sehr einfaches Experiment berzeugen. Man braucht nur einen Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 93 BlumeDtopf. in Avelcliem sieh eine in lebhaftem Wachsthuiii ])egrit!'ene Ptianze betindet , umzulegeu , so dass jetzt ihr Stamm aus der verti- calen in eiue hoiizoutale Lage gebracht ist (Fig. 32 ii. 33). Kach kurzer Zeit bemerkt mau, wie die uoch wachsenden rtianzentheile wieder in die ihnen naturgemsse Richtung zum Erdradius zu kommen suchen, whrend die schon ausgewachsenen und verholzten Theile die ihnen aufgedrungene Lage beibehalten. Die Sprossachse () beginnt, wie die nebenstehende Figur zeigt, nach einiger Zeit sich nach ol)en (h u. c) zu krmmen und in der Krmnmng so lange fortzufahren, bis ihre Wachsthumsrichtung wieder mit der Verticalen zusammen- fllt. In entgegengesetzter Richtung krmmt sich die Spitze der Hauptw^urzel nach abwrts (Fig. 33) und nimmt so allmhlich auch wieder ihre ursprngliche Lage und Wachsthumsrichtung ein. ^lan nennt die Reaction der Ptianze, vermge deren sie die Lage ihrer Theile immer in der Richtung des Erdradius zu orientiren bestrebt ist, den Geotropismus. In den geotropischen Erscheinungen er- blickt Sachs Reizwirkungen, dadurch veranlasst, dass die Organe jede Lagevernderung gegen die Richtung der Gravitation empfinden und dadurch zu Bewegungen veranlasst werden , welche erst dann auf- hren, wenn sie ihre ursprngliche Richtung wieder erlangt haben". In dem senkrechten Wuchs eines Kornhalms oder eines Baumschaftes wie der Tanne gibt sich die richtende Wirkung der Gravitation zu erkennen; dadurch gewinnen die Pflanzen eine statische Gleichgewichts- lage, eine lothrecht aufgebaute Achse, um welche dann wieder die horizontal oder schrg aus ihr hervorwachseuden Seitensprosse pro- portional angeordnet sind. Auch in der inneren Structur der Pflanzen hat der bestndige Eintiuss der Schwerkraft bis zu einem gewissen Grade einen polaren Gegensatz hervorgerufen, auf welchen Vchting aufmerksam gemacht hat. Bei sehr vielen Pflanzen , wie bei Weiden und Pappeln , kann man jeden beliebigen Zweig durch Querschnitte in viele einzelne Theilstcke zerlegen, von denen jedes als Steckling, unter gnstige Bedingungen gebracht, wieder zu einer vollstndigen Ptianze auszu- wachsen im Stande ist. Das Gelingen derartiger Experimente ist aber an die Bedingung geknpft, dass jeder Steckling in richtiger Weise zur Schwerkraft orientirt ist. An jedem Theilstck sind nmlich die Schnittflchen der beiden Enden einander nicht gleich- werthig, sondern zeigen gewissermaassen denselben polaren Gegensatz zu einander ausgeprgt, welchen man an der ganzen PHanze zwischen dem zenithwrts und erdwrts wachsenden Ende, zwischen Spross- spitze und Wurzelspitze findet. Vchting bezeichnet daher auch die der Spitze zugewendete Schnittflche als seine Spitze und das entgegengesetzte Ende als seine Basis. Ein Zweig, den man in viele Stcke quer durchschneidet, verhlt sich hnlich wie ein Magnet, den man in Stcke bricht, von denen jedes ebenfalls einen Nordpol und einen Sdpol unterscheiden lsst. Der polare Gegensatz an einem beliebig herausgeschnittenen Stck eines Zweiges gibt sich bei der weiteren Entwicklung darin zu er- kennen , dass an seiner Basis , mag sie erdwrts oder zenithwrts gerichtet sein , die Knospen sich zu Wurzeln umbilden , whrend an der Spitze sich die iVugen zu Trieben entwickeln. 94 Achtes Capitel. Das Expeiinient stellt mau in der Weise an. dass man entweder die Basis in die feucht gehaltene Erde eiues Blumentopfes mehrere Centimeter tief einsenkt und mit einer darber gestlpten Glasglocke bedeckt oder dass man das Stck in einem Glashafen , dessen Atmo- sphre feucht gehalten wird . mit seiner Basis nach abwrts gekehrt, aufhngt. Wre das Theilstck seiner Lnge nach gleichartig organisirt, so dass die beiden Schnittenden sich nicht von einander unterschieden, so mssten an der Spitze des Stckes, wenn sie nach abwrts gekehrt wirde. unter dem Einfluss der Schwerkraft Wurzeln und an der Basis Sprosse entstehen. Da dies nicht geschieht, so muss man folgern, dass dem entwickelten Ptlauzentheile durch den bestndigen Eintluss der Schwerkraft eine polare Organisation aufgeprgt worden ist, die sich dann darin kund gibt, dass auch an den verkehrt orientirtcn Enden Wurzeln statt Sprosse an der Basis und Sprosse anstatt W^irzeln an der Spitze zum Vorschein kommen. Allerdings macht sich im w^eiteren Verlaufe der Entwicklung ein wchtiger Unterschied zwischen richtig orientirten und umgekehrten Stcken liemerkbar. Erstere gedeihen, treiben an der Basis ein immer krftiger weidendes Wurzelwerk und an der Spitze Laub- sprosse. Die umgekehrten Stcke dagegen gehen nach krzerer oder lngerer Zeit zu Grunde. Ein Schwarzwerden und Eintrocknen der Rinde an der Basis zeigt," wie Vchting lieschreibt, dass dort ein Zersetzungsprocess vor sich geht, der sich dann allmhlich mit verschiedener Schnelligkeit an der Spitze hin fortsetzt. Whrend die jungen Triebe in der Nhe der Spitze noch frisch und grn sind, wird das Laub der weiter nach der Basis hin betindlichen schon gelb und fllt ab. ein Vorgang, dem dann bald das Eintrocknen der entsprechenden Kindenpartie des Mutterzweiges folgt. Dann ergreift der Zersetzungsprocess auch die apicaleu Partieen dicht ber und in der Erde, und es bleiben endlich nur noch solche Spitzen lebendig, deren Knospen in der Erde aus-, dann ber diesell)e gewachsen waren und nun grne Laubbltter ge- l)ildet hatten. Beim schliesslichen Untersuchen der Zweige stellt sich heraus, dass in fast allen Ellen in der Erde Augen entwickelt, aber vor Erreichung der Oberflche zu Grunde gegangen waren. Tn den Fllen, in welchen sie ber die Obertiche gelangt waren, hatten sie in der Erde ihre eigenen Wurzeln gebildet und stellten nun normal aufrecht stehende Pflanzen dar. Wenn an den Spitzen in der Pirde Wurzeln erzeugt waren, so standen sie regelmssig au Zahl. Strke und Lnge weit hinter denen zurck, welche die Basen der aufrecht gesetzten Zweige gebildet hatten. Von allen diesen Er- scheinungen war an den normal aufrecht gesetzten Zweigen Nichts zu sehen. Sie hatten an ihren Basen krftige Wurzelsysteme, an ihien Spitzen entsi)recliende Triebe gebildet und standen ppig und gesund zu der Zeit, als die verkehrt gesteckten lngst zu Grunde gegangen waren." Es liegt die Frage nahe , ob eine hnliche , durch den Eintluss der Schwerlaaft bewirkte Polaritt der TIkmIc auch bei Th leren beobachtet werden kann. Nach den sprlichen in dieser Richtung angestellten Versuchen lsst sich ein allgemeines Ergebuiss noch nicht formuliren. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 95 Bei Tubiilaria zeigen Stcke eiues Zweiges uacli spter zu besprechenden Experimenten von Loeb wenigstens keine deutlich ausgesprochene Polaritt. Basis und Spitze verhalten sich gleichartig, da an jedem Ende, je nachdem es nach ab- wrts oder nach oben gerichtet ist, Haftwurzeln oder ein Kpfchen regenerirt wird. Auch Wetzel ist durch seine neuesten Versuche zu dem Ergeb- niss gelangt, dass der Krper von Hydra keine Polaritt, wie sie VCHTiNG fr die Pflanzen annimmt, besitzt. Denn als er an zwei Hydren die basalen Enden wegschnitt, sie mit den Schnittflchen zusammenpfropfte und spter bei einem Individuum auch den Kopf entfernte . so entwickelte letzteres jetzt au der Schnitttlche einen Fiiss, der durch seine hohen Secretzellen als solcher deutlich ge- kennzeichnet war. Dass auch bei Thieren die Schwerkraft auf ihre Organbilduug whrend der Entwicklung einen Eintluss ausbt, lsst sich durch genaueres Studium des Froscheies nach- weisen. Da es zu den polar diti'erenzirten Eiern gehrt, nimmt es bald nach der Be- fruchtung im Wasser eine feste Ruhelage nach der ungleichen Schwere der vege- tativen und der auimalen Hlfte der Kugel ein. Hierbei scheinen schon frhzeitig die Dottersubstauzen zu beiden Seiten einer Symmetrieebene angeordnet zu sein, die , weil sie sich zur Schwere lothrecht einstellt, auch als Gleichgewichts- ebene bezeichnet werden kann. Zu ihr werden auf den einzelnen Entwicklungs- stadien die sich anlegeuden Organe normaler Weise symmetrisch orientirt (Fig. 34); der Urmund legt sich als Halbrinne so an, dass er von ihr in der Mitte halbirt wird; die Verwachsung der Urmundrnder erfolgt wieder von vorn nach hinten in der durch sie bezeichneten Richtung; in gleichem b 1 Fig. 34. Querschnitt durch ein normal sym- metrisch entwickeltes Froschei, bei welchem sich die Medullarwlste (ip) in glei- chem Abstand von der Gleich- gewichts- inid Symmetrieebene (l) anlegen, ch Chorda, d Darm. 7nk Mittleres Keimblatt. Abstand von ihr und von der IJrnuindnaht erheben sich die Medullarwlste (Fig. 3imp) und verschmelzen wieder in der mit der Symmetrieebene zusammen- fallenden Naht des Rckenmarkes. W^enn mau durch die verschiedenen Stadien des unter dem Einuss der Gravitation sich normal entwickeln- den Froscheies Schnitte hindurchlegt, durch die Keimblasen, durch die Gastrula , durch Embryonen mit Rckenwlsten etc. , so findet man immer die Dottermasse, die Urmundlippen, die ein Gewlbe bildende Decke des Urdarms, die Medullarplatte etc. zur Gleichgewichtsebene des Eies so genau orientirt, dass vollkommen symmetrische Bilder entstehen. Die symmetrische Entwicklung des Eies wird sofort gestrt, wenn man durch ussere Eingriffe dem richten- den Einfluss der Schwerkraft entgegenwirkt. Dies ge- schieht, wenn man das befruchtete Froschei zwischen zwei horizontal oder vertical gestellten, parallelen Glasplatten durch Compression zu einer dicken Scheibe etwas abplattet (Fig. 35). Dem richtenden Ein- fluss der Schwerkraft wird hierbei entgegengewirkt, einmal weil die 96 Achtes Capitel. Scheibe nicht mehr so frei nach allen Piichtungen Avie die Kugel rotiren kann, und zweitens, weil in F(dge der Conipression die Ei- obertlche auch die Reibung an der Eihaut zu berwinden hat. So kann das Ei Tage laug auch in Lagen verharren , in welchen sein Inhalt nicht genau zu einer Symmetrie- und Gleichgewichtsebene orieutirt ist. Da in dieser einen Beziehung das die Zellen ordnende Regulativ fehlt . wird hufig die Gestalt des Embryo eine mehr oder minder asymmetrische. Anstatt besonderer Beschreibung gengt es. auf die Durchschnitte durch vier Froscheier hinzuweisen (Fig. 35). die auf vier verschiedenen Stadien der Entwicklung sich befinden, uud deren auffllige Asym- metrie in den angegebenen Entwicklungsbedingungen ihre Erklrung findet. A B C D Pig. 35. Durchschnitte durch Froscheier, die bald nach der BefruchtuDg zwischen zwei vertical gestellten Glasplatten gepresst und zu verschiedenen Zeiten in Chromsure gehrtet wurden. ^4 Ei auf dem Gastrulastadium. B u. C Querschnitt durch ein Ei , an welchem die Medullarwlste aufzutreten begiunen. Querschnitt durch den Blastoporus. C Querschnitt in einiger Entfernung von demselben durch lodullarplatte und Chorda. D Querschnitt durch ein asymmetrisches Froschei mit Medulhirplatte imd Chorda. pr Urmundnaht. IjI Urmund. ch Chorda, vp Nervenplatte. Am meisten wird dem richtenden P^intluss der Gravitation ent- gegengewirkt, wenn man die zwischen horizontalen Platten compri- mirteu Eier auf dem Stadium der Yiertheilnng umkehrt. Denn bei dieser Versuchsanordnung kommt die vegetative Hlfte der Scheibe der Schwere entgegen nach oben zu liegen uud lsst sich in dieser Lage ein bis zwei Tage erhalten, da die Umdrehung in P'olge der Theilung des Eies in vier Stcke . in Folge der Scheibenform und wegen der Reibung gehemmt und mehr oder minder unmglich ge- macht wird. Auf dem Stadium der Keindilase schieben sich allmhlich die Dotterzellen mehr nach einem Rande der Scheibe hin und nehmen eine seitenstndige Lage ein. Die durch die Gastrulation entstehende DecT\e des Urdarmes trgt die Urmund()tfiiung und spter die Ur- mundnaht nicht in der Mitte des Gewlbes, sondern in noch hherem Grade als bei den vorher beschriebenen asymmetrischen Embryonen zur Seite geschoben. Die Urmundnaht erfolgt anstatt in einer geraden in einer mehr oder minder stark gezackten Linie. Die Resultate der von mir angestellten Experimente konnte ich daher in die beiden Stze zusammenfassen : "Wenn die Froscheier gezwungen werden, sich in Zwangslage zu entwickeln, sei es. dass sie ihrer Schwere entgegen im Raum umgekehrt orientirt sind, sei es, dass durch Conipression zwischen Glasplatten erzeugte Reibungs- widerstnde die Orientirung nach der Schwere behindern, so ent- Die usseren P'actoren der organischen Entwicklung. 97 Stehen asymmetrische Embryonen mit ungleich entwickelten Krper- hlften. Wie bei den Pflanzen bt die Schwerkraft auch bei den Froscheiern einen gewissermaassen richtenden Einfluss auf die Zellen und auf ihre Anordnung zu beiden Seiten einer Symmetrie- und Gleichgewichtseliene aus. Man kann daher mit Sachs sagen: Alles, was im Ptianzen- und Thierreich mit den Begriffen Bauch- und Rckenseite, rechte und linke Flanke etc. irgendwie zusammenhngt, trgt den Stempel der Schwerkraft in's Organische bersetzt an sich." 2. Die Centrifugalkraft. In hnlicher Weise wie die Schwere wirkt die Centrifugalkraft. Fr Experimente bietet letztere sogar den Vortheil dar, dass man es in seiner Hand hat, die Kraft beliebig zu variiren. Entweder kann man dem Centrifugalapparat , auf den man den zu untersuchenden Gegenstand bringt, eine verschieden starke Umdrehungsgeschwindig- keit geben, oder mau kann den Radius des Kreises, in dessen Peri- pherie der Gegenstand rotirt, beliebig verlngern oder verkrzen. Wie durch die Gravitation wird auch durch die Centrifugalkraft eine Sonderung der Substanzen von ungleicher Schw^ere hervorgerufen, indem die schwersten sich am weitesten vom Umdrehungsmittelpunkt entfernen, die leichteren sich proximalwrts anordnen. Wenn die Centrifugalkraft die Wirkung der Gravitation der Erde bertrifft, so muss sie natrlich auch einen strker sondernden Einfluss auf orga- nische Theile und auf Organismen aus- ben , die aus Substanzen von verschie- y!^^'^'^'^^^^'^'^'^^^''^^^'^'^^^^ dener Schwere zusammengesetzt sind. ^^^ '.^^^^'^ Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, /^^^^^^^p^^^^% ist es mir gelungen , die ersten Ent- ^^^^^^^^^"^^^^^ ^ wicklungsprocesse des Froscheies, dessen L^ LJ *" Dotterplttchen , Protoplasma und Zell- \j -j-A kerne von verschiedener Schwere sind, \ / von Grund aus umzundern. Bei ge- \ / ngender Strke der Centrifugalkraft \^^ / wird im befruchteten Ei der Gegensatz ^^"-~-~-____^^^ zwischen animaler und vegetativer Ei- pig. 36. Froschei, durch hlfte noch vergrSSert. Der FurchungS- den Einfluss der Centrifugalkraft prOCeSS bleibt mehr und mehr auf die whrend der Entwicklung geson- animale Hlfte beschrnkt, weil die Kerne dert in eine Keimscheibe und eine als die leichtesten Theile in der Nhe unentwickelt gebliebene Uotter- des der Umdrehungsaxe zugekehrten ani- "^^se mit einem Dottersyncytium. malen Poles gewissermaassen festgehalten werden. Man kann auf diesem Wege schliesslich das h 1 b 1 a s t i s c h e Froschei mehr oder minder in einen meroblastischen Typus berfhren (Fig. 36j. Wenn nach 24 Stunden der Furchmigsprocess unter dem Einfluss der Centrifugal- kraft gengend weit fortgeschritten ist, findet man das Froschei wie das Ei eines Vogels aus einer kleinzelligen, die Blastulahhle ein- schliessenden Keimscheil)e und einer ungetheilt gebliebenen grsseren Masse von Nahrungsdotter zusammengesetzt. Beide sind ziemlich scharf mit einer ebenen Flche gegen einander abgegrenzt. Die Ueberein- stimmung geht sogar so weit, dass sich in der subgerminalen Schicht Hertwig, Allgetn. Anatomie u. Physiologie der Gewebe, 7 98 Achtes Capitel. des Dotters vereinzelte Kerue eingelagert linden. Dadurch ist eine dem Dottersyueytium meroblastischer Eier vergleichbare Schicht entstanden. Auf Grund derartiger Experimente kann man wohl die Behauptung aufstellen und rechtfertigen, dass, wenn eine der unsrigen entsprechende Lebewelt auf einem vielmals grsseren Planeten, als die p]rde ist, existirte, sie unter dem Eintiuss einer strkeren Gravitation in ihrer Organisation vielfach abgenderte Zge aufweisen msste. So wrden vielleicht die Eier mancher Thierclassen, wie der Amphibien oder der Accipenserideu, die sich bei der von der Erde ausgebten Gravitation holoblastisch entwickeln , bei einer vielmals strkeren Gravitations- wirkung dem meroblastischen Typus folgen, 3, Mechanische Einwirkungen von Zug, Druck und Spannung, Auf manche Gestaltungsprocesse bei Pflanzen und Thieren, auf die Kichtung der Theilebene der Zellen, auf ihre Form und Anordnung, ferner auf die Entstehung der sogenannten mechanischen Gewebe ben Factoren, wie Druck, Zug u. s, w., einen sehr wichtigen Eintiuss aus, wenn sie in constauter Richtung whrend lngerer Zeitrume auf Zellenaggregate einwirken. Es liegt hier ein der Experimentir- kunst besonders leicht zugngliches Gebiet vor, a, Einwirkung auf sich th eilen de Zellen, Es ist nicht schwer, durch Druck und Zug die P'orm von Eiern und von den Zellen wachsender Gewebe zu verndern und dadurch zugleich auch die Richtung der Theilungsebene bei ihrer Bildung in gesetzmssiger Weise zu beeintiussen. Wenn man ein sich furchendes Ei zu einer Scheibe zwischen zwei horizontalen und parallelen Platten stark coniprimirt, so bilden sich die ersten Theilebeneu senkrecht zur DruckHche aus, weil sie in dieser Richtung die Zellen quer zu ihrem lngsten Durchmesser schneiden (s. Fig. 37 und 31). Auch die folgenden Theilwnde kommen senkrecht zu stehen . wenn vor- sichtig von Zeit zu Zeit der in Theilung begritfene Krper noch weiter abgeplattet wird (Fig. 37 C und D). Theilungsebenen in horizon- taler Richtung treten in den zahlreicher gewordenen Zellen erst von dem Moment an auf, wo ihr lngster Durchmesser dem Zwischenraum der comprimirenden Platten entspricht (Fig. 37 E). (PfliJgek, Roux. Dkiesch, Hektwig, Zieglek etc.) Man kann in dieser Weise ein Ei zwingen, eine einfache Lage neben einander geordneter Zellen beim Furchungsprocess zu liefern. Eine Grenze ist dem Verfahren nur dadurch gesetzt, dass das Zellenmaterial allmhlich in verschiedener Weise geschdigt wird , durch die mechanischen Insulte , durch die betrchtliche Vergrsserung der Oberflche der wachsenden Zellmasse, durch die ungnstige Lage der centralen Zellen fr die Sauerstoft- zufuhr etc. In derselben Weise lsst sich auch durch Zug und Druck die Richtung der Scheidewnde in sich theilenden Pflanzenzellen ab- ndern. Zum Beweis knnen uns die interessanten, an der Kartott'el angestellten Experimente von Kny dienen. Wenn man an einer Kaitofl'elknolle eine Schnittflche anl)ringt, so wird an ihr nach zwei Tagen Wundperiderni gebildet. Hierbei kommen die Scheidewnde der sich theilenden Zellen mit wenigen Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 99 Ausnahmeu der Wundflche genau oder annhernd parallel zu liegen. Der Grund dafr, dass diese Richtung bevorzugt wird, ist wohl darin zu suchen, dass die sich zur Theiluug vorbereitenden Zellen wegen ihres festen Anschlusses an die benachbarten Gewebszellen sich nur nach der freien Flche leicht ausdehnen und verlngern knnen. Der Experimentator kann indessen die gewhnliche Theilungs- richtung der Zellen durch Druck oder Zug verndern. Um dies zu erreichen, hat Kny aus einer grossen Kartoffelkuolle dnne Scheiben C B E Fig. 37. Befruchtetes Ei von Echinus mikrotuberculatus im Durch- strmungscompressorium gepresst. Aus Verhandlungen der anatomischen Ge- sellschaft 1894, Seite 135, Fig. 15. A Stadium von 8 Zellen, B von 16 Zellen. Dasselbe Ei in Vorbereitung zur nchsten Theilung. B Durch Theilung der 16 Zellen (C) durch verticale Theilebeneu sind 32 in einer Ebene neben einander liegende Zellen entstanden. E Die Theilung in 64 Zellen erfolgt in den meisten Fllen noch durch verticale Theilebenen, was durch horizontale Striche (Richtung der Spindelachse) angegeben ist. In den mit einem Kreuz + bezeichneten Zellen steht die Spindelachse vertical oder schrg, so dass die Theilebene in mehr oder minder horizontaler Richtung erfolgt. Nach Ziegler. herausgeschnitten, hat sie darauf zusammengebogen und in einer feuchten Kammer zwischen zwei parallele Glasplatten gebracht, von welchen er die obere in zweckentsprechender Weise mit Gramm- gewichten belastete. Bei dieser Anordnung werden an der convexen Flche der Umbiegungsstelle der Kartotfelscheibe die Zellen in einer Richtung parallel zur Oberflche gedehnt, dagegen an der concaveu Flche von ihren Seiten her noch mehr zusammengepresst als unter gewhnlichen Verhltnissen. Der Erfolg des Versuchs," berichtet Kny, war der erwartete. Au der concaven Seite waren die Theiluugswnde , welche die Bildung 100 Achtes Capitel. des Wundpeiiderms einleiteten, ebenso annhernd periclin (das heisst parallel zur Obertlehe) gerichtet wie an ebenen Wundtichen. An der convexen Oberflche sah ich bei den gelungensten der oben be- schriebenen Versuche die meisten whrend des Versuchs entstandenen Wnde anticlin gerichtet; neben diesen traten aber in grsserer oder geringerer Zahl auch pericline und solche von mittlerer Stellung auf. In allen Versuchen, wofern bei denselben die Belastung der gebogenen Riemen bis zur ussersten zulssigen Grenze getrieben war. sprang der Unterschied in der vorherrschenden Richtung der Theilungswnde an der convexen und an der concaven Wundflche so deutlich in die Augen, dass eine urschliche Beziehung zu Zug und Druck unver- kennbar war." Man kann den Versuch auch in der Weise anstellen, dass mau aus der Kartoftelknolle Riemen ausschneidet, vertical aufhngt und mit Grannngewichten stark belastet. Auch hierbei zeigt sich nach einigen Tagen, dass die Zahl der neu entstandenen anticlinen Wnde die der pericliuen erheblich berwiegt. In einem Versuch von Kny war das Verhltniss beider etwa wie 3:1. Die angefhrten Versuche werfen Licht auf die in der Natur zu beobachtende Erscheinung, dass Wasserpflanzen wie Ranunculus fiui- tans, Potamogeton und andere in schnell fliessendem Wasser strker in die Lnge wachsen als im ruhigen Wasser. Wahrscheinlich wird auch hier durch den mechanischen Zug eine strkere Streckung der Zellen in der Richtung des Wasserlaufes und eine dementspreclieude Stellung der Theilungswnde begnstigt werden. b. Die Bedeutung von Druck und Zug fr die Entstehung mechanischer Gewebe. Wie aus mehreren gleich mitzutheilendeu Erscheinungen hervor- gehen wird, wirken Zug und Druck als Reiz, welcher die Bildung von zug- und druckfesten Substanzen im Protoplasma und ihre Ab- lagerung an den am meisten in Anspruch genommenen Stellen be- frdert. Pflanzen und Thiere bieten uns in ihren Einrichtungen eine ausserordentlich interessante Parallele dar. Bei den Pflanzen werden die Gewebe, welche sich vor anderen Zellaggregaten durch ihre Zug- und Biegungsfestigkeit besonders aus- zeichnen, nach dem Vorschlag von Schwkndener als die mechani-' sehen zusammengefasst. Sie setzen sich aus verschiedenen Arten meist langgestr(>ckter und sehr dickwandiger Zellen zusammen, welche mau je nach Form und Lage als Bast-, Libriform-, Holzzellen, als Tracheiden, Collenchymgewebe etc. bezeichnet. Dass mechanische Einwirkungen an gedehnten PHanzentheilen eine Zunahme dieser Gebilde, eine Vermehrung in der Zahl der Elemente, eine Ver- dickung ihrer Wandungen verursachen, dafr hat Heglek unter Pfeffeh's Leitung den experimentellen Nachweis gefhrt. Wachsende Pflanzentheile wurden durch Gramnigewiclite bis an die Grenze ihrer Leistungsfhigkeit belastet und von Tag zu Tag die Belastung erhht, weil in entsprechendem Maasse die Zugfestigkeit in Folge eintretender Reaction von Seiten der Pflanzengewebe eine Zunahme erfuhr. Das Hypocotyl der Keimlinge v(m llelianthus anmius, welches bei 160 Gramm zerriss, konnte bei Belastung mit 150 Gramm nach Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 101 2 Tagen bereits 250 Gramm tragen, und nach dem Einfliiss dieser Belastung konnte das spannende Gewicht nach einem weiteren Tage auf 300 Gramm und nach einigen Tagen auf 400 Gramm gesteigert werden. Keindinge von Phaseolus, welche bei 180 Gramm zerrissen waren, erfuhren durch allmhliche Steigerung des Gewichts in 7 Tagen ein Tragvermgen von 650 Gramm. In Blattstielen von Helleborus, deren Zerreissungsfhigkeit ungefhr bei 400 Gramm lag, wurde die Tragfhigkeit innerhalb 5 Tagen sogar auf 3,5 Kilogramm gesteigert, whrend die Festigkeit der unbehandelten Objecte sich in dieser Zeit nicht merklich nderte. Bei Helleborus bilden sich Bast- fasern aus, die sonst fehlen. Im Uebrigen lehrt auch die Natur selbst, dass mit Zunahme der Belastung die Tragfhigkeit und Zugfestigkeit von Ptianzenorganen zunimmt. Frchte, die allmhlich zu betrchtlicher Grsse heran- wachsen und ein erhebliches Gewicht erlangen , werden durch dnne Stiele festgehalten, die durch allmhlich erfolgende besondere Ent- wicklung der mechanischen Gewebe mit einer der zu tragenden Last proportionalen Tragfhigkeit ausgestattet werden. In dieser Weise deuten, wie schon Spencer vor 30 Jahren hervor- gehoben hat, mancherlei alltglich zu beobachtende Thatsachen darauf hin, dass die mechanischen Zugwirkungen, welchen aufrecht wachsende Pflanzen ausgesetzt sind, an sich schon eine Zunahme in der Ablage- rung fester Substanzen verursachen , wodurch solche Pflanzen in den Stand gesetzt werden, den genannten Wirkungen Widerstand zu leisten". Eine Parallele zu den Versuchen von Hegler, welche gelehrt haben, dass proportional der Belastung die Tragfhigkeit eines pflanz- lichen Organs in kurzer Zeit erheblich zunimmt, liefern auf thieri- schem Gebiet die schon 1864 ausgefhrten Experimente von Sedillot. Der franzsische Physiologe entfernte bei jungen Hunden von den beiden Unterschenkelknocheu theilweise die Tibia, indem er das ganze Mittelstck resecirte. Die ganze Last des Krpers, welche sich sonst auf Tibia und Fibula vertheilte, wirkte jetzt allein auf letztere ein. Die Folge derartiger Operationen war, dass nach lngerer Zeit die Fibula, welche normaler Weise 5- bis 6mal schwcher als die Tibia ist, diese an Grsse und Dicke erreicht hat, ja end- lich selbst noch bertriff"t. Wenn die Entwicklung mechanischer Gewebe eine Ileaction auf mechanische Reize, auf Zug und Druck ist, so lsst sich auch er- warten, dass die Reaction hauptschlich an den Stellen erfolgen wird, welche in besonderem Maasse dem Reize ausgesetzt, dass heisst be- sonders mechanisch in Anspruch genommen werden. Daher mssen die in dieser Weise erzeugten Structuren als durchaus zweckent- sprechende erscheinen, insofern sie nun auch den an sie gestellten mechanischen Bedingungen entsprechen. Sie sind uns beraus lehr- reiche Beispiele , die zeigen, wie direct durch Anpassung an die usseren Verhltnisse sich Einrichtungen von vollkommenster Zweck- mssigkeit hal)en entwickeln knnen. Wie fr die pflanzlichen gilt dies in demselben Maasse auch fr die thierischen Skelettbildungen. Beide sind im Grossen und Ganzen den Gesetzen der Mechanik und den daraus abgeleiteten Vor- schriften der Ingenieurwissenschaft entsprechend aufgebaut. Da wenige Organsysteme so beweisend wie die medianischen fr den directen Einfluss usserer Verhltnisse auf die Gestaltbildung sind, empflehlt 102 Achtes Capitel. es sich, etwas ausfhrlicher bei ihnen zu verweilen und als Ein- leitung einen kleinen Excurs auf das Gebiet der Mechanik voraus zu schicken. Um sich zunchst ber die Vernderungen klar zu werden, welche Zug- und Druckkrfte an einem biegsamen, aber hinlnglich festen ]\[aterial hervorrufen, denke man sich einen ursprnglich geraden dicken Stab von Holz oder Eisen etwas zusammengebogen. Die Krmmung lsst sich herbeifhren entweder dadurch , dass man den Stab aufrichtet, an seinem unteren Ende in der Erde gut befestigt und am oberen Ende einen seitlichen Zug mit entsprechender Kraft ausflnt. oder dadurch, dass man den Stab horizontal mit seinen Enden auf zwei feste Unterlagen legt und auf die nicht untersttzte Mitte ein schweres Gewicht einwirken lsst. Im ersteren Falle wird der Stab durch den auf sein freistehendes Ende seitlich ausgebten Zug und im zweiten Falle durch einen auf seine nicht untersttzte Mitte ausgebten Druck in Folge starker Belastung gekrmmt. In beiden Fllen haben die Theilchen in der Mitte des so ge- bogenen Stabes einen verschiedenen Widerstand gegen die biegende Kraft zu leisten. An der jetzt concav gewordenen Flche des Stabes werden die Theilchen stark zusammengepresst, an der entgegen- gesetzten, convexen Flche werden sie dagegen auseinandergezogen oder gedehnt. Es liegt auf der Hand, dass der Dehnung, resp. der Zusammenpressung am meisten die oberflchlichsten Schichten der zwei gegenber liegenden Flchen des Balkens unterworfen sind. Denn nach der Achse des Stabes zu mssen sich die entgegengesetzten Wirkungen der Pressung und der Dehnung allmhlich ausgleichen und schliesslich gegenseitig aufheben. An der concaven Seite werden die Theilchen, je weiter von der Oberflche entfernt, um so weniger zusammen gedrckt und an der convexen Flche in entsprechender Weise, je mehr nach innen, um so weniger gedehnt werden. In der Achse selbst aber werden die Theilchen weder gedehnt, noch gepresst, sie bleiben gegen Druck und Zug voll- s-tndig indifferent und heissen daher die neutrale Schicht". Da die Bieguugsfestigkeit eines Stabes auf dem Widerstand be- ruht , welchen seine oberflchlichen . allein mechanisch in Anspruch genommenen Schichten den einwirkenden Krften entgegensetzen, kann man ohne Schaden die neutrale Schicht aus ihm herausnehmen oder durch eine mechanisch minderwerthige Substanz ersetzen. Zerrung und Pressung sind aber nicht die einzigen Wirkungen" eines Gewichts, welches den Balken belastet. An einem auf Biegungs- festigkeit beanspruchten Kri)er hal)en die Theilchen eines jeden Quer- schnittes das Streben, sich gegen die Theilchen des benachliarten Quer- schnittes, und die Theilchen jedes Lngsschnittes das Streben, sich gegen die des benachbarten Lngsschnittes zu verschieben. Die Kraft, mit der dies geschieht, nennt man die Schub- oder Scheerkraft, und es wird denniach in jedem Schnitte noch eine Spannung, die Schubs ]) a n n u n g , hervorgerufen . welche der Verschiebung zweier lienachbaiter Schnitte gegen einander Widerstand leistet". (J. Wolff.) Die seh eer ende Kraft wird in der neutralen Achse am grssten. Am besten berzeugt man sich davon, wenn man einen Balken in seiner Mitte der Lnge nach ents])rechend der neutralen Schicht durchsgt (Fig. 38 A). Bei einer durch Belastung hervor- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 103 gerufeuen Verbieguiig des Balkens wird sich dauu die eine gegen die andere Hlfte verschieben oder abscheeren. Um dies zu vermeiden, mssen daher Druck- und Zugseite unter einander fest verbunden sein. Die hier kurz auseinander gesetzten mechanischen Principien bringt mau in der Ingenieurwissenschaft liei der Construction eiserner Trger in Anwendung. Um Material zu ersparen und gleichzeitig den Trger mglichst leicht zu machen, verwendet man keine eisernen Yollbalken, sondern lsst die neutrale Schicht" ausfallen. Je nach- dem der Trger nur einseitig oder allseitig biegungsfest sein soll, hat er verschiedene Formen erhalten. Zum erstgenannten Zweck hat man den sogenannten T-Trger con- struirt, welcher auf dem Querschnitt die Form eines rmischen Doppel-T hat (J). Zwei in einem grsseren Abstand von einander betindliche Fig. 38 A. f Fig. 38 . Fig. QQ A. Schema zur Erluterung der Abseheerung. Nach J. Wolff. A Ein gerader Balken ab cd, der bei a c befestigt ist, ist genau in der neutralen Faserschicht / durchsgt. B Derselbe Balken in Folge einer starken Belastung bei b(^) eingekrmmt, wobei sich die obere gegen die untere Balkenhlfte in Folge Abseheerung um ef verschoben hat. C An einem entsprechenden Balken eine obere dnne Schicht durch einen Lngsschnitt abgesgt und bei b belastet. Die Verschiebung ef ist viel geringer ausgefallen. Fig. 38 B. struction. Querschnitt durch eine mehrseitig biegungsfeste Con- parallele Eisenplatten werden ihrer Lnge nach in ihrer Mitte durch eine dritte, vertical gestellte Platte unter einander in feste Verbindung gesetzt. Die eine der parallelen Eiseuplatten , welche der Pressung Widerstand zu leisten hat, heisst die Druckgurtun g, die entgegen- gesetzte die Zuggurtung, weil sie auf der gedehnten Seite liegt. Die Verbindungsplatte ersetzt die Fllung und verhindert die Ab- seheerung. Die Biegungsfestigkeit eines solchen T-Trgers wchst mit der Grsse des Abstandes der lieiden Gurtuugen von einander. Soll der Trger nach allen Richtungen den gleichen Grad von Biegungsfestigkeit besitzen, so gibt man ihm die Form eines hohlen Cy linders. Hier ist jede Stelle des Cylinders, je nach der Richtung, in welcher die biegende Kraft wirkt, entweder Zug- oder Druckgurtung. Den geschlossenen Hohlcylinder kann man auch ersetzen duich eine Anzahl von T-Trgern, die man so anordnet, wie es Fig. 38 B zeigt. Wenn man in dieser Figur die einzelnen Gurtungen unter einander an ihren Seiten verbindet, so kann man jetzt die inneren Fllungen, 104 Achtes Capitel. die Verbinduugen zwischen den opponiiten Platten der einzelnen T-Trger, weglassen, ohne die Festigkeit der ganzen Anordnung zu verringern, und erhlt dadurch die hohle Sule. Nach denselben Regeln sind gewhnlich auch die mechanischen Gewebe bei Pflanzen und bei Thieren angeordnet, ber welche wir uns jetzt nach den vorausgeschickten Errterungen einen Ueberblick verschaften wollen. ) Die mechanischen Einrichtungen bei Pflanzen. In die l)ei Pflanzen bestehenden verschiedenartigen Einrichtungen gewhrt uns das bahnbrechende Werk von Schwendener einen Einblick, betitelt: Das mechanische Princip im anatomischen Bau der INIono- cotylen mit vergleichenden Ausblicken auf die brigen Pflanzenklassen. " Viele Pflanzen besitzen einen ber die Erdoberflche senkrecht in die Hhe steigenden Schaft, welcher an seinem Ende hufig stark belastet ist , bei Grsern durch die Blthen- und Fruchthre , bei Bumen durch eine mchtig entfaltete Bltterkrone. Die Anforde- rungen an seine Biegungsfestigkeit knnen aber noch ausserdem er- heblich gesteigert werden, wenn er seitlich einwirkenden krftigen Windstsseu, ohne zu zerreissen, Widerstand zu leisten hat. Die Festigkeit des Schaftes beruht auf Strngen der oben er- whnten mechanischen Zellen (dem Stereom). Ihre Leistungsfhigkeit ist keine geringere als diejenige eines entsprechend dicken Eisendrahtes. Denn ein Faden frischer Bastzellen von 1 qnnn Querschnitt vermag je nach der Pflanzeuart, welcher derselbe entnommen ist, ungefhr 15 20, in seltenen Fllen 25 Kilo zu tragen, ohne dass er nach Entfernung der Gewichte eine dauernde Verlngerung erfahren htte, weil seine Elasticittsgrenze durch die Belastung nicht lierschritten wurde". Die Stereomstrnge sind nun mit sehr seltenen Ausnahmen im Schaft so angeordnet, dass sie mglichst dicht an der Oberflche liegen und zusammen einen Hohlcylinder darstellen. Nach aussen von ihnen findet sich noch die Epidermis und je nach der Pflanzenart, um die es sich handelt, eine bald dnnere, bald dickere Schicht von anderen Geweben; bei grnen Stengeln zum Beispiel ein Assimilationsgewebe, welches wegen seines Chlorophylls ja ebenfalls auf die Oberflche an- gewiesen ist und so gewissermaassen mit den mechanischen Geweben um den Raum concurrirt. Im Einzelnen finden sich mannigfache Variationen in der An- ordnung der Stereomstrnge, wie uns die Querschnittsl)ilder durch den Schaft von drei Pflanzen lehren. Bei Arum maculatum (Fig. 39) bilden den Skelettcylinder 24 peripher gelegene Stereomstrnge, deren Querschnitte, um sie kenntlicli zu machen, schraffirt sind; sie sind von einander getrennt durch breite Streifen von grnem Assimilationsgewebe, das die Rolle eines Fllmaterials spielt und sich auch noch unter der Rinde in dnner Schicht ausbreitet. Der Querschnitt durch den Stengel einer Graminee. INIolinia coerulea (Fig. 40), zeigt uns die Stereomstrnge zu einem ge- schlossenen Cylindermantel verbunden, dessen Biegungsfestigkeit noch durch longitudinal verlaufende, von seiner Aussen- und Innen- flche vorspringende Stereomrippen erhht ist. Die Zwischen- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 105 rume zwischen den usseren Rippen und der Epidermis werden wieder durch Assimihxtiousgewebe ausgefllt, whrend in die nach innen vorspringenden Rippen die Mestombndel , das Nahrung lei- tende Gewebe, eingebettet sind. Fig. 39. Querschnitt durch den Blthensehaft von Arum maculatum mit 24 peripherischen Stereomstrngen, deren Querschnitte schraffirt sind. Die brigen, ber den ganzen Querschnitt zerstreuten, hell ge- lassenen, umschriebenen kleinen Par- tieen sind Querschnitte der die Nahrung leitenden Strnge. Nach Potonie Fig. 8. Fig. 40. Querschnitt durch den hohlen Stengel von Molinia coerulea. In den schraffirten, geripi>ten Skelett-Hohl- cylinder sind die Mestombndel eingebettet. Die sich an die Innenflche des Cylinders an- lehnenden grsseren Bndel sind von Stereom umgeben, welches mit dem Cylinder in Ver- bindung steht. Zu usserst die Epidermis. Nach PoTONiK Fig. 10. Ein ebenfalls geschlossener, aber innen und aussen glatt begrenzter Cylindermantel von Stereom ist drittens auf dem Querschnitt durch den Blthensehaft von Anthericus Liliago (Fig. 41) zu sehen. Nach aussen von ihm liegt wieder eine ziemlich dicke Schicht von Assimilatiousgewebe und die Epi- dermis. Der Raum im Innern des Skelettcyliuders kann bei den Ptlauzen eine sehr verschieden- artige Fllung zeigen, welche aber in allen Fllen mechanisch ohne Bedeutung ist. Bei Arum maculatum und Anthericus findet sich weiches Parenchymgewebe, in welchem Ge- fssstrnge ihren Weg nehmen , deren Quer- schnitte in den Figuren von dem Stereom- gewebe durch Fortfall der Schraffiruug zu unterscheiden sind. An strker verholzten Stengeln wird die im Skelettcylinder ein- geschlossene und leicht aus ihm herauszu- lsende Fllmasse auch als Mark bezeichnet (Hollundermark, INIark der Sonnenblume). Bei den meisten Grsern und vielen andern PHanzen sind die Schfte im Innern ganz hohl und lufthaltig, wie die zu Trgern beim Hausbau verwandten eisernen Hohlevlinder. Fig. 41. Querschnitt durch den Blthen- sehaft von Antheric. Li- liago. Zwischen der schraf- firten Skelettpartie und der Epidermis befindet sich ein Ring von Assimilationsge- webe, lieber den centralen Theil des Querschnitts fin- den sich Mestombndel zer- streut, von denen sich einige an die Innenflche des Ske- lettcylinders anlegen. Nach Potonie Fig. 11. 106 Achtes Capitel. Als constiuctives Material dient das mechanische Gewebe bei den PHanzen noch zu andern Zwecken als zur Herstellung biegungsfester Organe und lsst dann auch in diesen Fllen wieder eine dem Zweck entsprechende Anordnung erkennen. Auf manche Pflauzeu- t heile wirken nur Zugkrfte in ihrer Lngsrichtung ein, wie besonders auf die meisten unterirdischen Theile. Die Haupt- wurzeln eines vom Winde heftig bewegten Baumes haben einen oft gewaltigen Zug auszuhalten. Zugfest mssen ferner manche Stengel sein, die schwere, nach al)wrts hngende Frchte: Kirschen, Aepfel, Krbisse, zu tragen haben. Einen contiuuirlichen Zug erfahren endlich die Stengel untergetauchter WasserpHanzeu, welche mit ihren Blttern im strmenden Wasser flottiren, wie Ranunculus tiuviatilis. Die Zugfestigkeit einer Construction hngt von der Masse des verwandten widerstandsfhigen Materials, von der Grsse seines Querschnitts ab; und es ist am zweck- mssigsten , wenn das Material auf einen einzigen Strang zusammen gedrngt ist. Im Gegensatz zu den Pflanzeutheilen , welche auf Be- wegungsfestigkeit gebaut sind, mssen die auf Zug in Anspruch ge- nommenen Organe die mechanischen Gewebe mehr oder minder zu einem Strang vereinigt haben, welcher die Mitte der Wurzel oder des Stengels einnimmt. Das ist in der That bei den oben aufgefhrten Organen auch mehr oder minder der Fall. ) Die mechanischen Einrichtungen bei Thieren. Wie bei den PHanzen das Stereom, ist bei den Wirbelthieren das Knochengewebe in vielen Fllen offenbar nach den Vorschriften der Ingenieurwissenschaften zur Bildung biegungsfester Sttzen mit dem Aufwand der geringsten Menge zweckdienlichen jNIaterials aus- genutzt worden. Die langen Rhrenknochen sind nach dem Princip des Hohlcylinders gebildet. Ein Mantel compacter Knochensubstanz umschliesst einen von mechanisch indifferenter Substanz und gelbem Knochenmark ausgefllten Raum. Beim Studium der Entwicklung der Rhrenknochen kann man verfolgen, wie in demselben Maasse, als sich an der Oberflche der erst knorpeligen , spter spongisen Skelettanlage eine Scheide compacter Knochensubstanz entwickelt, die mechanisch liberflssig werdenden centralen Theile allmhlicli resorbirt und in Fettgewebe umgewandelt werden, Oder die Rhrenknochen werden , wie bei den Vgeln . pneumatisch , indem Ausstlpungen der Lungenflgel in sie hineinwachsen. Eine noch wunderbarere, nach mechanischen Princii)ien durch- gefhrte Architektur, deren Abhngigkeit von Zug und Druck sich nachweisen lsst. findet sich in der spongisen Knochen- substanz, an den Enden der Rhrenknochen, in den Wirlielkrpern in den Hand- und Fusswurzelknochen. Den Einl)lick in das Wesen der- selben verdankt die Wissenschaft dem glcklichen Umstnde, dass Hermann von Meyek, als er sich mit der feineren Structur der Knochenspongiosa beschftigte, den Begrnder der graphischen Statik, CuLMANN, als Berather zur Seite hatte. Besonders lehrreich ist das obere P'.n de desFemur geworden, welches man seiner Form und Aufgabe nach einem Kr ahn ver- gleichen kann. Wie Julius Wolff in seiner Geschichte der Knochen- architektur erzhlt , bemerkte Culmann bei Betrachtung der Meyek- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 107 sehen Prparate, dass die Spongiosablkchen an vielen Stellen des menschlichen Krpers in denselben Linien aufgebaut sind, welche er fr solche Krper zu zeichnen gelehrt hatte, die hnliche Formen haben wie die betreffenden Knochen und hnlichen Krfteeinwirkungen ausgesetzt sind, wie diese". Er zeichnete nun einen Knochen (Fig. 42), dem er die Umrisse des oberen Endes eines menschlichen Oberschenkels gab, und bei dem er eine den Verhltnissen beim Menschen entsprechende statische Inanspruchnahme aunalim. In diesen Krahn Hess er unter seiner Auf- sicht die sogenannten Zug- und Druck- linien von seinen Schlern hineinzeich- nen. Es zeigte sich, dass diese Linien in der That ganz und gar identisch waren mit denjenigen, welche die Natur am oberen Ende des Oberschenkels durch die Richtungen , die sie hier den Knochenblkchen gegeben, in Wirklich- keit ausgefhrt hat." Was versteht man in der Mechanik unter Zug- und Drucklinieu oder Cur- ven? Sie zeigen uns die Richtungen an, in welchen ein belasteter Krper am meisten durch Zug und Druck in Anspruch genommen wird und daher am widerstandskrftigsten gebaut sein muss. Zugleich sind in der Richtung der Curven auch die scheerenden Krfte beseitigt. Ein Krper, welcher, dem Verlauf der Zug- und Druckcurven ent- sprechend, aus Stben und Bndern einer mechanisch brauchbaren Substanz zusammengesetzt wird, kann eine eben- solche Belastung aushalten wie ein solider Krper aus der gleichen Sub- stanz. Es wird also durch die Construction dersellje Zweck, aber in vortheilh afterer Weise, weil mit einem Minimum von Material, erreicht. Von diesen Gesichtspunkten aus- gehend, wollen wir jetzt die Archi- tektur des oberen Femurendes untersuchen. Ein in frontaler Richtung von ihm angefertigter dnner Durchschnitt (Fournirblatt) ist in Fig. 43 abgebildet und in der nebenstehenden Fig. 44 scheraatisirt wieder- gegeben. Man sieht von unten nach oben die compacte Knocheu- substanz, welche unten die Markhhle umgibt, allmhlich dnner werden und schliesslich zugespitzt aufhren. In demselben Maasse aber, als dies geschieht, lsen sich von der Subst. compacta in kleinen Ab- stnden von einander feine Knochenbltter ab, die auf dem Durch- schnitt in regelmssigen, bestimmt gerichteten Curven weiter verlaufen. Man kann daher sagen : an dem oberen Epiphysenende blttert sich Fig. 42. Gebogener Krahn mit Zug- und Druekerven. Nach einer Construction von Cul- MASx aus H. V. Mkyer. 108 Achtes Capitel. die Coiupacta in Knochenlamelleu der Spongiosa auf, oder mau kaun auch umgekehrt , wie H. von Meyek und Julius Wolff betonen , die sogenannte compacte Substanz durch eine Zusammendrngung der Blkchen der Spongiosa gebildet sein lassen. Auf dem Fronlaidurchschnitt sind zwei Blttclienzge zu unter- scheiden, ein von der grossen Trochanterseite ausgehender und ein an der Adductorenseite gelegener Zug. Die von der Trochanterseite ausgehenden Curven enden auf der Adductorenseite und umgekehrt. WieWoLFF auseinandergesetzt hat, stehen erstens die Enden der Blk- chen beider Zge berall recht- winklig auf der oberHchlichen Rindenschicht des Knochens, zwei- tens kreuzen sich die unzhligen, in Curven verlaufenden Blkchen Fig. 43. Fipr. 44. Fig. 43. Schnitt (Fournirblatt) durch das obere Ende des Pemur eines noch nicht ausgewachsenen (15jhrigen) mnnlichen Individuums. Plmtiigrapliische Abhildunt:^ nach J. Wulff. Fig. 44. Sehematisirte Abbildung der Architektur des oberen Femur- endes. Nach H. v. Meyer (1867). der beiden Seiten, wo sie in ihrem Verlaufe einander schneiden, unter rechtem Winkel. Die zwischen ihnen gelegenen, von rothem Knochen- mark ausgefllten Rume sind daher mehr oder minder quadratisch. Mit den Augen des Ingenieurs betrachtet, stellen die von der ,Druck blkchen oder Druck- in denen die scheerenden Krfte Adductorenseite ausgehenden Zge plt teilen dar, d. i. Blkchen, aufgehobeu sind, und welche zugleich der Druckwirkung der Krper- last auf die Adductorenseite den erforderliclien Widerstand entgegen- setzen. Es wird ausschliesslich in den Richtungen dieser Blkchen Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 109 das obere Ende des Oberschenkels gedrckt, und wenn daher in diesen Richtungen keine oder nicht entsprechend starke Blkehen vorhanden wren, so msste der Druck zu einem Zerdrcken des Knochens fhren". Die Blkehen der Trochanterseite dagegen sind Zugblkchen, in denen ebenfalls keine scheerenden Krfte strend wirken, und welche zugleich dem durch die Krperlast bedingten, auf die Trochanterseite wirkenden Zug den erforderlichen Widerstand leisten und demnach ein Auseinanderreissen des Knochens zu ver- hindern bestimmt sind. Wie in der Construction des Krahus (Fig. 42) die Zug- und Druck- linien, so drngen sich am Femur (Fig. 43) die Blkehen der Spongiosa gegen das Mittelstck des Knochens hin zu compactem Gefge zu- sammen, welches am festesten und dicksten sein muss gegen das Mittel- " " ' des Knochens hin", weil hier die grsste muss. Architektur der Verhltnisse als sie ist gewhu- iu einer und ein- Biegungsfestigkeit vorhanden sem In den meisten Fllen ist die Spongiosa fr einfachere statische am Obern Femurende eingerichtet: lieh nur einem Druck durch Belastung Richtung unterworfen. Als lehrreichstes fachstes Beispiel hierfr fhrt H. Meyer das untere Ende der Tibia an. Auch hier beginnt wieder nach dem Gelenkende zu die compacte Knochensubstanz sich erheblich zu verdnnen, wobei sie sich allmhlich in ein System parallel verlaufender Kuochenplttchen auf- lst, welche nach unten ein wenig auseinander weichen und auf der dnnen, compacten Rinden- substanz der Gelenkflche in ihrer ganzen Aus- dehnung senkrecht enden. Verbunden werden sie unter einander durch Plttchen, die sie in senk- rechter Richtung rechtwinklig schneiden. Auf diese Weise wird ein Ausweichen oder Ausbiegen 'eines Plttchens bei gesteigertem Druck unmglich ge- macht. Durch die Zerlegung der compacten Kuochen- substanz in Lamellen, welche sich wie Strebepfeiler von der unteren Gelenktlche erheben und den spongisen Bau des unteren Gelenkendes bedingen, wird der durch das Mittelstck der Tibia von oben her fortgesetzte Druck gleichmssig auf die ganze theilt und auf die ganze entsprechende Gelenkflche des fortgepflanzt. Noch mehr als die Architektur normaler Knochen ist fr die Lehre, dass die Gestaltungsprocesse der Organismen durch ussere Factoren beeinflusst werden, von Bedeutung der Nachweis, dass die Architektur eines Knochens etwas Vernderliches ist und, wie Wolff und Roux nachzuweisen versucht haben, whrend des Lebens Transformationen" er- fahren kann. Wenn bei Brchen oder in Folge anderer krankhafter Strungen die Knochen einer vernderten Gebrauchsweise unterliegen und anderen mechanischen Bedingungen zu gengen haben, indem die Richtungen des strksten Zuges und Druckes nicht mehr dieselben geblieben sind, Fig. 45. Fronta- ler Durchschnitt durch das untere Ende der Tibia. Schema nach H Meyer. V. Gelenkflche ver- Astragalus 110 Achtes Capitel. ich mit or P _ SO beginnen allmhlicli die Knochenplttchen an den Stellen, wo sie nicht mehr mechanisch in Anspruch genommen werden, zu sehwinden whrend sich nun Plttchen der vernderten Lage der Zug- und" Druckcurven entsprechend entwickeln. An vielen Fracturenprparaten," lemerkt Jul. Wulff, hatte beobachten knnen, dass in der That jedes Mal. wenn die Fractur einer von der Norm abweichenden Winkelstellung der Fragmente heilt war, eine neue Architektur des Knochens sich bildet hatte, die den neuen statischen Verhltnissen entsprach. Und das Merkwrdigste und am eclatantesten den mathematischen Erwgungen Entsprechende war hierbei der Umstand, dass die Architekturumwandlungen sich bis in sehr weit von der Bruchstelle entlegene Stellen des Knochens hin erstreckten, dass sie sich beispielsweise bei Diaphysenbrchen langer Knochen an den weit entfernten Gelenkeudeu dieser Knochen bemerklich machten." Ebenso hatte ihm das Studium rhachitisch verbogener Knochen gezeigt, dass sowohl in der neutralen Faserschicht , als in der senk- recht zu ihr stehenden Knochenschicht eine ganz neue, den neuen mechanischen Verhltnissen genau entsprechende Architektur entsteht.'" Zu demselben Ergebniss wurde Roux durch das Studium einer Kniegelenks- Ankylose gefhrt. Literatur zu Capitel VIII. 1) Karl von Bardeleben. Beitrge zur Anatomie der Wirbelsule. Jena 1874. 2) Born, l'eber Druckversuche an Frosc/ieierv. Anatom. Anzeiger 1893. 3) Derselbe. Neue Compressionsversuche an Froscheiern. Jahresher. d. sehles. Gesellsch. f. vaterl. Cultur. 1894. 4) Derselbe. Ueber den Einuss der Schwere auf das Frosehei. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. xxir. 5) H. Driesch. Entwicklungsmechanische Studien IT. Zeit sehr. J. wiss. Zool. Bd. LJ'. 1893. * 6) Derselbe. Zur Verlagerung der Blastomeren des Eehinideneiea. Anat. Anz. Bd. VIII. 1893. 7) Hegler. Ueber den Einuss von Zugkrften auf die Festigkeit und die Ausbildung mechanischer Gewebe in Pflanzen. Sitzungsbcr. d. schs. Gesellsch. d. Wissensch. 1891 S. 638. 8) Heider. Ueber die Bedeutung der Furchung gepresster Eier. Archiv fr Entwickl.- Mech. Bd. V. 1897. 9) Oscar Hertwig. Welchen Einuss bt die Schwerkraft auf die Theilung der Zellen? 1884. Jena, Fischer' s Verlag. 10) Derselbe. Ueber den Werth der ersten Furchunyszellen fr die Organbildung des Embryo. Experimentelle Studien am Frosch- und IVitonei. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII. 1893. " 11) Derselbe. Ueber einige am befruchteten Frosehei durch Centnfugalkraft hervorgei'ufene Michanomorphosen. Sitzung sber. der knigl. preuss. Akad. der Wissensch. in Berlin, math.-phys. Classe. 1897. 12) L. Kny. Ueber den Einfluss von Zug und Druck auf die Richtung der Scheidewnde in sich theilenden Jflanzenzellen. Berichte d. deutschen bot. Gesellsch. Bd. XIV. 189(i. 13) Keller. Biologische Studie. Biolog. Centralbl. Bd. XVII Nr. 3. 1897. 14) Hermann Meyer. Die Statik und Mechanik des menschliehen Knochengerstes. 1873. 15) Derselbe. Die Architektur der Spongiosa. Zehnter Beitrag zur Mechanik des mensch- lichen 'nocfiengerstes. ^irchiv f. Anat. u. Fhysiol. Jahrg. 1867. 16) Morgan. Experimtntal studies on Echinoderm Eggs. Anat. Anzeiger Bd. 9. 1894. 17) Pflger. Ueber die Einwirkung der Schwerkraft und anderer Bedingungeti auf die Richtung der ZelUheilung. 3 Abhandl. Archiv fr die ges. Fhysiol. Bd. XXXIV. 1884. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. Hl 18) Henry Potonie. Las Skelett der Pflanzen. Sammlung gemeinverstndlicher , wissen- schaftlicher Tortrge, Serie X FI. J88^. 19) "Wilhelra Roux. Gesammelte Abhandlungen ber Entwicklung smeehanik der Organismen. Bd. I. Functionelle Anpassung. Leipzig 189'). 20) Derselbe. Beschreibung und Erluterung einer knche^-nen K)iiegelenks- Ankylose. 188-5. 21) Derselbe. Ueber die Entwicklung des Froscheies bei Aufhebung der richtenden Wirkung der Schwere. 22) Derselbe. Ueber die Bestimmung der Hauptrtchtungen des Froschembryos im Ei und ber die erste Theilung des Froscheies. Breslauer rztliche Zeitschrift 188.'). 28) Jul. Sachs. Vorlesungen ber Pflanzenphysiologie. 1882. 24) Derselbe. Mechanomorphose wid Phylogenie. Flora Bd. LXXVIII. 1894. 25) Oscar Sehultze. Ueber die unbedingte Abhngigkeit normaler thieriseJier Gestaltung von der Wirkung der Schwerkraft. J'er/iandl. der anat. Gesellsch., 8. Versammlung. 26) Schwendener. Das rnechanische Princip im anatomischen Bau der Monocolylen. 1874. 27) Sedillot. De tinfluence des fonctions sur la sfructure et la forme des organes. Comptes rendus d l'acadi'mie des sciences de Paris T. 59 pag. 539. 1864. 28) Herbert Spencer. Die Principicn dei- Biologie. Bd. II. 1877. S. 274 283. S. 20.5224 etc. 29) Vchting. Ueber die ITieilbarkeit und die Wirkung innerer und usserer Krfte auf Organbildung in Pflanzent heilen. P/lgers Archiv Bd. XV. 1877. 30) Derselbe. Ueber Organbildung im Pflanzenreich. Heft 1 u. 2. Bonn 1878 u. 1884. 31) Gr. "Wetzel. Transplantationsversuche mit Hydra. Arch. f. mikrosk. Anat. 1898. 32) "Wilson. On cleavage and mosaik work. Archiv fr Entwicklungsmechanik Bd. III. 1896. 33) Julius Wolff. Das Gesetz der Transformation hei Knochen. 1892. 34) Derselbe. Ueber die innere Arehitektrir der Knochen. Virchow's Archiv Bd. L. 1870. 35) H. E. Ziegler. Ueber Furchung unter Pressung. Verhandl d. anat. Gesellsch. 1894. 36) Derselbe. Untersuchungen ber die Zelltheilung. Verhandl. d. deutsch, zool. Gesellsch. 1895. NEUNTES CAPITEL. Die Kussoren Factoreii der organischen Entwicklunsr. (Foitsetzuug.) 4. Das Licht. Schon l)ei Besprechung der Irritabilitt des Protoplasmas haben wir das Licht (I. Buch Seite 81) als eine wichtige Reizquelle kennen gelernt. Auch viele formative Processe vielzelliger Organismen stehen unter seiner Herrschaft. An manchen wachsenden Organen knnen auffllige Vernderungen sowohl durch Belichtung und durch Ver- dunkelung, als auch durch Verwendung von Strahlen verschiedener Brechbarkeit hervorgerufen werden. Zu Experimenten auf diesem Gebiete sind Pflanzen viel geeignetere Objecto als thierische Organismen; sie reagiren viel leichter und in- tensiver als diese. Sie leliren uns an zahlreichen verschiedenartigen Beispielen auf das Unzweideutigste , dass man durch experimentelle Eingriffe den Ort, an welchem sich specitische Organe am Pdanzen- krper aus])ilden sollen, willkiirlich verndern und bestimmen kann, je nacli der Richtung, in welcher man Lichtstrahlen einfallen lsst. Als eines der lehrreichsten Beispiele sind die Prothallien der Farnkruter zu nennen, wie aus den Experimenten von Leitoeb hervorgellt. Die Prothallien sind dnne, auf feuchter Erde wachsende Plttchen grner Zellen, welche an ihrer der P^rde zugekehrten Unter- seite Wurzelfdchen, sowie weibliche und mnnliche Geschlechtsorgane (Archegonien und Antheridien) normaler Weise entwickeln. An ihnen gelingt es, durch knstlichen Eingriff nach "Willkr zu bestimmen, ob die genannten Organe auf der oberen oder unteren Seite der Zellen- l)latte entstehen sollen. Man verschafft sich, wie es zuerst Leitgeb gethan hat, das zum Experimentircn geeignete Material dadurch, dass man die Sporen eines feuchte Orte liebenden Farnkrautes, Ceratopteris thalictroides, auf die Obertiche einer Nhrstofflsung ausst, ^lan hat es dann in seiner Hand, die Prothallien, welche sich aus den Sporen als schwim- mende IMatten entwickeln , entweder von ihrer olieren oder unteren Seite zu beleucliti'U. Bei Beleuchtung von ol)en entstehen die Wurzeln, Antheridien und Archegonien wie unter normalen Verhltnissen an der unteren, beschatteten Flche. Bei P^infall des Lichtes von unten Neuntes Capitel. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 113 dagegen ndeit sich das Yerhltniss: Die Protliallieu wacliseu in die Flssigkeit hinein, dem einfallenden Lichte entgegen, krmmen sich aber, sobald sie die eigentliche Flche zu entwickeln beginnen, so dass die eine Seite der letzteren senkrecht zum einfallenden Lichte gestellt wird." Beide Hchen verhalten sich jetzt in Bezug auf ihre Umgebung gleich, da sie beide von Wasser umsplt werden. Nur in ihrer Beleuchtung besteht ein Unterschied und veranlasst, dass die Archegonien und die Wurzelfasern sich nun au der oberen oder der Schattenseite entwickeln. In hnlicher Weise lsst sich auch l)ei einigen Phanerogamen der Ort der Wurzelbildung durch die Richtung der Beleuchtung be- einflussen. Als geeignetes Versuchsobject ist von Vchting eine kleine Cactee, Lepismium radicans, und von Sachs der Epheu empfohlen worden. Lepismium besteht aus breiten, plattgedrckten Stengeln mit flgelartig vorspringenden Kanten, die mit kleinen, schuppenartigen Blttchen bedeckt sind. Die Stengel kriechen auf der Erde hin oder erheben sich ein wenig ber sie; in der Mitte ihrer unteren Seite ^ / 7 A C Fig. 46. Epheuspross (Hedera Helix). A Seit mehreren Tagen von der Rckenseite, B ebenso von der Bauchseite her beleuchtet ; C ein spterer, aus B hervor- gegangener Zustand. Nach Sachs Fig. 'i?Jd. erzeugen sie in Lngsreihen angeordnete Luftwurzeln. Die Unter- suchung ergibt nun," wie Vchting mittheilt, dass die Wurzeln stets auf derjenigen Seite des Stengels gebildet werden, welche am schwchsten beleuchtet ist; nie auf derjenigen, Avelche vom direct einfallenden Licht getroffen wird. Bindet man die Zweige vertical und stellt sie so , dass die eine Seite vom Licht getroffen wird , so entstehen die Wurzeln auf der Schattenseite. Sind hier nun mehrere Wurzeln gebildet, und man kehrt die Pflanze um, so dass die frhere Schattenseite nunmehr zur beleuchteten wird , so werden die neuen Wurzeln wieder auf der Schattenseite erzeugt. Befestigt man Zweige so, dass sie horizontal vom Topfe abstehen und auf keiner Seite von einem beschattenden Gegenstand berhrt werden was durch ge- eignete Manipulation leicht zu erreichen ist und lsst das Licht von oben einfallen, so entstehen die Wurzeln auf der Unterseite. Bringt man nun den Topf so an, dass die Zweige ihre horizontale Stellung behalten, jedoch von unten beleuchtet werden, so bilden sich die neu entstehenden Wurzeln auf der Oberseite." Ein genau entsprechendes Verhalten hat Sachs beim Epheu (Hedera , Fig. 46) festgestellt. Wenn unter normalen Verhltnissen Hertwig, Allgem. Anatomie u. Physiologie der Gewebe. 8 114 Neuntes Capitel. seine Zweige auf einer Uuterlame hinklettern, entwickeln sieh Haft- wurzeln nur an der ihr zugekehrten Flche, welche man als die untere bezeichnet und welche zugleich die beschattete ist. Das ist auch der Fall . wenn ein einzelner Zweig frei schwebend in horizontaler Rich- tung gezogen wird, so dass seine untere Flche nach alnvrts gekehrt ist. Dagegen wird die Wurzelbildung hier unterdrckt, sowie man lngere Zeit das Licht auf sie einfallen lsst, und es entstehen unter diesen Bedingungen nun die Luftwurzeln auf der ursprnglichen Rcken- oder Lichtseite. Nicht minder beweisend fr den Einfluss des Lichtes sind die von YCHTiNG an Weideuzweigen ausgefhrten Experimente. Unter der Rinde jhriger Zweige finden sich bei vielen Weidenarten Anlagen, welche unter geeigneten Bedingungen zu Wurzeln auswachsen. Dies geschieht aber nur auf der vom Licht abgewandten Seite; um zu erzielen , dass an einem Zweig ringsum die Anlagen zu Wurzeln auswachsen. muss man den betreffenden Abschnitt, an dem dies ge- schehen soll , mit einer schwarzen Hlse umgeben und dadurch vor der directen Einwirkung des Lichtes schtzen. Auch alle mit der Fortpflanzung der Gewchse zusammenhngenden Processe sind vom Licht oft ausserordentlich a b h n g i g. Besonders die umfassenden Unter- suchungen von Klebs haben uns auf diesem Gebiete mit interessanten Thatsachen bekannt gemacht. Als einen lehrreichen Fall whle ich unter andern die Entwicklung von Funaria h ygrometrica . einem kleinen, weitverbreiteten Laubmoos. Sporen, die auf eine Nhrlsung ausgest werden, entwickeln zuerst, wie bei allen Lebermoosen, eine Art Vorkeim, das Pr o to- ne ma, welches einer Fadenalge sehr hnlich aussieht und frher auch als eine solche angesehen wurde. An ihm entstehen erst nach einigen Wochen durch ungeschlechtliche Sprossung als eine zweite Geschlechtsgeneration die kleinen MoospHnzchen. Fr ihre Ent- stehung ist aber eine nicht zu schwache Belichtung unbedingt noth- wendig. Denn wenn man eine drei bis vier Wochen alte Cultur von krftig gewachsenen Protonema hall)dunkel, z. B. im Hintergrunde eines sonst hellen Zimmers aufstellt, so treten an ihm keine Moos- knospen auf, whrend dieselben an den am Fenster stehenden Culturen sich reichlich zeigen", Klebs hat Culturen von Protonema zwei Jahre lang im Halbdunkel fortgezchtet. Die Protonemafden assimilirten und wuchsen in dieser Zeit fortgesetzt weiter, whrend sie unter normalen Verhltnissen zu Giunde gingen, nachdem sie Moosptinzchen erzeugt hatten. Es blieli hier also die sonst vergngliche Jugend form ber die Zeit erhalt(>n, weil sie durch mangelnde Intensitt des Lichts verhindert war, die hher organisirte Ge- schlechtsform zu bilden. Aehnliches ist auch bei einer Ssswassertloridee , Batracho- spermum, experimentell festgestellt worden. Ganz anderer Art als in den bisher angefhrten Fllen sind wied(M- die Vernderungen, welche Gegenwart oder Mangel des Lichts bei manchen PhantMoganKMi in der Structur einzelner Organe ver- ursacht. iS'acli den riitersuchungen von Stahl, Geneau de Lamahlieike, Kellek etc. zeigen die Bltter von Schattenptlanzen eine etwas ab- weichende Structur von den Blttern von Pflanzen, die im Licht auf- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 115 wachsen. Uud dieselben Uuterschiede kann mau aucli beobachten, wenn Individuen ein und derselben Ptianzenart an schattigen oder sonnigen Orten gezogen werden. Die Bltter von stark beleuchteten Pflanzen (SonnenpHanzen) haben ein Parenchyni, zusammengesetzt aus zwei verschiedenen Zellen- formen (Fig. 47). Die eine Form, das Pallisadenparenchy m (j;), Fig. 47. A Querschnitt durch ein Buchenblatt aus halb schattiger Lage. B Querschnitt durch ein Sonnenblatt der Buche. C Desgleichen durch ein Buehenblatt von sehr schattigem. Standort. Nach E. Stahl. p Palli.sadenparenchym. seh Schwammparenchym. l InterceUuIarlcke. bildet an der nach oben gekehrten Flche des Blattes eine besondere Schicht von gestreckten , cylindrisch geformten Zellen , die mit ihrer Lngsachse senkrecht zur Blattobertlche angeordnet sind. In den Pallisadenzellen ])edecken die Chlorophyllkrner die lngeren Seiten- wandungen; sie nehmen also eine Profilstellung ein (s. I. Buch S. 86). Die zweite Gewebsform ist das Schwammparenchym (sc//), zu- sammengesetzt aus mehr polygonalen oder parallel zur Blattobertlche 8* WQ Neuntes Capitel. etwas abgeplatteten Zellen. Sie erzeugen eine mehr oder minder dicke Schicht unter den Pallisadenzellen an der unteren Flche des Blattes. Die Chlorophyllkrner nehmen die der Blattobertlche parallelen Zellwnde ein und betinden sich daher in Eu face- oder Flchenstelluug. Die Chlorophyllkrner in den Pallisadenzellen werden von den Lichtstrahlen am strksten getroffen; die Krner in den Schwammzellen nur von dem abgeschwchten Licht, welches noch von den darber gelegenen Zellschichten durchgelassen wird. Die Pallisadenzellen sind die fr starke L i c h t i n t e n s i t t e n . die flachen Schwammzellen die fr geringe Intensitten angemessenere Zellenforra." Durch vergleichendes Studium der Blattstructur hat Stahl ge- zeigt, dass die Bltter echter SchattenpHanzen , die auf Waldboden wachsende Oxalis acet.. Mercurialis per. etc. aus Schwammparenchym aufgebaut sind. Die Bltter von Sonnenptlanzen dagegen, wie Galiuni verum, Distelarten etc., bestehen vorwiegend aus Pallisadenparenchym. Lactuca scariola hat an sonnigen Pltzen vertical gestellte Bltter mit Pallisadenzellen an beiden Flchen. An schattigen Orten wachsende Exemplare zeigen die Bltter horizontal ausgebreitet, in welchem Falle fast alles grne Parenchym in Hache Schwammzellen umgewandelt ist. Was fr erhebliche Unterschiede in der Blattstructur durch starke, mittlere und sehr schwache Belichtung zu Stande kommen knnen, dafr liefert eines der lehrreichsten Beispiele nach den Untersuchungen von Stahl die Buche . welche sich unter unseren Waldbumen am meisten sehr verschiedenartigen Beleuchtungsbedingungen anzupassen vermag (Fig. 47). Es unterscheiden sich die Schattenbltter von den Sonnenblttern sowohl durch ihre geringere Grsse als auch durch ihre zartere Structur. Es betrug bei zwei unter extremen Beleuchtungs- bedingungen erwachsenen Blttern die Dicke des Sonnenblattes (Fig. 41 B) das Dreifache der Dicke des Schattenblattes (C). Be- trachtet man die Querschnitte solcher Bltter, so wrde mau kaum glauben, die gleichnamigen Organe einer und derselben PHanzenart vor sich zu haben." Im Sounenblatt ist beinahe smmtliches Assimilationsparenchym als Pallisadengewebe ausgebildet. An die Epidermis der Blattober- seite grenzt zunchst eine Schicht usserst enger und hoher Pallisaden- zellen; es folgen weiter nach innen noch ein oder zwei Lagen hn- licher Zellen. Nur wenige Zellen des Blattinnern zeigen eine der Blatttlche parallele Ausdehnung; die berwiegende Mehrzahl der Chlorophyllkrner bedeckt die zur Blatttlche senkrechten Wnde; verhltnissmssig nur wenige vermgen ihre Lage zu verndern Flchenstellung mit Protilstellung umzutauschen." Das Schattenblatt (C) dagegen besteht ganz vorwiegend aus flachen Sternzellen (ftch). Die Zellen der obersten Zellschichten allein zeigen eine sich an die der Pallisadenzellen annhernde Form : sie sind zu Trichterzellen (p) ausgebildet. Die Betrachtung der beiden Blattquerschnitte (B und C) lehrt uns ausserdem, dass die Hute der Oberhautzellen verschiedene I)icke und die Intercellularrume ver- schiedene Grsse erreichen." Zwischen den beiden Extremen {B und C) kommen je nach der Helligkeit der Standorte alle denkbaren Mittelstufen vor, von denen in Fig. 47 J. eine dargestellt ist. Hier liegen unter der Epidermis an Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 117 der Blattoberseite zwei Reihen von Pallisadenzellen ( jj) , unter ihnen folgt nach der Bhittimterseite zu Schwanimgewebe (seh). Entsprechende Ergelmisse gewann G. de Lamarliere bei seinen Experimentaluntersuchungeu ber den Eintiuss der Beschattung und Belichtung auf die Entwicklung der Bltter. In der Suune werden die Bltter dicker und gewinnen eine andere Structur, was sich in hchstem Grade bei Taxus baccata zeigte. Die Verdickung der Sonnen- bltter betrug hier unter Umstnden 50 bis 100 "/o der Dicke der Schattenbltter. Sie war vor allen Dingen durch eine Vermehrung des Pallisadengewebes hervorgerufen worden, dessen Durchmesser bei Schattenblttern 135 in, bei Sonnenblttern 215 u betrgt. Unter dem Eintiuss starker Belichtung ist in vielen Fllen entweder eine zweite Pallisadenzellschicht oder ein dichteres Zellgewebe entstanden, welche beide den Schatteupflanzen fehlen. Aehnliche Vernderungen der Structur durch das Licht lassen sich aus dem PHanzenreich noch in grosser Anzahl zusammenstellen. Dass im Thierreich das Licht auf die Entwicklung einzelner Orgaue hemmend oder frdernd einwirkt oder sogar Structureu ver- ndert, ist hier schwieriger zu beobachten. Trotzdem fehlt es auch im Thierreich an beweisenden Beispielen nicht. Ueber einige be- richtet LoEB in seinen Experimentaluntersuchungeu ber den Ein- tiuss des Lichtes auf die Organbildung bei Thieren: Das Polypenstckchen Enden dri um racemosum lsst sich in einem Seewasseraquarium gut cultiviren, verliert aber in den ersten Tagen wahrscheinlich in Folge der mit dem Sammeln des Materials verbundeneu Insulte" alle Polypenkpfchen, die bald darauf von dem Stamm aus durch neue ersetzt werden. Bei diesem Regene- rationsprocess spielt das Licht mit eine wesentliche Rolle, wie sich leicht nachweisen lsst, wenn man einen Theil der Stckchen, welche die Polypen verloren haben, im Licht, einen anderen Theil im Dunkeln, aber sonst unter genau den gleichen Bedingvmgeu cultivirt. Bei den ])elichteten Culturen entwickeln sich im Laufe von fnf Tagen zahl- reiche neue Polypen, whrend im Dunkeln kein einziger in dieser Zeit gel)ildet wird. Selbst n a c h d r e i W o c h e n war u o c h k e i n e Neubildung eingetreten; sie kann aber sofort noch hervor- gerufen werden, wenn mau die im Dunkeln gehalteneu Thiere jetzt gleichfalls ins Licht bringt. In der kurzen Zeit von fnf Tagen w^erden dann alle Stmmchen mit neu erzeugten Polypen bedeckt. Aus anderen Versuchen geht hervor, dass durch Beleuchtung oder Mangel an Licht die Frbung (l e r K r p e r o b e r f 1 c h e in hohem Maasse verndert werden kann. Flemming hat dies fr Salamanderlarven, Loeb fr Fundulusembryonen festgestellt. Wenn man jngere Salamanderlarven im Halbdunkel hlt, so nehmen sie durch strkere Pigmententwickluug eine dunklere Farbe an. Werden sie dagegen in weissen Porzellanschalen im Lichte ge- zchtet unter sonst gleichen Verhltnissen (Zimmertemperatur, Ftte- rung mit Tubifex rivulorum etc.), so werden sie hell und gebleicht. Die Bleichuug, welche sich nach Fischel auch im Dunkeln durch Er- hhung der Wassertemperatur auf 20*^ C. hervorrufen lsst, beruht auf einer Abnahme der Menge des Pigments. Nach den Angaben von Fischel, die Flemming besttigt, ist an den gebleichten Larven erstens das im Epithel enthaltene Pigment bedeutend an Menge ver- 118 Neuntes Capitel. mindert; zweitens sind die verstelten Pignieutzellen des Epithels nur selten mit Fortstzen versehen, meist rund oder eifrmig zusammen- gezogen ; drittens eudlich sind die grossen, verstelten Pigmentzellen in der Cutis fast smmtlich auf runde Formen contrahirt". Ebenso wie bei den Salamanderlarven fllt die Pigmcntiruug von Fundulusembry onen verschieden aus, je nachdem man sie sich im Dunkeln oder im Licht entwickeln lsst. Im Lichte entstehen, besonders in der Haut des Dottersacks, zahlreiche schwarze und rothe Pigmentzellen, welche auf die Blutgefsse kriechen und sie wie eine Scheide umhllen". So gewinnen allmhlich die Embryonen mit ihrem Dottersack ein ganz dunkles Aussehen. Bei der im Dunkeln ge- haltenen Zucht dagegen bilden sich zwar im Krper des Embryo die Pigmentzellen, so im Pigmentepithel der Retina in normaler Weise aus; der Dottersack aber wird vllig hell und durchsichtig; denn es entstehen hier nur sehr wenige Pigmentzellen, die auch auf die Blutgefsse kriechen, aber anstatt wie bei den belichteten Embryonen eine fast lckenlose Scheide zu bilden, nur hier und da vereinzelt auftreten. In den Maschen zwischen den Geffsen fehlen sie gegen das Ende der Entwicklung berhaupt. Dauernder, vollstndiger Lichtmangel ist der Pigmentbilduug ungnstig. Ein Hhlenthier. wie Proteus anguineus, der Bewohner der Adelslterger Grotte, ist daher vollkommen farblos. Er wird aber durch Pigmentl)ildung wieder etwas dunkler, wenn er im Aquarium bei Lichtzutritt gezchtet wird (Eimer). Auf die organischen Processe, und dadurch auch auf die G e s t a 1 1 b i 1 d n u g . ben die strker brechbaren, die ultravioletten und die blauen Strahlen des Spectrums einen anregenden Einfluss aus, whrend die schwcher brechbaren, rothen Strahlen in ihrer Wirkung dem vlligen Mangel des Lichtes gleich kommen. Es gilt dies wieder sowohl von Pflanzen wie von Thieren. Sachs zchtete Jahre lang Pflanzen von Tropaeolum malus in halbgeschlossenen Ksten, deren eine Seite, von welcher allein Lieht einfallen konnte, mit einer glsernen Cuvette geschlossen war. In der Hlfte der Ksten wurde die Cuvette mit reinem Wasser, in der anderen Hlfte mit einer Lsung von schwefelsaurem Chinin gefllt, durch welches die ultravioletten Strahlen durch Fluorescenz in Strahlen geringerer Brechbarkeit umgewandelt werden. p]s zeigte sich bei den Versuchen, dass in den Fllen, wo das Licht durch die Chininlsung ging, die Blut henbildun g unterdrckt wurde; denn von 26 Pflanzen eines Versuches bildete nur eine einzige eine verkmmerte Blthe, whrend bei normaler Beleuchtung von 20 Pflanzen 56 Blthen entwickelt wurden. Ein analoges Ergebniss erhielt Loeb bei entsprechenden Versuchen mit dem schon oben erwhnten E u d e n d r i u m r a ce m o s u m. Er be- lichtete die Stckchen durch Strahlen . welche entweder durch rothe oder durch ])laue Glasscheiben durchgehen nmssten. Witder zeigte es sich aiisiiahiiislos. dass nur die strkei- brechl)aren (blauen) Strahlen die Polypellbildung l)egnstigen . whrend ^ eier, die seit der Vor- nahme der knstlich ausgefhrten Befruch- tung genau drei Tage alt, dabei aber in ihrer Entwicklung sehr un- gleich weit vorgerckt sind. Denn das erste Ei hat eben die Gastrula- tion beendet, das zweite hat die Medullarplatte entwickelt, deren Rn- der sich als Medullar- wlste ber die Ober- flche deutlich zu er- heben beginnen. Das dritte hat sich schon zur Lnge von 5 mm gestreckt. Hinten ist das Schwanzende, vorn der Kopf abgesetzt, an welchem sich die Haft- npfe bereits angelegt haben und die Kiemen als kleine Hcker lier- vorsprossen. Der vierte Embryo hat im Vergleich zum dritten eine Lngenzuuahme von 2,5 mm erfahren ; ist also jetzt 7,5 mm lang geworden. Die Kiendicker sind zu ansehnlichen Bscheln ausgewachsen; der 3,5 mm lange Ruder- schwanz hat sich in einen aus Chorda, Rckenmark und vielen Muskelsegmenten zusammengesetzten Axentheil und in einen dnnen, durchsichtigen Flossensaura gesondert. Die erheblichen Differenzen in der Entwicklung der vier Eier sind einzig und allein dadurch hervorgerufen worden, dass das erste sich bei einer constanten Wassertemperatur von 10*^ C. , das zweite bei 15 C, das dritte bei 20" C. und das vierte bei 24" C. entwickelt hat. Um das Stadium, welches bei 24" C. schon am Ende des dritten Fig. 48. Vier Froseheier, w^elche sich nach der Befruchtung drei Tage entwickelt haben. A Ei auf dem Gastrulastadium mit rundem Blastoporus, entwickelt bei 10 C. B Ei mit Medullarplatte, deren Rnder zu Medullarwlsten erhoben sind , ent- wickelt bei 15 C. C Embryo mit kleinen Kiemenhckern , entwickelt bei 20 C. B Embryo mit Kiemenbscheln und langem Euderschwanz, entwickelt bei 24 C. >-j* 1 20 Neuntes Capitel. Tages eintritt, zu erreichen, braucht das Ei von Rana fusca bei 10^ C. 1314 Tage, bei 15 ^ C. 7 Tage, bei 20" C. 4 Tage. Aber nicht nur die Zeitdauer des Entwicklungsi)rocesses , auch seine Form kann in dieser und jeuer Weise durch die Wirkung der Temperatur verndert werden. Fr manche Pflanzen- und Thierarteu ist durch Experimente festgestellt, dass extreme Temperaturunterschiede zur Folge haben, dass sich aus einer Anlage entweder nur die mnnliche oder nur die weibliche Form entwickelt. Melonen und Gurken, welche an demselben Stamme mnnliche und weibliche Blthen erzeugen, entwickeln bei hoher Temperatur nur die mnnliche, im Schatten und bei Feuchtigkeit dagegen nur die weibliche Form. Pendants zu den bei manchen Pflanzen erhaltenen Versuchs- ergebnissen finden sich auch auf thierischem Gebiet. Der franzsische Experimentator Maupas ist bei Versuchen ii])er die Bestimmung des Geschlechts zu sehr lehrreichen Ergebnissen bei Hydatina senta, einer Rotatorie, gelangt. Unter gewhnlichen Verhltnissen legen manche Weibchen von Hydatina nur Eier, welche wieder Weibchen hervorbringen; andere Individuen dagegen nur Eier, aus welchen sich ausschliesslich Mnnchen entwickeln. Der Experimentator kann in- dessen durch Erhhung oder Erniedrigung der Temperatur zur Zeit, wenn bei jungen Thieren die Eibildung im Eierstock im Gang ist, bestimmen, dass sich die Eutwicklungsrichtuug spter zum mnnlichen oder weiblichen Typus vollzieht. Nach dieser Zeit ist dann allerdings der Charakter des Eies weder durch Ernhrungsweise, noch durch Licht oder Temperatur abzundern. In einem Experiment . bei welchem fnf noch nicht erwachsene Weibchen von Hydatina bei Zimmertemperatur (26 28*^ C.) gehalten wurden . erhielt Maupas unter 104 Eiern nur 3 '^/o . welche sich zu Weibchen entwickelten, dagegen von fnf anderen Weibchen derselben Zucht, die in einen Klteapparat gebracht wurden (14 15'^C.), nicht weniger als 95 "o. In einer anderen Versuchsserie wurden junge Tliiere zuerst einige Tage bei niederer, alsdann bis zum Tode bei hherer Temperatur gezchtet. Im ersten Zeitraum bringen sie fast ausschliess- lich Weibchen (7C/o), im zweiten Zeitrume Mnnchen hervor (81*^o). Die von Maupas gewonnenen Ergebnisse haben krzlich durch NUSSBAUM eine andere Deutung erfahren, indem er die Entwicklung des mnnlichen oder des weiblichen Geschlechts nicht durch die im Experiment gesetzten Temperaturunterschiede, sondern durch gleich- zeitig in den Zuchtgefssen eintretende Vernderungen in den Er- nhrungsbedingungen der Rotatorien verursacht sein lsst. Zur Ent- scheidung der Frage werden noch weitere Versuche abzuwarten sein. Denn jedenfalls ist die Ernhrung ein Factor, welcher l)ei den Ver- suchen ber Bestimmung des Gesciilechts mit in erster Linie zu beachten ist. Sehr zu Abnderungen geneigt in Folge von Temi)eraturdirterenzen sind die auf verschiedenartigen Pigmen. tcn beruhenden Frbungen im thierischen Krper. Hier liegt ein fr experi- mentelle Untersuchungen sehr geeignetes und lohnendes Gebiet vor. Verschiedene Untersuchungen, welche von Fischel und Flemming. von DoKFMEisTEK, Wkis.mann uud FiscHKi; ausgefhrt wurden, haben schon manche interessante Ergebnisse zu Tage gefrdert. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 121 Von FiscHEL und Flemming wurden Larven von Salamandra niacu- lata in zwei Gruppen getrennt ; die eine von ihnen wurde in liiessendem Wasser von 5 7" Temperatur, die andere in stehendem Wasser bei einer Temperatur von 15 18 '^ gezchtet. Bei ersteren nahm die Haut ein immer dunkleres, schwrzliches Aussehen an; die Wrme- larven dagegen wurden zusehends heller. Der frher schwarze Grundton der Farbe wird zunchst ein goldbrauner; am ganzen, frher gleich- massig schwarzen Rumpfe treten helle Flecke hervor ; am dritten Tage wird der Grundton mehr gelblich , besonders am Kopfe. In diesem Stadium verharren die Larven meist lngere Zeit; es kann dieses Stadium auch wochenlang andauern ; gewhnlich jedoch sind die Larven nach lngstens zwei Wochen ganz hell." Wenn die whrend lngerer Zeit in kaltem oder in warmen Wasser gezchteten Larven nachtrglich noch in Wasser von hherer oder niederer Temperatur gebracht werden, so tritt jetzt zwar auch noch eine entsprechende Umfrbung. aber viel langsamer und in viel geringerem Grade ein. Fischel schliesst hieraus, dass bei Salamander- larven in jungen Stadien eine weit lebhaftere Reaction des Pigments auf ussere Reize hin stattfindet, dass ferner die durch Wrme oder Klte hervorgerufene verschiedene Pigmentirung keinen bloss dem momentanen Reize der verschiedenen Temperaturen entsprechenden vorbergehenden Zustand darstellt, sondern dass sie sich allmhlich stabilisirt und daher um so schwerer vernderlich ist, je lnger sie bestanden hat". Wrme und Klte vermgen also die Frbung dauernd zu beeinliussen. Die interessantesten Versuchsobjecte fr das Studium der Tempe- ratureinflsse liefern unstreitig die Schmetterlinge mit ihren prachtvollen, charakteristischen Frbungen. Es gibt unter ihnen eine grssere Anzahl von Arten, welche unter zwei oder drei verschieden gefrbten und gezeichneten Formen vorkommen. Die eine von ihnen entwickelt sich aus Puppen , die berwintert haben , die andere aus Puppen, welche ihre ganze Entwicklung aus dem Ei, sowie auch die Raupen- und Puppenmetamorphose in den Frhjahrs- und Sommer- monaten durchmachen. Die erste oder die Winterform hat daher ihre Flugzeit im Frhjahr, die letztere oder die Sommerform im Sommer und Herbst. Beide Formen sind bei einzelnen Arten so verschieden von einander, dass sie als besondere Species beschrieben worden sind, bis die Cultur der einen Form aus den Eiern der andern gelang. Die Erscheinung, dass eine Art in zwei Formen auftritt, die mit der Jahreszeit variiren. hat man als Saisondimorphismus bezeichnet. Man kennt einen solchen von Vanessa, von Papilio Ajax, Autocharis, Ljcaena, von verschiedenen Pierisarten etc. Hire Winterformen werden als Vanessa Levana, Papilio Ajax Telamonides, Autocharis Belia, Auto- charis Belemia , Lycaena Polysperchon , Pieris Bryoniae beschrieben ; die zu ihnen gehrenden Sommerformen sind Vanessa prorsa, Papilio Ajax Marcellus, Autocharis Ausonia, Autocharis giauca, Lycaena Amyutas, Pieris Napi. Durch knstliche Vernderung der Temperatur gelang es nun, wie Dorfmeister, Weismann und Fischer durch ausgedehnte Experi- mente nachgewiesen haben , aus der Puppe , welche die Sommerform liefern sollte, die Winterform oder wenigstens Zwischenfornien zwischen ihnen, welche allerdings in der Natur gewhnlich nicht gefunden werden, knstlich zu zchten. 122 Neuntes Capitel. Weismann hat Puppeu von Vanessa prorsa vier Wochen lang bei einer Temperatur von 01" R, aufgehoben. Als sie dann in Zimnier- teniperatur ge])raeht wurden . erhielt er unter den ausgeschlpften Schmetterlingen eine kleine Anzahl von Exemplaren, welche in ihrer Frbung so umgewandelt worden waren, dass man sie fr die echte V. levana htte nehmen knnen; nur wenige glichen der Sommerform, die meisten stellten Uebergnge zwischen V. levana und V. prorsa dar und glichen mehr oder minder der sogenannten Prorima , einer zu- weilen auch im Freien beobachteten Zwischenform, welche mehr oder weniger noch die Zeichnung von Prorsa besitzt, aber bereits mit vielem Gelb der Levana vermischt". Bei Pieris Napi hatte Weismann noch durchgreifenderen Erfolg. Durch dreimonatliche Abkhlung konnte er alle Exemplare der Sommerform in die AViuterform (var. Bryoniae) berfhren. Dagegen gelang es ihm nicht, die Wintergeneration von Vanessa zur Annahme der Sommerform zu zwingen. Noch umfassender, weil mit Tausenden von Puppen ausgefhrt, sind die von Fischer vorgenommenen Experimente. Durch Klte er- hielt er von Vanessa antiopa L. die Variett artemis. Von Vanessa io die Variett Fischeri. von l'apiiio Machaon eine Abart, die der Winter- generation entsprach. Ebenso Hessen sich durch hhere Temperaturen von 34 38*^ C. Vernderungen in der Zeichnung und Frbung hervor- rufen ; so lieferte Vanessa urticae eine Abart, die der in Sicilien vor- kommenden var. ichnusa gleicht; Vanessa antiopa ergab die Variett epione etc. Auf Grund derartiger Experimente liegt der Schluss nahe, dass die verschiedenen Varietten, unter denen einzelne Schmetterlingsarten in der nrdlichen, in der gemssigten und in der heissen Zone auf- treten, direct durch die Einwirkung des Klimas auch in der freien Natur entstanden sind. Eimek . welcher dieser Ansicht ist, fhrt zu ihren Gunsten noch folgende erluternde Beispiele auf. Der bei uns so gemeine Bluling, Polyommatus Phlaeas. welcher von Lappland bis Sicilien vorkommt, hat in Lappland nur eine Gene- ration im Jahr, in Deutschland zwei. Aber erst in Sddeutschland sind diese beiden Generationen verschieden in Deutschland sind sie sich noch gleich." Ein anderer Bluliug. Lycaona Agestis, hat eine doppelte Jahres- zeitenabartung: der Schmetterling kommt in dreierlei Gestalt vor. A und B wechseln in Deutschland mit einander ab als Winter- und Sommerform, B und C dagegen folgen in Italien als Winter- und Sommerform auf einander. Die Form B kommt also beiden Klimaten zu, al)er in Deutschland tritt sie als Sommer-, in Italien als Winter- form auf. Die deutsche Winterform A aber fehlt Italien vollstndig, die italienische Sommerform dagegen (var. Allous) kommt in Deutsch- land nicht vor. Damit ist also deutlich eine kleine Kette von ot1enl)ar durch klimatische Verhltnisse veranlassten Umbildungen gegeben." 6. Chemische Reize. Auf den Ablauf der zalillosen chemischen Processe, die fr die Lebensthtigkeit der verschiedenen Gewebe charakteristisch sind und welche eine grosse Flle eigenthmlicher und conii)licirter Krper, wie Glutin, Elastin, CliDudrin. Murin, Melanin, Myosin, Myelin etc. etc. erzeugen, kann es natrlich niclit gleichgiltig sein, welche festen. Die usseren Facti.ren der organischen Entwicklung. 123 flssigeu und gasfrmigen Stoffe, und in welcher Menge sie in das chemische Laboratorium des Organismus eingefhrt werden. Denn je nachdem wird dieser oder jener chemisclie Process im Organismus eine Abnderung erfahren knnen. Und hierdurch kiumen wieder Wachs- thums- und Gestaltuugsprocesse in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher bilden denn chemische Krper in festem, flssigem oder gas- frmigem Zustand mit ihren eigenthmlichen Krften ebenfalls wich- tige, ausserordentlich mannigfaltige Reize, welche gltich den mecha- nischen , thermischen etc. die Gestaltbildung und Entwicklungsweise bei Pflanzen wie bei Thieren direct beeinflussen. a. Beeinflussung bei Pflanzen. Es ist bekannt . wie die im Boden enthaltenen Nhrstoffe das Wachsthum vieler Pflanzen modificiren, wie manche Arten auf einem fetten oder zu stark gedngten Boden in's Kraut schiessen, aber dabei nicht zur Blthen- und Fruchtbildung gelangen. Alle Blumenzchter sind," wie Darwin anfhrt, einstimmig der Ansicht, dass gewisse Varietten durch sehr unbedeutende Differenzen in der Natur der knstlichen Erde , in welcher sie gezogen werden , durch den natr- lichen Boden des Districts afficirt werden." Ohne geringe Spuren von Eisensalzen zum Beispiel ist eine normale Entwicklung chlorophyllhaltiger Pflanzen nicht mglich. Wird ein keimendes PMnzchen in einer eisenfreien Nhrstofflsung gezchtet, so macht sich schon in wenigen Tagen die von Gries nachgewiesene Erscheinung der Chlorose bemerkbar. Die zur Entfaltung gelangen- den Bltter bleiben weiss, weil in ihren Zellen keine Chlorophyllkrner gebildet werden. Da nun aber ohne Chlorophyll der ganze Assimilations- process der Pflanze nicht vor sich gehen kann, hren schliesslich alle Keimpflnzchen , die in eisenfreier Nhrstoftlsung gezchtet werden, auch wenn in ihr sonst alle zum Wachsthum nthigen Stoffe reichlich vorhanden sind, berhaupt ganz zu wachsen auf und mssen so nach einiger Zeit zu Grunde gehen. Es gengt jedoch , Spuren eines ls- lichen Eisensalzes zur Nhrlsung nachtrglich hinzu zu setzen, um schon nach 48 Stunden ein Ergrnen der Bltter und damit auch die Mglichkeit weiterer Entwicklung hervorzurufen. Ebenso ergrnt auch bald das chlorotische Blatt, wenn man seine Oberflche mit einer dnnen Eisenvitriollsung bestreicht, die allmhlich von den Zellen aufgenommen wird. Durch Beimengung bestimmter Substanzen zur Nhrflssigkeit kann man manche Pflanzen zu abweichender Gestaltbildung ver- anlassen. So berichtet Knop in den Schriften der schsischen Akademie iiber Experimente an Maispflanzen, die in einer Nhrflssigkeit gezchtet wurden, welche unterschwefelsaure Talkerde enthielt. Die Pflanzen brachten es bis zur Entwicklung eines Blthenstandes. Dieser wich indessen in Folge der vernderten Ernhrungsweise der Keim- pflanzen vom normalen Habitus so erheblich ab , , dass Knop sich zu folgender Bemerkung veranlasst sah: Fasst man die Eigenthmlich- keiten der neuen Pflanze in den Ausdrcken der blichen Terminologie zusammen und vergleicht die Diagnose mit der der Gattung Zea, so flndet man die Abweichung so stark, dass man sie dieser Gattung nicht mehr einreihen kann." 124 Neuntes Capitel. Nach Lesage macht die Nhe des Meeres und die Benetzung mit Salzlsungen die Bltter der Ptlanzen fleischiger, bringt das Pallisaden- parenchvm zur Entwicklung und vermindert die Yacuolen und das Chlorophyll. Die normal erst im zweiten Jahre blhende Runkelrbe geht auf einem stark mit Phosphaten gedngten Boden hufig schon im ersten Jahre zur Blthenbildung ber" (Sachs). b. Beeinflussung bei Thieren. Noch zahlreichere und mannigfaltigere Beispiele liefern uns die Thiere. Bekannt sind die mit Phosphor und Arsen angestellten, interessanten Experimente von Wagner, Gies und Kassowitz. Kleinste, tglich verabreichte Gaben von Phosphor (0.0015 g) oder von Arsen (0,00050.001 g) rufen in der krzesten Zeit erhebliche Vernde- rungen im Knochen bildungsprocesse hervor, welche sich berall da zeigen, wo Knochensubstanz neu gebildet wird, sowohl an den Epiphysen als am Periost. Es wird die normale Einsehmelzung des verkalkten Knorpels und der jngsten Knochentheile eingeschrnkt. An den Epiphysen wird anstatt spongiser Knocheusubstanz eine ziem- lich compacte, eigenartig moditicirte Kuochenschicht erzeugt, an welcher man auf den ersten Blick einen normal entwickelten, von einem unter Phosphor- oder Arsenftterung entstandenen Knochen unter- scheiden kann. Durch periostale Auflagerungen wird die Diaphyse dicker, zumal da auch die von Seiten des Markraums erfolgende Resorption von Knochensubstanz abgenommen oder ganz aufgehrt hat. Ja es kann sogar durch lngere Zeit fortgesetzte Ftterung bei Hhnern das Mark der Rhrenknochen in Knochengewebe umgewandelt werden. Durch Entziehung des zur Skelettbildung erforderlichen Kalks kann man elieufalls formative Processe abndern. Solche Versuche haben Pouchet und Chabry mit Erfolg an Seeigeleiern ausgefhrt, welche sie sich in kalkfreiem Meerwasser entwickeln Hessen. In Folge dessen konnten beim Uebergang der Gastrula in die Pluteusform die Kalkuadeln. welche sich zum Skelett der Arme verbinden, wegen mangelnden Baumaterials nicht gebildet werden. Die unterdrckte Entwicklung des Skeletts ist dann wieder die Ursache geworden, dass auch das weiche Gewebe der Arme elieufalls nicht zur Anlage ge- kommen ist. Kaum zeigte eine unbedeutende Verdickung des Ekto- derms ])emerken die franzsischen Forschei* eine schwache Ten- denz des usseren Blattes an, fr die Arme noch einige Zellen mehr zu erzeugen.'" In dasselbe Gebiet der Vernderung thierischer Formbildung durch stoft'liche Einwirkungen rechne ich eine Reihe bemerkenswerther Er- scheinungen, welche uns hie und da auf dem Gebiet der Biologie der Thiere entgegentreten und welche tlieils in neuerer Zeit durch Schmankewitscii und Korn, durch Ghassi und Emery beobaclitet. theils aus der lteren Litei'atur durch Darwin zusammengestellt worden sind. Schmankewitscu hat Artemia saliua mehrere Generationen hindurch gezchtet, indem er allmhlich den Salzgehalt des Wassers erhhte. F^i- konnte auf diese Weise bei den gegen Salzgehalt un- gemein empfindlichen Thieren ^'ernderungeu an den Schwanzborsten Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 125 und Sehwanzlappen hervorrufen, bis schliesslich eine Form entstand, welche der Artemia Mhlhausenii genau entsprach. Ebenso konnte er durch Verdimnung des Salzwassers die Artemia salina in einer anderen Richtung verndern und allmhlich in die Form B r a n c h i p u s umwandeln. Einen hnlichen Fall von der Entwicklung vernderten Salz- gehaltes auf die Schalenbilduug von Muscheln berichtet Costa. Junge, von den Ksten von England genommene Austern, wenn sie in das Mittellndische Meer versetzt werden, verndern alsbald ihre Wachs- tumsweise und bilden vorragende divergirende Strahlen, wie sie den Schalen der eigentlichen Mittelmeer-Austern eigenthmlich sind. Da nkbare Objecto fr F 1 1 e r u n g s e x p e r i m e n t e sind d i e Raupen der Schmetterlinge. Es ist eine bekannte, besonders durch Experimente von dem Lepidopterologen Koch festgestellte Thatsache, dass wenn man die Raupe unseres deutschen Bren (Chelonia caja) schon vom Ei aus bis zur Verwandlung mit Blttern von Lactuca sativa oder Atropa belladonna fttert, alsdann von den daraus hervorgegangenen Schmetterlingen keiner dem ursprnglichen mehr gleicht. In der Regel erzielt man an mit Salat geftterten Raupen Exemplare, bei welchen die weisse Grundfarbe der Obertigel vorherrscht; die Tollkirsche lsst fters die braunen Zeichnungen auf den Oberflgeln zusammenfliessen und das Weisse verschwinden, ebenso vereinigen sich die blauen Zeichnungen auf den Unterflgeln und ver- drngen die orangegelbe Grundfarbe". In hnlicher W^eise konnte Koch bei anderen Arten, wie dem Wegerichspinner (Chelonia planta- ginis) und dem Fhrenspinner (Gastrophaga pini) Vernderungen in der Frbung erzielen. Zieht man ausser diesen Experimenten noch die Thatsache in Be- tracht, dass zahlreiche, sehr wenig verschiedene, verwandte Vanessa- arten , so Vanessa polychloros , xanthomelas , album und urticae ihre Eier an verschiedene Futterpflanzen ablegen", so ist die Ansicht von Eimer nicht unbegrndet: es seien viele neue Schmetterlingsarten wohl dadurch entstanden, dass Raupen sich zu irgend einer Zeit einem Futterwechsel anzubequemen gezwungen waren". Auch fr die Classe der Vgel liegt eine Anzahl hnlicher Er- fahrungen vor, welche Darwin gesammelt hat. Die Ftterung mit Hanfsamen wird die Ursache, dass Gimpel und gewisse andere Vgel schwarz werden. Nach den Angaben von Wallace fttern die Eingeborenen des Amazonenstromgebietes den gemeinen grnen Papagei (Chrysotis festiva) mit dem Fett grosser welsartiger Fische , und die so behandelten Vgel werden wundervoll mit rothen und gelben Federn gefleckt. Im malayischen Archipel verndern die Eingeborenen von Gilolo in einer analogen W^eise die Farben eines anderen Papageis, nmlich des Lorius garulus, und pro- duciren hierdurch den Lori rajah oder Knigs -Lori. Werden diese Papageien auf den malayischen Inseln und in Sdamerika von den Eingeborenen mit ihrem natrlichen vegetabilischen Futter, wie Reis und Pisang gefttert, so behalten sie ihre gewhnlichen Farben. Mr. Wallace hat auch einen noch eigenthmlicheren Fall an- gefhrt: Die Indianer von Sdamerika besitzen eine merkwrdige Kunst, durch welche sie die Farben der Federn vieler Vgel ver- ndern. Sie rupfen diejenigen von den Theilen , die sie zu frben wnschen, aus und impfen in die frische Wunde die milchige Secretion 126 Neuntes Capitel. der Haut einer kleinen Krte. Die Federn wachsen mm mit einer brillanten, gelben Farbe, und werden sie ausgerupft, so sollen sie von derselben Farbe wieder wachsen, ohne irgend einen frischen Eingriff." >'ahrungseintisse werden um so leichter tiefere Vernderung hervorzurufen im Stande sein, auf je frheren Stadien der P'ntwicklung aus dem Ei sie einen Organismus treffen. Als Belege hierfr seien die Bienen, Termiten und Ameisen angefhrt. Ich bin voll- kommen der Ansicht von Emeky, Grassi, Herbert Spencer etc., dass der bei diesen T h i e r s t a a t e u beobachtete Polymorphismus der Individuen (Fig. 49) lediglich direct durch die usseren Einflsse hervorgerufen worden ist, welchen die Eier in Bezug auf Wohnung und Nahrung whrend ihrer Ent- wicklung ausgesetzt werde n. Kach den zahlreichen Beobachtungen und pAperimenten der Bienenzchter sind die befruchteten Eier der Bienenknigin fhig, sowohl Arbeiterinnen als wieder Kniginnen zu werden. Es hngt dies lediglich davon ab. in welche Zellen des Bienenkorbes die Eier gebracht und in welcher Weise sie ernhrt werden. In besonders grossen Zellen (Weichsel wiegen) und bei reichlicher Ernhrung werden sie zu Kniginneu, bei knapper Kost in engeren Zellen zu Arbeite- rinnen. Es knnen sogar nach Fig. 49. Termes lucifugus. 1 Geflgeltes Geschleehtstliier. 2 Weibchen nach Verlust der Flgel mit Resten derselben. 3 Arbeiter. 4 Soldat. Aus Lkunis-Ludwig. fraglich Larven von Arbeiterinnen durch reichlicheres Futter, wenn es noch zeitig genug gel)oten Avird . in Kniginnen umgewandelt werden. Auch fr die Termiten (Fig. 49) ist dem italienischen Zoologen Grassi der Nachweis gelungen, dass sie es in ihrer flacht haben, die Zahlen- verhltnisse der Arbeiter und Sol- daten zu reguliren und letztere je nach Bedrfnis zu zchten , ebenso wie sie die Geschlechtsreife anderer Individuen durch eine entsiuechende Nahrung zur Erzeugung von Ersatzgeschlechtsthieren beschleunigen knnen. In hnlicher Weise erklrt Emerv die Arbeiterbildung bei den Ameisen aus einer besonderen Iieacfionsfhigkeit des Keimplasmas, welches auf die Einfhrung oder auf den Mangel gewisser Nhrstoffe durch raschere Ausbildung gewisser Krpertheile und Zurckbleiiien anderer in ihrer Entwicklung antwortet. Arbeiternahrvmg nmss die Kiefer- und Gehirnentwicklung gegen die der Flgel und der Ge- schlechtstheile bevorzugen, Kniginnennahrung umgekehrt". Zwischen der Verkmmerung der Geschlechtsdrsen und der strkereu Aus- Itildung des Kopfes findet eine Correlation statt, geradeso wie bei den Wirbclthieren zwischen der pjitwicklung der Geschlechtsdrsen und manchen secundren Sexualcharakteren. Ganz passend hat daher Emery die Verschiedenheit der Individuen bei Termiten . Bienen und Ameisen als N a h r u u g s p o 1 y m o r p h i s m u s bezeichnet. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 127 imserer Eiklruug lsst sich auch recht gut die durch sore- Nach faltige Beobachter (Ch. Dakwjn, Emery etc.) festgestellte Thatsache versteheu, dass bei nuiucheu Arten der Ameisen die verschiedeneu extremen Individuen durch Zwischenformen allmhlich in einander bergehen (viele Myrmiciden, die meisten Camponotiden, Azteca). Uebergnge finden sich sowohl in Bezug auf die Grssenverhltnisse, und etc. dass Zeit als auch hinsichtlich der Verkmmerung der Geschlechtsorgane auch hinsichtlich der sehr verschiedenen Structur ihrer Kiefer Sie erklren sich, wie Spencer mit Recht hervorhebt, dadurch, die Entziehung der Nahrung bei allen Eiern nicht zur selben whrend ihrer Entwicklung stattgefunden hat. Wie in den angefhrten Beispielen normale Formwandlungen . so lassen sich endlich auch ganz charakteristische Monstrositten erzielen, wenn bestimmte chemische Substanzen oft in ganz minimalen Quantitten auf Eier, namentlich in den Anfangsstadien ihrer Ent- wicklung, einwirken. Zoologe Der geringer Herbst hat durch Zusatz Mengen von Lithiumsalz zum Meer- wasser aus den befruchteten Eiern eines See- igels, des Sphaerechinus granularis, eigen- thmlich gestaltete Lithiumlarven, wie er sie nennt, erhalten (Fig. 50). Die Eigen- o. Fig. 50. Larve von Eehinus mikrotubercu- latus, welche in Meenvasser, dem etwas Lithiumchlorid zugesetzt war, gezchtet ist. ga Theil der Ausseu- wand der Gastrula (Ento- derm). vst Verbindungsstck. MsNach aussen hervorgestlp- ter Urdarmabschnitt (Ento- derm). thmlichkeit ihrer Entwicklung besteht darin, dass der Bezirk der Keimblase, welcher zum Darm wird {ua), sich in Folge der Einwirkung des Lithiumsalzes nicht in die Blastulahhle einstlpt, sondern geradezu in entgegen- gesetzter Richtung nach aussen als Fortsatz hervorwchst. Werden die Larven zu ge- eigneter Zeit in reines Meerwasser zurck- gebracht, so bleibt der Darm nach aussen hervor gestlpt, der brige Krpertheil aber beginnt die fr die Pluteusform charakte- ristischen Vernderungen zu erleiden und die Arme, den Wimperring, Mesenchym und Kalk- nadeln zu entwickeln. Um die Reaction zu erzielen, muss das Salz auf die Eier whrend der ersten Entwicklungsstadien einwirken; Eier, welche auf spteren Furchuugsstadien oder als junge Blastulae noch in der Eihlle in die Lithiumm^schung gebracht werden, erleiden nicht mehr die oben be- schriebene Vernderung. Aus Frosch- und Axo lotleiern erhielt ich Embryonen mit theilweiser Aneucephalie und Hemicrauie, wenn sie sich in Kochsalzlsungen von 0.6 "o (resp. 0,7*^0) ent- wickelten (Fig. 51, 52, 53). Die zur Anlage der nervsen Sub- stanz dienenden Theile des usseren Keimblattes werden durch den chemischen Eingriff geschdigt. Die Nervenplatte, anstatt sich recht- zeitig zum Rohr zu schliessen, bleibt fiach ausgebreitet, ein Zustand, der meist auf den Bereich des dritten bis fnften Hirnblschens be- schrnkt ist. Die nicht zum Verschluss gelangten Partieen der Nerven- platte zeigen spter Zerfallserscheinungen und sind ausser Stande, Nervensubstanz zu entwickeln. 128 Neuntes Capitel. Nheres ber die Aniphibieularven mit Aneneephalie und Kckeu- raarksspalte ist aus den Fig. 5153 und der ihnen lieigefiigten Er- klrung zu ersehen. Fig. 51. Fig. 52. Fig. 53. Fig. 51. Embryo von Rana fusea. Aus einem Ei, das nach der Befruchtung am 10. Mrz in einer 0,6 procentigen Kochsalzlsung bis zum 14. Mrz gezchtet wurde, vom Rcken gesehen. Die dritte bis fnfte Hirnblasenanlage haben sich nicht zum Rohr geschlossen, hp Hirnplatte, umgeben von einem Saum der Epidermis s. Fig. 52. Embryo von Axolotl, mit Aneneephalie und Spalten im Me- dullarrohr. Aus einem Ei, das vom 26. November bis 4. December in einer 6 pro- centigen Kochsalzlsung gezchtet wurde. hp Hirnplatte, r Rinne zwischen beiden Hlften derselben. mr- Zwei Spalten im Nervenrohr, seh Schwanzhcker. s Hautsaum, mr^. Fig. 53. Querschnitt durch die unentwickelt gebliebene Hirnanlage des in Fig. 52 abgebildeten Embryos in der Gegend der Ohrblschen. hp Hirnplatte, r Mediane Kinne derselben, eh Chorda. Saum der Epidermis an der Grenze der offen gebliebenen Hirnplatte, hh Hrblschen, kd Kopfdarmhhle. Manche Missbildungen bei Sugethieren und beim Menschen werden sich wohl in hnlicher Weise als Chemnmnrphosen erklren lassen, entstanden durch abnorme Sto'wechselprocesse von Seiten der Wandungen der Gebrmutter. 7. Reize zusammengesetzter Art. In den seltensten Fllen sind die usseren Ursachen, die auf einen Organismus umgestaltend einwirken, einfacher Art. Das mag zum Theil schon bei einigen Beispielen der Fall sein, welclije auf den vorausgegangen Seiten besprochen worden sind, wie bei den Schatten- blttern, bei Hydatina u. s. w. Meist kommen gleichzeitig viele Fac- toren zusammen, so dass man ihre einzelnen Conteu von einander nicht trennen und nur von einem verndernden Eintluss der all- gemeinen Lebensl)edingungen sprechen kann. In ihrem allgemeinen Halntus und in vielen Zgen ihrer Organi- sation sind die Wasser- von den Landpflauzen unterschieden, was sich aus den andersartigen mechanischen, chemischen, thermischen und anderen Bedingungen des umgebenden Mediums, hier des Wassers, dort der Luft, erklrt. So sind bei Wasserptlanzen die mechanischen Gewebe gar nicht oder nur in viel geringerem Maasse als bei Land- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 129 pflanzen entwickelt, weil Zweige und Bltter mit dem Wasser nahezu das gleiche specifische Gewicht haben und tlottirend aufrecht erhalten werden. Da Wasseraufnahme und Wasserabgabe bei ihnen in anderer Weise als bei Landpanzen erfolgen , fehlen die saftleitenden Gefsse oder sind wenig entwickelt; die Bltter sind zarter, mit dnner Cuti- cula. Ihr Bau wird statt dorsiventral mehr zu einem isolateralen. Nun gibt es auch eine Anzahl von Ptlanzenarten (Mentha aquatica, Glechoma hederacea, Scrophularia), welche, in Smpfen oder am Rand von Bchen und Flssen wachsend , gelegentlich auch lngere Zeit ganz in Wasser eingetaucht leben knnen; auch knnen sie knstlich unter Wasser gezchtet werden. Die unter Wasser entstandenen Theile dieser gewissermaassen acci den teilen Hydrophyten zeigen gleichfalls morphologische Abnderungen mehr oder minder ausgeprgter Art; sie nhern sich der Structur echter Hydrophyten und lassen sich als Zeugnisse fr den umgestaltenden Eintiuss des Wasserlebens verwerthen. Aehnliche durch Verschiedenheit der usseren Factoren hervor- gerufene Gegenstze wie zwischen Land- und Wasserpflanzen treten uns zwischen der Vegetation der nrdlichen gemssigten und der tropischen Lnder, zwischen der Vegetation der Alpen und der Ebene oder eines Culturlandes und der Wste entgegen. Alpine Pflanzen zum Beispiel, die an der Grenze des ewigen Schnees nur wenige Sommermonate nicht vom Schnee bedeckt sind und unter ganz besonderen Verhlt- nissen der Sonnenstrahlung und Temperatur vegetiren, zeigen Zw^erg- wuchs, haben aber ein mchtig entwickeltes Wurzelwerk, intensiv ge- frbte Blthen etc. In die Ebene verpflanzt, verndern sie ihren Habitus, nehmen aber die alpine Form w^ieder an, wenn sie oder ihre Nachkommen aus der Ebene an den ursprnglichen Standort zurck- gebracht werden. Daher kann dieselbe Pflanzenspecies, je nach den Standorten, an denen sie gezchtet wird, in verschiedenen Standorts- modificationen auftreten. Zu zahlreichen Variationen neigen besonders die der Cultur unter- worfenen Gewchse, weil sie den verschiedenartigsten, oft einseitigen und unnatrlichen" Entwickluugsbedingungen unterworfen werden. In gleicher Weise wie auf die Pflanzen bt auch auf die Thiere das Land- und Wasserleben, die amphibische Lebensweise, die Domesti- cation, das Klima u. s. w. einen umndernden Einfluss aus. Dasselbe gilt vom dauernden Aufenthalt in unteriidischen Rumen, so dass die Vertreter der Hhlenfauna aus den verschiedensten Thierstmmen ge- wisse gemeinsame Zge aufweisen. Die oberflchlichen Grenzschichten des Krpers nehmen sofort bei sehr vielen Thieren ein besonderes Aussehen an , je nachdem sie mit der Luft, mit Wasser oder mit Krpersfteu in Berhrung sind. Die vom Wasser umsplte Oberhaut vieler Fische (Fig. 54) ist physiologisch wie eine Schleimhaut beschaffen, mit Becherzelleu wie das Epithel des Darmkanals ausgestattet und zur massenhaften Absonderung von Schleim befhigt; bei den landbewolmenden Wir])elthieren dagegen steht der Epithelberzug der Haut zum Epithel des Darmkanals in ausgesprochenem Gegensatz. Durch den Einfluss der atmosph- rischen Luft, die dem weichen Protoplasma sein Wasser rasch entziehen wrde, sind die oberflchlichsten Zellen in Hornsubstanz umgewandelt und bilden zusammen eine ziemlich undurchlssige Schicht, das Stratum corneum, welches sich als schtzende Decke ber den eigentlichen lebens- Hertwig, Allgem. Anatomie n. Physiologie der Gewebe. 9 130 Neuntes Capitel. thtigen Tlieil der Oberhaut, das Kete Malpighii, her l erlegt. Die inneren Epithelschichten des Krpers entbehren einer solchen zum Schutz gegen die Luft berechneten Decke, weil sie durch den vom Darmrohr ausgeschiedenen Schleim und andere Secrete feucht und schlpferig erhalten werden. Daher sehen wir auch an den Stellen, wo die inneren Hhlen an der Oberflche des Krpers ausmnden, sich mit dem Wechsel der Bedingungen eine entsprechende Um- wandlung der Schleimhaut in eine Oberhaut vollziehen; es bildet sich auf eine kurze Strecke ein Uebergangsepithel aus, wie am Rand der Lippen und der KasenHgel oder am After. Auch der experimentelle Beweis ist hier fr die Richtigkeit der gegebenen Erklrung zu erbringen. Wie aus der allgemeinen Pathologie genugsam bekannt ist, verndern Schleimhute ihren eigenthmlichen Charakter und nehmen mehr die Eigenschaften und das Aussehen der mL' ^ > ^^^^* Fig. 54. Senkrechter Durchsehnitt durch die Epidermis der Bauch- haut eines erwachsenen Aales. Nach Eilh. Schulze Taf. VII Fig. 4. Oberhaut an, wenn sie, aus ihrer normalen Lage gebracht (wie bei Vorfall der Gebrmutter, bei Blasenspalte etc.), dem Eintluss der usseren Luft lngere Zeit ausgesetzt gewesen sind. Ihre Oberflche verliert die feuchte BeschafTenlieit einer Schleimhaut , wird trocken und hart. wol)ei die oberflchlichsten Zellen die charakteristische Ilornmetamorphose erleiden. Festsitzende Pflanzen und Thiere stehen mit ihren beiden Krper- enden unter hnlichen gegenstzlichen Bedingungen. Auf das untere Ende wirkt die Erde mit ihren Contactreizeu . mit ihren lslichen chemischen Stoffen und in grsser(>r Tiefe durch den Absciiluss des Lichtes; das nadi oben gekehrte Ende dagegen ist, abgesehen von anderen Factoren . vor allen Dingen dem vollen Einfluss des Lichtes ausgesetzt. Die Folge davon ist die Entwicklung sehr verschieden- artiger Organe an der Basis und an der Spitze. Den Pflanzen gleich entwickeln viele festsitzende Thiere, besonders aus dem Stamm der C(clenteraten. an ihrer Basis el)enfalls eine Art von Wurzelwerk zum Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 131 Festluilten, Stolonen oder Auslufer, die auf dem Bodeu liiukriecheu oder sich auch ein wenig in denselben einsenken. Durch Experimente gelingt es sogar l)ei niederen Ptiauzen und Thieren. durch Umkehr von Basis und Spitze, sehr einfache und schlagende Beweise fr die Macht der gegenstzlichen Bedingungen bei der Entstehung der Orgaue beizubringen. Erwhnenswert]! sind hier die interessanten Ergebnisse, welche der Botaniker Noll au Brvopsis mucosa und der amerikanische Thier- physiologe Loeb an Tul)ularia mesembryanthemum gewonnen hal)en. Bryopsis (Fig. 55 /) ist ein im Wasser lebender Coeloblast wie die auf S. 15 beschriebene und abgebil- dete Caulerpa (Fig. 9); sie besteht aus einem einzigen, mit vielkernigem Proto- plasma erflltem Schlauche, der aber usserlich wie ein zelliges Ptinzchen in einen verticalen Stamm mit einem Gipfelspross (s), in Bltter, die am oberen Ende in zwei Reihen regelmssig vertheilt sind, und in ein den Boden durchziehendes, verzweigtes Wurzelwerk {wj gegliedert ist. Um den Einfluss der usseren Factoren zu pr- fen, hat Null einfach das ganze vielkernige Ptinz- chen umgekehrt und mit dem Gipfelspross nach unten in die Erde des Aquariums eingegraben (Fig. 55 //). Die Folge davon war, dass jetzt aus dem Gipfelspross (5), an welchem sonst, wenn er nach oben gekehrt ist, seitlich junge Blattanlagen entstehen, sich verzwei- gende Wurzelfdeu (iii) hervorsprossen und den Saudkrnchen (k) des Bodens fest anhaften. Desgleichen sind auch Umwandlungen an den Blattschluchen hervorgerufen worden; ihre, anstatt wie normal nach oben , jetzt nach unten und dem Boden zugekehrten P'nden , die sich mit ihrem von vielen Kernen durchsetzten Protoplasma wie Vege- tatiouspunkte verhalten, treiben einerseits Wurzelfdeu (ic) nach ab- wrts, andererseits Sprosse, die. sich nach oben richtend, eine Grund- lage fr neue Stmmchen mit Blatttiedern abgeben. Der kleine, auf dem Bodeu festgewachsene Hydroidpolyp, Tubularia mesembryanthemum, welcher sich durch ein ausserordentlich grosses Regenerationsvermogen auszeichnet und dadurch zu Versuchen sehr geeignet ist, besteht aus einem Stamm, dessen eines p]nde in der Erde 9* Fig. 55. /. Aufrecht gewachsenes Pflnzchen von Bryopsis mucosa. (Halb sehematisch.) //. Spitze einer umgekehrten Bryopsis mucosa, deren Spitze sieh in eine Wurzel umgewandelt hat. Der sehraffirte Theil stellt die Grsse der urspriinglieh umgekehrten Pflanze dar, die nicht schraffirten Theile den Zuwachs in umgekehrter Lage, tv Wurzelschluche, k Sand- krnchen, mit denen die Wurzeln verwachsen sind. Blattfiedern. s Stammspitze. Nach F. Noll. 132 Neuntes Capitel. mit Auslufein wie mit Wurzelfden befestigt ist, whrend das andere sich in Zweige theilt , deren jeder mit einem Polypenkpfcheu endet. Wenn man letzteres abschneidet, so wird von der Wundche in wenigen Tagen ein neues gebildet. LoEB hat nun einen grsseren Tubulaiiazweig. den er seines Kpfchens beraul)t hatte , zugleich auch noch von dem Stamme ab- getrennt. Er hat auf diese Weise ein zweigartiges Stck Tubularia- substanz mit zwei Wundenden erhalten, von denen wir das am Stamme abgetrennte Ende als Basis, das des Kopfes beraubte Ende als Spitze bezeichnen wollen. Je nach den Be- dingungen , in welche er die beiden Enden des Zweiges versetzte, konnte er jetzt im voraus bestimmen, welche Organe der Zweig an seinen beiden Enden neu erzeugen sollte. Wenn er den Zweig mit seiner Basis in den Sand eines Seewasseraquariums eine Strecke weit eingrub, so dass das andere Ende, die Spitze, vertical nach oben gerichtet war, so entstand nach wenigen Tagen an der letzteren ein neues Polypenkpfchen , an ersterer aber Haftfden. Wenn er dagegen einen anderen Zweig umkehrte und mit der Spitze im Sande versenkte, so rief er jetzt an dieser die Bildung von Wurzeln und au der ursprnglichen Basis die Bildung eines Hydroidpolypenkpfchens hervor. Derartige Ergel)nisse lehren auf das Unzweideutigste , dass es lediglich von der Beziehung zur Erde oder zum Licht abhngt, welche Organe an dem Ende eines Tubu- lariazweiges entstehen sollen. Die verschie- dene Art der Beize ist es hier ganz offenbar, welche das an den Wundtichen gelegene Zellmaterial zu dieser oder jeuer Art von Organbildung veranlasst; und weil der Reizerfolg der Beizwirkung entspricht, er- scheint uns zugleich der ganze Vorgang als ein zweckmssiger. Man kann schliesslich das Experiment Fig. 56. Heteromor- phose bei Tubularia mes- embryanthemum. Biorales Thier. Das aus der Mitte eines Stammes heraus geschnittene Stck a b bildete an jedem Schnittende einen Polypen (d n. e). Nach der Polypenbildung erfuhr der Stamm a b den Zu- wachs bd u. a e. Die neuge- bildeten Stcke sind durch- sichtiger als das alte. Ver- grsserung im Verhltniss von 1 : 2. Nach dem Leben ge- zeichnet. Nach LoEB Fig. 1. noch in einer dritten Weise variiren , der- art, dass man das Bruchstck frei und horizontal im Wasser aufhngt (Fig. 56j; dann bilden sich, da beide Enden unter dem Eintluss des Lichtes stehen, an beiden auch Polypen aus. 8. Organische Reize, die in Einwirkungen zweier Organismen auf einander bestehen. Zum Schluss unserer Betrachtung der usseren Factoren ist noch auf eine mamiigfaltige druppc von Keizursachen einzugehen, welche organischer Natur sind und darin bestehen . dass die Lebensprocesse zweier Organismen unmittell)ar in innige physiologische Beziehungen zu einander treten und Wachsthum und Form bestimmen. Ich meine Die usseren Factoren der orgauischen Entwicklung. 133 die Verhltuisse, die durch Pfropfung hervorgerufen werden (Pfropf- hyhride), ferner die Wechselwirkungen zwischen Embryo und jNIutter- organismus, die Telegonie und die durch Organismen bedingten Gallen und Geschwlste. a. Pfropfung und Transplantation. Am lehrreichsten und berzeugendsten sind die Flle , in denen der Experimentator willkrlich die Art des Wachsthums und der Ge- staltung eines Organismus abndern kann durch geeignete Verbindung mit einem zweiten. Es geschieht dies durch Pfropfung und Trans- plantation. Beispiele in grosser Zahl liefert uns die Grtnerkunst. Wenn man zwei verschiedene Pflanzenindividuen durch Pfropfung zu einer neuen Individualitt verbindet, so wird das Pfropfreis in seiner Entwicklung oft in eigenthmlicher Weise von der Natur des Grundstocks abhngig gemacht. Um zum Beispiel das Wachsthum eines Baumes zu beschrnken und ihn zu einem Zwergwuchs zu zwingen, hat mau nur das Pfropfreis auf eine Unterlage einer verwandten, aber nur einen Strauch bildenden Art zu transplantiren. Ein Birnreis, welches der Grtner auf die durch strauchartigen Wuchs ausgezeich- nete Quitte als Unterlage aufpfropft, wird in Folge davon in seinem vegetativen Wachsthum sehr stark gehemmt; es bilden sich nur kurze und schwchliche Laubsprosse. Alle die kleinen Zwergsorten von Birnen, die zu Spalieren und kleinen Pyramiden benutzt werden oder als Cordon" und Topfbumcheu in den Handel kommen, wrden nicht vorhanden sein, wenn der Grtner nicht eine Unterlage wie die Quitte bessse (Vchting). Durch die Beschrnkung des vegetativen Wachs- thums wird gleichzeitig noch eine gesteigerte und frhzeitig eintretende Fruchtbarkeit erzielt. Aehnliches lehren andere cultivirte Obstsorten (Aepfel, Aprikosen u. s. w.). Durch die Verbindung mit einem etwas anders gearteten Organis- mus kann ferner auch die Widerstandsfhigkeit des Pteizes gegen ussere Einflsse oder sogar seine Lebensdauer ver- ndert werden. Auch hierfr zwei Beispiele. Der Pistazienbaum (Pistazia vera), der, in Frankreich cultivirt, bei einer Temperatur von mehr als 7,5 erfriert, ertrgt eine Klte von 12,5'', wenn er auf P. terebinthus gepfropft wird. Ferner er- reicht er, als Smling gezogen, ein Alter von hchstens 150 Jahren; auf P. terebinthus gepfropft, steigt seine Lebensdauer auf 200 Jahre, whrend er, mit P. lentiscus als Grundstock verbunden, ungefhr 40 Jahre alt wird" (Vchtin(3;). Koch beweisender sind die von Vchting an der Runkelrbe au- gestellten Experimente, weil sie schon im Laufe eines Jahres das Er- gebniss liefern. Das Reis einer Runkelrbe, dessen Knospen noch unditferenzirt sind, gestaltet sich zu einem vegetativen Sprosssystem, wenn man es mit einer jungen, noch wachsenden Wurzel verbindet; es bildet dagegen einen Blthenstand , wenn es im Frhjahr einer alten Rbe aufgesetzt wird". In der jungen Rbe fehlen olfenbar noch gewisse , in der alten Rbe als Reservematerial abgelagerte Stoffe, welche zur Erzeugung eines Blthenstandes noth wendig sind und das Reis zu einem entsprechenden Wachsthum bestimmen. Die Summe der zahlreichen Erfahrungen, welche in der Obst- baumzucht ber die gegenseitigen Beeinflussungen von Impfling und 134 Neuntes Capitel. Grundstock fr verschiedene Apfelsorten gewonnen worden sind, hat LiNDEMUTH in einige wenige inhaltsreiche Stze zusamniengefasst: Auf den sehr zwergartigen Johannesapfel (Paradies-) geimpft, bleiben die von Natur baumartigen Sorten sehr niedrig und fructi- ticiren hufig schon in dem auf die Impfung folgenden Jahr; auf dem Splittapfel erreichen sie schon betrchtlichere Dimensionen und mssen zu mittelhohen Formen erzogen werden ; die Fruchtbarkeit tritt nach wenigen Jahren ein. Auf Smlingen der edlen Sorten oder auf anderen, baumartigen Species entwickeln sich die Impfreiser der aufgepfropften, edlen, von Natur baumartigen Sorten zu krftigen Bumen ; die Fruchtbarkeit tritt erst nach einer lngeren Reihe von Jahren ein. Die auf Johannespfel gepfropften Sorten liringen ihr Leben selten ber 15 bis 20 Jahre , die auf Splittpfel etwas hher, whrend die auf Smlinge der baumartigen, edlen Sorten 150 l)is 200 Jahre alt werden knnen. Diese Thatsachen benutzt der Obst- zchter nach Willkr fr seine Zwecke." Die Beeinfiussungen. die zwischen Impfling und Grundstock statt- finden, knnen sich in seltenen Fllen auch noch in der Weise geltend machen, dass Knospen, die sich an einem von beiden bilden, in ihren Specieseigenschaften verndert werden und Mittelformen liefern, welchen Dakwin den Kamen Pfropf hybride gegeben hat. b. P f r p f h y b r i d e. Das Capitel der durch Pfropfung hervorgerufenen Knospenva riation ist noch ein dunkles, da viele der in der Literatur berichteten Flle nicht als einwandsfrei gelten knnen. Die auf diesem Gebiete angestellten Experimente fhren meist nicht zu sicheren Ergebnissen, da Erfolg oder Fehlschlagen von vielen Zu- flligkeiten abzuhngen scheint. Einige Thatsachen sind indessen, wie mir scheint, ber jeden Zweifel erhaben. Die eine Thatsache ist die Uebertragung der Panachre. Bei manchen Pfianzen treten Abarten auf, bei denen die Bltter durch weisse Flecke ausgezeichnet sind, in deren Bereich das Chlorophyll in den Zellen fehlt. Im Zusammenhang hiermit ist die Blattspreite gewhnlich verkleinert und auch die Achse der Zweige mehr oder minder verkrzt. Die Albicatio wird durch ussere Einfisse ge- frdert, durch warme und feuchte Atmosphre, reiche Dngung und andere Momente, welche die Yegetationsthtigkeit anregen. Nach den durch Lindemuth ausgefhrten, sorgfltigen Versuchen gelingt die Ueberti'agung der Panachre duich Pfropfung mit Sicher- heit und Leichtigkeit bei Abutilon Thompsonii. Wenn man einen panachrten Impfling auf eine grne Tuterlage auf])froi)ft . so werden an dieser die Knospen . welche sich unterhalb und in einiger Entfermmg von der Imjffstelle spter entwickeln, in ihrer Natur ver- ndert, indem sie auch panachrte Blattei' erhalten. Eine Vorbedingung fr das Gelingen des pAjjerimentes besteht nur darin, dass der Impf- ling entweder bei seiner Vereinigung l)unte Bltter besitzen oder nach derselben aus Knospen bunte Bltter hervorge])racht haben muss. Die Uebertragung der Panachre geschieht ebenso gut auch in umgekehrter Richtung von einer panachrten Unterlage auf einen grnen Impfling. Sie ist abhngig von der Sftebewegung. Man kann daher v(n einem bereits ])untbltterig gewordenen Zweig die Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 135 Panaclire durch zweckmssiges Beschneiden der Ptianze mit dem Nahrungssaft auch anderen Zweigen und schliesslich der ganzen Pflanze mittheilen. Dagegen lsst sich eine pauaclirhltterige Unter- lage von Abutilon nicht beeinflussen durch einen grnbltterigeu Impf- ling, in der Weise, dass sie nur Knospen mit rein grnen Blttern hervorbrchte , und ebenso wenig wirkt in diesem Sinne ein grner Impfling auf eine pauachrbltterige Unterlage ein. Mit grsseren Schwierigkeiten scheint die Uebertragung des rothen Farbstoff's vom Impfling auf die Unterlage verbunden zu sein. Doch wird von Lindemuth ein Fall von einem Rotlibuche^iwildling be- richtet, welcher mit einem Impfling der Blutbuche gepfropft worden war und einige Zeit darauf 1 m unter der Impfstelle eine Knospe mit rothen Blttern trieb. Aehnliches beobachtete Reutek , als Acer Colchicum var. rubrum auf Acer platanoides gepfropft wurde. Auch bei verschieden gefrbten Kartottelsorten gelingt es, durch Pfropfung den Farbstoff von einem roth gefr))teu auf eine weisse Variett zu bertragen. Lindemuth schnitt von einer Kartofl'elknolle A (Kaliko), welche weisses Fleisch und hellgrne Triebe hat, einen Trieb bis auf 8 cm Lnge ab und verband ihn mit einem violett ge- frbten Trieb einer Sorte B (Zebra), deren Knollen dunkelblau-violett sind. Nach einiger Zeit wurde der kaum hellgrne Trieb der Unter- lage gleichfalls lebhaft karminroth gefrbt. Noch merkwrdiger ist der berhmte Fall von Cytisus Adami, der in seinen Eigenschaften eine Mischung von C. laburuum und C. purpureus darstellt und ber ganz Europa in vielen Exemplaren verbreitet ist, welche alle von einer gemeinsamen Mutterpflanze aus Stecklingen gezogen sind. Es gewhrt einen berraschenden Anblick," so schreibt Darwin, auf demsell)en Baume schmutzig -rothe, hell- gelbe und purpurne Blthen unter einander gemischt zu sehen, welche auf Zweigen stehen, welche sehr von einander verschiedene Bltter und Wachsthumsweise haben. Dieselbe Blthenhre trgt zuweilen zwei Sorten von Blthen; und ich habe eine einzelne Blthe gesehen, die genau in zwei Hlften getheilt war; eine Hlfte war hellgelb und die andere purpurn , so dass die eine Hlfte des Hauptkrouen- blattes gelb und von bedeutender Grsse , die andere Hlfte purpurn und kleiner war. Bei einer anderen Blthe war die ganze Corolle hellgelb, aber genau die Hlfte des Kelches war purpurn etc." Ueber die Entstehung des Goldregen-Bastards gehen die Meinungen aus einander. Nach dem Bericht des Grtners Adam, welchen Darwin fr richtig hlt, handelt es sich um einen Pfropfl)astard. Adam hatte ein Stck Rinde des Cytisus purpureus auf den Stamm des Cyt. laburnum geimpft und nach einiger Zeit aus einer an der Impf- stelle entstandenen Knospe einen Zweig erhalten, welcher die oben beschriebenen merkwrdigen Mischcharaktere zeigte. Darwin bemerkt hierzu: Nehmen wir den Bericht Adam's als richtig an, so mssen wir auch die ausserordentliche Thatsache zugeben, dass zwei distincte Species sich durch ihr Zellgewebe verbinden und spter eine Pflanze erzeugen knnen, welche Bltter und sterile Blthen trgt, die inter- medir im Charakter zwischen dem Pfropfreis und dem Stamme sind, und gleichfalls Knospen , welche einem Rckschlag gerji unterliegen, kurz, eine Pflanze, welche in jeder wichtigen Hinsicht einem Bastard gleicht, der auf die gewhnliche Weise durch Samenproduction ent- standen ist." 136 Neuutes Capitel. Die feineren Vorgnge, die bei der Pfropfung stattgefunden hal)en mssen, damit eine Knospe mit gemischten Charakteren zu Stande kommen konnte, entziehen sich zur Zeit unserer Kenntniss; wie denn das ganze Gebiet der Pfropf hybride noch als ein recht unklares bezeichnet werden muss. c. Wechselwirkungen zwischen Embryo und Mutter - Organismus. Telegonie. Bei Thieren, deren Embryonalentwicklung sich eine Zeit lang im Innern des weil)lichen Fortpauzungsapparats vollzieht, sehen wir mehr oder minder intensive Wechselwirkungen zwischen mtterlichen und kindlichen Organen eintreten. Sie sind um so erheblicher, je lnger die Tragzeit dauert und je mehr dadurch das in der Gebrmutter sich entwickelnde Ei Gelegenheit erhlt, sich mit der Uterinschleim- haut zu verbinden. Kicht nur wird whrend einer Schwangerschaft der Stoffumsatz im weiblichen Krper ganz enorm gesteigert, sondern es werden auch theils in den direct vom Reiz betroffenen Organen, theils auch an weit abgelegenen Stellen eigeuthmliche Bildungsprocesse wachgerufen. In letzterer Beziehung ist an die abnormen Pigment- ablagerungen in der Haut zu erinnern, welche mit unter den Scliwauger- schaftsmerkmalen aufgefhrt werden: an die Pigmentirung der Linea alba , der Umgebung des Warzenhofes . der Chloasmata uterina , an die Entwicklung der Brste, an das Corpus luteum verum u. s. w. Unter dem Reiz, der vom Ei auf seine Umgeliung direct ausgebt wird, verndert sich die Gebrmutterschleimhaut in ihrer Structur und wird zur Decidua ; die Musculatur vermehrt sich betrchtlich, die Arteriae uterinae vergrssern sich. Eigeuthmliche , zur Placenta materna fhrende Vernderungen entstehen an der Stelle , wo das Chorion in Zotten auswchst, die sich in die Decidua einsenken. Wir haben es in allen diesen Vorgngen mit direct durch organische Reize bewirkten Anpassungserscheinungen zu thun. Denn durchaus analoge Vernderungen stellen sich ein, wenn das Ei anstatt an nor- maler Stelle in der Gebrmutterhhle schon in dem Eileiter sich fest- setzt oder, wenn es durch irgend einen Umstand in der Bauclihhle zurckgehalten, zu einer Abdoniinalschwangerschaft Veranlassung gibt. In letzterem Fall wiid sogar das in seiner Structur von der Schleim- haut der Gebrmutter so grundverschiedene Bauchfell zu einer Art Placenta materna umgewandelt. Wi(> das Ei auf den mttorlirhen Organismus, so wirkt anderer- seits auch wieder die Gebrmutterschleimhaut auf das sich entwickelnde Ei als organischer Reiz ein und veranlasst es zu zweckentsprechenden Bildungen. Whrend die usserste Eihaut bei Reptilien und Vgeln ihre glatte Oberflche nie verliert und als Soi-osa bezeichnet wird, passt sie sich bei den Sugetliieren der ihr dicht anliegenden Decidua an, vergrssert durch Zottenbilduug ihre Oberflche und wird zum Choriou. Auch lioi vielen Pflanzen kommen analoge Wechselwirkungen zwischen Mutter])rianze und dem Ei vor, wenn es seine ersten Ent- wicklungsstadieu, wie bei den Phanerogamen, im Fruchtknoten durch- luft. Es findet dann zwischen dem sich entwickelnden Phnbryo und den umgebenden mtterlichen Geweben eine lebhafte Wachsthums- correlation statt, hnlich wie bei der Placentaljildung trchtiger Suge- Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 137 thiere. Whrend Bltheu, liei welchen die Befruchtung unterblieben ist, nicht weiter wachsen, welk Averden und abfallen, ruft der durch die Befruchtung im Ei angeregte Entwicklungsprocess zugleich auch ein oft ganz energisches Wach st hu m des Fruchtknotens, eine eigenthndiche Undjildung seiner Zellen, mit einem Wort die Ent- stehung der verschiedensten Formen von Frchten h e r V r. Ja zuweilen dehnen sich die durcli Befruchtung hervorgerufenen Vernderungen noch ber den Fruchtknoten hinaus auf die angrenzenden Pflanzenorgane aus und ziehen sie ebenfalls in die Fruchtliildung mit hinein. So kommen eigenthmliche Gebilde zu Stande, welche wie die Feige, Erdbeere, Maulbeere in der Botanik als Scheinfrchte bezeichnet werden. Auf pflanzlichem wie auf thierischem Gel)iet gil)t es eine Anzahl wichtiger, von Darwin zusammengestellter Thatsachen, welche zu lehren scheinen , dass liei den energischen Wachsthumscorrelationen. welche zwischen befruchtetem Ei und dem mtterlichen Organismus statttinden. der letztere sogar Vernderungen in seinen Artcharakteren erleiden kann. Es soll dies nmlich der Fall sein, wenn das Ei d u r c h fremden Same n befruchtet wird. Bei den PHauzen, mit denen wir zunchst beginnen wollen, ber- trgt der fremde Polleu in diesem Fall seine Eigenschaften nicht nur der Eizelle, mit deren Kern sein Kern copulirt. sondern er kann unter besonderen Bedingungen durch Vermittlung des aus dem befruchteten Ei sich entwickelnden Bastardembryos sogar die umgebenden Gewebe der Mutterptianze gewissermaassen inficiren. Als Beweise fhren wir von den durch Darwin zusammengestellten Thatsachen die wich- tigsten an : Laxton befruchtete die ,hohe Zuckererbse', welche sehr dnne, graue , beim Trocknen blulich-weiss werdende Schoten trgt , mit Pollen der purpur-schotigeu Erbse, welche, wie ihr Name ausdrckt, dunkel purpurne Schoten mit sehr dnner Haut hat, die beim Trocknen Idassroth-purpuru werden. Laxton hat die .hohe Zuckererbse" zwanzig Jahre hindurch cultivirt und hat niemals etwas davon gesehen oder gehrt, dass sie eine purpurne Schote producirte. Nichtsdestoweniger ergab eine Blthe. die mit dem Pollen der purpurschotigen befruchtet war, eine purpurn-rothschattirte Schote, welche Laxton mir freund- lichst gab. Eine Stelle von ungefhr 2 Zoll Lnge nach der Spitze der Schote zu und eine kleinere Stelle in der Nhe des Stieles waren auf diese Weise gefr])t." Naudin berichtet , dass er auf Chamaerops humilis wachsende Frchte gesehen hat, welche von Denis mit dem Pollen der Phoenix- oder Dattelpalme befruchtet worden waren. Die Frucht, die hierdurch erzeugt war. war zweimal so lang und lnglicher als die eigene Frucht des Chamaerops . so dass sie in beiden Hinsichten ebenso wie in der Textur zwischen der Frucht der beiden Elternformen mitten inne stand. Diese bastardirten Samen keimten und producirten junge Pflanzen, die gleichfalls im Charakter intermedir waren. Dieser Fall ist um so merkwrdiger, als Chamaerops und Phoenix nicht bloss zu distincteu Genera, sondern nach der Ansicht einiger Botaniker zu besonderen Sectioneu der Familie gehren." Gallesio befruchtete die Bltben einer Orange mit dem Pollen der Limone, und eine hierdurch erzeugte Frucht trug einen longi- 138 Neuntes Capitel. tudiDalen Streifen in der Schale, welcher die Frbung, den Geschmack und andere Charaktere der Limone hatte." .,Dr. Sayi ste gelb- und schwarzsamigen Mais zusammen, und in einer und derselben Aehre waren einige der Samen gelb, einige schwarz und andere getieckt . wobei die verschieden gefrbten Samen entweder in Reihen angeordnet waren oder unregelmssig vertheilt standen." Dasselbe Ergebniss erhielt Hiluebrand, als er, den Versuch von Savi wiederholend, gelben und rothen Mais mit einander kreuzte. Aehnliche Beeintiussungen des Mutterorganismus von Seiten eines sich entwickelnden Eies, dessen Eigenschaften durch Bastardbefruchtung verndert sind, lehren uns im Thierreich einige seltene Flle, welche Weismann unter dem Namen der T e 1 e g onie zusammengefasst hat. Allerdings ist ihre Bedeutung und Erklrung wissenschaftlich noch nicht gengend sicher gestellt, so dass ihr Vor- kommen von manchen Seiten, wie zum Beispiel von Weismann, l)er- haupt in Abrede gestellt wird. Bei der Telegonie soll es sich, kurz gesagt, um folgenden, zur Zeit noch etwas hypothetischen Vorgang handeln. Wenn das Weibchen mancher Sugethiere anstatt von einem Mnnchen derselben Art. von einem Mnnchen einer anderen Rasse oder Variett belegt wird, so bringt es nicht nur Bastardjunge hervor, sondern wird selbst in seiner Constitution etwas verndert. Die constitutionelle Vernderung wird an der Mutter selbst allerdings dem Beobachter nicht bemerkbar, sie ussert sich aber, wenn dasselbe Weibchen in spterer Zeit von einem Mnnchen der eigenen Art wieder befruchtet wird, in der jetzt er- zeugten Nachkommenschaft; denn diese bietet Merkmale des Mnnchens der anderen Rasse dar, welches bei der vorausgegangeneu Zeugung mit dem Weibchen eine Nachkommenscliaft erzielt hatte. Derartige Flle werden in der Literatur vom Menschen , vom Pferd. Hund etc. berichtet. Eine weisse Frau, welche vorher mit einem Neger einen Bastard erzeugt hat, soll hufig in einer spteren Ehe mit einem weissen Mann eine Nachkommenschaft erhalten , die unverkennbar Merkmale der Negerrasse an sich trgt (Spencer. Biol. Centralbl. XIV S. 2&2). Eine arabische Voll))lutstute des Lord ^Iortox erzeugte mit einem Quaggahengst einen Bastard; als sie darauf wieder von einem ara- bischen Rapphengst belegt wurde, warf sie zwei Fllen, welche wie das Quagga gestreift waren (Darwin), Wenn die Meinung richtig ist, dass in diesen Fllen eine Beein- flussung stattgefunden hat, was brigens durch umfassende und sorg- fltige Zchtungsversuche erst noch besser festgestellt werden muss, dann scheint sich mir der Hergang in folgender Weise abzuspielen : Der durch die illegitime Befruclitung entstehende Bastardspross ruft dauernde und latent bleibende Vernderungen im mtterlichen Or- ganismus hervor, mit welchem er l)ei seiner F.ntwicklung in innigem, lngere Zeit dauerndem Stoffwechsel steht, und auf welchen er dadurch organische Reizwirkungen ausbt. Der so in seiner Constitution etwas vernderte mtterliche Organisnuis beeintlusst dann si)ter auf dem- selben Wege wieder den aus einer legitimen Befruclitung entstehenden Sprssling und theilt ihm so Eigenschaften der fremden Rasse mit. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 139 cl. Organismeu als Ursachen von Gallen und krank- haften Geschwlsten. In das Capitel der organischen Einwirkungen gehren endlich auch die charakteristischen Organisationen, die durch Symbiose zweier Organismenarteu oder durch parasitre Vereinigung oder durch ander= weite Einwirkungen eines Oiganismus auf einen anderen zu Stande kommen. Fr die Entstehung ])esonderer Lebewesen mit ganz specitischen Artcharakteren durch Symbiose werden die schnsten Beispiele durch die Flechten geliefert, deren Eigenthmlichkeiten schon im III. Capitel (S. 26) eingehender besprochen wurden. Es gengt daher, auf das dort bereits Gesagte zu verweisen. Dagegen sei hier noch etwas nher auf die Bildungen eingegangen, die sich am Krper von Pflanzen und Thieren als etwas ihm Fremd- artiges unter dem EinHuss anderer Organismen entwickeln knnen, wie die Gallen vieler PHanzenarten oder die krankhaften Geschwlste vieler Thiere. Manche Insecteu , wie die Gallwespen , stechen junge Pflanzen- bltter an und legen ihre kleinen Eier in das Gewebe ab. Unter den abnormen Reizen, die theils durch den beim Einstechen abgesonderten Saft , theils durch die Entwicklung der Eier zu Larven ausgebt werden, treten lebhafte Zellenwucherungen in dem betreffenden Panzentheil ein; es entstehen die allbekannten Gallen, Organe, die eine ganz charakteristische, complicirte Structur, besondere Zellen- formen, Gefsse etc. und ebenso eine ganz bestimmte ussere Form erhalten. Es ist, als ob die Galle," wie Sachs sich ausdrckt, ein Organismus sui generis wre." Und diese Organe fallen wieder sehr verschiedenartig aus, je nach dem specitischen Reiz, der sie hervor- gerufen hat, und je nach der specifischen Substanz, welche auf den specifischen Reiz durch Gallenlnldung reagirt hat. Daher entstehen auf derselben Pflanze durch verschiedene Insecten ganz verschiedene Gallen, und nicht minder lassen sich die Gallen verschiedener Pflanzen von einander systematisch auf das Strengste unterscheiden. Ausser den Gallen knnen als pathologische Organisationen im Pflanzenreich noch mancherlei Gebilde aufgefhrt werden : so die durch C h e r m e s viridis au den Rothtanuen erzeugten tannenzapfen- hnlichen Wucherungen, ferner die monstrsen Blthenentwicklungen, sogenannte Vergrnungen von Arabis-Arten , die man auch knstlich dadurch hervorrufen kann, dass man Blattluse bestimmter Species auf die noch jungen Inflorescenzen setzt etc. (Sachs S. 652). Den Gallen vergleichbar sind bei Thieren die krankhaften Geschwlste, welche durch fremde Mikroorganismen bei ihrer Ansiedelung im thierischen Gewebe erzeugt werden. Auch diese Ge- schwlste erhalten je nach der Art des angesiedelten ISIikroorganismus und des befallenen Thieres ihr besonderes Geprge, durch welches sie als eigenartige specifische Geschwulstindividuen zu unterscheiden sind. T u b e r k e 1 b a c i 1 1 e n erzeugen im Gewebe des Menschen den Miliartulierkel, der einen charakteristischen Bau und eine ihm eigeu- thmliche Entwicklungsgeschichte besitzt. Sarcosporid ien rufen in der Speiserhre des Rindes Geschwlste mit einem fcherfrmigen Bau hervor. Myxosporidien sind die Ursache von Muskel- geschwlsten, die im Fleisch mancher Fische auftreten. 140 Neuntes Capitel. Ob Sarcome und Carcinome des Menschen ebenfalls der- artige Organisationen sind, die durch uns noch unbekannte organische Reize hervorgerufen werden, ist noch nicht bewiesen, aber nicht un- wahrscheinlich. 1 2 3; 4; 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Literatur zu Capitel IX. Abschnitt: Licht. Fischel. lieber Beeinflussung und Entwicklung des Pigmentes. Archiv f. mikroskop. Anat. Bd. XLVII. Flemming. Ueber den Einfluss des Lichts auf die Pigmentirung der Salamanderlarve. Archiv f. mikroskop. Anat. Bd. XL VIII S. 369 u. S. CdO. K. Goebel. Ueber die Einwirkung des Lichtes auf die Gestaltung der Kakteen und anderer Pflanzen. Flora Bd. LXXX. 1895. Derselbe. Ueber Jugendformen von Pflanzen und deren knstliche Wiedcrhervorrufung. Sitzungsber. d. mathem.-physic. Classe d. kgl. bayer. Akad. d. Wissensch. Bd. XXVI Heft 3. 1896. Keller. Biologische Studien. Biol. Centralbl. Bd. XVII Nr. 3. 1897. Derselbe. Fortschritte auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologic. Biol. Centralbl. Bd. XIIL 1893. G. Klebs. Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Fortpflanzung der Gewchse. Biol. Centralbl. Bd. XIIL 1893. Geneau de Lamarliere. lieeherches physiologiques sur les feuilles developpees Vombre et en soleil. Revue generale de botanique Nr. 47 u. 48. 1892. (Citirt nach Keller.) Leitgeb. Ueber Bilateralitl der Prothallien. Flora 1879. Jacques Loeb. Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Organbildung bei Thieren. Pflger's Archiv Bd. LXIII. 1896. Derselbe. Weitere Untersuchungen ber den Heliotropismus der Thiere und seine Uebertinstimmung mit dem Heliotropismus der Pflanzen. Pflger's Archiv 1890. Pick. Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Gestalt und Orientirung der Zellen des Assimilationsgewebes. Bot. Centralbl. Bd. IX. 1882. Sachs, ^'orlesungen ber Pflanzenphysiologie. Cap. XXXI S. 626 655. 1882. E. Stahl. Ueber den Einfluss der Lichtintensitt auf Structur und Anordnung des Assimilationsparenchyms. Botan. Zeitung Jahrg. XXXJ^III. 1880. Derselbe. Ueber den Einfluss des sonnigen oder schattigen Standortes auf die Aus- bildung der Laubbltter. Jenaische Zeitschrift f. Natur wissensch. Bd. XVI. 1883. Vehting. lieber die Bedeutung des Lichtes fr die Gestaltung blattfrmiger Kakteen. Pringsheitn's Jahrb. f. wissensch. Botanik Bd. XX VI. Derselbe. Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Gestaltung und Anlage der Blthen. Ebenda Bd. XXV. Berlin 1893. Abschnitt: Temperatur. Dareste. Recherches experimentales sur la production artiflcielle des monstruo.Hites. 2. Aufl. Paris 1891. Georg Dorfmeiater. Ueber die Einwirkung verschiedener whrend der Entwicklungs- periode angewendeter Wrmegrade auf die Frbung und Zeichnung der Schmetterlinge. MittJieil. d. nafunv. Vereins f. Steiermark 1864. Derselbe. Ueber den Einfluss der Temperatur bei der Erzeugung der Sehmetterlings- varietten. Mittheil. d. naturw. Vereins f. Steiermark 1879 und Frtedlnder u. Sohn. 1880. Eimer. Die Entstehung der Arten auf Grund von Vererben erworbener Eigenschaften nach den Gesetzen organischen Wachsens. Jena 1888. E. Fischer. Traiismutation der Schmetterlinge in Folge von Temperaturnderungefi. Experimentelle Untersuchungen ber die Phylogenese der Vanessen. Berlin 1895. Oscar Hertwig. Ueber den Einfluss der Temperatur auf die Entwicklung von Rana fusca und Rana esculenta. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. LI. 1898. Kaestner. Ueber knstliche Klteruhe von Hhnereiern im Verlauf der Bebrtung. Archiv f. Anat. u. Pltysiol.^ anat. .Ibth. 1895. Maupas. Sur le determinisme de la sexualit^ cJuz l'hydatina senta. Comptes rendus des seances de l'academie des sciences. Paris 1891. Die usseren Factoren der organischen Entwicklung. 142 9) Merrifield. The colouring of Chrysophanus Phlaeas as affected by temperature. TJie Entomologt. Becember IS92 u. 1893. 10) Nussbaum. Die Entstehung des Geschlechtes bei Hydatina senta Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLIX. 1897. 11) Pfeffer. Fanzcnphysiologie. Einjluss der Temperatur. 1. Aufl. Bd. 11 6. 122. 1881. 12) Julius Sachs. Physiologische Untersuchungen ber die Abhngigkeit der Keimung von der Temperatur. Jahrb. f. wissensch. Botanik Bd. II. 1860. 13) Wasmann. Farthenogemsis bei Ameisen durch knstliche Temperatur Verhltnisse. Biolog. Centmlbl. Bd. XL 1891. 14) Aug. Weis mann. Studien zur Bescendenztheorie. Ueber den Saisondimorpkismus der Schmetterlinge. Leipzig 1875. Abschnitte: Chemische Reize und Reize zusammengesetzter Art. 1) Bateson. On some variations of Cardium edule apparently connected to the conditions of life. Philosoph. Transactions 1890. 2) Born. Experimentelle Untersuchungen ber die Entstehung der Geschlechtsunterschiede. Breslauer rztliche Zeil schnft fr 1881. 3) Costa. Bullet, de la soc. d'acclimat. tom VIII p. 351. Citirt nach Barvnn. 4) Ch. Darwin. Bas Variiren der Thiere und I^flanzen im Zustande der Bomestieation. Bd. II, Cap. 23, S. 310. 1873. 5) Emery. Bie Entstehung und Ausbildung des Arbeiterstandes bei den Ameisen. Biolog. Centralbl. Bd. XIV. 1894. 6) Gies. Experimentelle Untersuchungen ber den Einfluss des Arsens auf den Organismus. Archiv f. experim. Path. u. Therapie Bd. VIII. 1878. 7) Gurwitsch. U^eber die formativc Wirkung des vernderten chemischen Mediums auf die embryonale Entwicklung. Versuche am Frosch- und Krtemi. Archiv f. Entwick- lungsmechanik d. Organistnen. Bd. III. 1896. 8) Herbst. Experimentelle Untersuchungen ber den Einfluss der vernderten chemischen Zusammensetzung des umgebenden Mediums auf die Entwicklung der Thiere. Mittheil, aus der zool. Station zu Neapel Bd. XI. 9) B er selbe. Ueber die zur Enttvicklung der Seeigellarven nothwendigen anorganischen Stoffe, ihre Rolle und ihre Vertretbarkeit. Archiv fr Entwicklung s - Meclianik Bd. V. 1897. 10) Oscar Hartwig. Beitrge zur experimentellen Morphologie und Entwicklungsgeschichte. Bie Entwicklung des Froscheies unter dem Einfluss schwcherer und strkerer Koch- salzlsungen, ^irchiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLIV. 11) Ber selbe. Experimentelle Erzeugung thierischcr Missbildungen. Festschrift fr Carl Gegenbaur. Leipzig 1896. 12) Kassowitz. Bie Phosphorbehandlung der Rhachitis. Zeitschr. fr klinische Medicin Bd. VII 1884. 13) Robert Keller. Ueber die Anpassungsfhigkeit phanerog amischer Landpflanzen an das Leben im Wasser. Biol. Centralbl. Bei. XVII. 1897. 14) W. Knop. Ueber eine merkwrdige Umgestaltung der Inflorescenz der Maispflanze bei knstlicher Ernhrung. Berichte b. d. Verhandl. d. kgl. schs. Gesellsch. d. Wissensch. zu Leipzig, math.-phys. Classe, Bd. XXX. 1878. 15) Gabriel Koch. Bie indo- australische Lepidopteren- Fauna. 2. Aufl. Berlin 1873. 16) Lesage. Influenae du bord de la mer sur structure des feuilles. These de Paris 1890. 17) Loeb. Untersuchungen zur physiologischen Morphologie der Thiere. II. Organbildung und Wachsthum. Wrzbu7-g 1892. 18) Morgan. The orientation of the frog's egg. Quarterly Journal of microscop. science Vol. 35 No. 5. 19) Noll. Ueber den Einfluss der Lage auf die morphologische Ausbildung einiger Siphoneen. Arbeiten d. bot. Inst, in Wrzburg Bd. III. 1888. 20) Nussbaum. Bie Entstehung des Geschlechtes bei Hydatina senta. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLIX. 1897. 21) Pouchet und Chabry. L'eau de mer arliflciellc comme agent teratogenique. Journ. de VAnat. et de la Physiol. de Robin et Pouchet p. 298 307. 1889. 22) Sachs. Physiologische Notizen VIII. Mechetnomorphosen u. Phylogenie. Flora 1894. 23) Schmanke witsch. Ueber das l'erhltniss der Artemia salina zur Artemia Mhl- hausenia und dem Genus Branchipus. Zeitschr. f. wissensch. Zool. Bd. XXV, Suppl.-Bd. 24) Pr. Eilhard Schulze. Epithel und Brsenzellen. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. III. 1867. 25) Spencer. A rejoinder to Professor Weismann. Contemporary review 1893. 142 Neuntes Capitel. Die usseren Factoren der org'anischen Entwicklung. 26) A. R. Wallaee. Travils on the Amazon and the Rio Negro. p. 294. Citirt nach Darwin. 27) Wegner. Der Einuss des Phosphors auf den Organismus. Virchow's Arch. Bd. LV. 1812. 28) Ziegler tmd Obolonsky. Experimentelle Untersuchungen ber die Wirkung des Ar- seniks und des Phosphors auf Lebei- und Nieren. Beitr. z. pathol. Anat. von Zieglei' Bd. IL ISSH. Abschnitt: Organische Reize. 1) Charles Darwin. JDaa Varren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Bomesti- cation. Bd. /, Cap. IJ, S. 417. Bd. II, S. 322326. 2) Foeke. Die Pflanzen- Mischlinge. Berlin 1881. S. 510. 'S) Hildebrand. Einige Experimente und Beobachtungen 1) ber den Einflus der Unter- lage auf das Pfropfreis und 2) ber den directen Einuss des fremden Pollens auf die Bescha'enheit der durch ihn erzeugten Frucht. Bot. Zcitg. 1868 S. 321. 4) liindemuth. Leber vegetative Bastarderzeugung durch Impfung. Landwirthschaftl. Jahrbcher Bd. VIL 1878. 5) Jul. Sachs. T'oi-lesungen ber Panzenphysiologie. S. 6.52. 1S82. 6) Herbert Spencer. I)ie Unzulnglichkeit der natrlichen Zuchtwahl. Biol. Centralbl. Bd. XIV 6'. 202. 1894. 7) Vohting. Ueber Transplantation auf Pflanzenkrper. Untersuch, z. Physiol. u. Path. Tbingen 1892. 8) Hugo de Vries. Intracellulare Pangenesis. Jena 1889. 9) von Wasielewski. Sporozoenkunde. Jena 1896. 10) Weismann. Bas Keimplasma. Cap. XII. Zweifelhafte VererbungserscJieinungen. Jena 1892. Es sei ferner noch auf folgende Schriften allgemeineren Inhalts ber die Wirksamkeit usserer Factoren der Entwicklung verwiesen. 1) Darwin. Bie Entstehung der Arten. 2) Berselbe. Bas Varren der Thiere und Pflanzen. 3) Driesch. Analytische Theorie der organischen Entwicklung. Leipzig 1894. 4) Haeckel. Getierelle Morphologie der Organismen. 5) Herbst. Ueber die Bedeutung der Reizphysiologie fr die causale Auffassung von J'orgngen in der thierischen Ontogenese. Biol. Centralbl. Bd. XIV. 1894. Bd. XV. 1895. Baselbst auch ausfhrliches Literaturverzeichnisse auch von einzelnen hier nicht aufgefhrten Schriften. 6) Lamarck. Zoologische Philosophie. Uebersetzt von A. Lang. 1876. 7) Roux. Gesammelte Abhandlungen. Bd. I. Functionelle Anpassung. 8) Sachs. T'orlesungen ber Pflanzenphysiologie. 9) Berselbe. Stoff tmd Form der Pflanzenorgane. Mechanomorphosen und Phylogenie. Flora Bd. LXXJ'IIL 1894. 10) Herb. Spencer. Principiin dei- Biologie. Bd. I u. II. ZEHNTES CAPITEL. Die Theorie der Biogenesis. II. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. Wie der Organismus in einer Beziehung von unzhligen usseren Factoren abhngig ist , welche erhaltend oder vernichtend , beschleu- nigend oder hemmend, frdernd oder schdigend in den Lebensprocess eingreifen, die Zellen, die Gewebe und Organe modificirend und um- gestaltend, so hngt in anderer Beziehung sein Bestand im Ganzen, ferner die Function und Gestaltung jedes einzelnen Theiles von nicht minder zahlreichen inneren Factoren ab. Wie schon im siebenten Capitel aus einander gesetzt wurde, zer- fallen die inneren Factoren der Entwicklung in zwei Gruppen. Die eine Gruppe bilden die Eigenschaften und Anlagen der Geschlechts- zellen und ihrer Abkmmlinge selbst (die inneren Factoren im engsten Sinne) , in der zweiten Gruppe dagegen fassen wir die zahllosen und verschiedenartigsten Wechselwirkungen zusammen, welche die Zellen. Gewebe und Organe eines Organismus gemss ihrer Beziehungen auf einander ausben. Mit der zweiten Gruppe, den i n n e r e n F a c t o r e n im weiteren Sinne, wollen wir uns jetzt zunchst beschftigen. Sie sind besonders fr das Verstndniss der thierischen Formbildung von der allergrssten Bedeutung. Denn bei den Thieren ist die phy- siologische A r b e i t s t h e i 1 u n g und die als Ergnzung zu ihr sich ausbildende Integration (siehe Seite 79 u. 85) in ungleich grsserem Maasse durchgefhrt als bei den Pflanzen. Whrend bei diesen die Wirksamkeit der usseren Factoren klarer hervortritt, sind die Thiere fr das Studium der inneren Factoren die geeignetsten Objecte. Die Wechselwirkungen (Correlationen) zwischen den Zellen eines Organismus und ihren Derivaten bilden sich mit dem Beginn des Entwicklungsprocesses aus, ndern sich von Stufe zu Stufe und com- pliciren sich in demselben Maasse, als die Entwicklung fortschreitet. Ihre Besprechung geschieht daher am besten in zwei Abschnitten. Der erste wird von den Correlationen des sich entwickelnden . der zweite Abschnitt von den Correlationen des ausgebildeten Organismus handeln. 144 Zehntes Capitel. A. Die Correlationen der Zellen whrend der Anfangrs- stadien des Entwieklungrsproeesses. Im Gegensatz zur ^losa ik theorie von Roux und der Keim- pia sma theo lie von Weismann stellt die Theorie der Bio- genesis den Grundsatz auf, dass vom ersten Beginn der Entwicklung an die durch Theilung des Eies sich bildenden Zellen bestndig in engster Beziehung zu einander stehen, und dass dadurch die Gestaltung des Entwicklungsprocesses sehr wesentlich mit bestimmt wird. Die Zellen d e t e r m i n i r e n sich zu ihrer s p t e i- e n Eigenart nicht selbst, sondern werden nach Gesetzen, die sich aus dem Zusammenwirken aller Zellen auf den jeweiligen Entwicklungsstufen des Gesa mm t Organismus ergeben, determinirt. Allerdings sind die Wirkungen, welche von einer Zelle auf die Nachbarzellen oder umgekehrt vom Ganzen auf die ein- zelnen Zellen ausgebt werden, fr uns nicht unmittell)ar wahrnehm- bar; dass aber solche statttinden mssen, lsst sich auf Grund zahl- reiclier verschiedenartiger Experimente erschliessen , durch welche in den letzten Jahren unsere Einsicht in das Wesen des organischen Entwicklungsprocesses eine bedeutende Vertiefung erfahren hat. Dass schon die beiden ersten Theilhlfteu. in welche das Ei durch den Furchungsprocess zerlegt wird, in Correlation zu einander treten, auf einander einwirken und sich in ihrer Entwicklung bedingen, lsst sich in einfacher Weise feststellen , wenn man ihre Beziehungen zu einander entweder ganz aufhebt oder wenigstens in eingreifender Art strt und verndert und nun zeigt, dass in Folge dessen jetzt auch ihre Entwicklung eine andere als unter den normalen Verhltnissen wird. Dkiesch hat zuerst eine Reihe derartiger hchst wichtiger Experi- mente erffnet, indem er Seeigeleier nach eben beendeter erster Theilung schttelte. In vielen Fllen gelang es ihm hierdurch , die Eihlle zu sprengen, die beiden Theilstcke zu isoliren und sie da- durch zu zwingen, sich getrennt von einander weiter zu entwickeln. Und siehe da! aus jeder Theilhlfte entstand jetzt nicht ein monstrses Stck eines Embryos, sondern der Theil war durch die Trennung selbst wieder zu einem Ganzen geworden; er rundete sich mehr ab, furchte sich weiter, wandelte sich dann in eine geschlossene Keimblase um ; aus dieser entstand eine Darmlarve (Gastrula) und scliliesslich ein Pluteus. Dkiesch hatte somit aus einer Theilhlfte des ganzen Eies eine wirkliclie See- igellarve gezchtet , die von den gewhnlichen Larven nur durch eine geringere Grsse unterschieden ist, da sie ja nur aus der Hlfte des Materials hervorgegangen war. Die von Dkiesch gebte Methode versuchte dann der amerikanische Forscher Wilson mit glnzendem Erfolg beim Amphioxus, einem Thiere, das fr uns in dieser Frage besonderen Werth besitzt, weil es schon hoch organisirt. mit Rckenmark. Chorda, Nieren, Leibeshhle, Muskelsegmenten etc. ausgerstet ist und seinem Fig. 57. Normale und Theilgastrulae von Amphioxus. Xadi Wilson. A Aus dem f^anzcn Ei, B aus einer ein- zigen, knstlich isoliiten Zelle des zweigetheilten, C des viergetheilten, D des achtgetheilten Eies gezchtete Gastrula. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. 145 ganzen Bau nach zum Stamme der Wirbeltliiere hinzu gerechnet werden muss. Durch Schtteln trennte er bei einzelnen Eiern, die sich auf dem Stadium der Zweitheilung befanden, die einzelnen Furchungszellen von einander und zchtete sie isolirt weiter. Auch bei seinen Ver- suchen (Fig. 57) entwickelten sich aus den Theilstcken normale Keim- blasen, aus diesen wieder Gastrulae. die nur die halbe Grsse (B) der entsprechenden normalen Eml>ryonalform aufwiesen ; es Hessen sich sogar ltere Embryonen mit Chorda, Nervenrohr und Ursegmenten heranzchten. Aehnliche Experimente sind seitdem mit gleichem Erfolg noch bei anderen Thieren ausgefhrt worden, bei Coelenteraten (Zoja), bei Ascidien (Fig. 58 u. 59, Chabry, Driesch, Crampton), bei Amphibien (Hertwig, Herlitzka, Morgan) etc. Fig. 58. Fig. 59. Fig. 58. Ei von Ascidiella aspersa, bei welchem eine Theilhlfte durch Anstich mit einer Glasnadel zerstrt ist. Nach Chabry. A Bald nach Zerstrung- der einen Theilhlfte gezeichnet. jB Die erhaltene Eihlfte im Stadium der Zweitheilung vom oberen Pol gesehen, wie es die Kichtungskrperchen lehren. C Die berlebende Eihlfte auf dem Gastrulastadium. 1 Blastoporus. -Ec Ektoderm. G Zerstrte, JD berlebende Eihlfte. Fig. 59. Larve von Ascidiella aspersa, von halber Grsse, entwickelt aus einem halben Ei, da auf dem Stadium der Viertheilung zwei Viertel-Zellen durch Anstich zerstrt wurden. Die Larve zeigt den Schwanz mit entwickelter Chorda und den Beginn der Einstlpung eines Atriums. Nach Chabry. At Atrium. n Entoderra. F Papille zum Anheften. No Chorda. Die bei Ascidiella aspersa gewonnenen Ergebnisse veranschau- lichen die Fig. 58 und 59. In Fig. 58 ist die durch Anstich zer- strte Hlfte (G) des Zweitheilungsstadiums geronnen, whrend die unverletzt gebliebene Hlfte D weiter lebt, sich nach einiger Zeit theilt (Fig. hS B) und sich bald in eine normale typische Gastrula (C) umwandelt. Die Gastrula lsst sich sogar noch zu einer Larve (Fig. 59) weiter zchten, welche Chorda, Nervenrohr, Otolith, Papillen zum An- heften, Anlage des Atriums entwickelt zeigt. Besondere Erwhnung verdienen auch die Experimente von Herlitzka wegen des bei ihnen angewandten eigenartigen Verfahrens, welches ich zuerst versucht habe , aber wegen der Schwierigkeit der Ausfhrung ohne Erreichung des beabsichtigten Erfolges aufgeben musste. Mit einem feinen Coconfaden (Fig. 60 f^f) hat Herlitzka mit Hilfe eines zu dem Zwecke von ihm erfundenen Instrumentes das zwei- getheilte Tritonei in der Theilungsebene durchgeschnrt und in einer Hertwig, Allgem. Anatomie n. Fhysiolojrie der Gewebe. und 10 146 Zehntes Capitel. Fig. 60. Ein Ei von Triton cristatus, bei welchem auf dem Zweitheiliuigsstadium die zwei Zellen durch Umschnruui;- mit einem Sei- denfaden getrennt wurden und sich in Folge dessen zu zwei selbstndigen Embryonen entwickelten. Kurze Zeit vor dem Ausschlpfen der zwei aus einem Ei entstandenen Embryonen. Nach Herlitzka. Reihe von Fllen die beiden ersten Furchuugskugelu vollstndig von einander isolirt. Eine jede entwickelte sich innerhalb der gemeinsamen Gallerthlle des Eies zu einem ganzen Embryo von halber Grsse. Entsprechende Ergebnisse erhlt man, wenn l)ei den Eiern von Seeigeln, Coelenteraten und i)esonders von Amphi- oxus nach dem zweiten Theilstadium die vier, oder nach dem dritten Theilstadium die acht Furchungskugeln von einander durch Schtteln getrennt und isolirt fortgezchtet werden. Es gelingt nicht selten, aus den Bruchtheilen , die nur V4 oder ^/s des ganzen Eies reprsen- tireu, gleichwohl noch ganze Keimblasen und ganze Gastrulae zu gewinnen, die allerdings dann nur ^U oder ' s so gross als das normale Eutwicklungsproduct sind (Fig. 57 C u. JD). Alle diese Versuche lehren in unzweideutiger Weise, dass von den zwei, vier oder acht ersten Theilstcken eines Eies ein jedes sich in seinem Entwncklungsver- mgen sehr verschieden verhlt, je nachdem es sich mit den anderen Zellen in noiinaler Weise zu einem Ganzen verbunden in C r r e 1 a t i u oder getrennt vom Ganzen fr sich allein entwickelt. Im ersteren Falle wird es in seiner Entwicklung vom Ganzen aus. dessen Theil es ist, durch die Correlation zu anderen Theilon in seinen Schicksalen bestimmt und trgt nur zur Bildung eines halben (resp. vierten und achten) T heiles des embryo- nalen Krpers bei, im anderen Fall erzeugt es aus sich allein das Ganze, weil es von Haus aus die Anlage dazu in sich trgt, und weil es nach Abtrennuug von den anderen ihm artgleichen Theilen selbst wieder ein Ganzes geworden ist. Von den ersten Furchungszellen ist also eine jede ihrem inneren Wesen nach ge wisse r- m a a s s e n Theil und Ganzes zugleich und kann je nach den Umstnden bald in dieser, bald in jener Weise er- scheinen. Es enthlt zum Beispiel jede der beiden ersten Furchungszellen nicht nur die d i f f e r e n z i r e n d e u und gestaltenden Krfte fr eine K rperhlfte, sondern fr den ganzen ( ) r g a n i s m us , und n u r (lad u r c h e n t w i c k e 1 1 sich normaler Weise die linke Furch ungszelle zur link en K ri)erhl fte, dass sie zu einer rechten Furchungszelle in Bezieil nng gesetzt ist. In einem Widerspruch mit unserer These sollen nach der Ansicht einiger Forscher Ergebnisse stehen, die am Ei von Ctenophoren gewoiiiieii wurden; sie verdienen daher auch noch bercksichtigt zu werden. Nach Experimenten, welche zuerst von Chun, dann von Diuesch und Morgan und neuerdings wieder von Fischkl angestellt worden sind, kann man das grosse, sehr dotterreiche Ei von Beroe ovata, nach der Zwei-, Vier- oder Achttheilung oder auf einem noch spteren I Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. 147 Stadium in dieser oder jener Weise in zwei oder vier Stcke zerlegen, welche sich una))hngig von einander zu Larven weiter zchten lassen. FiscHEL, der letzte Untersucher des Ctenophoreneies , hat in der Weise experimentirt , dass die von einander getrennten Theilstcke gemeinsam eingeschlossen blieben. Er er- einem Ei abstammenden Larven E i g e n t h m 1 i c h e am Anfang Pig. 61. Vier Larven einem Ei von eroe ovata desselben in vier Stcke gezchtet sind FiSCHKL. h EihUe. x Flimmerplttchen a b c d, die aus durch Zerlegung Nach noch von der Dotterhaut hielt hierdurch den Vortheil, die von mit einander vergleichen zu knnen. So sind in Fig. 61 in der Dotterhaut vier kleine Larven eingeschlossen , die durch Zerlegung eines ziem- lich weit entwickelten Eies, in welchem die Makromeren von den Mikromeren schon umwachsen waren , gezchtet worden sind. Wie in dem vorliegenden Beispiel zeigen nun berhaupt die durch Theilung eines Beroe- eies entwickelten Larven das dass die Anzahl ihrer Rippen stets unter der Normalzahl acht" bleibt, welche fr die Cteno- phoreu typisch ist. Erst alle aus einem Ei gezchteten Larven zusammen besitzen, wie besonders Fischel betont, acht Rippen von Flimmer- plttchen und ergnzen sich in dieser Beziehung. So hat von den vier Larven unserer Figur eine drei, zwei zwei und die kleinste nur eine Rippe entwickelt, was in Summa erst die ganze Rippenzahl einer aus einem ganzen Ei entstehenden normalen Larve ergibt. Man hat aus solchen Befunden die unserer These entgegengesetzte Ansicht zu sttzen gesucht, dass jedes Theilstck des Ctenophoreneies in Folge des Furchungsprocesses fr eine besondere Aufgabe im weiteren Entwicklungsprocess bereits speciticirt sei und daher auch nach Abtrennung vom Ganzen zunchst nicht mehr aus sich das Ganze, sondern nur einen bestimmten Theil erzeugen knne. Indessen lassen sich die scheinbar abweichenden, eigenartigen Verhltnisse sehr wohl mit unserer oben aufgestellten These vereinbaren. Drei Punkte sind hierbei zu bercksichtigen. Erstens zeigt das sehr grosse, dotterreiche Ei von Beroe einen besonders gearteten Bau, indem grosse Deutoplasmakugeln, von feinen plasmatischeu Scheidewnden getrennt, die centrale Hauptmasse bilden, welche nur au der Oberflche von einer dickeren Plasmarinde ein- geschlossen ist. Bei der Trennung des zwei- oder vier- oder niehr- getheilten Eies erhlt man daher Theilstcke , bei welchen die ganze Trennuugsfiche ausserordentlich arm an Protoplasma ist und dadurch in einem Gegensatz zur convexen, ursprnglichen Oberche steht. Da ausserdem das Deutoplasma auch noch fast das gleiche specitische Gewicht wie das Meerwasser hat denn die Eier schwimmen im Wasser , zeigt das Theilstck lngere Zeit gar kein Bestreben sich abzurunden , wie auch Fischel besonders hervorhebt. Von der ursprnglichen convexen Oberflche her wird allmhlich das freiliegende 10* 148 Zehntes Capitel. Deutoplasma berwachsen und mit einer wahrscheinlich erst sehr (liinnen Ektodermschieht ])erzogen. Auf der mangelhaften Ausbildung der letzteren und damit in letzter Instanz auf dem plasmatischen Bau des unbefruchteten Eies (vergleiche hierber auch das im Capitel XVIII Gesagte) wird es wohl beruhen, dass nur auf der Oberthiche des Theilstckes, welche der ursprnglichen Oberflche des ganzen Eies entspricht, zunchst Rippen und daher nur in reducirter Zahl entwickelt werden. Zweitens haben Driesch und Moroan durch ihre sinnreich variirten Experimente gezeigt, dass man genau dieselben Defecte in der Anzahl der Flimmerrippen erhlt, wenn man an befruchteten Eiern von Beroe vor der Theilung grssere Stcke des Eikrpers wegschneidet und so den sich entwickelnden, mit dem Kern versehenen Theil auf einer grsseren Strecke seines Hautplasmas beraubt. Schon durch diese Procedur vor der Theilung ist dieBild ungs mglich - keit von Rippen in der Gegend des freiliegenden Deuto- ]) 1 a s m a s zunchst v e r n i c h t e t w o r d e n. Mit Recht he])en da her Driesch und ]\[or(;an hervor, dass die Defecte in der Rippeuzahl an Larven lediglich auf protoplasmatischer Basis beruhen und in keinem Fall geeignet sind, die Lehre von qualitativer Kerntheilung zu sttzen". Denn ..die defecten Larven, welche sie aus isolirten Blastomeren auf- zogen, waren denen ausserordentlich hnlich oder sogar gleich ge- staltet, welche sich aus ungefurchten Eiern, denen Plasma genommen, aber das volle Kernmaterial belassen ward, entwickelten". Drittens endlich bilden die aus Theilstcken des Eies gezchteten Larven mehr Organe als sie die Richtigkeit der Specitication an- genommen ])ilden drften. Denn jedes erhlt einen ganzen, in sich abgeschlossenen, normalen Magen (Fig. 61 ), und aus diesem entstehen hutig mehr Entodermtaschen , als sie dem Theilstck zukommen wrden. Besonders aber ist hierbei im Auge zu behalten, dass die Magenanlage in ganz anderer Weise orientirt ist, als es bei einem aus dem ganzen Ei hervorgegangeneu Magen der Fall ist. Die Magen- anlage des Theilstckes entsteht nmlich nach der Darstellung von FiscHEL von der Trennungstlche, zuweilen sogar von ihrer Mitte aus, und wchst von hier mit ihrem Grund der gewlbten ursprnglichen ()l)ertlche schrg entgegen, was schon eine andersartige Verwendung des Zellenmaterials als liei normaler Entwicklung bedingt. Ferner erhlt jede der in Fig. 61 abgebildeten Larven auch ihr eigenes Central- nervensystem. Somit lsst sich das scheinbar abweichende Verhalten des Cteno- phoreneies. zumal wenn man die Bemerkungen ber die Organisation des Eies in Capitel XVIII gebhrend liercksichtigt, mit unserer Theorie leicht in F>inklang bringen. Man kann brigens den mitgetheilten Versuchen der Zerlegung zwei- und viergetlieilter Eier noch eine andere interessante Modi- tication gebrn und dadurch erreichen, dass sich aus der zwei- getheilten Eizelle weder ein einfacher Embryo, noch ihrer zwei, sondern ein verschieden g e s t a 1 1 e t e s M i 1 1 e 1 - ding zwischen beiden, eine Doppelmissbildung, ent- wickelt. Zu dem Zwecke muss man versuchen, die beiden Theil- hlften durch Schtteln oder andere Eingriffe nur theil weise von einander zu trennen; man muss nur die normale Correlation der Die innereu Factoren der organischen Entwicklung. 149 beiden Zellen, ihre bei dem Furchungspiocess entstandene Zusammen- lagerung, ihre Form, die Vertheilung ihrer verschiedenen Substanzen, wo solche schrfer gesondert sind, stren und etwas abndern. Auf diesem Wege lassen sich aus einem Ei an geeigneten Ver- suchsobjecten, besonders an Eiern von Amphioxus und Rana fusca, Missbildungen erhalten, bei welchen der vordere Theil des Krpers in grsserer oder geringerer Ausdehnung doppelt, der brige hintere Theil einfach angelegt ist. Durch Schtteln der Eier von Amphioxus rief Wilson in vielen Fllen nur eine Verschiebung der zwei, resp. vier ersten Furchungs- kugeln hervor und erzielte so gewissermaassen, als einen Compromiss zwischen einer doppelten und einer einfachen Entwicklung, Zwillinge von sehr verschiedener Form. Fig. 62. Vier Doppelgastrulae von Amphioxus [A B CD), entstanden durch Schtteln des Eies auf dem Stadium der Zweitheilung, sieben Stunden nach der Be- fruchtung. Nach Wilson. u^ 2 Nach verschiedenen Richtungen orientirter Urmund der zwei aus je einer Eihlfte entstandenen Gastrulae. u Gemeinsamer Urmund zweier Gastrulae. Aus der Abhandlung von Wilson habe ich in Fig. 62 vier Bei- spiele von Doppelgastrulae zusammengestellt, welche in dieser Weise neben vielen anderen erhalten wurden. Sie zeigen, wie in Folge blosser Verschiebung der beiden ersten Theilhlften au einander aus jeder fr sich eine Gastrula entstanden ist, die mit der andern bald mehr, bald minder weit zusammenhngt. Dabei sind in jedem der vier aus- gewhlten Flle die Zwillingsgastrulae mit ihren Achsen und ihrem Urmund in verschiedener Weise zu einander orientirt. Entweder mnden die beiden Gastrulahhlen mit einem gemeinsamen, weiten Urmund aus (D), oder die beiden Blastopori sind ganz getrennt; hierbei knnen sie entweder neben einander (C) an der Oberflche des Zwillings ausmnden, oder so, dass der eine nach vorn, der andere nach hinten (), oder der eine nach links, der andere nach rechts (B) gelegen ist. Im weiteren Verlauf der Entwicklung muss das Aussehen der vier Zwillinge, wenn Nervenrohr, Chorda etc. angelegt werden, sehr verschieden ausfallen, wie sich aus der ungleichen Stellung der Achsen der Gastrulae zu einander von selbst ergibt. X50 Zehntes Capitel. Auch einige ltere derartige Doppelmissbildimgen mit Chorda und Muskelsegmeuten etc. hat Wilson gezchtet und abgebildet, worber das Nhere aus seiner Abhandlung zu ersehen ist. Durch einen eigenartigen Kunstgriff hat ferner Oscar Schultze Verdoppelungen von Froscheiern erreicht, die sonst sehr wenig zu derartigen Missbildungen neigen. Er hat Froscheier zwischen hori- zontalen Objecttrgern gepresst und unmittelbar nach der Zweitheilung umgekehrt. In jeder Theilhlfte machte sich hierauf das Bestreben geltend, die animale, pigmentirte Hlfte durch Umkehrung wieder mehr nach oben zu bringen. In Folge dessen wird allmhlich die normale Lage der beiden Furchungshallikugeln zu einander mehr gelockert und verndert. Ihre auinialen Abschnitte stellen nicht mehr zusammen eine einfache animale Scheibe da?-, sondern sind gleichsam in zwei getrennte Theile zerlegt, indem sich ein Streifen von vege- tativer Dottermasse zwischen sie trennend hineinschiebt. Die so her- vorgerufene Strung in der normalen Correlation der beiden Zellen A B Fig. 68. Fig. 64. Fig. 63. Schnitt durch ein compinmirtes und nach Beginn der ersten Furche gedrehtes Ei von Rana tsca auf dem Blastulastadium nach Auf- hebung der Compression. k Keimhlile. Nach Wetzkl. Fig. 64 ./ u. B. Zwei zwischen horizontalen Platten gepresst e Eier von Rana fusca, welche auf dem Stadium der ersten Furche so gedreht wurden, dass das helle Feld genau nach oben gerichtet war. Nach Oscar Schultze. A Medullarrinne mit vorderer Theilung als Anlage einer Duplicitas anterior. B Dasselbe Ei zu einem typischen Dicephalus geworden. wird dann im weiteren Verlauf wieder die Ursache, dass l)ei fort- gesetzter Furchung zwei getrennte Furchungshhlen (Fig. 63 h k) entstehen, dass aus dem einfachen Ei also eine Doppelkeimblase Avird, dass sich an dieser zwei Gastrulaeinstlpungen bilden. Da jede der aus dem natrlichen Zusammenhang gebrachten Hlften sich theilweise fr sich selbstndig entwickelt, liefert das ursprnglich einfache, aber durch Compression und Umkehr in vernderte Bedingungen gebrachte Froschoi anstatt eines einfachen Emliryos Zwill inge. die tiieilweise unter einander zusammenhngen und einzelne Krpertheile genieinsam haben. Von den fi- die Theorie der Biogenesis ebenfalls sehr lehrreichen l)oppell)ildniigen des Froschoies gebe ich drei Beis])iele in den Fig. 64 67 aus den interessanten Abhandlungen v(m Oscak Schultze und von Wetzel, welcher die Umkehrversuche mit dem gleichen Erfolg wiedeiholt und die missgebildeten Eier auf Schnittserien weiter untersucht hat. Fig. 64 yi u. B stellt vuw aus einem normalen Ei knstlich erzeugte Duplicitas anterior auf einem jngeren iA) und lteren Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. 151 Stadiuni (B) dar, beide vom Rcken aus gesehen. Auf dem jngeren Stadium sind die Medullarwlste entwickelt, welche, von der Norm abweichend, eine in drei Zipfel auslaufende llinne begrenzen. Die nach vorn gerichteten krzeren Zipfel sind die Anlagen fr zwei ge- trennte Kpfe, sie liefern beim Verschluss der Rnder der einander gegenberstehenden Medullarwlste zwei Rhren, aus denen sich die einzelnen Blasen fr zwei Gehirne differenziren. Der hintere Zipfel ist die Anlage fr den hinteren gemeinsamen Rumpftheil der Doppel- bildung, indem die gegenberstehenden Medullarwlste ])ei ihrem Ver- schluss ein einfaches Rckenmarksrohr liefern. Im Laufe der weiteren Entwicklung ist aus dem Stadium A der in B abgebildete Embryo entstanden mit zwei vollkommen getrennten, weit entwickelten Kpfen, deren jeder mit zwei grossen Kiemenbschelu ausgestattet ist. Die Verdoppelung erstreckt sich aucli noch auf den vordersten Theil des Rumpfes, whrend die Rumpfmitte und das It Fig. 65. Fig. 65. Ei von Rana fusca, nach der- selben Methode wie in Fig. 64 behandelt. Nach Oscar Schultze. Auf jeder der beiden Eihlften haben sich Medullarwlste entwickelt, deren Kopf- theile jedoch entgegengesetzt gelagert sind. Fig. 66. Ei von Rana fusea, nach der- selben Methode wie in Fig. 64 u. 65 behandelt. Nach Wetzel. Aus jeder Eihlfte ist ein Embryo mit Medullarwlsten entstanden. Beide Embryonen zeigen Rckenmark und Chorda getrennt, sind dagegen in der Bauchgegend verschmolzen. h Getrennte Kopfenden, m Medullarwlste. c Linie, in der die median gelegenen Medullarwlste zusammentreffen. Fig. 66. Schwanzende einfach sind. Ventral wrts besitzt die Duplicitas anterior einen gemeinsamen Dottersack, Noch weiter ist die Sonderung der beiden Anlagen in Fig. 65 gediehen. Aus jeder Hlfte des zweigetheilten Eies ist eine von hohen Medullarwlsten begrenzte, von der andern ganz isolirte Medullarrinne entstanden, und zwar so, dass ihre Kopfenden nach entgegengesetzten Enden in hnlicher Weise wie bei der Doppelgastrula des Amphioxus (Fig. 62 A) orientirt sind. Aus den Anlagen kann man mit grosser Sicherheit hinsichtlich des weiteren Verlaufes wohl voraussagen , dass zwei mit ihren Achsenorganeu vollkommen gesonderte Embryonen zu Stande kommen werden, die nur ventralwrts einem gemeinsamen Dottersack aufsitzen. In dem dritten Beispiel endlich (Fig. 66) sind aus den beiden ersten Furchungszellen in Folge der Compression und Umkehrung zwei Embryonen hervorgegangen, die mit ihren Lngsachsen parallel und dicht neben einander liegen , wie die Doppelgastrulae von Ampliioxus (Fig. 62 C). Sie befinden sich auf dem Stadium der Medullarrinne 152 Zehntes Capitel. mit weit vorspriugendeu Rckenwlsteu. Nur die Kopfenden, welche in derselben Richtung orientirt sind, weichen nach vorn, wie in der Fig. 64: A, ein wenig aus einander und sind vollstndig gesondert. Auf einer Querschnittserie (Fig. 67 u. B) durch den abgebildeten Embryo (Fig. 60) sieht mau in dem Schnitt durch das Kopfende (Fig. 67 ) zwei in sich abgeschlossene Kopfdarmhhlen (en) , zwei Rckenseiten (ch) und zwei Hirnanlagen, zwischen welche eine tiefe, A B Fig. 67 ./ u. B. Zwei Durchschnitte durch die in Fig. 66 abgebildete Doppelmissbildung. Nach Wetzel. von p]ktoderm ausgekleidete Rinne einschneidet. Die eine Hirnanlage ist bereits zum Rohr geschlossen, die andere noch als Rinne geffnet. In der Mitte der Doppelbildung (Fig. 67 B) sind beide Anlagen nher zusammengerckt. Whrend ventral wrts die in den Kopfanlageu ge- trennten Darmhhlen zu einem Hohlraum verschmolzen sind, haben sich die Rckeuorgane noch ganz gesondert erhalten, doch liegen die beiden Medullarrinnen so dicht zusammen, dass die einander zu- gekehrten ]\Iedullarwlste sich mit ihren Rndern fast l)erhren. B C K^z r \ \ \ \ I I Fig. 68. -/ u. B Zwei Schemata zur Erluterung der Entstehung einer Doppelmissbildung des Lachses aus zwei Gastrulaeinstlpungen. K^ K- Retlite und linUu Ko])f;inlai^e einer Doppelhildung. Z Zwi.sclieiistck. C Schematische Darstellung der Keimscheibe eines Hhnchens mit zwei Primitivrinnen. Aehnlirbc D()])i)('lmissbildungen, wie sie in Folge knstlicher Ein- griffe durch einfache Verlagerung der Furchungselemente eines ganz normalen, einfachen Eies willkrlich erzeugt werden knnen, kommen in der Natur zuweilen auch ohne gewaltsamen Eingriff" zur Entwick- lung aus Ursachen . die sich noch unserer Kenntniss entziehen. Be- sonders hutig werden sie bei den grossen, dotterreichen Eiern der Fische (Forellen), Reptilien und Vgel beobachtet. Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. 153 An einem sonst anscheinend normalen Ei entstehen anstatt einer zwei Gastrulaeinstlpungen an zwei getrennten Stellen der Keimblase (Randzone der Keimscheibe meroblastischer Eier, Fig. GS). Je nach der Lage der zwei Einstlpungen, die gleichsam als die Krystallisationspunkte fiir die weitere Embryobildung bezeichnet werden knnen , werden jetzt die Embryonalzelleu der Keimscheibe in den Entwicklungsprocess hineingezogen, in genauer liestimmte Lagen zu einander gebracht und zur Organbilduug l)enutzt. Im Anschluss an eine doppelte Gastrulaeiustlpung entstehen dann zum Beispiel anstatt zweier vier Ohrblschen, vier Augenblschen, vier Geruchsgrbchen etc. aus Zellgruppen, die durch ihre Lage zu den Orten der ersten Ein- stlpung bestimmt werden. Je nachdem ferner die zwei Gastrulaeinstlpungen am Keim- scheibenrand in grsserer Nhe oder in grsserer Entfernung von einander aufgetreten sind . fallen die vorderen verdoppelten Rumpf- theile krzer oder lnger aus, wovon dann wieder die Lnge des sich einfach anlegenden hinteren Krperendes abhngt (Fig. 68 B C). Wie leicht ersichtlich ist . bilden die Doppelmissbildungen , deren Entstehung durch die experimentell erzeugten Formen unserem Ver- stndniss erheblich nher gerckt ist, ein sehr werthvolles und beweis- krftiges Material fr die Lehre, dass die Embryonalzellen nicht von vornherein fi- bestimmte Aufgaben im Entwicklungsprocess specificirt sind , sondern je nach den Bedingungen , unter welche sie auf dem normalen oder auf dem experimentell abgenderten Wege gerathen. zu dieser oder jener Rolle determinirt und zum Aufl)au dieses oder jenes Organes und Gewebes verwandt werden. Denn je nachdem durch knstliche Eingritfe die beiden ersten Theilstcke gegen einander ver- schoben und in verschiedene Stellungen gebracht werden, nehmen aus ihnen vollkommene oder partielle Verdoppelungen der mannigfachsten Art ihren Ursprung. Wer nur irgend wie mit den Grundprocessen bekannt ist, durch welche sich die Entwicklung eines Thieres vollzieht, wird einsehen, dass die Gesetzmssigkeiten, welche in der ausserordent- lich regelmssigen Zusammenpassung der correspondirenden Organe der linken und der rechten Krperhlfte auch bei den Doppelmissbildungeu zu beobachten sind, sich allein aus Wachsthumscorrelationeu begreifen lassen . das heisst aus den Beziehungen . in welche die vorhandenen, bestimmt gelagerten Embryonalzellen durch den Entwicklungsprocess gebracht werden. Alle Prformationshypothesen versagen hier ihren Dienst oder mssen mit Zusatzhypothesen derart beladen werden, dass sie auch dadurch in ihr Gegentheil verwandelt werden. Im Uebrigen ergil)t schon, von allen Experimenten abgesehen, eine einfache eberlegung. dass auch bei Annahme er])gleicher Theilung jedes Mal die neugebildeten Zellen ihre Beziehungen zum Ganzen und mithin zum zuknftigen Endproduct des Entwicklungsprocesses. wenn wir ihren Antheil daran gewissermaassen in Gedanken voraus bestimmen wollen, fortwhrend verndern, ohne dass wir mit Weismnn und Roux zu dem Zweck eine Zerlegung des Keimplasmas in ditferente Determi- nantengruppen anzunehmen haben. Denn auf der ersten Stufe der Furchung macht jede Zelle die Hlfte des Ganzen, auf der zweiten Stufe nur ein Viertel , dann nur ein Achtel , ein Sechszehntel und so weiter aus und nimmt demnach selbstverstndlicher Weise auf jeder Stufe in anderen Bruchwerthen an der Ausbildung des entwickelten Organismus Theil. Dabei verndert sich auch die Form der Zellen, 154 Zehntes Capitel. indem sie Halbkiigelu , Quadiauteu, Oetaiiteu etc. weiden, nach all- gemeinen Gesetzen, die sich aus dem Yerhltniss der Theile zur Natur des Ganzen ergeben. Und so ndern sich einfach in Folge erbgleicher Theilung noch viele andere Beziehungen der Zellen zu einander und zur Aussenwelt. Erstens ruft die Kernsubstanz um noch einige besonders deutlich zu Tage tretende Verhltnisse herauszugreifen eine immer grsser werdende Mannigfaltigkeit schon allein dadurch hervor, dass sie sich durch eine Keihe der verwickeltsten chemischen Processe Schritt fr Schritt Stoff aus dem im Ei aufgespeicherten Reservematerial und Sauerstoff aus der umgebenden Atmosphre aneignet. Denn die Massen- zunahme der Kernsubstanz hat nach allgemeinen Gesetzen des orga- nischen Wachsthums und der organischen Zeugung ihre fortlaufende Vermehrung in 2, 4, 8, 16 gleichartige Stcke etc. zur Folge. Die Vermehrung ist aber gleichzeitig wieder die Ursache fr eine sich stetig ndernde rumliche Vertheilung der Substanz. Die 2. 4. 8, 16 etc. durch Theilung entstandeneu Kerne weichen el)enfalls wieder nach Gesetzen in entgegengesetzten Richtungen aus einander und ge- winnen in bestimmten Abstnden von einander neue Stellungen im Eirauni. Waren Anfangs alle Stoft'theilchen des Eies um den be- fruchteten Kern herum als einziges Kraftcentrum angeordnet, so gruppiren sie sich jetzt um so viel individuelle Centren herum , als neugebildete Kerne vorhanden sind, und sondern sich um dieselben zu Zellen ab. Ohne Frage hat das Ei als vielzelliger Organismus im Vergleich zum Ausgangsstadium seine Qualitt Schritt fr Schritt verndert, schon allein durch den Process der erbgleichen Theilung. In einer zweiten Beziehung geschieht dies auch dadurch , dass die entwicklungsfhige Substanz mit jeder Theilung eine grssere Oberflche gewinnt, durch welche sie mit der Umgel)uug in Ver- kehr tritt. Die sogenannte Haut schiebt der ungetheilten Eizelle vergrssert sich fortwhrend erheblich mit der Zwei-, der Viertheilung und so fort. Drittens treten in Folge der Zerlegung Si)alteu in der entwick- lungsfhigen Substanz auf. die Anfangs eine compacte, zur Kugel geformte Masse darstellte. Die Spalten tiiessen allmhlich nach innen zu einem grsseren Hohlraum zusammen, der sich durch Absonderung von Flssigkeit zur Kcimltlasenhhle ausweitet. Um alle diese Vorgnge zu verstehen . bedarf es nicht der An- nahme l)esonderer im Keimplasma gelegener Determinanten, die durch erbungleiche Theilung in verschiedener Weise auf die Zellen vertbeilt werden. Selbst die Entstehung der Keimblase lsst sich aus den Be- ziehungen der Zellen des Eies zu einander und zur Aussenwelt be- greifen, wenn man bedenkt, dass alle durch Theilung gebildeten Zell- organismen auf den Verkehr nut der Aussenwelt behufs Stoffaufnahme und Stoffa]gabe, dieser beiden nothwendigen Kehrseiten des Lebens, angewiesen sind. Schon allein um den fr sie so unentbehrliciien Saueistctff zu ])eziehen , mssen die Zellen au die Obei'tiche empor- drngen und sich dadurcli als Bausteine zur Wand einer Hohlkugel verbinden. Bekgm.\nn und Leuckart haben bereits vor langer Zeit das all- gemeine Gesetz aufgestellt, dass ein Zellenhaufen, sei er eine Kugel oder ein Cubus, sich nicht durch fortgesetzte Auflagerung neuer Zellen- Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. 155 schicliteu an seiner Oberflche vergrssern kann, da dann die centrale Zellenmasse ihrer Lebensbedingungen beraubt wrde. Es besteht eben ein durchgreifender fundamentaler Unterschied zwischen dem Wachs- thum eines Organismus und eines Krystallindividuums. Ein Krystall kann in seiner Mutterlauge wachsen , indem er auf seiner Oberflche immer neue Theilchen ansetzt, gemss der seiner Substanz eigenthmlichen Art zu krystallisiren. Die einmal aus- krystallisirten Theilchen beharren in ihrer Anordnung, auch wenn neue Schichten auf der Oberflche sich al)scheiden, und knnen so, wie beim Bergkrystall, Jahrtausende bestehen bleiben, wenn sie nicht durch vernderte ussere Eingriffe in ihrem Beharrungsvermgen ge- strt werden. Die ein Lebewesen aufl)auende Substanz aber kann in dieser Weise nicht wachsen. Sie nimmt Stoffe von aussen auf, um sie, nicht wie der Krystall an ihrer Oberflche abzusetzen, sondern ihrem Innern (durch Intussusception) einzuverleiben. Sie kann auch nicht, ohne der Zerstrung zu verfallen, in dem einmal angenommenen Zustand be- harren ; denn sie muss Stoffe umsetzen, worin ja der Lebensprocess zu einem wesentlichen Theil mit besteht, und ist hierbei auf die stete Wechselwirkung mit der Aussen weit angewiesen. Daher kann sie beim Wachsthum nur solche Formen annehmen, welche ihr gestatten, mit der Aussenwelt bestndig in Fhlung zu bleiben. Fast jedes Wachsthum von Zellenaggregaten muss mit einer mglichst grossen Oberflchenentwicklung verknpft sein, ein Satz, welcher von funda- mentalster Bedeutung fr das Verstndniss pflanzlicher und thierischer Gestaltbildung ist. Wie bei der Entwicklung der Keimblase tritt uns die Bedeutung dieses Satzes auf den verschiedensten Stadien des Entwicklungsprocesses entgegen, wie an anderer Stelle (Cap. XV) noch ausfhrlicher errtert werden wird. Die jeweilige Form erscheint so in mancher Hinsicht als eine Function des Wachst hu ms der orga- nischen Substanz; ihr Bestand ist au bestimmte Be- dingungen gebunden, die, wenn sie in Folge fort- schreitenden W a c h s t h u m s sich verndern, bei der reactionsfhigen Substanz zu einer zweckentsprechen- den Vernderung der Form fhren. Dafr, dass auch auf spteren Stadien der Entwicklung die schon zu Organen gesonderten Zellen des Embryos durch ihre Correlationen zu einander die Gestaltungsprocesse beeinflussen, bietet ein lehrreiches Beispiel die Art und Weise, wie bei den Wirbelthieren dem Atliem- liedrfniss des Embryos gengt wird. Whrend bei den Ananmia an den Kiemenspalten sich Kiemenblttchen als Athmungsorgane ent- wickeln, wird bei den Amnioten, weil ihre Krperoberflche durch den Einschluss in mehrere Hllen in ungnstige Lage zu der Sauerstoft- ((uelle gebracht ist, das Athmungsliedrfniss durch einen gnstiger gelegenen, geeigneten Abschnitt einer Eihlle (Allantois der Reptilien und Vgel, Placenta der Sugethiere) befriedigt. Die Folge davon ist, dass bei allen Amnioten, obwohl Kiemenspalteu noch nach wie vor angelegt werden, doch die Entwicklung von Kiemenblttchen an ihren Wandungen ausnahmslos unterdrckt ist. Indem aber die in dieser Gegend ursprnglich localisirte Athmungsfunction auf einen anderen Theil des Organismus bergegangen ist, hat sie zugleich auch die Gestaltbildung sehr wesentlich beeinflusst, theils durch den Ausfall 156 Zehntes Capitel. der nutzlos gewordenen Kiemen , theils durch die anderen Processe, welche wieder mit diesem Ereigniss causal verknpft sind, wie der nachfolgende Verschluss der Kiemenspalten, die Umwandlung im Skelett und jMuskelapparat. in den Gefssen, Nerven, Drsen der Halsgegend. So zieht Vernderung eines Theiles auf vielen verschiedenen Wegen zahlreiche Vernderungen an anderen Theilen bald in einer fr uns erkennbaren, bald noch verborgenen Weise auf jeder Stufe des Entwicklungsprocesses nach sich. Ein Factor verndert viele andere Factoren durch seine Beziehungen zu ihnen, so dass schliess- lich eine kleine Ursache fast im ganzen Organismus Wandlungen grsseren und geringeren Grades hervorbringen kann. Die Ergebnisse unserer Betrachtungen lassen sich mithin in den Satz zusammenfassen : Durch die nach allgemeinen Gesetzen vor sich gehenden, sich stetig verndernden Beziehungen der sich vermehrenden Zellen der entwicklungsfhigen Sub.stanz und durch die gleichfalls einer steten Vernderung unterliegenden Beziehungen dieser inneren zu den usseren Factoren werden auf jeder Stufe des Entwicklungsprocesses neue Gestaltungen in einer sich immer mehr complicirenden Mannig- faltigkeit hervorgerufen. Literatur zu Capitel X. 1) Li. Chabry. Embryologie normale tt teratologique des ascidies. Thcses prcsentees a la faculte des scievces de Paris. 1887. 2j C. Chun. Die Cttnopliorcn des Golfes von Neapel. Fauna und Flora des Golfes von Neapel Bd. I. 1880. 3) Derselbe. Die Dtssoginie, eine neue Form der geschleckt Ite/ten Zeugung. Festschrift Jr Leuckart. 1892. 4) Crampton. Expei-imental studies on gaster opod development. Archiv f. Entwiekl.- Mech. Bd. III. 189(i. 5) Derselbe. The Ascidian half-embryo. Annais of the New York Acad. of seiences Vol. X. 1897. 6) Driesch. Entwieklungsmeehanische Studien I. Der Werth der beiden eisten Furchungs- zellen in der Echinod 1 u t b i 1 d e n d e n Organe ein und regt sie zu vermehrter T h t i g k e i t an, 1 ) i s der nor- male Zustand und dadurch das gestrte Gleichgewicht im Krper wieder hergestellt ist. 2. Mechanische Correlationen (Mechanomorphosen). Wie Zug und Druck, von aussen auf die Organismen einwirkend, in ihnen Beactionen hervorrufen , welche zur Entstehung der im VIII. Capitel besprochenen mechanischen Gewebe und Organe fhren, so kommt es auch im Innern des Krpers selbst zwischen den einzelnen Organen zu mechanischen Wechsel- wirkungen, als deren Folge bestimmte Einrichtungen sich ausbilden. Wohl alle Organe des Krpers erleiden whrend des Lebens bald sehr ausgesprochene, bald kaum wahrnehmbare Bewegungen und knnen hierbei ihre Form in mehr oder minder hohem Grade verndern. Ent- weder geschieht dies in einer activen oder in einer mehr passiven Weise. Danach lassen sich auch die Erscheinungen , die auf mecha- nischen Correlationen beruhen, in zwei Grui)pen theileu, in die Mechanomorphosen activ beweglicher und in die Mechanomorphosen passiv bewegter Organe und Gewebe. 172 Elftes Capitel. a. Media iiomorplios eil activ beweglicher Orgaue und Gewebe. Activ ist die Formverudeiuug der Orgaue, weuu sie coutractile Elemente, die Muskelfasern, enthalten, welche sich auf irgend einen Reiz in einer Eichtuiig stark verkrzeu und in der anderen Richtung an Dicke entsprechend gewinnen. Durch ihre Anordnung rufen die contractilen Eleniente auch wieder zwei Einrichtungen hervor. Ent- weder liegen sie haufenweise zu Bndeln angeordnet beisammen und bilden so l)esondere motorische Arbeitsorgane des Krpers, die quer- gestreiften . willkrlich beweglichen Muskeln . oder sie sind in die Wand von Hohlorgauen, von Schluchen und Blasen, eingebettet und bedingen durch ihre Contraction oder Erschlaffung eine Yolumeu- vernderuug, eine Verengerung oder Erweiterung der betreffenden Hohlrume. Es ist nun eine den Katurforschern und Aerzten allbekannte Thatsache, dass alle muskulsen Organe der mechanischen Arbeit, welche sie im Krper zu verrichten haben, auf das Genaueste an- gepasst sind. Die Nackenmuskeln eines Sugethieres . dessen Kopf durch mchtige Geweih- und Hrnerbildungen stark belastet ist, sind dementsprechend viel krftiger ausgebildet als beim Menschen, bei welchem sich die Nackenmuskelu unter ganz anderen Bedingungen befinden. Auf die Correlation, die bei den Flugvgeln zwischen der eiiormen Entwicklung der Brustmuskulatur und dem Gebrauch der vorderen Extremitt als Flugwerkzeuge besteht, wurde schon an anderer Stelle die Aufmerksamkeit gelenkt. Ueberall bei den Thieren sehen wir. dass nach den zu bewegenden Theilen des Krpers sich die Grsse und die Form der zu ihnen gehrenden Muskeln von selbst reguliren dadurch, dass die Zahl und Strke der contractilen Elemente, entsprechend der Grsse der zu bewltigenden Widerstnde, zu- oder abnimmt. Genau wie Muskeln des Skeletts verhalten sich auch die musku- lsen Hohlorgane. Die Ausbildung des Muskelgewebes in den einzelnen Abschnitten des Gefsssystems , des Darmkanales etc. erfolgt eben- falls in harmonischer Beziehung zu der mechanischen Arbeit, welche in den einzelnen Abschuitten zu leisten ist. Das Muskelgewebe ist daher auch in ausgedehntem Maasse Vernderungen fhig, wenn sich die mechanischen Bedingungen ndern, unter denen seine Arbeit vor sich geht; es wird krftiger entwickelt, wie durch zahlreiche Ex- perimente und Krankengeschichten in eclatanter Weise l)er allen Zweifel sicher gestellt ist , an allen Stellen , wo Hohlorgane ihren Inhalt nur unter Hindernissen entleeren knnen: so beim Magen, wenn der Pylorus verengt ist; am Dann oberhalb ])athologischer Stricturen; bei der Blase in Folge von Prostatabyportrophie und an- deren die Harnentleeiung erschwerenden Zustnden; l)eim Herzen, wenn es besondere Stromhindernisse zu bewltigen hat, welche ent- weder durch Klap])enfeliler oder durch Erkrankungen der Arterien- waiidungen hervoigerufen sind. Ueberall spielt sich die durch mechanische Ursachen hervor- gerufene Correlation etwa in folgender Weise ab. In allen muskulsen Ilohloiganeu ziehen sich ihre Muskelelemente zusammen, wenn sich in ihi-en Hohlrumen Inhalt ansammelt und dadurch die Wandung ber (bis gewhnliche Maass hinaus gespannt und gereizt wird. Bei Die inneren Factoren der organischen Entwicklung. X73 Vorliandeuseiu von Hindeniissen reicht der gewliuliche Reiz und die durch ihn hervorgerufene Muskelaction zur Entleerung nicht aus. Es kommt daher zu strkerer Anhufung des Inhaltes, zu erhhter An- spannung der Magen-, Darm-, der Blasen- und Herzwand; die Muskel- elemente werden in Folge dessen strker und hutiger gereizt, bis sie durch erhhte Arbeitsleistung unter Benutzung ihrer Reservekraft das Hinderniss berwinden und den vermehrten Inhalt entleeren. Die weitere Folge der strkeren Inanspruchnahme ist dann die eintretende Hypertrophie der JNIuscularis. Nach diesem Princip kann sich die Wandung des Gefsssystems den verschiedenen Aufgaben, welche es in seinen einzelnen Abschnitten und bei gelegentlich auftretenden Strungen zur Beseitigung derselben zu erfllen hat, in besonders feiner Weise anpassen. Es modellirt sich gewissermaassen der Blutstrom die Weite seiner Kanle und die wechselnde Dicke ihrer Wandungen in den verschiedenen Abschnitten seines Laufes selbst. Hierliei kommen einige histomechanische Prin- cipien zur Geltung, welche Thoma in seiner Histomechanik des Gefss- systems in die Stze zusammengefasst hat: Strombeschleunigung fhrt zu einer Erweiterung, dagegen Stromverlangsamung zu einer Verengerung der Gefsslichtung." Das Dickenwachsthum der Gefss- wand ist abhngig von der Wandspaunuug, diese von dem Blutdruck und dem Gefssdurchmesser." Das Anpassungsvermgen der Gefsswand an die ihr gestellten Aufgaben olfeubart sich am lehrreichsten unter pathologischen Ver- hltnissen. Wenn in Folge irgend eines Klappenfehlers oder eines an anderer Stelle gelegeneu Hindernisses die linke oder die rechte Herzkammer strker mit Blut gefllt und dadurch ber die Norm ausgeweitet (dilatirt) wird , so wchst der endocardiale Blutdruck. Dieser ruft wieder eine Vermehrung der systolischen Energie des Herzmuskels hervor und als weitere Folge eine Arbeitshypertrophie, durch welche unter Umstnden die im Gefsssystem vorhanden ge- wesene Strung vollstndig compensirt werden kann. Erhebliche Vernderungen in der Gefssbahn , die sich in ver- hltnissmssig kurzer Zeit abspielen, werden durch Unterbindung eines grsseren Gelasses hervoi'gerufen. Aus unscheinbaren Collateralstchen, die, oberhalb der Ligatur gelegen, in das anmisch gewordene Gebiet fhren, entwickeln sich ziemlich rasch Gefsse von strkerem Kaliber, mit dickeren Wandungen und mit einem ihrer Dicke entsprechenden histologischen Bau. Auch hier ist wieder fr alle diese verwickelten Processe die Ursache in den vernderten mechanischen Verhltnissen der Blutcirculation gemss den oben aufgestellten Gesetzen zu suchen, vor allen Dingen in der erheblich vermehrten Geschwindigkeit, mit welcher der Blutstrom oberhalb der Unterbindungsstelle das Collateral- gefss nach dem anmischen Gebiete durchstrmt. b. M e c h a n m r p h s e n passiv bewegter Organe und Gewebe.